Hope Theatre Nairobi

Meine bisherigen Begegnungen mit Afrika begannen 2001 und waren sehr unterschiedliche: für das Donaufestival Niederösterreich, dessen künstlerischer Leiter ich von 2001 – 2004 gewesen war, produzierte ich für 2004 einen Afrikaschwerpunkt mit Eigenproduktionen und Gastspielen. Aus verschiedenen Begegnungen mit afrikanischen Künstlern entwickelte ich die Idee für meine erste Inszenierung auf dem Kontinent, Schillers Räuber als Koproduktion des Teatro Avenida in Mosambik mit dem Theater Rampe Stuttgart und dem Schauspielhaus Wien. Dieses Stück des Mosambikanischen Autors Mia Couto, das als „work in progress“ entstand und sich mit der Lebenssituation und dem Zukunftswillen der Mosambikaner nach dem Bürgerkrieg auseinandersetzte und das Die Räuber von Schiller als thematischen Ausgangspunkt verwendete, wurde von den internationalen Schillertagen in Mannheim eingeladen und spielte dann mit großem Erfolg in Stuttgart, Zürich, Wien, Berlin und Leverkusen. Im Anschluss an diese Produktion begann ich mit den Vorbereitungen zu Maximilian, einem Musical zweier Südafrikaner zur Macht- und Leidensgeschichte des Habsburgerkaisers in Mexiko, das 2009 im Stadttheater Klagenfurt Premiere hatte. 2008 entwickelte ich für das Festival „Carinthischer Sommer“ eine Performance mit und über Kärntner Künstlerpersönlichkeiten, unter anderem Hans Kresnik, Peter Turrini und Paul Watzlawick. Für dieses Dokumentartheater arbeitete ich auch mit Peter Quendler zusammen, der für die österreichische Caritas zahlreiche große, internationale Hilfsprojekte geleitet hatte. Er erzählte mir von der kleinen, aber höchst effizienten Organisation „Hands of Care and Hope,“ die in den westlichen Slums von Nairobi Schulen für die Müllkinder errichtet und betreut. Und so flog ich Ende März 2009 zum ersten Mal nach Nairobi, um die Stadt, ihre Bewohner und die Organisation kennen zu lernen.

Afrika ist ein gefährlicher Kontinent. Nicht nur weil es Nilpferde, Löwen und Schlangen gibt, nicht nur weil es Seuchen und Malaria gibt und in vielen Regionen Mord nach Aids die häufigste Todesursache ist, sondern auch, weil es kaum möglich ist, Kitsch, sentimentale Ausbeutung und europäische überheblichkeit zu umgehen und damit den Menschen in Afrika vor allem eines immer wieder genommen wird: das Recht auf Würde und Selbstverständnis. Es fällt schwer, nicht in die Kulturkolonialismusfalle zu tappen, nicht auf die Tränendrüse zu drücken, nicht in den etablierten Kreislauf von Ausbeutung und Beschenkung einzusteigen, weil das Image Afrikas kaum zu umgehen ist. Ein verhungerndes Kind von Nairobi aber ist genau so eine Tragödie wie ein verhungerndes Kind in Bukarest, Berlin oder Bombay. Bürgerkriege, Ressourcenausbeutung, soziale Ungerechtigkeit und Machtstrukturen zerstören den humanen Lebensraum auf der ganzen Welt, der internationale Kapitalismus als „Gewinnorientiertes Globalunternehmen“ kümmert sich nicht nur in Afrika nicht um menschliche Werte, Bildung oder respektvolles Miteinander. Die armen Menschen in Afrika sind nicht ärmer als die armen Menschen woanders und die Reichen nicht bessere oder schlechtere Menschen als anderswo. Korruption gibt es in Italien genauso wie in Kenia und die Beschäftigung mit Kultur, das Fördern von Kunst, die Unterstützung Kunstschaffender lohnt sich immer und überall, politisches Engagement ebenso. Dennoch hat Afrika einen besonderen Status, der diesem Kontinent weniger nützt als schadet: die exponierte Stellung des schwarzen Menschen. Immer noch ist der „Neger“ für viele ein Mensch 2. Klasse, immer noch ist man von der hohen Musikalität und speziellen Körperlichkeit der Afrikaner fasziniert, immer noch werden dunkelhäutige Menschen in Europa häufiger von der Polizei kontrolliert als alle anderen, immer noch traut man einem Schwarzen weniger zu, während man ihn gleichzeitig fasziniert betrachtet. Der Afrikaner ist etwas Besonderes, ob er will oder nicht. Wir staunen über die Stärke und das Selbstverständnis der afrikanischen Kultur und Gesellschaft, die Jahrhunderte von Unterdrückung und übergriffigkeit überlebt hat und wir verwenden den Kontinent als Rohstoffquelle, ohne uns um die eigentlichen Besitzer zu kümmern. Unter solchen Voraussetzungen ist es den Ländern in Afrika fast unmöglich, sich eigenständig und aus der eigenen Geschichte heraus in die stetig rasanter werdende Zukunft zu entwickeln und zu einem halbwegs normalen und normal beurteilten Leben mit den anderen Ländern und Menschen der globalen Wirtschafts- und Medienwelt zu entwickeln.

Nairobi (enkare nyrobi, Masai: Stadt des kühlen Wassers) verdankt seine Existenz der Eisenbahn. Es wurde 1899 von der Eisenbahngesellschaft Uganda Railway auf der Hälfte der Strecke vom Indischen Ozean zum Viktoria-See als Eisenbahnlager errichtet. Der Stützpunkt wuchs schnell und wurde 1905 zur Hauptstadt des britischen Ost-Afrika-Protektorats ernannt. Nach der Unabhängigkeitserklärung Kenias 1963 wurde Nairobi die Hauptstadt und ist heute zentrale Metropole Ostafrikas, nach Johannisburg wichtigstes Medienzentrum Afrikas und eine der vier UNO-Sitze. Es gibt unzählige, teilweise ineinander übergehende Slumgebiete in Nairobi. Die drei größten sind Kibera mit cirka eine Million Einwohner, Mathare Valley mit cirka 700.000 Einwohnern und Korrogocho mit weiteren 500.000 Einwohnern. Korrogocho grenzt an die große und einzige Mülldeponie der 4-Millionen-Stadt. Sie ist für die Bewohner zum einen Segen, da sie eine wichtige Einnahme- und Lebensmittelquelle darstellt, zum anderen Fluch, da durch ständig andauernde Schwelbrände die Luft von giftigen Gasen erfüllt ist. Jährlich werden in den Krankenhäusern ehrenamtlich ca. 10.000 Menschen aus den Slums mit starken Atembeschwerden und Vergiftungen behandelt. Ich war im März 2009 auf eigene Kosten und ohne konkrete Vorstellung nach Nairobi geflogen und habe das Projekt, so wie ich jetzt beschreiben kann, im Dialog mit den Menschen aus Korogocho, den Lehrerinnen und Lehrern von „Hands of Care and Hope,“ den Schauspielern der Truppe, dem politisch und sozial sehr engagierten Pastor Idaki und dem Leiter des Goethe-Instituts Nairobi Johannes Hossfeld kontinuierlich entwickelt.

Bereits während der Proben zu Schillers Räuber in Maputo konnte ich feststellen, dass der Dialog in der künstlerischen Auseinandersetzung sehr schnell für beide Seiten Gewinn bringend ist. Es macht weder Sinn, die Menschen in Afrika belehren zu wollen, noch führt es weiter, alles gut zu finden, nur weil es aus dem anderen Kontinent kommt. Theater hat sich in Europa über viele Jahrhunderte entwickelt und Techniken erarbeitet, die man ohne Scheu weitergeben kann. Gleichzeitig aber ist die Erzählweise, sind die Themen in Afrika völlig andere als in Europa. Aus diesen überlegungen und Erfahrungen habe ich mir vorgenommen, in meiner Arbeit in Nairobi immer zuerst zu fragen, zuzuhören, und erst dann und daraus einen nächsten konzeptionellen Schritt zu setzen. Nachdem ich zwei Wochen lang durch die Slums, Schulen, Müllhalden und Blechhütten geführt wurde und mit vielen Einheimischen sprechen konnte, hatte ich beschlossen, den Bürgerkrieg, der erst etwas mehr als ein Jahr zurücklag, in einer mit den Mitwirkenden gemeinsam erarbeiteten Fassung des Shakespeare – Klassikers Romeo und Julia zu thematisieren. Da jedermann an den Namen erkennen konnte, wer aus welchem Volk stammt war mir schnell klar, dass ich mit ehemaligen Kriegsgegnern gemeinsam über die Feindschaft sprach und diese zum Arbeitsthema machte. Vier Szenen aus dem Originalstück bildeten das Skelett, alle anderen Szenen schrieb ich nach Improvisationen und Gesprächen für das Ensemble, das aus 23 Lehrerinnen und Lehrern, 300 Kindern und 12 Jugendlichen bestand. Am 9. Mai 2009 hatten Romeo and Juliet und das Hope Theatre Premiere, den Schlussmonolog hielt Pastor Idaki als politische Rede für die einheimische Bevölkerung. Während der Probenarbeit habe ich immer mehr von Nairobi kennen gelernt und mit unterschiedlichen Menschen Kontakt aufgenommen. Besonders wichtig für die weitere Arbeit war die Begegnung mit dem Goethe Institut Nairobi, seinem Leiter Johannes Hossfeld und seiner Mitarbeiterin Katharina Greven. Durch sie bekam ich Kontakt zu mehreren einheimischen Künstlern, die mittlerweile für das Hope Theatre arbeiten.

Das erste Hope Theatre war eines der Londoner Theater, gebaut für die Präsentation englischer Stücke der Renaissance und ist gemeinsam mit dem Globe, dem Swan und dem Curtain zu nennen. Es wurde 1613-14 von Philip Henslowe am Südufer der Themse außerhalb der Innenstadt gebaut. Ich hielt den Namen aus mehreren Gründen für passend: erstens, weil das Hope Theatre eine professionelle Bühne und für viele junge Autoren und Darsteller das Sprungbrett zum renommierten Globe Theatre war, zweitens weil es eine positive Verbindung zur nicht nur erfreulichen Beziehung zwischen Kenia und der ehemaligen Kolonialmacht darstellt und drittens weil wir darauf hinweisen, dass Theater für viele Menschen in Afrika mit Hoffnung verbunden ist, mit Hoffnung auf Veränderung, auf politischen Diskurs und auf eigenständige überlebenschance für Künstler. Nach meiner Rückkehr nach Stuttgart erarbeitete ich eine Homepage und überlegte die neuen Schritte für die künstlerische Zukunft der Truppe. In Email-Dialogen formten wir aus den Mitgliedern der ersten Produktion ein Ensemble, einige Schauspieler verließen die Truppe, weil sie außerhalb der Stadt Arbeit oder einen Ausbildungsplatz gefunden hatten, die meisten Lehrer hatten zwar weiterhin Interesse, konnten aber nicht kontinuierlich weiterarbeiten, einige Jugendliche wollten neu zur Gruppe dazu stoßen. Neben den konstituierenden Fragen stand die künstlerische Zukunft im Vordergrund der Reflexionen. Wie soll die Truppe weiterarbeiten, wer übernimmt die künstlerische Verantwortung, welche Themen sollen angegangen werden und wie?

Von Beginn weg war es mir wichtig, den Menschen, die am Rande oder auf den Müllhalden der kenianischen Hauptstadt leben, zu Wort kommen zu lassen und versuchte also, die Mitwirkenden der Truppe, die ich zum Teil noch gar nicht persönlich kannte, dazu zu bewegen, ihre eigenen Geschichten aufzuschreiben, über sich nachzudenken und daraus Theaterstoffe zu entwickeln. Wer auf dem Müll der Gesellschaft lebt weiß natürlich, dass es auch diejenigen geben muss, die diesen Müll produzieren, die also reich sind, ein anderes Leben führen, andere Ziele und Möglichkeiten haben können und es ist sicher nicht leicht und angenehm, über sein eigenes, chancenloses, übel riechendes und verdorbenes Leben zu sprechen. Viele Kinder in Korrogocho sind Halb- oder Vollwaisen, leben in Banden zusammen, lernen früh Gewalt und die Hierarchie der Armut kennen. Und doch sind diese Kinder mehr als Abfall, mehr als das Produkt des Schicksals, das die einen auf die Sonnen- und die anderen auf die Schattenseite wirft, sie sind Menschen mit einer Seele, einem Herzen und einem Hirn, auch diese Kinder haben ihre Ziele, ihre Hoffnungen, ihre Möglichkeiten, ihre Geschichten, Gedanken und Wünsche, auch diese Kinder können sich ausdrücken und ihre Seelenwelten öffnen und daraus erzählen. Aus eigener Erfahrung wissen wir, was für ein langer und langwieriger Weg es ist, eine eigenständige und starke Persönlichkeit zu werden, aus der Geschichte wissen wir, wie lange es gedauert und wie viele inhaltliche und kriegerische Auseinandersetzungen es geben musste, bis Europa zu dem geworden ist, was wir heute gerne und stolz unsere geistige und politische Heimat nennen. Was wir von Afrika wissen, erfahren wir zumeist von Menschen, die nicht aus Afrika kommen oder nicht mehr dort leben. Es sind Reflexionen aus der Distanz. Bücher, Filme, journalistische Texte, Unterhaltungsprojekte. Das alles ist wichtig und hilft den Menschen in Afrika, bleibt aber vor allem Bestandteil der westlichen Kultur und lässt den Afrikanern wenig Raum, selber über sich selbst zu reden. Was denken die vielen Kinder, die vielen Jugendlichen, die Mütter und Väter? Wie fragen sie, worüber reflektieren sie? Sehr häufig beschäftigen wir uns mit unserer Sicht auf Afrika. Wir haben uns daran gewöhnt, Helfer von Menschen in Not zu sein. Aber wie sehr haben sich auch die Afrikaner daran gewöhnt, Menschen in Not zu sein. Menschen die ohne fremde Hilfe nicht existieren können. Dieser Zustand schafft wenig Selbstvertrauen und hält das Wechselspiel aus Chancenlosigkeit, Antriebslosigkeit und aggressiver Selbstaufgabe aufrecht. Wir wissen aus unserem hoch entwickelten Europa, wie gefährlich Arbeitslosigkeit, Bildungsarmut und starkes Sozialgefälle für die Gesundheit einer Gesellschaft sind. Daraus können wir uns ein Bild machen, wie entsetzlich es für Menschen sein muss, wenn sie davon ausgehen müssen, dass sie nie über den Status des Bedürftigen, des Bettlers hinauskommen werden. Alle Mitwirkenden der Truppe waren Kinder in den Müllslums, haben ihre Geschichte und ihre Tragödien. Sie haben es geschafft, zu überleben und Teil eines Theaters zu werden, mit dem sie ihre Geschichten erzählen können.

Im Februar 2010 folgte mein zweiter Aufenthalt, für manche eine überraschung, da Europäer, die nicht mehr wieder kommen häufig sind. Ich hatte Geld gesammelt und mitgebracht um die Mitwirkenden von Romeo and Juliet nachträglich bezahlen zu können, damit war entstanden, was für eine längerfristige künstlerische Zusammenarbeit notwendig ist: Vertrauen. In mehreren Sitzungen legten wir das zukünftige Prozedere und die Logistik und Statuten des Hope Theatre Nairobi fest. Seit Februar 2010 hat das Hope Theatre mit dem Dramaturgen und Sozialarbeiter Constant Hore einen künstlerischen Leiter, mit dem ehemaligen Kriminellen und Ensemblemitglied der Produktion Black Pinoccio, Georges Kabera einen Physical Trainer und mit Maryanne Wahogo von „Hands of Care and Hope“ eine Geschäftsführerin. Meine Aufgabe ist es, Werbung, Netzwerk und Fundraising zu betreiben und im Dialog mit der Truppe das Programm und die Arbeitsschritte festzulegen. Im Juli war ich das dritte Mal in Nairobi und erlebte einen 2-stündigen Theaterabend der Truppe. Zwei Einakter, Tanz- und Schauspielszenen, sowie inszenierte Poems begeisterten mich und das einheimische Publikum. Alle Szenen waren von den Mitgliedern selbst verfasst und inszeniert worden. Alle Szenen und Stücke hatten ursächlich mit dem Leben der Akteure zu tun, waren afrikanisch und gleichzeitig das Ergebnis unserer mittlerweile mehr als einjährigen Zusammenarbeit. Die Dramaturgie hatte sich verbessert, die Stücke waren nicht mehr so überladen, das Schauspiel war ruhiger und konzentrierter, die europäischen Techniken waren gewinnbringend angewendet worden, trotzdem war es ein afrikanischer Theaterabend. Stil, Inhalt und die atemberaubende Kombination aus Stimme, Körper und Empfinden wurden bewusst eingesetzt und dadurch plastisch und einprägsam. Mir wurde das Leben im Slum vorgespielt, aus dem Slum heraus, ohne jemals kitschig oder Mitleid erregend zu sein. Die Stücke waren scharf, witzig, tiefgehend, originär. Manche Szenen waren aus traditionellen Tänzen hervorgegangen, manche Szenen von der Gruppe gemeinsam entwickelt worden, Constant Hore hatte einige Texte verfasst und Victor Njoroge, ein junger Schauspielerprofi mit Dreherfahrung einen starken Einakter über das Schicksal einer von ihrem Bruder vergewaltigten Frau geschrieben und inszeniert. Mit diesem Stück, das die scharfe Sicht und Sprache ähnlich eines Horvath – Stücks mit der innigen und körperlichen Spielweise der afrikanischen Ausdrucksform verband, zeigte das Ensemble, was es erreichen, zu welchem Niveau diese Truppe, die sich in Monaten herausgebildet hatte, fähig sein kann. Spätestens nach dieser dritten Arbeitsreise war klar, dass das Hope Theatre Nairobi eine Zukunft hat. Engagement, Können und Vision passen zusammen und der Markt in Kenia boomt. Das Interesse an selbst produzierten Filmen für Kino und Fernsehen steigt und die Eigenproduktionen nehmen zu. Die Aufbauarbeit ist also nicht nur für ein afrikanisches Theater interessant, sondern auch für die einzelnen Ensemblemitglieder, denn es kann ihr zukünftiger Beruf werden, der ohne Hilfe von außen lebbar ist. Das wäre auch im Sinne einer modernen und mündigen Entwicklungshilfe das Traumergebnis. Noch aber befinden wir uns im Aufbau, am Entwickeln, im Diskurs. Mit starken Ergebnissen und mutigen Schritten.

Bei dieser 3. Reise entstand die Idee, ein Festival für Freie Theater aus den Slums zu gründen. Ben, der Leiter von MYTO (Mathare 4A Youth Talented Organization) und Philip, der bei der Gründungsproduktion des Hope Theatre den Romeo gespielt hatten, träumten schon lange von einem „Woodstock“ für Slumtheater. Wir trafen uns ein paar Mal, ich rechnete die verschiedenen Möglichkeiten durch und informierte mich über die Theaterszene in den verschiedenen Slums der Metropole. Durch meine Netzwerkarbeit und die Kontakte des Goethe-Instituts arbeitet ich mittlerweile mit dem Slum-TV aus Mathare und der Künstlergruppe MBili aus Kibera Slum zusammen. Schnell lernte ich noch andere Künstlerinnen und Künstler kennen, alle fanden die Idee eines Festivals großartig, da Austausch und Netzwerk in Nairobi für die meisten Slumbewohner kaum möglich ist. Die Slums sind zu groß, die Reisen in andere Slums zu langwierig und die Busse zu teuer. Ich fand die Idee, das Nationaltheater zu mieten besonders sinnvoll, da es sowohl künstlerisch als auch politisch ein starkes und richtungweisendes Zeichen ist. Wir gründeten aus vier Gruppen ein Komitee für die Organisation des Festivals und konnten Dank der Unterstützung durch das Goethe Institut und der Spende des Simon Kramer Musical Ensembles aus österreich die Miet- und Werbekosten übernehmen. Die Idee eines Festivals für Slumtheater stieß sofort auf reges Interesse, da die Theaterinteressierten in Kenia meistens nur zwei Möglichkeiten haben, sich mit dem Metier zu beschäftigen: entweder mit der alten afrikanischen und kaum weiterentwickelten Tradition oder mit dem angelsächsischen Boulevard, der in Nairobi und im TV sehr gepflegt und auf hohem Niveau präsentiert wird aber mit Afrika wenig zutun hat. Die Verbindung aus afrikanischer Theatersprache und modernen europäischen Techniken und Entwicklungen kann also nur durch persönliche Initiative und gegenseitigen inhaltlichen Austausch vorangebracht werden. Es ist notwendig, den Menschen in Nairobi, einer der größten und bedeutendsten Städte des Kontinents, die Verbindung aus Theater, Video, Installation zu vermitteln und ihnen die Möglichkeit zu geben, mit neuen Medien, Formen, Bühnentechniken und Stilen ihre eigene, persönliche künstlerische Sprache zu entdecken und zu formen. Das Ziel ist also ein seriöser respektvoller künstlerischer Dialog zwischen Deutschland / österreich und Kenia und eine breite Präsentation der Projekte.

Das 1. Slum Theater Festival fand am 17. Dezember 2010 im Nationaltheater Nairobi statt, war der Höhepunkt meiner 4. Keniareise und ein bewegendes Erlebnis. Das Komitee, bestehend aus Constant Hore (Hope Theatre), Ephantus Kariuki /Slum-TV), Ben Ochieng (MYTO) und Bonfale Vanja (Haba na Haba) hatten hervorragende Arbeit geleistet und ein professionelles Festival auf die Beine gestellt. Einen ganzen Tag lang war das Nationaltheater im Zentrum Nairobis Heimat zahlreicher Künstlerinnen und Künstler aus den verschiedenen Slums der Hauptstadt. Kinder von Eltern, denen während der Kolonialzeit selbst als Publikum der Eintritt verboten war, zeigten nun auf der Bühne ihr Können. Kinderakrobaten und Pantomimen aus Kibera, Rap - Performer aus Dandora, Tanz- und Gesangsgruppen aus Mathare und Korrogocho und Schauspielgruppen aus den verschiedenen Slums. Nicht alle Darbietungen waren gleich gut, manches noch sehr unsortiert und laienhaft, manches bereits professionell erprobt, ein paar Gruppen verdienen Geld bei touristischen Darbietungen, andere werden professionell geleitet und manche stehen noch am Anfang, vor allem getrieben vom Enthusiasmus. Aber allen war gemeinsam, dass sie das erste Mal im Nationaltheater, das erste Mal auf einer großen Bühne gespielt haben, vor mehreren hundert Zuschauern. Und dass sie andere Gruppen sehen, mit ihnen kommunizieren und sich mit ihnen vergleichen konnten. Es war das 1. Slum Theater Festival im Nairobis City. Wir saßen danach noch lange auf der Terrasse des Theaters für die Nachbesprechung, einiges werden wir fürs nächste Mal verbessern, die Erfahrung hat uns für die nächste Vorbereitung einiges eröffnet, manches werden wir beibehalten, anderes ändern. Aber das Glück und den Stolz, die Theater- und Performanceszene in Nairobi mit einem Schlag und nachhaltig verändert zu haben, konnten und wollten wir nicht verbergen.

Auch das Hope Theatre hatte sich bei dem Festival präsentiert. Sie zeigten zwei Poems, ein selbst verfasstes Theaterstück, das Erbrecht und die gesellschaftliche Stellung der Frau thematisierend und zwei Monologe. Mit großem Erfolg. Am nächsten Tag schrieb ich dem Leiter der Theaterabteilung von Bayer Kultur: das Hope Theatre ist reif für Europa! Schöne Weihnachten und bis bald. Reiner Ernst Ohle hatte schon 3 meiner Arbeiten nach Leverkusen geholt: „Schillers Räuber“ aus Mosambik, „Hund, Frau, Mann“ von Sibylle Berg aus Stuttgart und „Fritz Lang – die Entscheidung“ der französischen Autorin Agnes Michaux, das ich mit dem Theater Drachengasse Wien, dem Theater Rampe Stuttgart und dem Maison Heinrich Heine Paris koproduziert hatte. Nach diesen positiven Erfahrungen hatte sich bei unserem Treffen bereit erklärt, die Produktion nach Europa zu holen. Mit dieser großartigen Zusage am 7. Januar 2012 begann ein neuer Abschnitt der Geschichte des Hope Theatre und meiner ganzen Tätigkeit in Nairobi.

Gemeinsam mit österreichischen KollegInnen, mit denen ich in den letzten Jahren schon zusammengearbeitet habe, werden wir im Herbst dieses Jahres mit dem Hope Theatre Ensemble eine Produktion erarbeiten, die im April nach Europa kommen wird. Diese Probenarbeit wird das Inszenieren und Erarbeiten der Dialoge, Choreographien, Chöre und Filme mit Workshops kombinieren. Der renommierte Filmkomponist Gerd Schuller wird mit dem Slum-TV an Innovationen und Methoden der Filmmusik arbeiten, der Elektromusiker und Theaterkomponist Gilbert Handler wird an der Intonation der Chöre ebenso wie an der Einbindung von Sounds in der Musik arbeiten, Madelaine Reiner, die in Wien Tanzpädagogik studiert hat, wird die TänzerInnen des Ensembles in zeitgenössischem Tanz weiterführen, die Kostümpädagogin und Gewandmeisterin Angelika Pichler wird aus den Vorschlägen und Entwürfen ein Ganzes schaffen und mit dem Ensemble und anderen Teilnehmern über Stilistik und ästhetische Komposition sprechen und Margit Niederhuber, eine fundierte Afrikaexperten österreichs wird gemeinsam mit der Stuttgarter Fotografin Heike Schiller ein Buch mit dem Titel „Meeting Nairobi“ herausbringen und die Veränderung des Slumlebens durch künstlerische Tätigkeit und Darbietungen anhand von Portraits und Betrachtungen darstellen. Durch diese Europatournee des Hope Theatre kann auch auf die Lebenssituation der Menschen in dieser 4,5 Millionenmetropole hingewiesen und in begleitenden Diskussionen der vergleichende Blick auf Europäische und Afrikanische Metropolen, ihre Unterschiede und ähnlichkeiten in der globalisierten Welt, gefördert werden und durch die Betrachtung des Afrikanischen Rückschlüsse auf das Europäische gezogen werden. Ich glaube unbedingt, dass die reale gegenseitige Begegnung Vorurteile abbauen sowie die Sicht auf das Gegenüber und auf sich selbst durch das Kennenlernen des anderen verändern kann und der künstlerische Austausch immer für beide Seiten sinnvoll, aufschlussreich und gewinnbringend ist.

„The dream of getting a Job“ des Hope Theatre Nairobi in Zusammenarbeit mit Slum – TV, wird am 26. November 2012 im Rahmen des 2. Slum Theater Festivals im Nationaltheater Nairobi seine Afrikapremiere feiern. Ich möchte im Hinblick eines 2. Slum Theater Festivals, der Tournee des Hope Theatre und dem Beginn eines Theaternetzwerks in den gigantischen Slums dieser Stadt nicht versäumen, mich bei den vielen SpenderInnen für ihre Hilfe zu bedanken, unter anderem Wilhelmine Goldmann, Timo Hildebrand, Josef Nadrag, Rezzo Schlauch, Erwin Steinhauer, Julia Stemberger, dem BRG Wien 6, dem Mörikegymnasium Stuttgart, dem Ensemble des Simon Kramer Musicals, dem Kärntner Landesmusikschulwerk. Ohne sie und die Zusammenarbeit mit Bayer Kultur, dem Goethe Institut Nairobi, der Caritas Kärnten, Hands of Care and Hope und Ke Nako Afrika wäre das Hope Theatre Nairobi nicht möglich geworden.

Stephan Bruckmeier, Juni 2011

(Bericht als pdf-download)
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