Jenseits in Afrika

Tagebuch zur Keniareise von
Lisa Sallay

Mittwoch, 21. Juli 2010

7.30 – der Wecker klingelt, ich hüpfe aus dem Bett, gehe ins Bad, gehe Frühstücken, gehe noch mal ins Bad, setze mich auf die Terrasse und genieße noch ein wenig.
10.45 – ich schnappe meinen Koffer, meinen Rucksack und meine Tasche, setze mich mit meinen Eltern und meinem Bruder ins Auto und fahre mit ihnen zum Bahnhof. Am Bahnhof verabschieden wir uns kurz, ich steige ein und setze mich auf meinen Platz. Ich winke ihnen noch einmal durchs Fenster zu und fahre los – nach Stuttgart. Von dort geht es dann am nächsten weiter nach Afrika.

Ha, so würde die Abreise aussehen, bei jemanden der nicht Lisa-Marie Sallay heißt. Da ich aber genau diese Person bin, verläuft mein Tag natürlich anders:
7.30 – ich wache vor lauter Aufregung auf, probiere noch einmal einzuschlafen, drehe mich auf die linke Seite, dann auf die Rechte, dann wieder zurück, aber es klappt nicht. Dann fällt mir plötzlich ein, dass ich mit Mama noch einen Koffer kaufen muss, denn mein bereits gepackter ist ohnehin schon voll gestopft und jetzt soll auch noch ein Schlafsack hineinpassen. Also taumle ich aus dem Bett und schlurfe in die Küche.
„Guten Morgen“
Mama erklärt mir, dass sie mit Papa schnell zum „Interspar“ fährt, weil es dort Koffer im Angebot gibt. Und Frühstück könnten sie dann auch gleich kaufen. Ich solle mich inzwischen anziehen, denn falls es dort keinen Koffer gibt, müssten wir noch ins „Atrio.“ Also gehe ich ins Bad und mache mich fertig, dann setze ich mich in die Küche und warte – keine besonders gute Idee, denn kaum sitze ich, beginnen mich die Gedanken in meinem Kopf zu quälen.
„Hast du wohl nichts vergessen?“
„Du wirst sicher furchtbar Heimweh haben!“
„Euer Flieger wird abstürzen!“
„Dich wird ein wildes Tier fressen!“
Bevor ich noch weiterdenken kann, kommen Gott sei Dank meine Eltern wieder zurück. Frühstück haben sie, doch wir müssen trotzdem ins „Atrio“ fahren, denn die Kofferaktion gibt es nur beim „Interspar“ im „Atrio“ – war eh klar. Also kein Frühstück sondern ab ins Auto. Im „Atrio“ angekommen rasen wir die Rolltreppe hinunter, stürmen in den „Interspar“, sehen den Koffer, suchen den Preiszettel, finden ihn, rasen wieder hinaus, weil wir noch im Taschengeschäft nachschauen wollen, vielleicht gibt es ja dort einen noch billigeren. Beim Hinausrasen müssen wir allerdings umdrehen, denn Mama probiert unter der Schranke hinauszuschlüpfen und sofort beginnt es laut zu piepen. Also drehen wir um und rennen durch das ganze Geschäft – ich kapier wirklich nicht, wieso das so blöd eingerichtet ist. Draußen rennen wir weiter zum Taschengeschäft, dort ist der Koffer wirklich billiger (um ganze 10 Euro). Wir kaufen ihn und sprinten wieder zurück zum Auto und nach Hause. Daheim packen wir dann schnell um und dann endlich können wir in Ruhe auf der Terrasse frühstücken. Ich genieße es wirklich mit meiner Familie hier zu sitzen, doch in mir drinnen spüre ich, wie die Nervosität wächst.
Nach dem Frühstück werde ich dann so richtig aufgeregt und Mama sagt immer wieder „Hilf mir bitte dabei“ „Lauf bitte schnell mal runter und hole das T-Shirt!“
Ich bin ihr wirklich dankbar, dass sie mir was zu tun gibt, doch es hilft nicht wirklich. Ich setze mich in die Küche und probiere zu lesen, aber auch das klappt nicht richtig – ständig werfe ich einen Blick auf die Uhr. Kurz vor 10.45 Uhr gehe ich noch schnell aufs Klo und suche dann meine Sachen zusammen – jetzt geht’s wirklich los! Am Hauptbahnhof suchen wir gleich meinen Bahnsteig. Dort erfahren wir, dass mein Zug zwar schon da ist und ich einsteigen kann, doch dass es noch ein bisschen dauert, bis wir wegfahren können, denn auf der Strecke Klagenfurt – Villach ist ein Unfall passiert und jetzt müssen Züge eine andere Strecke nehmen, um die Passagiere, die auch in meinen Zug wollen, nach Villach zu bringen. Wir setzen uns in den Zug und warten. Irgendwie hab ich ein komisches Gefühl – ich freue mich total, aber ich will irgendwie auch nicht wegfahren…
Es dauert dann aber doch nicht so lange und meine Familie muss aussteigen. Ich drücke Papa ganz fest, dann Olli, dann Mama, dann noch einmal Papa und noch mal Mama (sie hat mir ihre Kette gegeben als Talisman). Ich versuche noch möglichst lange zu winken, doch schon bald sehe ich sie nicht mehr.

Es geht wirklich los!

Ich sitze kurz einfach nur da, dann beschließe ich, mich mit „Grey’s Anatomoy“ abzulenken. Ich schalte meinen Laptop ein, lege die DVD ein und … der Computer bleibt stecken. Ich versuche zuerst selbst das wieder hinzukriegen, entschließe mich dann aber doch einfach Papa anzurufen. Er erklärt mir was zu tun ist und es klappt wirklich. Nach „Grey’s Anatomy“ lese ich ein wenig „Die wilden Hühner“ und schlafe bald ein. Als ich aufwache bin ich in Salzburg, viele Leute steigen ein, zu mir setzt sich ein älteres Ehepaar, die auf dem Weg nach Hause, nach Deutschland sind. Mir wird langweilig, also beschließe ich, mir auch noch den Film „Frau mit Hund sucht Mann mit Herz“ anzusehen. Danach lese ich wieder, esse, trinke, gehe auf das „wunderschöne“ Zugklo, lese, schaue aus dem Fenster, versuche die Zeit totzuschlagen. In München stehen wir 50 Minuten, weil die Lok gewechselt werden muss. Auf der Strecke zieht jemand plötzlich die Notbremse, keiner weiß warum – ich bin eindeutig in einem Chaoszug. Mit einer Stunde Verspätung komme ich endlich in Stuttgart an und werde von Stephan und seinem Sohn Jonathan begrüßt. Wir fahren direkt zu einem griechischen Gartenlokal, bei dem wir auch Petra und Amanda treffen. Danach fahren wir zu ihnen nach Hause. Ich sehe mich ein wenig in der gemütlichen Wohnung um, telefoniere kurz mit Mama, setze mich dann noch eine Weile zu Petra und Stephan auf den Balkon und gehe schließlich schlafen.

Donnerstag, 22. und Freitag, 23. Juli 2010

Um ca. 9 wache ich auf, lese ein wenig, dann stehe ich auf, tapse durch die Wohnung, gehe zurück ins Zimmer, lese noch ein bisschen. Stephan kommt herein, um guten Morgen zu sagen. Er geht schnell Frühstück kaufen und wir decken den Frühstückstisch auf dem Balkon. Amanda ist schon in der Schule – würde ich mich ärgern, hätte ich jetzt noch Schule, haha. Petra muss auch gehen, wir treffen sie später wieder, in der Rampe (das Theater, in dem Stephan arbeitet). Ich beschließe, meine E-Mails anzusehen und dann Tagebuch zu schreiben. Wir verbringen einen gemütlichen Tag in Stuttgart, aber so wirklich entspannen kann ich mich nicht …

Um 18h starten wir dann endlich los. Koffer ins Auto und ab die Post. Am Hauptbahnhof von Stuttgart suchen wir gleich unseren Bahnsteig und fahren mit Verspätung los. Das bedeutet, dass wir unseren Anschlusszug nicht mehr erreichen. Ich frage mich, ob es überhaupt pünktliche Züge gibt. Mit fast einer Stunde Verspätung und einem „beinahe – Blutrausch“ von Stephan kommen wir schließlich doch am Flughafen von Frankfurt an.
Beim Einchecken lernen wir einen Mann aus Tansania und dessen Sohn kennen (der Sohn ist gleich alt wie mein Bruder, aber ungefähr doppelt so groß – Schuhgröße 44). Beide sind total nett und witzigerweise sitzen sie später auch im Flugzeug neben uns.
Nachdem wir alles erledigt haben, trinken wir noch was und essen eine Kleinigkeit, dann machen wir uns auf den Weg zum Gate. Ich beginne schon wieder nervös zu werden, weil ich ständig denken muss „Oh mein Gott! Jetzt geht es wirklich los!“ Der Start verläuft ohne Probleme. Bereits kurz nachdem wir unsere Flughöhe erreicht haben schläft Stephan wie ein Stein. Ich lerne mit unserem neuen Bekannten aus Tansania meine ersten Worte und Sätze in Kiswahili:

Ich finde diese Sprache einfach genial und möchte sie unbedingt irgendwann wirklich einmal lernen und sprechen können. Alles in dieser Sprache klingt so weich und abgerundet. Jedes Wort ist eine kleine Kugel.

Nach meinen ersten Nachhilfestunden in dieser faszinierenden Sprache bekommen wir etwas zu essen (Huhn mit Reis und Erbsen und Karfiol und Strankalan und Salat – schmeckt eigentlich nicht so schlecht, zumindest das, was ich esse), dann versuche ich zu schlafen, leider gelingt mir dies nicht mal ansatzweise so gut wie Stephan. Immer wieder wache ich auf und muss mich drehen, weil mein Arm irgendwo eingeklemmt, oder mein Fuß eingeschlafen ist, oder ich eine Genickstarre verspüre. Ich versuche, mich müde zu machen, indem ich einen Film anschaue, der auf dem Bildschirm im Flugzeug läuft. Leider klappt das nicht. Lesen kann ich auch nicht, dazu ist es zu finster – na toll. Deshalb probiere ich wieder zu schlafen, was mir immer wieder nur für ein paar Minuten gelingt. Etwas später bekommen wir Frühstück, ich esse aber nur das Croissant mit Butter, weil ich noch keinen Hunger habe.

Um 7.30 Uhr erreichen wir die Hauptstadt äthiopiens – Addis Abeba. Dort haben wir zwei Stunden Aufenthalt, dann geht unser Flug nach Nairobi weiter. Ich stehe also das erste Mal in meinem Leben auf afrikanischen Boden, na ja, mehr auf dem Boden einer riesigen Flughafenhalle, aber trotzdem – ich bin das erste Mal in meinem Leben in Afrika. Ein tolles Gefühl.
Um die Zeit totzuschlagen gehen Stephan und ich einen Kaffee trinken (also er trinkt einen, ich trinke lieber einen Kakao, sonst muss ich im Flugzeug ständig aufs Klo). Dann kaufen wir noch ein Geschenk für die Chefsekretärin des Unternehmens und für ein Baby, das im März auf die Welt gekommen ist und Stefanie heißt. Danach gibt es einfach nichts mehr zu tun, also setzen wir uns auf den Boden und warten. Wir dürfen sogar noch ein wenig länger auf dem Boden sitzen bleiben, weil unser Flugzeug Verspätung hat – ich frage mich, ob ich vielleicht irgendwas angestellt habe und nun mit ständigen Verspätungen bestraft werde.

Dann endlich dürfen wir an Bord und ich bekomme Herzklopfen. Denn unsere nächste Station heißt nun tatsächlich Nairobi. Ich bekomme den Start allerdings nicht mit, weil ich schon beim Hinsetzen einschlafe. Ich schlafe fast den ganzen Flug. Kurz bevor wir landen wache ich auf, stecke die Ohrstöpsel an und höre gerade „Waka Waka“, als ich die orange-braune Erde Kenias erblicke. Darauf sieht man vereinzelt grüne Punkte, die Bäume oder Büsche sind. Es sieht aus wie ein „Reindling“ mit Rosinen. Ich mag diesen Kärntner Kuchen zwar nicht essen, aber die Landschaft ist einfach wunderschön. Ich spüre ein Gefühl in mir aufkommen, wie Feuer, das zu brennen beginnt. Mein Traum ist war geworden. Ich bin wirklich in Afrika, in Nairobi, wo ich schon immer mal hin wollte.

Wir steigen aus und schon werden wir von der Menschenmenge mitgerissen. überall sind Massen von Menschen. Wir kommen in eine Halle, wo wir zwei Zettel für unser Visum ausfüllen müssen. Dann stellen wir uns in einer Schlange an und warten, dass wir an der Reihe sind. Als ich dran bin, redet der Beamte mit mir und ich merke, dass ich das afrikanische Englisch zwar cool finde, weil es cool klingt, aber ich merke auch, dass ich es kaum verstehe. Stephan versichert mir aber, dass man sich daran ganz schnell gewöhnt. Ich bekomme mein erstes Visum, mein Pass hat endlich ein Kleidungsstück bekommen und muss nicht mehr nackt herumlaufen, und dann noch gleich ein Visum für Kenia – einfach genial. Danach picken wir unsere Koffer vom Förderband, verlassen die Halle und suchen den Mann, der uns abholen soll. Dieser begleitet uns zu unserem Taxi (der Taxifahrer heißt Anton und ist total nett und hat ein voll witziges Lachen). Wir fahren auf einer der Hauptstraßen von Nairobi. Wenn ich ehrlich bin, hätte Stephan nicht gesagt, dass dies eine Hauptstraße ist, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass das eine sein könnte. Sie ist voller Schlaglöcher und wenn man fährt glaubt man, man fährt auf irgendeinem Forstweg. Neben der Straße gehen überall Menschen, in die Arbeit, nach Hause, einkaufen, zu Freunden …
Die Verkehrsregeln sind einfach und würden meinem Papa sicher gefallen.
Regel Nummer 1: Du kannst fahren wie du willst
Regel Nummer 2: Versuche der Stärkere zu sein
Regel Nummer 3: Der Finger bleibt immer auf der Hupe liegen

Alle fahren einfach drauf los. Oft kommt uns ein Auto direkt entgegen und unser Taxifahrer weicht im letzten Moment aus. Es ist wirklich irre. Außerdem weiß ich nicht, wo ich zuerst schauen soll, nach links, oder nach rechts. überall gibt es so viel zu sehen und ich kann nicht alles gleichzeitig bestaunen. Zweimal stehen wir im Stau und einmal werden wir von einer Polizistin angehalten, weil unser Fahrer telefoniert hat. Sie lässt ihn ohne Strafe weiterfahren, aber nur, weil wir ins Kloster fahren, Fremde sind und sie „visitors“ mag. Nach einer Stunde Fahrzeit kommen wir im Kloster an. Ich lerne Schwester Lydia kennen, die ein richtig sympathisches Gesicht hat. Dann fahren wir zu unseren Wohnungen, die sich im selben Gebäude an der Hauptstraße befinden. Stephan trägt seinen Koffer in seine, mich begleiten Anton und John (den wir vor dem Kloster getroffen haben) in meine. Dann überredet Stephan John, kurz mit uns im Youth – Center, also unserem Theaterraum vorbeizuschauen. Wir gehen etwa 5 Minuten zu Fuß zum Center. Eine Lehmstraße mit Blechhütten an beiden Seiten und vielen Menschen da vor. Ich schaue alle freundlich an und lächle sie an, zu kleinen Kindern sagen wir „Hello“ – meistens wird uns aber schon von 3 Meter Entfernung „How are you?“ zugerufen. Da ich alle so freundlich finde, schaue ich allen ins Gesicht und lache.
Schwester Lydia erklärt mir später, dass ich dass nicht mehr tun sollte, vor allem nicht bei Männern, weil die dann denken ich suche einen Freund fürs Bett, oder wie Schwester Lydia sagt, einen Freund für die Matte. Also werde ich mich bemühen, dass morgen zu unterlassen. Es fällt mir aber irgendwie schwer, als ich es später ausprobiere, weil ich einfach so fasziniert von den Menschen bin.
Aber zurück zum Weg zum Center: Ich finde es interessant, dass die Situation hier genau umgekehrt ist. Zu Hause in Kärnten starren alle Leute einen Schwarzen an, hier sind Stephan und ich diejenigen, die angestarrt werden, aber von wirklich jedem. Ich glaube, dass sie mich sogar noch mehr betrachten, erstens weil sie Stephan vielleicht schon kennen und zweitens weil ich ein junges Mädchen bin.
Als wir im Center ankommen begrüßt Stephan alle, die Lehrerinnen und die Kinder. Alle scheinen sich wirklich zu freuen ihn zu sehen und kichern, wenn sie mich ansehen. Leider bleiben wir nicht lange, weil die Kinder lernen müssen. Aber ich hätte am liebsten alle geknuddelt, weil sie wirklich alle einfach zum Fressen süß aussehen. Zurück im Kloster, wo wir was zu Essen bekommen, lerne ich auch Schwester Rosemarie, Pauline, Jane, Maryanne und Marion (eine Lehrerin aus Deutschland) kennen. Alle sind total erstaunt, dass ich weder Obst noch Gemüse esse. „Und das in Kenia, wo es so wunderbares frisches Obst gibt,“ schütteln die Schwestern den Kopf. Am besten gefällt mir Pauline, sie wirkt auf mich, wie Mummy im Film „Vom Winde verweht“. Wir bleiben noch eine Weile sitzen und Schwester Lydia erzählt uns, was alles hier so passiert, mal spricht sie Deutsch, mal Englisch. Auch mit Marion unterhalte ich mich, sie ist wirklich nett. Vielleicht liegt das am Kontinent, dass alle hier so freundlich sind.

Später gehen wir alle heim und ich räume meine Sachen vom Koffer in den Schrank, dann suche ich mir die wichtigsten Sachen raus und gehe mit in Stephans Wohnung, denn alleine will ich nicht schlafen. Ich dusche und wasche mir die Haare, was immer ein kleines Abenteuer ist in der kleinen Duschkammer. Aber ich habe Glück und habe warmes Wasser – Gott sei Dank.

Dann sitzen wir noch kurz am Tisch, trinken Tee und essen Kekse (die echt süchtig machen).

Stephan räumt rum und ich schreibe Tagebuch. Ich entspanne mich langsam von diesem Tag heute (hab auch kurz mit Mama telefoniert). Es war echt viel los gewesen seit ich Villach verlassen habe und die neuen Eindrücke waren auf mich eingeschossen wie Kanonenkugeln. Ich brauche sicher eine Woche um mich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Bin schon voll neugierig auf den morgigen Tag.

So muss jetzt aufs Klo, davor muss ich aber noch die Kakerlaken aus dem Bad verjagen, denn ich will nicht gleich an meinem ersten Abend das ganze Haus wachen brüllen, weil mir eine Kakerlake aufs Hirn fällt.

Gute Nacht, Afrika! Bis morgen!

Samstag, 24. Juli 2010

Meine erste afrikanische Nacht. Um 23 Uhr wache ich das erste Mal auf, ich steige vom Stockbett herunter, schalte das Klolicht ein, dann klopfe ich dreimal an die Tür, damit die Kakerlaken wissen, dass sie jetzt wieder gehen können. Als ich wieder im Bett liege, kann ich nicht gleich einschlafen. Ich höre überall fremde Geräusche. Hunde bellen, Leute gehen im Haus herum (es hört sich allerdings so an, als ob sie nur zwei Zentimeter von mir entfernt wären). Ich höre Regen (am Morgen werde ich von Stephan aufgeklärt, dass es sich dabei um keinen Regen handelt, sondern um die frisch gewaschene Wäsche, die auf Plastik tropft), ich höre auch, wie ein sehr starker Wind um das Haus streift (auch darüber werde ich am Morgen von Stephan aufgeklärt. Das ist kein Wind, sondern eine Maschine, die Plastikflaschen wäscht und presst.)

Ich habe auch ein wenig Angst und bin deshalb angespannt. Stephan hatte in seinem Nairobi – Tagebuch beschrieben, dass er manchmal Frauen schreien hörte und er nicht wusste ob sie ermordet oder vergewaltigt wurden oder ein Kind zur Welt brachten. Der Gedanke kreiste die ganze Zeit in meinem Kopf und ich habe Angst auch einen solchen Schrei zu hören. Irgendwann schlafe ich aber wieder ein. Beim zweiten Mal aufwachen geht es mir genau gleich.

Das dritte Mal erwache ich, weil die Sonnenstrahlen auf meiner Nase kitzeln (stimmt nicht, eigentlich ist es einfach hell im Zimmer, aber in Büchern steht es auch immer so drin) und ich höre Hunde bellen, einen Mann schreien und Kinder durchs Haus brüllen und laufen. Da Stephan mir erzählt hat, dass der Tag in Nairobi sehr früh beginnt (so um sechs oder sieben) und man dann auch aufwacht, stehe ich nicht gleich auf, denn ich habe Ferien und darf länger im Bett bleiben! Ein paar Minuten später halte ich es aber nicht mehr aus, weil ich nämlich ganz dringend aufs Klo muss (der Tee kurz vor dem Schlafen gehen war vielleicht doch keinen allzu kluge Idee von mir). Ich tappe leise aufs Klo und dann zur Uhr und traue meinen Augen nicht, ich überlege kurz, ob die Uhr vielleicht kaputt ist, oder ob ich über Nacht vergessen habe Uhren zu lesen. Es ist 10 Uhr! Das bedeutet, dass wir 12 Stunden geschlafen haben! Stephan wacht auch auf und ist genauso erstaunt. Dann machen wir uns Frühstück (Tee, Kakao und Toast). Als wir gerade den zweiten Toast essen, fällt der Strom aus – Karibu sana (herzlich willkommen in Afrika). Wir beenden das Frühstück, ziehen uns an und der Tag kann beginnen.

Ich schließe die Tür auf, trete einen Schritt hinaus und schon ist dieses Gefühl wieder da. Ich atme die Luft ein, schaue durch das Stiegenhaus und freue mich auf den heutigen Tag. Ich merke, wie die Neugierde in mir aufsteigt.

Als erstes gehen wir ins Kloster, dort wollen wir das Baby von Dorcas (eine Mitarbeiterin) anschauen, Stephan hat auch einen Teddybären mitgebracht. Leider ist Dorcas noch nicht da, also gehen wir wieder und Stephan zeigt mir die Kirche (dort treffen wir auch Marion).

Mir gefällt die Kirche. Sie ist anders als eine europäische, irgendwie schöner, luftiger, heller, mit großen, geöffneten Fenstern, durch die leichter Wind und Vogelgezwitscher die Kirche belebt. Sie ist hauptsächlich aus Holz, nicht aus Stein, oben an den Seitenwänden sind Bilder vom Kreuzweg, alle Personen sind schwarz, auch Jesus.

Nach unserem Kirchenbesuch zeigt mir Stephan unseren Supermarkt, eine kleine Hütte mit Dosen, Reis und Maispulver in großen Säcken, Wasser und Getränke in Plastikflaschen und Süßigkeiten. Dann gehen wir wieder nach Hause, denn um halb zwei kommt Kennedy (einer aus Stephans Gruppe), der uns in die Stadt begleiten wird. Stephan kocht, ich lese.
Es ist ruhig und ich genieße es, nichts zu tun, denn auch wenn wir noch nichts Großartiges gemacht haben, bin ich schon wieder müde. Das kommt wahrscheinlich von den ganzen Eindrücken. Auf der einen Seite habe ich schon so viel gesehen und auf der anderen Seite noch nichts. Es ist zwar arg, wie die Menschen hier leben, aber eigentlich habe ich noch nichts wirklich Extremes gesehen. Stephan sagt, wir machen das langsam, damit ich nicht zu viel auf einmal verarbeiten muss und damit hat er voll kommen Recht.
Kennedy kommt und isst mit uns (Spaghetti mit Tomatensoße und Rindfleisch). Ich finde ihn gleich total nett und bin mir sicher, dass wir uns gut verstehen werden. Jetzt da ich ihn kenne, bin ich noch neugieriger auf den Rest der Theatergruppe.

Nach dem Essen geht es los. Wir gehen durch den Slum zur Bushaltestelle. Ich habe wirklich noch nie so viele Leute gesehen, überall ist was los, alle sind in Bewegung, hier in Nairobi ist das Leben sehr schnell. Ich habe auch noch nie so viele Kinder gesehen. Sie sind einfach überall. Auch diesmal brüllen sie schon von weitem „How are you?“. Einige rufen auch „Muzungu“, das bedeutet „Weißer“. Sie kommen zu uns hergelaufen, klatschen mit uns ein und lachen. Es ist schwer weiterzugehen und man darf auf keinen Fall stehen bleiben, denn sonst wird man sie nie mehr los.
Wir gehen am Fußballplatz vorbei (beim Heimgehen am Abend gehen wir über ihn, er sieht aber nicht aus wie ein Fußballplatz, so wie wir ihn kennen, mit Gras und Markierungen und so, es ist eigentlich nur ein umzäuntes Feld aus brauner Erde mit Toren). Als wir durch eine Gasse gehen, redet uns ein Mann an, wir ignorieren ihn und Steph sagt, dass das ein Leimschnüffler war. Viele Menschen hier sind Leimschnüffler oder Alkoholiker, Leim ist billig und der selbst gebrannte Schnaps auch. Schwester Lydia hat einmal angefangen eine Therapie zu machen für solche Süchtigen, doch eigentlich kann man ihnen nicht mehr helfen, die meisten kommen nicht davon weg und wenn sie es schaffen ist es meist schon zu spät, weil ihr Hirn bereits zersetzt ist. Ich finde das sehr traurig, vor allem weil ich genau weiß, dass man nicht helfen kann.
Bushaltestelle gibt es keine. Es weiß zwar anscheinend jeder hier, wo eine ist, aber ich kann nirgends eine Markierung finden, oder ein Schild, oder irgendeinen Hinweis, dass es sich um eine Bushaltestelle handelt. Die größeren Busse hier heißen Matatu, die sind aber gefährlicher, weil da öfter gestohlen wird, als in den kleineren (die heißen einfach nur Nissan und genau mit so einem fahren wir). Die kleineren sind deshalb safer, weil sie so klein sind, dass man nicht rauskommt, wenn man etwas gestohlen hat. In so einem Bus gibt es 14 Plätze, oft sitzen aber 19 – 20 Personen drin. Das Fahren damit ist schon ein Abenteuer. Man fährt auf einer Hoppelstraße mitten durch die Slums, es gibt, wie ich schon erzählt habe, kaum Regeln und man hüpft im Sitz auf und ab, weil der Busfahrer bei Schlaglöchern oder Bodenwellen auch nicht langsamer fährt.
Ich sitze am Fenster und sehe die Blechhütten an mir vorbeiziehen. Das Leben ist direkt neben und auf der Straße. Entlang des Straßenrands sind überall Hütten, manchmal sind es Wohnungen, manchmal Geschäfte. Die Sachen, die zum Verkauf angeboten werden liegen sozusagen am Gehsteig. Bettgerüste, Sofas, Schuhe, Stühle, Essen, Kleider … Einfach alles. Dazwischen spielen Kinder, Frauen waschen Kleider, oder ein Mädchen bekommt eine neue Frisur. Es ist faszinierend und ich komme nicht aus dem Schauen heraus. Ich hätte ewig noch so weiterfahren können, denn langweilig wäre mir bestimmt nicht geworden.
Die City ist geteilt in Downtown und Uptown. Wie die Namen schon erklären ist Uptown das Viertel der reichen Leute und der Regierung und man kann auch mal auf der Straße stehen bleiben und einfach schauen, während man in der Downtown wirklich aufpassen muss, weil es echt gefährlich sein kann. Das Problem ist, dass es keine sichtbare Grenze gibt. Man überquert einfach eine Straße und schon ist man in der Downtown. Das ist vor allem für Touristen gefährlich, die von dem Ganzen natürlich keine Ahnung haben. Es gehen hier so viele Menschen an dir vorbei, dass du gar nicht merken kannst, wenn dich jemand anschupst und plötzlich ist deine Brieftasche weg.
Gleich nachdem wir aus dem Bus ausgestiegen sind, erklärt mir Stephan den Unterschied zwischen der lebhaften Downtown und der ruhigen Uptown, in der sich die teuren Geschäfte und das Regierungsviertel befinden. Die zentralen Busstationen mit vielen bunten Bussen befindet sich in Downtown. Bevor wir die Straße überqueren reicht mir Kennedy seine Hand hin, ich nehme sie dankbar an, denn irgendwie habe ich schon ein bisschen ein mulmiges Gefühl im Bauch. Weil ich ja als weißes Mädchen ein „bisschen“ auffalle. Er nimmt mich bei der Hand, Stephan geht hinter uns und Kennedy führt uns zu einem Geschäft, wo wir einen Internet-Stick für meinen Computer kaufen. Danach gehen wir in die Savannah Coffee Lounge, um dort einen Kaffe zu trinken, den Stephan jetzt „ganz dringend“ braucht. Dorthin kommt auch Victor, ein professioneller Schauspieler (allerdings nicht älter als Kennedy, beide sind 22 Jahre alt). Er hat bereits im Fernsehen und im Nationaltheater gespielt und das Internet-Video über das Hope Theatre gedreht. Die beiden erzählen, was alles in der Zwischenzeit, in der Stephan nicht da war, passiert ist und Stephan erklärt den beiden, was er diesmal mit der Truppe vor hat. Ich höre zu, was sehr entspannend ist, denn auf Englisch zuhören finde ich weniger anstrengend, als selbst zu reden, obwohl es doch oft schwer ist Victor oder Kennedy zu verstehen, das afrikanische Englisch klingt doch sehr anders.
Später gehen wir noch in ein Internetcafe, wo Stephan ihnen das Hope Theatre Video zeigen will, aber leider funktioniert es nicht, dafür zeigt er ihnen ein paar Bilder des Kärntner Musicals „Simon Kramer“, das Stephan inszeniert hatte und in dem ich mitgespielt hatte. Leider funktioniert auch das nur teilweise, das afrikanische Internet hat Tücken. Danach machen wir uns wieder auf dem Weg zur Bushaltestelle, um nach Hause zu fahren. Die Heimfahrt ist leider nicht so spannend, weil wir die meiste Zeit im Stau stehen und ich somit nur anderen Autos sehe und außerdem bin ich auch schon ziemlich müde. Kennedy bringt uns noch nach Hause (Victor ist schon vor uns ausgestiegen) und verabschiedet sich dann von uns, wir werden uns am Montag wieder sehen, da werde ich die restliche Theatergruppe kennen lernen.
Wieder daheim (ich muss daheim sagen, weil es derzeit einfach mein zu Hause ist und ich mich hier auch wirklich wohl fühle), essen wir jeder noch eine Kleinigkeit und installieren auch sofort das Internet (Stephan, ich bin stolz auf dich, dass du das sofort gemanagt hast). Ich telefoniere das erste Mal mit Mama, Papa und Olli, was echt lustig ist und erzähle ihnen von meinem ersten richtigen Tag in Nairobi.

Jetzt ist es 23.15 und Stephan und ich sitzen beide am Laptop und schreiben. Ich werde wahrscheinlich noch ein bisschen lesen und dann ins Bett gehen.

Morgen werden wir in die Sonntagsmesse gehen und um 15.00 Uhr werde ich Pastor Idaki kennen lernen. Ich freu mich schon und bin sehr gespannt.

übrigens habe ich schon wieder eine neue Idee was ich im Herbst machen möchte – einen Sprachkurs für Kiswahili (Papa, bist dabei?).

Sonntag, 25. Juli 2010

Meine zweite afrikanische Nacht war noch besser. Ich bin zwar auch diesmal aufgewacht, aber da war es gerade so still, dass es fast schon wieder unheimlich war.

Frühstück und dann Kirche. Ich verstehe zwar kein Wort (bin aber wahnsinnig stolz auf mich selbst, als ich ein paar Wörter wieder erkenne), trotzdem gefällt mir dieser Gottesdienst, sehr sogar. Es ist einfach anders als zu Hause, viel lockerer. Der Pastor erzählt und spricht die Menschen offen und direkt an, er singt nicht diesen komischen Sing-Sang, wie die Pfarrer bei uns. Alle hören zu. Die Kirche ist pumpvoll. Die Kirche ist für die Leute hier sehr wichtig.
Dann aber kommt das Beste: der Kirchenchor (da könnten sich einige Chöre aus Kärnten ein großes Stück abschneiden). Die Leute die singen, singen nicht, sondern sie leben das Lied. Man sieht es an ihren Bewegungen, aber man spürt es auch. Eine elektronische Orgel, eine Trommel und eine Triangel begleiten den Gesang. Auch die Menschen gehen mit der Musik mit. Mal klatscht das ganze Haus, mal streckt man seine Hände in die Höhe und lässt sie tanzen, wie langes Gras im Wind.

Nach der Kirche gehen wir nach Hause und essen, da Sonntag ist lassen wir uns Zeit, wir haben heute nicht viel vor. Um 15.00 soll Pastor Idaki kommen, mit dem wir Kaffee trinken wollen und dann vielleicht irgendwohin spazieren. Es gibt Gegenden, wo man besser nur mir ihm hingeht, weil ihn einfach jeder kennt. Er tut sehr viel für die Menschen in diesem Slumgebiet, außerdem bezahlt er Schutzgeld an die Mafia von Korogocho und die schützt dann auch. So gesehen sind wir mit ihm viel sicherer unterwegs, obwohl auch Pastor Idaki schon überfallen wurde, weil die Leute wissen, dass er fast immer Geld dabei hat, Geld für die Schulen.

Bis jetzt gefällt es mir hier wirklich gut. Natürlich kenne ich mich noch nicht so aus, und hab auch nicht ein Gespür entwickelt, so wie Stephan. Er weiß, auf was man schauen muss, wenn man wohin geht, er kennt mehr Leute, weiß welchen man trauen kann und welchen nicht und er erkennt auch sofort, ob jemand gefährlich werden könnte und wem man aus dem Weg gehen muss.  Trotzdem spüre ich, dass auch ich hier her gehöre und dass hier irgendetwas auf mich wartet. Was das genau ist, weiß ich noch nicht, aber ich werde es schon noch erfahren. Ich weiß auch jetzt schon nach knappen drei Tagen, dass ich unbedingt wieder kommen möchte, aber dann nicht allein, ich würde total gern meinen Papa mitnehmen. Schließlich ist er derjenige, der mich dazu ermutigt hat und wenn er nicht immer von Afrika geschwärmt hätte, würde ich es vielleicht auch nicht machen. Ich weiß einfach, dass Papa sich hier genauso fühlen würde wie ich. Deshalb muss er das nächste Mal unbedingt mit!

Pastor Idaki ist gerade gegangen, allerdings ist er auch erst um viertel nach sieben gekommen, was aber auch kein Problem war, weil wir dazwischen einfach Marion besuchen waren. Pastor Idaki hat viel erzählt und uns auch über den Ausflug aufs Land informiert, was wir da alles machen können.

Sonst war heute nichts besonderes, es ist ja auch Sonntag und Stephan hat auch erklärt, dass es ab morgen sowieso voll los geht und es gut ist, dass wir heute noch einmal faul waren.

Bin schon voll neugierig auf die Theatergruppe von Stephan. Bin sogar schon ganz kribbelig.

Was mir hier am meisten gefällt, ist die Einstellung der Menschen. Es gibt hier nur zwei Möglichkeiten. Entweder dir ist alles egal, das heißt, du lebst wahrscheinlich nicht allzu lange, oder du strengst dich voll an und arbeitest hart, damit du etwas Kleines (aus europäischer Sicht) erreichen kannst.
Victor sagte gestern: „It doesn’t matter where you come from, it only matters where you go to!“
Dieser Satz hat mich irgendwie sehr berührt und er sagt einfach alles.

Stephan macht sich noch einen Schinkentoast, ich werde ein bisschen lesen. Internet geht derzeit nicht, weil das Netz überfüllt ist – heute ist ja Sonntag.

Später würde ich gerne noch warm duschen! Bitte!

Montag, 26. Juli 2010

Aufstehen – 9.00 Uhr
Ich krabble aus dem Bett, will mein Gesicht waschen, drehe den Wasserhahn auf und … es kommt nichts raus – kein Wasser. Na toll. Zähne putzen, waschen, aufs Klo gehen – alles ohne Wasser. Stephan meint, er habe sich das schon gedacht, weil das morgens meistens so ist. Wir schaffen es trotzdem uns sauber zu bekommen, in dem wir uns mit dem Wasser waschen, dass in Kanistern extra dafür vorbereitet wurde. Dann geht’s los, das Hope Theatre im Youth Center erwartet uns um 10h.
Alle sind total nett, Kennedy und Victor kenne ich ja schon und wir umarmen uns als wir uns begrüßen. Die Jugendlichen freuen sich sehr, uns zu sehen. Stephan und ich sollen nur bei ihren Aufwärmübungen zusehen, denn dann wollen sie ohne uns proben, für den großen Auftritt morgen (wo wir dann zusehen dürfen). Aber ich weiß nicht, ob man das Aufwärmen nennen kann, denn es wird dem, was die Jugendlichen da machen nicht ganz gerecht. Sie beginnen mit Dehnungsübungen, während sie im Kreis laufen und von einem Mädchen die neuen Exercises angesagt bekommen. Springen, Kniebeugen, Hüftdrehen, Beingrätschen, Rückwärtslaufen, Vorwärtslaufen, Hinsetzen, aufspringen, weiterlaufen, Runde um Runde. Wenn man allein das schon bei uns daheim im Turnunterricht nur vorschlagen würde, würde dir jeder den Vogel zeigen. Ich muss zugeben, dass man auch mich nach 3 Runden hinlegen und mit Wasser übergießen müsste, denn ich wäre völlig k o. Doch das ist noch lange nicht alles. Nach den ersten übungen beginnen sie erst richtig. Sie springen und rennen in verschiedenen Tanzschritten, dazu singen sie (ich könnte nur noch hecheln). Oft singt Kennedy vor und die anderen nach, und das klingt wirklich, man kann es nicht anders ausdrücken, geil. Aber Kennedy fasziniert mich überhaupt. Er hat eine Kondition – ein Wahnsinn. Der kann seine Füße so hoch in die Luft schleudern – ein Wahnsinn. Der kann seinen Körper so irre bewegen – ein Wahnsinn. Und zu all dem singt er! Ich bin wirklich schwer beeindruckt von der ganzen Gruppe und muss mir auch diesmal wieder denken, dass die Menschen in Europa sich ein großes Stück von dem Können und der Lust abschneiden können, denn die kommen nicht aus Slums und haben alle Chancen und sind doch oft schnell überfordert. Ich drücke ihnen wirklich alle Daumen, dass sie es weiter schaffen, nach Europa (das ist das künstlerische Ziel), denn das haben sie wirklich verdient!

Nach diesem beeindruckenden Aufwärmprogramm spazieren wir zum Kloster. Dort treffen wir Marion und Jane. Sie sind gerade dabei, so genannte „Notpakete“ zusammenzustellen. Die sind für die Mädchenaus den Schulen von Hands of Care and Hope, die ihre Menstruation bekommen haben, denn für sie gibt es nichts. Marion erzählt mir, dass die meisten nicht einmal Unterhosen haben. Jetzt stellt euch bitte mal vor (also die Frauen, Männer nicht unbedingt), ihr bekommt eure Tage und habt keine Binden, keine Slipeinlagen, nicht einmal eine Unterhose!! Das ist unvorstellbar und unmenschlich. Deshalb gibt es diese Pakete und ich finde diese Idee einfach super. Darin befindet sich ein Stück Seife, damit sie sich waschen können, ein paar Handtücher, die sie als Binden verwenden können, zwei längere und zwei kurze Unterhosen.
Marion erzählt mir, dass heute eine aidskranke Mutter gekommen war, die ihr Baby nicht mehr stillen kann, weil sie so ausgezerrt ist, dass sie keine Milch mehr hat. Die Frau wurde von Nachbarn in einem Rollstuhl ins Kloster gebracht. Sie hatte vor Kälte gezittert, denn die Decke, die sie um sich gewickelt hatte, war nass. Es hatte in der Nacht geregnet und ihre Blechhütte ist nicht wasserundurchlässig. Die Schwestern gaben ihr zuerst einen Tchai (Tee) mit viel Zucker und Mandazi (so ähnlich wie gebackene Mäuse). Dann brachten sie sie ins Krankenhaus. Ihr drei Wochen altes Baby haben sie im Kloster gelassen. Für die Frau und ihre Kinder (sie hat noch zwei, einer ist schon in der Schule und bekommt dort Essen, das andere hat so wie die Mutter seit Samstag nichts mehr zu essen bekommen) wurde gleich eine bessere, trockene Blechhütte gesucht und sobald sie aus dem Krankenhaus gehen darf, ziehen sie um.
Ich sehe das Baby auf dem Bett liegen, in Decken gewickelt unter einem Moskitonetz. Es ist ein Junge, er heißt Dallas. Ich setze mich zu ihm aufs Bett, er schläft. Wie ein Engel. Ich frage Jane ob ich ihn nehmen darf und sie sagt „Ja sicher“. Vorsichtig hebe ich das Moskitonetz auf die Seite und umschließe den klitzekleinen Jungen mit meinen Armen, hebe ihn langsam auf und bette ihn in meinen Schoß. Er ist wirklich so süß, ich verliebe mich sofort in ihn. Marion und ich sind einer Meinung, dass der kleine ein Kämpfer ist. „He is a lion!“ Wir beschließen, dass er, sobald er groß genug ist, in der Theatergruppe mitspielen wird. Ich weiß nicht, wie lange ich auf dem Bett gesessen bin, den Kleinen gehalten und mit Marion geplaudert habe, als Stephan wiederkommt und sagt, dass wir gehen müssen, weil wir uns die Schulen von Korrogocho ansehen. Ungern lege ich den Kleinen zurück und gehe mit, aber nicht ohne im vorher ein Bussi auf die Stirn zu geben.

Ich gehe das erst Mal durch Korrogocho. Die Straße ist schmal und das, was wir als Feldweg bezeichnen würden. Nach 20 Minuten erreichen wir die erste und neueste der fünf Schulen von Hands of Care and Hope. Dort ist gerade Mittagspause und die Kinder bekommen ihr Essen. Als wir ankommen, beginnen alle zu kreischen und sie lachen. Jedes Kind will mir die Hand geben und sie lachen uns beide an, sie strahlen richtig. Sie fragen, wie es alle Kinder machen, wie es uns geht und begleiten uns, als wir durch die Klassen gehen und die Lehrer begrüßen. Stephan spielt den Clown und man sieht, wie sehr die Kinder ihn lieben. Ihn und seine Art, sie zum Lachen zu bringen. Viele Kinder kennt er von dem Projekt „Romeo und Julia“, denn da haben 350 Kinder mitgespielt. Ich lerne auch Philip kenne, einen echt netten Lehrer, der damals den Romeo gespielt hatte. Ich erzähle ihm von meinem heutigen Erlebnis mit dem kleinen Dallas und er erklärt mir, dass diese ganz kleinen Kinder „angels“ genannt werden, und das finde ich besonders schön. Denn sie sind wirklich wahre Engel, jedes einzelne von ihnen.
Wir gehen von einer Schule zur nächsten (insgesamt sind es vier, die fünfte liegt in einem anderen Bezirk, in Madoya). In einer Schule wird mir das älteste Klassenzimmer von Hands of Care and Hope gezeigt. Es ist eher eine Höhle. Total dunkel und man hat Angst, dass einem gleich die Decke auf den Kopf fällt. Es ist unfassbar, das Kinder hier lernen können, das kann man sich in Europa gar nicht vorstellen. Auch ich kann es mir nicht wirklich vorstellen, auch nicht, wie viele Kinder in dieser Holzbaracke unterrichtet werden. Es ist einfach zu unvorstellbar. Aber ohne diese Schule wären viele dieser fröhlichen Kinder bereits Opfer von Müllarbeit und Prostitution und vielleicht schon tot.  Und die neueren Schulen sind wirklich super gebaut. Nach unserer Exkursion will ich gleich wieder ins Kloster zu gehen, denn vielleicht ist das Baby ja noch hier. Leider ist es nicht mehr da, es wurde von seiner Mutter, der es schon wieder besser geht, abgeholt. Also gehe ich zu Marion und wir trinken Tee und ratschen. Irgendwann kommt auch Stephan, der einkaufen und organisieren gewesen war, wir plaudern noch kurz und gehen dann aber. Daheim beginnt Stephan gleich zu kochen (ich bin schon voll hungrig, denn ich habe nur gefrühstückt und zu Mittag ein paar Kekse gegessen).
Plötzlich klopft es an der Tür, es ist Dorkas (aus dem Kloster) mit ihrem echt süßen Baby Stefanie. Dann kommt auch Maryanne vorbei. Sie bleiben aber nur kurz, denn auch für Einheimische empfiehlt es sich, vor acht zuhause zu sein. Dann endlich gibt es Essen – Reis mit Faschiertem, wirklich gut.

Jetzt schreibe ich wieder Tagebuch, Wasser gibt es auch wieder und ich werde jetzt einen meiner Lieblingskekse essen („Digestive“), von denen ich jetzt in den paar Tagen schon abhängig bin – furchtbar.

Internet funktioniert gerade nicht, aber vielleicht später wieder, dann kann ich noch meine Leute daheim anrufen.

Morgen muss ich unbedingt ganz viele Fotos machen!

Dienstag, 27. Juli 2010

Die große Aufführung des „Hope Theaters“. Das Publikum besteht aus Victor, Stephan, Marion, Jane und ein paar Einheimischen. Die Show beginnt. Die Jugendlichen singen und tanzen, erzählen mit einem Tanz eine Geschichte, spielen ein Stück und interpretieren Gedichte. Die Szenen und Texte haben sie selber geschrieben und auf die Bühne gebracht. Es ist wirklich fantastisch, unglaublich. Wie diese jungen Menschen sich bewegen und mit welcher Kraft sie sich ausdrücken können, das kann ihnen keiner so schnell nachmachen. Bei einem Tanz holen sie dann auch Leute aus dem Publikum. Ein Mädchen holt auch mich. Ich versuche ihre Bewegungen (die eigentlich nicht schwer aussehen) nachzumachen, doch das gelingt mir überhaupt nicht. Also hopse ich nur herum, ich sehe wahrscheinlich wie eine Gams aus, die sich auf einem Fels halten will und herumspringt. Trotzdem macht es mir richtig Spaß. Nach der Vorstellung sagt Stephan kurz, was er davon hält, dann ist Pause. Alle setzen sich in den Dining Room, auch Marion, Stephan und ich und ich esse und trinke das erste Mal Tchai und Mandazi (der Tee schmeckt zwar nicht schlecht, aber er ist mir fast eine Spur zu süß, Mandazi allerdings ist echt lecker). Danach setzen sich alle noch einmal in einem Kreis zusammen (Marion geht nach Hause) und Stephan erklärt jetzt ganz genau, an was sie in den nächsten Tagen arbeiten müssen, was schon wirklich professionell war und wie die Zukunftspläne aussehen. Danach wollen wir eigentlich gehen, aber Stephan quatscht noch mit dem und jenem. Mir ist das nur Recht, denn ich würde die Gruppe sowieso gern besser kennen lernen und ich würde auch gerne ein paar neue Wörter auf Kiswahili lernen. Also setze ich mich zu Terry, einem Mädchen, das von Anfang an bei der Gruppe ist, und frage, ob sie Lust hätte, mit mir zu „lernen“. Bald sind wir nicht mehr zu zweit, sondern immer mehr kommen dazu, schauen zu, gehen wieder, einige bleiben, einige kommen wieder und sie alle diskutieren, was die korrekte Bezeichnung von jedem Wort auf Kiswahili heißt. Ich schaue zu und lache, es ist wirklich ein Spaß. Einer, Dennis, fragt ob ich morgen auch komme, aber ohne Stephan. Ich erkläre ihm, dass ich nirgends alleine hingehen darf, also geht er zu Stephan und redet mit ihm, alles natürlich als Spaß gemeint. Dann fragen sie mich, ob ich bei Facebook angemeldet bin und ich schreibe ihnen meinen Namen auf einen Zettel. Duncan erwischt ihn und „raubt“ ihn. Die anderen regen sich zum Spaß auf und wollen auch meinen Namen wissen, aber Duncan sagt nur lachend „no sharing“. Mir gefällt es mit den Leuten aus der Gruppe zu reden und zu lachen und dass sie mich gleich aufnehmen (irgendjemand schlägt auch vor, dass ich ja bei ihnen mittanzen könnte, bei der nächsten Aufführung, die am Ende meiner Reise stattfinden wird. Ich sage aber gleich „no, no, no, I can’t dance. That’s not such a good idea“. Dann setzen sich noch einmal alle zusammen und die Gruppe bespricht jetzt selbst ihre heutige Aufführung, ihre Fehler und was sie schon gut hinbekommen haben (leider auf Kiswahili). Danach gehen Stephan und ich wirklich. Victor kommt mit uns, denn Stephan will mit ihm den morgigen Tag besprechen. Morgen fahren wir nämlich in die Stadt, um einzukaufen und Katharina vom Goethe Institut zu treffen und Victor soll uns begleiten, denn Stephan will mit mir nicht ohne einen Einheimischen mit den Matatus fahren. Victor bleibt dann den ganzen Abend (später kommt auch noch Pastor Idaki, um Stephan beizubringen, wie man Ugali kocht). Victor erzählt von sich, von seiner Kindheit und dass es ohne harte Arbeit keine Zukunft gibt. Er spricht davon, dass es besser ist, immer wieder ein kleines Stück zu erreichen, als ein riesiges auf einmal. Denn wenn man eine Treppe hinaufgeht, und dann wieder hinunterfällt, kennt man schon jede einzelne Stufe. Wenn man aber mit dem Lift nach oben fährt, fällt man noch tiefer und schneller wieder hinunter. „Utamu wa njugu ni kula moja moja – The sweetness of peanut is eating it one by one“. Er erklärt, dass man besser helfen kann, wenn man jemanden eine Chance gibt, etwas zu erreichen. Jemanden etwas beibringt, anstatt ihm nur Geld zu geben. „Don’t give me fish, show me how to fish. Don’t give me money, show me how to earn it.“ Für Victor ist es auch sehr wichtig hart für etwas zu arbeiten, hart zu arbeiten, um Geld zu verdienen. Denn wenn man sich (zum Beispiel) Kekse kauft und sie mit dem Geld kauft, dass man selber verdient hat, schmecken sie viel besser, als wenn man Geld geschenkt bekommt und dann Kekse kauft. Victor kommt aus einem sehr armen Slum, Mathare, und hatte wahrscheinlich nicht die schönste Kindheit und die besten Vorraussetzungen, um etwas Vernünftiges aus seinem Leben zu machen. Trotzdem hat er es geschafft, mit dem Glauben an sich selbst und mit harter Arbeit, immer step by step.
„Today I’m sleeping in Mathare but tomorrow I consider my future.” Diese Einstellung gefällt mir sehr. Man macht einfach das Beste aus seiner Situation. Man strengt sich wirklich an, um etwas zu erreichen, auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist. Diese Einstellung fehlt mir oft bei uns daheim (um ehrlich zu sein, muss ich mich dazuzählen). Bei uns darf jeder in die Schule gehen, mit ein wenig Anstrengung schafft man die Schule, hat einen Abschluss, bekommt dann einen Job und verdient sein eigenes Geld, kauft sich davon eine schöne Wohnung, neue Kleider, einen Fernseher und und und. Manchmal würde es wirklich nicht schaden, wenn wir uns für etwas wirklich anstrengen müssten, oder mal auf etwas verzichten würden.

Wie gesagt, kommt später auch der Pastor, Victor und ich werden Fleisch und Gemüse kaufen geschickt. Der Pastor und Stephan kochen Ugali (ein traditioneller Maiskuchen aus dem westlichen Kenia) Rindfleisch und Gemüse – Kenianisches Essen. Das Gemüse schmeckt mir zwar nicht (bin aber echt stolz, dass ich es gekostet habe), aber der Rest ist echt lecker. Ich werde jetzt mit Stephan Ugali kochen üben, damit ich es daheim auch einmal machen kann. Ugali wird hier jeden Tag gegessen. Der Pastor erzählt, dass wenn man am Abend kein Ugali isst, dann sagen die Menschen hier am nächsten Morgen, dass sie mit leeren Magen geschlafen haben. Ugali kann man mit unserer Polenta vergleichen, aber das Mehl ist feiner, der Kuchen fester und weiß. Man knetet es mit der rechten Hand zu einem Löffel und holt damit auch die übrigen Sachen, zum Beispiel (wie bei uns heute) Fleisch und Gemüse. Macht echt Spaß. Victor geht nach dem Essen, denn es ist schon fast 20.00 Uhr und nicht mehr ganz ungefährlich. Der Pastor erzählt noch aus seiner Heimat, der Western Province am Victoriasee. Zwei Geschichten, die ich gehört habe, finde ich besonders lustig. Wenn ein Mädchen heiraten will muss sie am ersten Tag einen Tonkrug mit Wasser vom Fluss nach Hause tragen, auf dem Kopf. Daheim muss sie ihn dann selbstständig abstellen, wenn der Krug dabei zerbricht, wird sie wieder nach Hause geschickt, denn das ist der Beweist dafür, dass sie nicht in der Lage ist einen Haushalt zu führen und die Eltern müssen zusätzlich den Krug bezahlen. Die andere Geschichte ist, dass es eine Tradition gibt, die besagt, dass man mit einem kitchen stick (Kochlöffel) niemanden schlagen darf, wenn man es aber doch tut, muss man dem Opfer eine lebendige Ziege schenken.

Nachdem der Pastor gegangen ist, beginne ich wieder Tagebuch zu schreiben, dann will ich noch ins Internet (hoffentlich funktioniert es). Mit duschen wird heute nichts, denn es gibt kein Wasser. Das ist sehr oft unter der Woche. Meistens aber nur in der Früh und am Abend, weil dann alle daheim sind.

Stephan und ich sind heute beide sehr müde, also werden wir wohl bald schlafen gehen, hoffentlich kommt heut kein blödes Insektenvieh durch mein Moskitonetz.

Ach ja, falls irgendwo in diesem Tagebuch noch Vincent steht, muss man sich bitte ein Victor denken. Bis heute hieß Victor nämlich Vincent, weil Stephan ein schlechtes Namensgedächtnis hat und ihn mir zuerst als Vincent vorgestellt hatte :-)

Mittwoch, 28. Juli 2010

Heute fahren wir in die Stadt, Marion und Victor kommen auch mit. Wir sitzen schon im „Bus“ und fahren seit ein paar Minuten. Auf einmal bleiben wir stehen, der Fahrer probiert das Auto wieder anzubekommen, aber es funktioniert nicht. Das Auto ist kaputt. Also müssen alle Fahrgäste aussteigen und eine neue Fahrgelegenheit finden. Wir warten ein bisschen, aber die vorbeifahrenden Nissan-Busse sind alle hoffnungslos überfüllt, also fahren wir mit einem Matatu. In der Stadt angekommen müssen wir ein bisschen zu Fuß gehen, was aber kein Problem ist. Da wir sowieso noch Zeit haben (Katharina vom Goethe Institut kommt erst um 12 Uhr) schlendern wir ein bisschen durch die City. Wir suchen ein Geschäft, wo es Postkarten gibt, wir finden zwar eins mit handgemachten Postkarten, aber ich will eigentlich nur ganz normale. Danach gehen wir in unsere Stammlokal „Savannah“ und warten dort auf Katharina. Als Katharina kommt unterhalte ich mich viel mit Victor, da Stephan mit Katharina redet und Marion mit Katharinas ehemaligem Universitätsprofessor aus Bayreuth, der gerade als Kurator in der Stadt ist. Außerdem übersetze ich für Victor. Als wir fertig gequatscht haben, suchen wir noch einen Supermarkt, denn Marion braucht ein paar Sachen und will für Freitag für die Schwestern ein Tiramisu machen. Die Zutaten dafür zu finden, ist gar nicht so einfach. Wir wissen nämlich nicht was Mascarpone auf Englisch heißt und wir besprechen das mit Victor, aber er kann uns leider auch nicht helfen. Also nimmt Marion etwas ähnliches und wir werden ja sehen, wie es wird. Bin schon gespannt. Löffelbisquit haben sie auch nicht, aber die Schwestern wissen, wo es welche gibt und werden es besorgen. Nach unserem Einkauf spazieren wir zur Bushaltestelle. Ich verstehe noch immer nicht woher man weiß, wo eine ist. Stephan sagt, das weiß man einfach – na toll! Jetzt ist mir natürlich alles klar und beim nächsten Mal finde ich sie sicher selber. Haha!
Auf dem Weg aus der Stadt hinaus zurück nach Kariobangi wird unser Bus aufgehalten und wir müssen in einen anderen einsteigen, der aber schon bereit steht. Unser Fahrer wird nämlich verhaftet, wahrscheinlich wegen der lauten Musik. In den Matatus wird immer Musik gespielt, ziemlich laut, aber diesmal ist es noch lauter, es tut schon richtig in den Ohren weh. Heute haben wir ja echt großes Glück mit unseren Bussen.
Stephan und ich bringen daheim schnell die Einkäufe in die Wohnung, denn dann fahren wir weiter, um Ben und Philipp (Stephans Romeo) zu treffen. Die beiden leiten eine Theatergruppe in Mathare. Wir treffen uns im Garten eines Hotelrestaurants mit Swimmingpool. Es sieht sehr romantisch aus und man kann hier ein bisschen zur Ruhe kommen. Ben und Stephan planen, im Dezember ein Slum – Theater Festival zu veranstalten und haben dafür die erste inhaltliche Besprechung. Nachdem alles geklärt ist, machen wir uns gemeinsam auf den Weg zum Bus. Philip und Ben wollen uns nach Hause begleiten. Während wir gehen, unterhalte ich mich mit Philip, er hat einfach ein faszinierendes Lachen. Wenn er lacht, muss ich sofort mitlachen. Ich erzähle ihm von meiner Familie und dass ich sie so gerne nach Afrika mitnehmen möchte, bei meinem nächsten Mal. Er ist voll begeistert und bedankt sich, dass ich anderen Leuten Afrika zeigen möchte und dass sie herzlich willkommen sind – total lieb. Ich erzähle ihm auch, dass ich als Kind immer schwarz sein wollte und dass ich das richtig unfair fand, weil ich weiß bin. Er lacht nur. Er fragt mich, wie das Leben und die Landschaft in österreich ist und wir besprechen, dass ich ihm Schifahren beibringen werde wenn er nach Europa kommt. Stephan verspricht, dass er uns filmen wird. Es ist also eine sehr lustige Heimreise.
Dann gibt’s endlich Essen (Reis und Fleisch – sehr lecker). Stephan erzählt, dass viele Afrikaner nur einmal am Tag essen, was ich mir echt schwer vorstellen kann. Ich esse zwar nicht viel, aber das was ich esse, esse ich gern, deshalb bin ich wirklich froh, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der es möglich ist mehrmals am Tag zu essen.

Ach ja, was ich gestern vergessen habe zu erzählen. Victor hat ein Foto (mein Lesezeichen) von Christian, meinem Freund gesehen und ich habe ihm erklärt dass dieser Junge mein „boyfriend“ ist. Victor machte große Augen und erzählte uns, dass es bei ihnen erst mit 23 bis 25 normal sei, eine Freundin zu haben und auch dann stellt man sie eher ungern seiner Mutter vor. Er sagt, dass man erst eine Freundin hat, wenn man ein Haus hat und ihr etwas bieten kann, ein Leben. Sicher haben einige seiner Freunde Freundinnen, aber er hatte noch nie eine und das ist auch in Ordnung. Er hat Mädchen als Freundinnen, als Kumpel. Natürlich hätte er auch oft eine Freundin, aber wenn er dann an die Konsequenzen und die Probleme denkt, ist er froh keine zu haben, erklärt er lachend. Ich erzähle ihm, dass in österreich viele schon mit 13 eine Freundin oder einen Freund haben und er kann das nicht glauben und ist meiner Meinung: das ist nicht normal und auch nicht ernst zu nehmen.

Marion ist wirklich ein total netter Mensch, die ich jetzt schon echt gerne habe. Man kann sich mit ihr einfach super unterhalten. Vor allem heute haben wir echt viel geredet, über alles. über ernste Sachen, unwichtige Sachen, lustige und traurige. Es hat echt Spaß gemacht.

Werde jetzt noch duschen und Haare waschen gehen und vielleicht noch ein Stück Schoko essen, denn die habe ich heute einfach kaufen müssen und natürlich werde ich noch ein paar Kekse (Digestive) essen, denn von denen bin ich in der kurzen Zeit schon abhängig geworden – oh mein Gott ich bin krank. Ich habe eine Sucht!

Donnerstag, 29. Juli 2010

Unser erster richtiger Arbeitstag. Wir gehen, wie immer, um 10.00 Uhr ins Youth Center. Zuerst spielen sie uns „Changing Faces“ vor, ein Stück, das sie geschrieben und einstudiert haben, dann arbeitet Stephan an verschiedenen Szenen mit ihnen, erklärt Rhythmus und Situation, wie man Spannung erzeugt und worauf man beim Erarbeiten einer Figur besonders achten muss. Dann entwirft Stephan mit der Gruppe eine moderne abstrakte Choreografie für ein traditionelles Lied. Ich spiele Regieassistentin und versuche die Tanzschritte aufzuschreiben, ich hoffe ich weiß morgen noch, was ich gemeint habe, denn ich hab so was ja noch nie gemacht. Aber ich habe großen Spaß dabei. Am Ende kann ich sogar schon das Lied mitsingen, nur dass meine Aussprache ziemlich komisch klingt, denn das Lied wird auf Kiswahili gesungen. Nach „harter“ Arbeit verabschieden wir uns und spazieren zum Kloster. Dort reden wir kurz mit Maryanne und Stephan hinterlässt eine Nachricht für Schwester Lydia. Dann gehen wir noch schnell zu unserem kleinen Supermarkt und kaufen ein (Toast, meine Sucht-Kekse, Milch und Wasser). Dann geht’s auf nach Hause. Wir trinken Kaffee. Ich öffne eine neue Packung und beiße in das heiß ersehnte runde Ding. Da es in unserem Supermarkt die Packung mit den großen Keksen nicht gibt habe ich zwei von denselben aber kleineren Keksen gekauft und da stelle ich plötzlich voller Entsetzen fest, dass die anders schmecken!!! Mein Untergang! Was mach ich denn jetzt?!

Momentan kann man leider eh nix machen, denn ich bin satt und müde. Also halten Stephan und ich ein Mittagsschläfchen. Danach habe ich auch keine Chance über meine Sucht nachzudenken, denn wir müssen in die andere Wohnung kochen gehen. Es gibt nämlich gerade keinen Strom und in unserer ist das Gas fast leer. Dort setze ich mich aufs Bett neben dem Fenster, damit ich Licht fürs lesen bekomme. Nach dem Kochen gehen wir wieder zurück und warten auf Maryanne, die heute bei uns essen wird. Es gibt Huhn mit Reis und schmeckt echt lecker. Danach zeigen wir ihr das kurze Video über das Hope Theater im Internet und unterhalten uns mit ihr. Maryanne ist sehr begeistert von dem Video. Sie ist die Chefsekretärin von Hands of Care and Hope und die zentrale Anlaufstelle für alles und jeden. Sie wohnt im selben Haus wie wir und hat eine kleine Tochter, die Stephan immer bezirzt, meistens erfolgreich, dann gibt es ein kleines Geldstück für Süßes. Als sie geht, beschließe ich wieder einmal Tagebuch zu schreiben (das, wie mir Mama heute in einer Mail erzählt hat, schon richtig berühmt ist) und Stephan checkt seine E-Mails.

Morgen treffen wir Victor, denn von ihm ist eine Nichte gestorben. Stephan meint, dass das Treffen ein wenig unangenehm werden könnte, weil Victor sicher Geld will und er das aber von uns nicht bekommt, denn sonst sagt auf einmal jeder, dass er auch Geld braucht, weil er hat eine kranke Mutter, oder Schwester oder Bruder. Und dann ist das Geld in einem Tag aufgebraucht. Außerdem ist Geld schenken in jedem Falle falsch. Das sagt nicht nur Stephan sondern eigentlich auch Victor. Bin schon gespannt wie das wird.

Für heute usiku mwema (gute Nacht) und lala salama (schlaf gut)!

Freitag, 30. Juli 2010

Hab jetzt einen Job – ich bin die Regieassistentin von Stephan. Während Stephan mit den Jugendlichen probt, schreibe ich alles mit (und hoffe dabei, dass ich am nächsten Tag noch weiß was welche Abkürzung bedeutet). Die Gruppe hat mich echt total nett aufgenommen und die Arbeit mit ihnen und das Zusammensein machen mir großen Spaß. Sie fragen mich jeden Tag, ob ich wieder was Neues habe, das ich gerne auf Kiswahili wissen möchte und ob ich bei den Aufwärmübungen mitmachen will, aber das lass ich lieber, denn sonst bin ich danach völlig fertig, denn das Extremsport. Heute wollten sie, dass ich das Gebet spreche, aber das hab ich auch gleich gelassen, denn erstens hätte das auf Englisch sein müssen und zweitens hätte ich keine Ahnung gehabt, was ich da sagen soll, ich kenn halt nicht gar so viele Gebete. Ein anderes Mädchen aus der Gruppe, deren Namen ich leider noch nicht weiß, ist zu mir gekommen und hat gesagt, dass sie mich beim Mitsingen gesehen hätte. Ich habe ihr erklärt, dass ich die Melodie zwar schon kann, aber mein Text klingt so, wie wenn ein 6 Jahre altes Kind zu einem englischen Lied mitsingt. Also hat sie mir gleich angeboten, den Text übers Wochenende aufzuschreiben, damit ich dann am Montag mit ihnen singen kann. Ich finde das echt total lieb und mache gerne mit.

Nach der Probe fahren wir mit Kennedy in die City zur Zentrale von Safaricom – der größten Telefonfirma, wo Stephan seine Sim-Karte registrieren lassen muss. (Maryanne hat uns gestern erklärt, dass das jeder machen muss, damit die Regierung, falls man Drohungen zugeschickt bekommt, herausfinden kann, wer das geschrieben hat und heute ist der letzte Tag für die Registrierung). Irgendwie kommt es mir so vor, als ob die Matatus von mal zu mal ein Stück kleiner werden und man noch enger zusammengequetscht wird. Außerdem fährt der Fahrer heute wirklich wie ein Irrer, wir werden so richtig schön durchgeschüttelt. Nachdem wir die Sache mit dem Handy erledigt haben, gehen wir, wie immer, in die Savannah Bar, damit Stephan seinen Kaffee bekommt. Dorthin kommt auch Victor. Wir unterhalten uns, aber die Stimmung ist etwas angespannt. Als wir zur Busstation gehen, bleibe ich mit Kennedy etwas zurück und unterhalte mich mit ihm, er ist wirklich nett. Stephan spaziert weiter vorne mit Victor und das ist auch der Moment, wo Victor Stephan um Geld bittet. Stephan lehnt natürlich ab und erklärt, dass Victor nicht der erste wäre, der ihn um Geld gebeten hätte und dass er in dieser Sache sehr strikt sein müsse, denn sonst würde ständig jemand fragen und er könnte das Projekt beenden. Aber Victor hat die Antwort schon erwartet und versteht es (wie Stephan mir später erzählt). Victor bleibt noch in der Stadt, wir anderen fahren nach Hause, genau zur Rushhour. Kennedy kommt noch kurz mit zu uns, wo wir ihm ein paar Lieder von „Simon Kramer“ vorspielen und die Zeitungsartikel zeigen. Er nimmt die CD mit, um sie zu brennen.

Jetzt kocht Stephan, ich schreibe Tagebuch, höre Musik, wir unterhalten uns, essen, mailen, lesen, ich schreibe noch ein paar Wörter auf, die ich gerne auf Kiswahili wissen möchte, wir sitzen faul rum …

Samstag, 31. Juli 2010

Um 10.00 Uhr klingelt der Wecker. Stephan und ich krabbeln aus dem Bett. Auf einmal hören wir ein Klopfen, aber das kann auf keinen Fall bei uns sein, denn wer sollte das schon sein, so früh. Wahrscheinlich ein paar Kinder, die spielen wollen, denn den Müllmann haben wir schon bezahlt. Aber es klopft wieder. Also schleicht Stephan in Unterhose zur Tür hin und zieht den Vorhang vor dem Fenster ein wenig zur Seite. Ein Gesicht mit breitem Grinsen schaut ihn an – Marion. Sie kommt rein und ist schon wunderbar gut gelaunt. „Bist schon munter?“ fragt sie mich, ich lächle nur. Und im schon im nächsten Moment wird mir klar, dass gerade ein kleines Wunder geschehen ist: ich bin zwar kein Morgenmuffel und bin sehr schnell, nachdem ich aufgestanden bin wach, aber zu viel gute Laune halte ich in der Früh nicht aus. Doch, heute bin ich nicht gereizt, obwohl Marion vor lauter guter Laune sogar schon leuchtet. Da sie sich um eine Stunde geirrt hat (sie ist zu früh), frühstückt sie mit uns, was wirklich lustig ist. Danach machen wir uns gemeinsam auf den Weg zum Youth Center, wo wir ein paar aus der Gruppe treffen, die mit uns zu dem Festival in Mathare gehen (Ben hat uns eingeladen). Wir gehen über eine halbe Stunde zu Fuß und ich lerne ein neues Slumgebiet kennen. Man sieht, dass es auch in Slums Unterschiede gibt („reich“ / „arm“). Das Youth Centre liegt in Huruma, dem westlichsten Teil von Mathare, da sieht es teilweise aus wie in  ärmeren italienischen Vororten, sechs bis achtstöckige Hochhäuser, Wäsche vor den Balkonen, Geschäfte mit Obst und Gemüse. Wir gehen ins Zentrum von Mathare, entlang des berühmten Mathare Vallays. Hier gibt es nur mehr Blechhütten, der Müll stapelt sich, es laufen überall Kinder rum, einige liegen sogar auf der Straße. Es ist wirklich schlimm. Ben führt uns in sein Office, wo einer seiner Maler arbeitet und zeigt uns die Bilder. Die Stimmung ist ein wenig komisch, denn es geht eindeutig darum, dass wir ein Bild kaufen sollen, aber um die Wahrheit zu sagen: so toll finde ich die Bilder eigentlich nicht. Wir kaufen nichts. Dann zeigt er uns noch seine zwei Klassenzimmer. In einem davon wird gekocht, das heißt, dass es ziemlich raucht. In diesem Raum bekomme ich fast keine Luft, man kann fast nicht einatmen, ich muss nach draußen. Ben erzählt von seinem Projekt, ich höre nicht richtig zu, denn meine Augen brennen schon wieder vom ganzen Staub, und ich verstehe auch nicht alles. Aber egal, mich geht das ja nichts an. Als wir weiter gehen, rennen mir wieder Kinder entgegen, die mir die Hand geben wollen. Ein kleiner Junge bremst knapp vor mir ab und streckt seine Hand sehr nahe vor mein Gesicht. Ich sehe auf seine Hand und auf das, was er darin hält, lasse einen kurzen Schrei los und renne vor zu Stephan, um mich in Sicherheit zu bringen. Die anderen Kinder und die Mitglieder der Theatertruppe, die uns begleiten, lachen mich natürlich aus, denn das, was mich so erschreckt hat war eine riesige Heuschrecke!!
Dann kommen wir endlich zu dem Platz, wo das Festival stattfinden wird, es ist auch schon eine Bühne aufgebaut worden. Zuerst stehen wir in der Sonne, die recht stark ist, dann werden Stühle gebracht und wir können uns hinsetzen. Zum Schutz gegen die Sonne wird über uns eine Art Partyzelt aufgebaut, was allerdings den unangenehmen Nebeneffekt hat, dass man nicht mehr gut auf die fast zwei Meter hohe Bühne sehen kann. Jetzt sieht man die Menschen, die auf der Bühne sind nur noch bis zur Brust, der Kopf ist abgeschnitten. Marion und ich sitzen nebeneinander und innerhalb von 2 Sekunden sind wir von mindestens 20 Kindern umringt. Alle wollen uns die Hand geben, oder uns sonst irgendwie berühren. Ein kleiner Junge stellt sich direkt neben mich, ich hebe ihn auf und setze ihn auf meinen Schoß. Er kuschelt sich sofort an mich. Es kommt auch noch ein Mädchen, aber ich habe ja erfreulicherweise zwei Füße. Bald hat auch Marion zwei Kinder auf dem Schoß, eines schläft sofort ein. Die Kinder sind wirklich sehr süß. Am Ende hat Marion vier Kinder (sie hat ja auch längere und größere Beine) und ich drei. Während wir auf den beginn der Darbietung warten gebe ich Kennedy meine Liste mit neuen Wörtern, damit ich meinen Kiswahili – Wortschatz erweitern kann. Kennedy schreibt alles auf und geht mit mir dann die Liste dreimal durch – ich muss vorlesen und er korrigiert mich. Danach bitte ich ihn mir ein paar typische und traditionelle Namen aufzuschreiben. Nett wie er ist, schreibt er eine ganze Seite voll und er schreibt sogar zu jedem Namen dazu, von welchem Stamm er kommt. Er ist echt ein Gentleman! Während eines traditionellen Tanzes soll jemand aus dem Publikum mitmachen. Es ist jedem klar, zu wem die Tänzer gehen werden. Denn schließlich sitzen im Publikum zwei blinkende Lichter: Zwei weiße Frauen. Natürlich probieren sie es zuerst bei mir, schließlich bin ich die jüngere, ein Tänzer nimmt sogar schon ein Kind von meinem Schoß (was dem einfällt!), aber ich schaue ihn streng an und sage: „No, thank you. I really can’t dance“. Also probiert er es bei Marion, doch auch sie lehnt ab. Nun wird ein junges Mädchen aus unserer Truppe aufgefordert, Pauline, und das macht dann wirklich Spaß. Sie ist eine hervorragende Tänzerin und begeistert das ganze Publikum. Später kommt auch noch Philip, ich stehe auf (hab gerade nur ein Kind auf den Schoß und das nehme ich einfach mit) und begrüße ihn, er scheint sich wirklich zu freuen. Ich freue mich auch, ihn zu sehen, denn er ist wirklich total lustig. Dann setze ich mich wieder hin und sehe mir die letzten Tänze an (ohne Kopf) und eine Performance von Stephan. Er singt laut ins Mikrophon: I am from Austria, you are from Kenia, but we belong together. Vor allem die vielen Kinder singen begeistert mit.
Nach einem langen Tag in Mathare muss ich meine süßen Kinder leider wieder hergeben, denn wir sind mit Pastor Idaki zum Kaffee verabredet.

Wir verabschieden uns und machen uns auf den Rückweg. Stephan kauft Bananen für alle. Ich bitte einen Schauspieler, für mich und Marion Mandazi zu kaufen, da ich ja kein Obst mag. Marion gibt ihm genug Geld und bittet ihn, für alle Mandazi zu kaufen. Doch er bringt nur für uns und erklärt, dass sie ja schon Bananen bekommen hätten. Sie wollen nicht mehr wie Notleider behandelt werden sondern wie Schauspieler. Toll.
Währned wir durch die Hauptstraße von Mathare gehen belagern mich einige aus der Truppe und überreden mich, dass ich Tanzen lernen. Ich würde es ja sehr gerne lernen, aber ich kann mir nicht vorstellen, auch nur annähernd so gut zu sein wie sie. Doch sie bestehen darauf, dass ich es wenigstens versuche – erste Tanzstunde: Montag, nach dem Lunch. Ich bin ja schon neugierig, wie das wird. Wahrscheinlich extrem peinlich für mich und extrem amüsant für alle anderen. Denn ich kann zwar recht gut mit meinem Hintern wackeln, aber eben nur auf europäische Art, nicht auf afrikanische. Na ja, wir werden ja sehen …
Daheim, als Pastor Idaki kommt, bleibt Marion auch noch ein bisschen und so sitzen wir zusammen, trinken Kaffee und unterhalten uns. Als beide gegangen sind, telefoniere ich mit meinen Leuten zu Hause, was diesmal richtig lustig ist, denn wir telefonieren das erste Mal mit Kamera – ein Spaß! Währenddessen wäscht Stephan, der Verräter, die Wäsche – alleine! (obwohl ich ihm ausdrücklich klargemacht habe, dass er mich rufen soll, denn dabei will ich natürlich helfen, denn es geht ja nicht, dass er alles alleine macht. Ich komm mir ja auch irgendwann mal blöd vor, wenn ich immer nur zusehe. Aber sein einziger Kommentar dazu ist „Morgen gibt’s ja noch die helle Wäsche.“) Lustig finde ich auch, dass ich zu unserer Wohnung in Kenia bereits „daheim“ sage und für daheim in österreich „zuhause.“

Ich sitze also jetzt am Tisch und schreibe Tagebuch, als Stephan mich sehr ernst fragt, ob ich ruhig und entspannt wäre, denn er müsste mit mir ein heikles Thema besprechen. Erstaunt höre ich auf zu schreiben und frage mich, was er jetzt wohl sagen wird: „Unter dem Tischbein befindet sich eine Kakerlake und …“ Schon reiße ich quietschend meine Füße vom Boden weg und stehe bereits auf der Bank auf der ich eben noch gesessen bin.  So kann keines der süßen Tierchen zu mir kommen. Oder können die springen???
Stephan lacht, räumt den Tisch ab, gibt mir den Laptop zu halten und sprüht Gift in das Loch des Plastiktischbeins, hebt den Tisch auf und knallt ihn wieder auf den Boden. Doch das grausige Vieh ist nicht zu sehen. Also haben wir jetzt eine langsam vor sich hin verendende Kakerlake in unserem Tisch – ich freu mich schon wahnsinnig auf das Frühstück morgen – bähhh.