Jenseits in Afrika

Tagebuch zur Keniareise von
Lisa Sallay

Sonntag, 1. August 2010

Als ich aufwache, ist Stephan schon auf und erklärt mir, dass er jetzt in die Kirche geht, dass ich aber hier bleiben und in Ruhe frühstücken kann. Um 11.00 Uhr kommt er wieder und um 12.00 sind wir im Kloster zum Mittagessen eingeladen. Ich esse also Toast, schaue daneben „Sinn und Sinnlichkeit“ am Computer und mache mich dann fertig.
Als wir ins Kloster kommen, sind schon alle da. Die Schwestern Lydia, Rivana, Lucy und Pauline, Marion ist natürlich auch da. Wir essen gemeinsam, Huhn, Rindfleisch, Gemüse, Süßkartoffeln und Reis. Ich lasse Kleinigkeiten aus, die mir nicht schmecken. Alles natürlich schön unauffällig, doch als wir dann gehen sagt Schwester Lydia zu mir, dass ich ja fast nichts gegessen hätte. Danach fahren Stephan und ich in die City, das erste Mal ohne Guide, zum Nationaltheater. Dort treffen wir Ben, der von Stephan eingeladen wird und zum ersten Mal in seinem Leben ins Nationaltheater gehen kann. Wir sehen eine englische Komödie, von schwarzen Schauspielern, sehr gut gespielt und sehr lustig, aber eben auch sehr europäisch. Jetzt verstehe ich, was Stephan meint, wenn er sagt, er möchte das afrikanische Theater fördern.  Nach dem Theater suchen wir noch ein Geschäft, wo es Scratch Cards (fürs Internet) gibt, gehen noch in eine Hotellounche Tee trinken und kaufen im Supermarkt Toast und Keksis (die großen!) Dann fahren wir mit einem Matatu nach Hause. Sonntag Abend, wir sind nicht die einzigen, die in der City waren und jetzt heim wollen, oder außerhalb der Stadt waren und jetzt in die City zurückfahren. Es ist definitiv der interessanteste Gewaltstau den ich je erlebt habe. überall sind Matatus, kleinere Busse und normale Autos, sie kommen uns entgegen, fahren quer zu uns, überholen uns, wir überholen, wir stehen, wir hupen, die Kolonne wälzt sich in Dreierreihen aufeinander zu und schlängelt sich aneinander vorbei. Es ist fast unmöglich, dass sechs Autoreihen auf einer vierspurigen Straße  irgendwie unfallfrei aneinander vorbei kommen, aber es gelingt, langsam aber doch – der absolute Irrsinn!! Es wird rasch dunkel und als wir von der Station nachhause noch ein kleines Stück gehen müssen habe ich echt ein bisschen Angst, warum weiß ich eigentlich nicht, schließlich sind Stephan und Ben neben mir. Trotzdem ist es ein anderes Gefühl am Tag draußen zu gehen, als bei Nacht.

Ich freue mich schon auf morgen, weil ich dann wieder die Jugendlichen aus der Theatergruppe sehe. Ich kenne sie zwar noch nicht sehr lange, aber einige sind wirklich sehr nett und ich verstehe mich wirklich gut mit ihnen. Morgen bekomme ich auch meine erste Tanzstunde und ich singe bei einem Lied mit. Bin schon gespannt wie es wird …

Montag, 2. August 2010

Montag. Aufstehen, Zähneputzen (ohne Fließwasser), Toast, Kakao, und ab zur Probe. Meine erste Tanzstunde habe ich heute doch nicht bekommen, wahrscheinlich haben sie in der ganzen Probenhektik vergessen, dafür hab ich beim ersten Teil vom Aufwärmprogramm mitgemacht, was auch nicht ganz unanstrengend war. Den Text für das eine Lied hab ich heute auch bekommen. Ich werde bei der öffentlichen Vorführung bei einer Nummer mittanzen und mitsingen (Stephan übrigens auch). Sie haben mich auch gefragt, ob ich in einem Stück mitspielen möchte, bei der Marktszene, als weiße Touristentussi, mit Sonnenbrillen und Fotoapparat.

Nach den Theaterproben gehen wir nach Hause und räumen ein bisschen um, weil morgen in der Nacht „die Anderen“ kommen (Stephans Frau, seine Tochter und eine Fotografin). Wir tragen zwei Wasserkanister und einen großen Sessel in die andere, ehemals meine Wohnung und stellen zwei kleine Regale übereinander, damit wir möglichst viel Platz haben. Und den werden wir auch brauchen! Danach gehen wir noch schnell einkaufen und legen uns dann kurz hin, ich lege mich ins Bett und höre Musik, es ist echt sehr entspannend, genau was ich brauche. Um 17.00 sollte eigentlich Naomi (sie hat in der ersten Produktion, „Romeo & Julia“ die Julia gespielt), doch sie sagt kurz vorher ab. Also laden wir Marion zum Spaghetti-Abendessen ein. Nach dem Essen bringt Stephan sie nach Hause, denn es ist schon dunkel und ich setze mich zum Computer und beginne gleich in die Tasten zu klopfen.

Der Tag heute war wieder sehr abwechslungsreich und lustig, doch nichts, wo ich jetzt seitenweise schreiben könnte. Es gäbe wahrscheinlich noch so viel zu sagen, aber ich kann vieles einfach nicht in Worte fassen. Man müsste wirklich mal einen USB-Stick erfinden, den man an sein Hirn anstecken und damit die ganzen Gedanken herunterladen kann, die einem durch den Kopf schweben, wenn man irgendwas sieht. Das wäre wirklich praktisch, denn dann könnte ich viel mehr beschreiben und würde auch nichts vergessen. Wirklich schade, aber es gibt noch Rettung: Mein Bruder Olli will Erfinder werden (hoffentlich hat er seine Meinung noch nicht geändert), dann kann er das übernehmen!

Dienstag, 3. August 2010

überraschung! Die Anderen, also Petra, Amanda und Heike sind da. Stephan hat sich nämlich mit dem Datum vertan. Er war fest davon überzeugt, dass der 1. August ein Montag sei. Aber der 1. August war ein Sonntag und der Montag eben der 2. August, der Ankunftstag! Also die ganze Sache lief folgendermaßen: 
Ich sitze am Tisch und schaue den Film „Sinn & Sinnlichkeit“ zu Ende. Ich sehe kurz auf zu Stephan und frage ihn, warum er so komisch schaut. Als Antwort liest er mir nur ein Sms von Petra vor: „Sind jetzt in Addis Abebba. Bis später!“ Häää??? Wollten die nicht erst morgen kommen? Wir sehen noch einmal auf den Flugtickets nach. Von 2. August auf 3. August. Dann sehen wir noch einmal nach, der wievielte heute ist – 2. August – sch…
Gott sei Dank hatten wir heute schon umgebaut, sonst hätten wir ein Problem bekommen. Stephan ruft sofort seinen Taxifahrer an und erklärt ihm das Problem, der Fahrer Meldet sich zehn Minuten später, er kann sie trotzdem abholen – puhhh, Glück gehabt. Ich glaube nicht, dass sie so erfreut gewesen wären, wenn sie restliche Nacht am Flughafen verbringen hätten müssen. Dann organisiert Stephan den Haustorschlüssel von Maryanne, die Gott sei Dank zuhause ist. Nachdem alles geregelt ist gehe ich schlafen und bitte Stephan mich zu wecken, sobald sie ankommen, damit ich ihnen nicht ganz verschlafen „Hallo“ sage. Ich schlafe wirklich sofort ein und schlafe tief und fest bis kurz nach 2.00 Uhr, dann weckt mich Stephan. Petra und Amanda kommen, völlig erschöpft vom Flug, setzen sich gleich mal hin und gähnen um die Wette. Stephan bringt Heike in ihre Wohnung, dann gehen wir bald schlafen. Da es nur ein Stockbett gibt, schlafen Petra und Stephan unten zusammen und Amanda und ich oben. Mein Kopf auf dem einen Ende und Amandas Kopf auf dem anderen, es ist aber eigentlich in Ordnung und jede von uns hat genügend Platz.
So war das also gestern.

Um 10.00 Uhr wache ich auf, die anderen schlafen noch. Also stehe ich leise auf, gehe aufs Klo, hole mir ein Buch und lege mich wieder ins Bett. Als Stephan aufwacht richten wir das Frühstück, dann wecken wir die anderen. Um halb 12 steht dann Stephan auf und wir richten Frühstück, dann wecken wir die anderen. Nach dem Frühstück zeigen wir Petra und Amanda die nächste Umgebung und spazieren dann mit Heike zum Youth Centre. Dort stellen wir die Neuankömmlinge vor. Das heißt, wir setzen uns wie immer in einen Kreis und jeder sagt kurz etwas über sich und zu den Gästen. Mit fällt auf, dass die Afrikaner, jedenfalls die, welche ich bis jetzt kennen gelernt habe, sehr höflich sind und dass es ihnen sehr wichtig ist, miteinander und mit ihren  Gästen zu kommunizieren. Da eine Gruppe Studenten aus Oberösterreich zu Besuch in Nairobi sind und auch die Schulen und das Youth Centre von Hands of Care and Hope anschauen, essen wir mit ihnen zum Mittag. Stephan erklärt den Studenten seine Arbeit mit den Jugendlichen und das Hope Theatre. Danach geht dann nach Hause, denn er hat heute sein zweites „Meeting“ mit Kennedy, Ben und Philip, um das Festival im Dezember zu besprechen. Wir Frauen gehen Richtung Korrogocho und ich zeige den „Neuen“ den Markt, das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass ich mal „Touristen“ durch die Slums von Nairobi führe... Danach gehen wir in ein Restaurant, das ganz in der Nähe unserer Wohnung liegt und wo man auch als Weißer ungestört draußen sitzen kann. Es sieht mit seiner Holzveranda aus wie aus einem Westernfilm. das Heike kennt und wo man draußen sitzen kann, auch als Weißer.
Jetzt sitze ich am Tisch und schreibe auf Stephans Computer Tagebuch. Petra sitzt neben mir und schreibt E-Mails. Stephan sitzt gegenüber und zieht sich Socken an, Amanda sitzt im Couchstuhl und starrt müde vor sich hin. Es war ihr erster Tag in Afrika.

Ach ja, noch was ganz Unglaubliches. Schwester Pauline hat mir heute beim Essen mit den Studenten erzählt, dass ein paar Menschen heute Nacht einen Dieb erschossen und dann als Abschreckung verbrannt haben. Ich kann das irgendwie überhaupt nicht glauben, das ist wie im Wilden Westen. Einfach unglaublich, dass man im 21. Jahrhundert einen Menschen erschießen darf, „nur“ weil er etwas gestohlen hat. Kennedy erklärt mir später, dass er das zwar auch nicht gut findet, dass aber das Leben mit den vielen Räuberbanden so unerträglich war, dass der Sicherheitsminister der Polizei das Erschießen ohne Gerichtsbeschluss erlaubt hat und dass die Kriminalität in den Slums seither extrem zurückgegangen ist. Ich kann das zwar nachvollziehen, aber ob ich es gut finde weiß ich nicht. Unglaublich – man darf einfach schießen!!!

Mittwoch, 4. August 2010

Unser heutiges Tagesziel: den Neuankömmlingen die Stadt zeigen. Wir stehen also um 10.00 Uhr auf, frühstücken gemeinsam, gehen hinunter und treffen vor dem Hauseingang Heike und Pastor Idaki, der uns in die Stadt begleitet. Wir fahren mit einem Nissan-Bus in die Stadt. Dort angekommen, staunen wir gleich mal alle – die Stadt ist wie ausgestorben. Kein Mensch ist da, denn der heutige Tag wurde vom Präsidenten zum arbeitsfreien Feiertag erklärt, wegen der Volksbefragung zur neuen Verfassung. Alle Geschäfte sind zu, die meisten Lokale auch und kein Mensch ist auf der Straße. So ruhig ist es sonst nie. Das Votum ist sehr wichtig für Kenia, denn eine neue Verfassung kann den Beginn eines friedlichen Lebens und eines wirtschaftlichen Aufschwungs bringen. Da sogar unser StammcafĂ©, die Savannah Coffee Lounge geschlossen hat, gehen wir in die Java Coffee Bar. Nach dem verspäteten Frühstück zeigt Stephan uns einen öffentlichen Park, der ist wirklich schön. Exotische Pflanzen, Ruhe und eine „Smoking Zone“ für Heike. Während Heike raucht legen Petra, Amanda und ich uns ins Gras und unterhalten uns über Yoga, das kann man in Nairobi wirklich nur an sehr wenigen Plätzen, ruhig im Gras liegen. Amanda und ich beschließen, im Herbst mit Power Yoga anfangen. Petra erklärt, dass das Entspannung, dehnen und Kondition in einem ist – toll, oder?! Na ja, wir werden sehen, ob ich in Europa noch immer so viel Elan haben werde. Nach der Pause im Grünen geht es weiter zum Universitätsgelände – ein schöner Kampus wie in Amerika. Vor dem Eingang steht ein großes Schild: „Corruptionfree Zone“ Auch hier ist alles geschlossen und fast menschenleer. Weil Amanda, Petra und ich aufs Klo müssen, begleitet uns der Portier zum Uni-Klo. Dort entdeckt Amanda eine Schachtel Kondome, die man mitnehmen darf, zum Schutz gegen HIV / Aids. Der kenianische Staat lässt die in China herstellen und stellt sie dann in Kenia gratis zur Verfügung, denn sie dürfen nicht verkauft werden. Nach der Uni geht’s weiter zum National Theatre. Dort soll im Dezember das Festival stattfinden. In einem kleinen Lokal diskutieren wir mit Pastor Idaki, warum alle Heiligen immer als Weiße dargestellt werden, denn es waren Menschen aus dem Mittelmeer Raum und da gab es sicher nicht nur so Weiße wie wir es sind. Und nach der Kolonisation könnten die Afrikaner doch jetzt ihre eigenen Bilder der Christlichen Figuren darstellen. Nach der Diskussion besichtigen wir noch das Rathaus, den Obersten Gerichtshof und die amerikanischen Botschaft, wo sich jetzt eine Gedenkstätte befindet, wegen des Anschlags am 7. August 1998. Vor der Rückfahrt zeigt uns Stephan noch den Bahnhof, der noch ziemlich genau so aussieht wie während des Baus der Bahn von Mombassa zum Victoriasee. Das breite niedere Gebäude sieht aus wie eine Filmkulisse. Heike fotografiert, auf die Bahnsteige darf sie aber ohne Ticket nicht gehen. Eine große afrikanische Familie wartet auf Leute die mit dem Zug kommen werden, die Kinder sind sehr schön angezogen, die Mädchen mit weißen Kleidern die Burschen mit Anzügen. Alles wie im Kino. Zuhause geht Stephan noch zu seinem Metzger und kauft Rindfleisch. Während das frische Fleisch, das von einer großen Keule, die einfach so im Fenster hängt, abgeschnitten wurde, in kleine Würfel geschnitten wird, plaudern die beiden über das Leben hier in Kariobanghi. Stephan gehört schon irgendwie in dieses Viertel, er ist kein Fremder mehr und lebt schon fast normal hier. Als wir bei unserem Haus ankommen, begrüßt uns eine Schar Kinder. Amanda und ich blödeln und spielen ein paar kenianische Spiele mit ihnen, wirklich lustig. Die älteren Mädchen bringen uns einen Händeklatschtanz bei. Doch wir merken, dass wir sehr müde sind und erklären ihnen, dass wir jetzt gehen müssten und morgen weiterspielen können. Doch kaum sitzen wir in am Tisch klopfen die Kinder an unser Türfenster und rufen „Lisa! Lisa!“. Stephan, der am Herd steht ruft gleich „She is coming!“ – so ein Schuft! Also stehen wir auf und gehen noch mal raus und tanzen mit ihnen bis das Essen fertig ist. Das Rindsragout mit Ugali ist wirklich sehr lecker und wir schlagen uns den Bauch voll wie hungrige Löwen. Um halb Neun verabschiedet sich Pastor Idaki, denn langsam wird es auch für ihn gefährlich.
Nach dem Essen mache ich was ich immer mache. Ich checke meine E-Mails, berichte kurz auf Facebook und schreibe jetzt Tagebuch. Danach werde ich duschen und dann ab in die Heia.
Morgen ist wieder ein normaler Probentag. Heike und Petra werden in die Stadt fahren und Amanda überlegt sich noch, ob sie mitkommen will, oder lieber dableiben will.

Pastor Idaki hat heute übrigens wieder eine Geschichte über ihre Traditionen erzählt. Wenn eine Frau ein Huhn fürs Essen zubereitet, darf sie den Magen nicht essen, denn den darf nur ein Mann essen. Wenn jetzt also ihr Ehemann nicht zu Hause ist, kann sie den Magen auch gern dem Bruder, dem Vater, oder ihrem ältesten Sohn geben. Wenn sie ihn aber isst, muss sie als Strafe für eine Zeit lang in ihr Elternhaus zurückgehen. Wenn die Kinder noch klein sind, nimmt sie sie mit, wenn sie schon größer sind, bleiben sie daheim. Nach einer gewissen Zeit darf sie aber wieder zurückkehren.
Das heißt, wenn ich nach Afrika ziehe und mal heirate und dann einfach nicht widerstehen kann, den Magen eines Huhns zu essen, dann werde ich zur Strafe zu meinen Eltern geschickt. Also ich kann mir eine härtere Strafe vorstellen …

Donnerstag, 5. August 2010

Heute ist ein Faulenzer-Tag. Nach der Probe spazieren Stephan, Amanda und ich wieder heim. Amanda und ich legen uns mit einem Buch ins Bett, unterhalten uns ein bisschen und schlafen ein …
Es klopft an der Tür: Petra und Heike, die in der City waren, sind wieder da. Stephan, unser Hausmann, kocht und Petra erzählt, dass sie in einer Buchhandlung eine Kenianerin kennen gelernt hat, die in Schweden studiert hatte und jetzt ein Touristenbüro betreibt. Sie wird für uns die Safari-Tour organisieren mit Nairobi Nationalpark, Karen Blixen Restaurant und Karen Blixen Museum. Das ist eine tolle Neuigkeit, denn da will ich auch unbedingt hin.
Nach dem Essen hängen wir die Weißwäsche auf. Auf zwei Leinen, die wir quer durch die Wohnung gespannt haben. Die Wohnung sieht ein bisschen aus wie ein Campingplatz, die Temperatur passt gut dazu.
Ich werde jetzt ein Postkarten schreiben und dann bald schlafen gehen. Manchmal braucht man so einen faulen Sonntag, auch wenn es ein Donnerstag ist.

Petra hatte heute eine super Idee: wir werden in den nächsten Tagen mal einen „Mädchenabend“ bei Heike veranstalten und uns „Jenseits von Afrika“ ansehen. Robert Redford (*schmacht*) und Meryl Streep!!

Freitag, 6. August 2010

Heute war ein irrer Tag, ich glaube ich stehe noch immer ein bisschen unter Schock, auch wenn ich es zu verdrängen versuche.
Also am Anfang war alles lustig und interessant. Wir sind zuerst mit unserem Nissan Linienbus in die City, haben in einer Hotellaunch Kaffee getrunken und sind dann weiter mit einem großen Linienbus nach Kibera, dem größten Slum Afrikas. Dort wohnt und arbeitet in einer einstöckigen Blechhütte der Maler Mbili mit ein paar Kollegen. Diese Künstlergruppe hatte schon in Europa ein paar Ausstellungen, zujm Beispiel in österreich und Schweden. Die Typen sind echt speziell und freakig, aber sehr sympatisch und die Bilder sind wirklich gut und auch sehr lustig. Die ganze Hütte ist bemalt und verziert und mit lustigen Sätzen und Bildern gestattet, zum Teil im Stil unserer Sprayer. Wir waren bei ihnen, weil Stephan von Mbili das Logo für das Hope Theatre entworfen haben möchte. Denn zum Festival soll die Truppe ein eigenes T-Shirt tragen.
Dann sind wir wieder zurück in die Stadt, haben dort Mittaggegessen und wollten dann mit dem Nissan zurück nachhause fahren. Unser Bus steht noch an der Haltestelle, rundherum wie immer viele Menschen, ich sitze in der hintersten Reihe am geöffneten Fenster, neben mit Amanda und am anderen Fenster Petra. Stephan, Heike, Douglas und kennedy sitzen in den Reihen weiter vorne. Es ist sehr heiß und ich bin froh über den kühlenden Luftzug. Plötzlich klopft ein mann direkt neben Petra ans Fenster und spricht sie an. Ich denk mir schon „Oh Gott, was will der von Petra“ als eine Hand bei meinem Fenster hineingreift, zu meinem Dekoltee, an meinen Ketten reißt und bevor ich noch irgendetwas denken kann ist die Hand wieder weg und der Mann bei Petra ebenfalls. Ich greife zu meinen Ketten und merke sofort,  dass die goldene Kette mit dem Kreuz weg ist. In meinen Fingern spüre ich nur mehr den Verschluss. Es war alles so schnell und so unbeschreiblich, ich habe kaum geschriebn, so überrascht war ich, nur ein bisschen. Alle im Bus haben sich sofort zu mir umgedreht, der Mann vor erklärt, dass das fast jedem einmal passiert, auch einem Einheimischen. Das sind organisierte Banden.
Ich stehe noch immer voll unter Schock, er hat mir nicht wehgetan und das mit der Kette ist zwar echt schade, aber auch nicht sooo schlimm, trotzdem fange ich an zu weinen. Alle sind sehr lieb zu mir und haben vollstes Verständnis. Heike sagt, dass ihr das auch schon einmal passiert ist, ich soll den Schock und die Wut einfach rauslassen, weil das einfach ein wirklich grausiges Gefühl ist.
Als wir aussteigen nimmt mich Stephan in den Arm und ich beginne gleich wieder zu weinen. Das war einfach echt schlimm. Douglas und Kennedy entschuldigen sich beide x-mal bei mir, was ich nicht ganz verstehe, denn sie haben ja nichts getan, sie konnten ja gar nichts tun, es ist ja nicht ihre Schuld. Das versuche ich ihnen auch zu erklären, doch besonders Kenndey fühlt sich echt schuldig. Es macht ihn einfach fertig, wenn jemandem wehgetan wird, oder wenn jemand weint – echt voll nett von ihm. Daheim hab ich gleich meinen ganzen Schmuck abgelegt. Ketten, Ringe und Armbänder – jetzt fühle ich mich irgendwie „nackt“, aber wenigstens gibt es jetzt nichts mehr an mir zu klauen.

Kennedy und Douglas bleiben noch zum Essen, es ist richtig lustig. Sie lesen Amandas Mädchen-Zeitschriften und versuchen Deutsch zu lesen – wir lachen alle, bis uns der Bauch weh tut. Als sie gegangen sind, legen wir uns ins Bett und schlafen und lesen. Am Abend gehe Petra, Amanda und ich (wie schon angekündigt) zu Heike und schauen uns „Jenseits von Afrika“ an. Nach dem Film gehen wir drei durch das dunkle Treppenhaus wieder zurück zu unserer Wohnung. Wir müssen im ersten Treppenhaus vier Stockwerke hinunter, dann den Gang entlang und im zweiten Treppenhaus drei Stockwerke wieder hinauf. ins andere. Es ist schion nach elf Uhr abends und die Haustüre ist bereits geschlossen. Gott sei Dank. Doch plötzlich rüttelt und trommelt jemand ganz heftig an der Türe, ich renne los, wie eine Irre, zu unserer Wohnung, stolpere fast, schlage an unsere Türe bis Stephan aufmacht, dann hinein und hinter ihn. Bis die anderen kommen, das war natürlich übertrieben, aber der heutige Tag war einfach ein bisschen zu viel für mich, aber das gehört wahrscheinlich auch dazu.

Samstag, 07. August 2010

Tagwache: 9.00 Uhr. Frühstück. Um 10.00 Uhr kommen Kennedy und Ephantes und Stephan zeigt ihnen den Kurzfilm im Internet, Heike kommt auch dazu. Dann spazieren wir alle gemeinsam zur Busstation, verabschieden uns von den Jungs und fahren in die Stadt. Ich setze mich aber diesmal in die Mitte, denn am Fenster will ich nicht mehr sitzen. In der Stadt gehen wir gleich zu dem Lokal, wo wir uns mit Maryanne zum Lunch verabredet haben. Maryanne stellt uns ihren Freund und ihre Schwester Christine vor, dann überfallen wir alle zusammen das Buffet. Das Essen ist wirklich nicht schlecht, aber ich muss zugeben, dass Stephan besser kocht, er sollte vielleicht doch ein Lokal aufmachen? Als wir dann schon Kaffee trinken kommt auch Naomi, die Kenianerin mit dem Reisebüro, die Petra vor ein paar Tagen in der Stadt kennen gelernt hat und wir besprechen unseren Ausflug in den Nationalpark. Bin schon voll gespannt wie es wird.
Ach ja, bevor ich es vergesse: in dem Lokal gibt es sieben Flachbildschirme, mit verschiedenen Programmen. In einem Fernseher läuft eine Wissenschaftsserie. über Schweine! Wie sie ihre Jungen bekommen, wie sie operiert werden, wie sie schwimmen lernen und welche Krankheiten sie bekommen können. In einem anderen Fernseher sehen wir etwas ähnliches über Fische. Aufgeschlitzte Fische, Fische in Narkose, hungrige Fische und all so was. Finde ich echt das ideale Programm zum Essen!

Wieder zuhause besucht uns Pastor Idaki zum Kasffee und führt uns anschließend durch den Central Market of Kariobangi – der echt spannend ist. Danach zeigt er uns noch seine Wohnung. Ein winziges Zimmer, zwar in einem gemauerten vierstöckigen Haus, aber in einem viel ärmeren Zustand als unser Wohnhaus, kein Strom, kein fließendes Wasser, Klo am Gang – mein Traum. Er begleitet uns wieder nach Hause, denn für uns alleine ist es jetzt schon zu gefährlich. Es sind sehr viele Menschen auf der Straße, alles ist sehr dunkel, nur offene Feuer und Petroleumlampen vor den vielen kleinen Verkaufsständen  erhellen die Stadt. Mit den vielen dunklen Gestalten wirkt alles sehr ungewohnt und bedrohlich, Stephan sagt, ihn erinnert das Bild an den Film „Blade Runner.“ Ich finde diese Nachtwanderung faszinierend und bin doch froh, als wir sicher zuhause ankommen.

Heute hab ich einen Jungen gesehen, der hatte Pappe als Sohlen und hartes Papier für Schlaufen – das waren seine Schuhe!!!

Da fällt mir noch was ein: auf dem Weg von Pastor Idakis Wohnung zu uns nach Hause zurück, kam einmal plötzlich eine Frau auf mich zu und kitzelte mich kurz.. Ich erschrak furchtbar, ich fiel fast tot um. Als ich mich umdrehte sah ich ihr hellblaues Kopftuch. Sie drehte sich fröhlich grinsend zu mir um.  Ich glaube, dass das die Frau war, die mich immer begrüßt, wenn wir vom Youth Center heimgehen, kurz vor der Brücke. Ich kenne sie eigentlich gar nicht, aber sie scheint mich zu mögen.

Ich glaube ich muss jetzt die nächste Packung Kekse aufmachen. Es hilft nichts, ich bin kekssüchtig. Schlimm… Schlimm… Schlimm…

Sonntag, 8. August 2010

Heute gehen wir in die Kirche von Pastor Idaki, in Korrogocho. Eigentlich ist das die Schule, aber am Sonntag wird sie umfunktioniert und als Kirche verwendet. Die Messe ist unglaublich. Die Leute, die vorbeten, sprechen nicht in dem typischen langsamen salbungsvollen Kirchenton, sondern schreien fast. Der erste Vorbeter klingt so, als ob er richtig zornig wird, leider verstehe ich nicht, was er erzählt. Der Pastor erklärt dann, dass er uns Willkommen geheißen hat – auf das wäre ich nie gekommen. Die Leute stehen auf und singen, bewegen sich zur Musik, klatschen in die Hände und verbinden sich mit der Musik. Mir gefällt die Stimmung wahnsinnig gut, man fühlt sich nicht wie in einer Kirche, wo ich mich irgendwie immer ein bisschen klein fühle. Hier fühle ich mich aufgenommen, als ob ich ein Teil von der Gruppe wäre. Pastor Idaki erzählt von sich und er lacht dabei, die ganze Kirchengemeinschaft lacht mit. Stephan stellt sich auch vor, der Pastor übersetzt. Nach der Messe, drücken uns alle die Hände und lachen uns an. Es ist wirklich ein tolles Gefühl gewesen, bei dieser Messe teilgenommen zu haben. Wir gehen ins Office vom Pastor, ein kleines Zimmerchen, ziemlich dunkel und ziemlich voll gestopft, aber irgendwie gemütlich. Wir quatschen noch, dann gehen wir nach Hause. Dort essen wir zu Mittag und warten auf Ben und Philip, die uns abholen, um dann mit uns nach Mathare zu gehen und ihre Familien zu besuchen. Ben wohnt in einer etwas größeren Hütte, aber dort leben 15 Leute. Seine elf Kinder, er und seine Frau und zwei Brüder von ihm. Zehn seiner elf Kinder hat er aufgenommen, weil sie nach dem schlimmen Bürgerkrieg alle Vollwaisen waren. Wahnsinn, dass einer, der ohnehin nicht viel hat, andere Kinder aufnimmt und ihnen hilft. Philips Wohnung ist winzig und dunkler und auch echt voll gestopft mit Küchengeräten, Büchern und den paar Möbeln. Man kann sich nicht wirklich bewegen, denn wenn man reinkommt stehen da gleich zwei kleine Sofas, zwei Serssel und ein kleiner Couchtisch, an der Wand sind Kartons übereinander gestapelt, dann ist die eine Hälfte des Zimmers auch schon voll. Die andere ist mit einem Vorhang abgetrennt. Dahinter befinden sich die Küche und das Bett. Die Frau von Philip ist eine schöne Frau und total lieb. Sie hat auch für uns gekocht – Fleisch, Nudel, Gemüse und Ugali. Zur Erklärung: Fleisch gibt es nur für Gäste und an Feiertagen, denn Fleisch ist für die Menschen in den Slums viel zu teuer. Nach den Besuchen begleiten uns Ben und Philip wieder nach Hause, Stephan trägt Philips Tochter auf den Schultern. Die strahlt übers ganze Gesicht, weil sie von einem weißen Mann getragen wird – voll süß.

Der Slum hier ist echt richtig arm und wirklich unvorstellbar anders als unsere Welt. überall sind Frauen, Männer, Kinder, Hunde, Hühner, Autos, Geschäfte mit Kleidern, Schuhen, Gemüse, Obst und vieles mehr. Alles mitten auf der Straße. Alles ist staubig und laut und hektisch. Auch wenn ich das alles sehe und wahrnehme, kann ich mir einfach nicht vorstellen hier zu leben, es geht einfach nicht. Ich bin so etwas gewohnt. Wir alle leben in Luxuswohnung mit Strom, fließendem Wasser. Jedes Kind hat sein eigenes Zimmer, Massen an Kleidern, Schuhen, Spielsachen, Büchern. Mein Zimmer ist fast so groß wie die Wohnung von Philip und seiner Familie. Bei uns hat jeder Computer, Handy, Mp3-Player, Playstation. Jeder kann den ganzen Tag so viel essen wie er will. Kann auf Urlaub fahren, Schi fahren gehen – einfach alles. Ich hätte nie geglaubt, dass ich das einmal sagen werde, aber ich bin richtig froh, dass ich in die Schule gehen darf, denn ich habe jetzt gelernt, dass das wirklich nicht selbstverständlich ist, aber einfach lebensnotwendig. Ich habe begriffen, wie gut es mir geht, wie leicht ich es eigentlich im Leben habe. Natürlich kann ich auch eigentlich nichts dafür, dass ich in Europa geboren wurde und in einer Familie aufgewachsen bin, die genügend Geld hat, und ich werde jetzt auch nicht, wenn ich wieder zu Hause bin, alles ablehnen und in Armut leben, damit es gerecht ist. Aber ich denke, dass es wahnsinnig wichtig ist, dass ich das hier alles gesehen habe und ich bin der Meinung, dass alle, die in Wohlstand leben und echt viel besitzen, hier her kommen sollten und sich das hier anschauen sollten, denn dann würden sie vielleicht einmal darüber nachdenken, ob sie diese Jeans, diese Schuhe, diese Tasche, oder ein neues Handy wirklich unbedingt brauchen.
Ich denke, ich habe jetzt gelernt, Dank zu zeigen. Ich weiß jetzt, dass es nicht selbstverständlich ist, alles zu besitzen, alle Möglichkeiten zu haben. Ich hoffe ich schaffe es, das nicht zu vergessen, wenn ich wieder in der „reichen“ Welt bin, wenn ich wieder zu Hause bin. Ich hoffe ich vergesse nicht, das alles in Zukunft mehr zu schätzen, was ich bekomme und was mir ermöglicht wird.

Montag, 9. August 2010

Heute gehen wir auf die Dumping Site – die Müllhalde von Nairobi. Der Anblick ist einfach irre!! Einige Teile sehen auch fast idyllisch aus, weil sie schon wieder zugewachsen sind. Die Müllhalde ist unvorstellbar riesig. Vielleicht so groß wie Villach, meine Heimatstadt. Von weitem sieht man nur eine Schicht bunter Punkte am Boden und Rauch (der Müll wird teilweise verbrannt, oder er entzündet sich auch selbst, extrem giftig, weil da alles dabei ist, Plastik, chemische Produkte, Batterien, Lacke, Krankenhausmüll, Autoreifen, und so weiter). Es stinkt auch furchtbar. Wir gehen ein Stück weiter hinein, mitten in den Müll. Es führen Straßen und Wege durch die Halden, meterdick zusammengetretener Müllboden, dazwischen türmen sich die Müllhügel. Zwischen verfaulten und weggeworfenen Sachen rennen Kinder herum, Schweine schlafen, oder suchen sich etwas zu essen und andere Menschen gehen mit großen Säcken und suchen nach nützlichen Dingen, die sie wieder verkaufen können. An die Müllhalde grenzen Häuser. Ich kann mir nicht vorstellen, hier wohnen zu müssen – einfach furchtbar, unmenschlich. Beim Nachhauseweg gehen wir einen anderen Weg. Wir gehen auf einer Straße, rechts und links neben uns Häuser und Geschäfte. 2007 / 2008 fanden hier schreckliche Kämpfe statt (der Bürgerkrieg nach der Wahl), Menschen schlachteten sich gegenseitig mitten auf der Straße ab. Man kann es gar nicht glauben, wenn man hier jetzt so durch spaziert.
Als wir wieder in Kariobangi ankommen und zum Youth Center gehen, bin ich richtig erschöpft, das Gehen und Schauen und Aufnehmen zugleich ist gar nicht so einfach. Dazu kommt noch die anstrengende verdreckte giftige Höhenlust – Nairobi liegt auf 1600 Meter.

Am Abend gehen wir Frauen zu Heike, damit Stephan noch mal in Ruhe seinen „Bürokram“ erledigen kann und schauen „Dirty Dancing“ (der Film gefällt mir einfach immer wieder und ich bekomme danach jedes Mal Sehnsucht, zu tanzen). Wir gehen zurück in unsere Bude und stören Stephan, der gerade einen Text schreibt für das Hope Theatre. Wir haben gute Laune und irgendwie verpassen wir uns plötzlich andere Namen. Amanda heißt ab sofort Keksi (weil sie die Kekse auch so gerne mag wie ich), ich heiße Toasti (weil wir aus Gesundheitsgründen zwischen den Keksen auch mal einen Toast verspeisen), Petra heißt Bibi (das bedeutet Ehefrau auf Kiswahili) und Stephan heißt hier sowieso Stepho (gesprochen Stiwo), denn so nennen ihn hier alle. Wir beschließen, uns von Pastor Idaki auf diese Namen Taufen zu lassen und lachen uns in den Schlaf, wir alle – Keksi, Bibi, Stepho und Toasti.

Dienstag, 10. August 2010

Stephan und Petra fahren heute in die Stadt, die Safari fertig organisieren und jemanden vom Goethe Institut treffen. Heike, Amanda und ich gehen zur Probe. Heike macht Fotos, Amanda schaut zu und ich probe mit dem Chor. Das ist echt spannend und mir großen Spaß. Es ist nicht so einfach, auf englisch zu erklären, wie man den Atem beim Singen lenken soll und ich verwende Hände und Füße um zu erklären, aber nach der Probe klingt der Chor richtg gut und ich bin ein wenig stolz auf mich. Nach der Probe wollen Amanda und ich heim und uns ein bisschen ausruhen. Also lesen, schlafen, essen und quatschen. Doch es gibt ein Problem – wir haben keinen Schlüssel. Wir spielen im Hof mit den Kindern, aber irgendwann wird uns das zu anstrengend. Wir gehen zu Heike in die Wohnung, denn Petra und Stephan stecken noch immer im Stau. Also beschließen wir zum Kloster zu spazieren und dort den Ersatzschlüssel zu holen. Kaum sind wir wieder zurück, klingelt Heikes Handy – Stephan und Petra sind wieder da. Na, das war eigentlich eh klar. Heike geht noch ins Internet CafĂ©, wir gehen gemeinsam zum Fleischer und kaufen das Fleisch für morgen. Morgen ist ja die große Aufführung von Hope Theatre, dann geht’s ab nach Hause. Daheim gibt es dann endlich Essen – Spaghetti mit Soße. Ich wasche das erste Mal alleine Wäsche (natürlich ohne Waschmaschine) und bin furchtbar stolz auf mich, dass sie wirklich sauber ist. Jetzt ist wieder die Zeit, wo Ruhe einkehrt. Plötzlich fällt der Strom aus. Wir machen aber ganz cool weiter, Stephan kocht das Gulasch für morgen mit Gas, wir lesen bei Kerzenlicht – ziemlich romantisch. Allerdings, wenn man bedenkt, dass uns jetzt eine Kakerlake aufs Hirn fallen kann, denn es ist ziemlich dunkel und die lieben Tierchen sind ja nachtaktiv … Also: Warnung an alle Kakerlaken: sollte mir eins von euch auf den Kopf fallen, schreie so laut, dass euch die Fühler abfallen!

Mittwoch, 11. August 2010

Heute ist die große Aufführung von Hope Theatre. Stephan hat gestern gekocht (Fleisch, Reis und Ugali). Wie spazieren alle zum Youth Center. Marion ist auch da, schön sie wieder mal zu sehen. Wir quatschen ein bisschen, dann setzen wir uns auf unsere Plätze und warten, dass es beginnt. Die Aufführung ist einfach spitze. Die Jugendlichen spielen, singen und tanzen mit voller Energie und setzen alles um, was bei den Proben erarbeitet wurde. Stephan kann wahnsinnig stolz auf seine Truppe sein. Auch mit dem Publikum haben sie Glück, der Saal ist fast voll, es sind wirklich viele Leute gekommen, die „alten Frauen“, Kinder, Freunde von den Jugendlichen und Ben mit seiner Gruppe. Nach einem tosenden Applaus gibt es für die Schauspieler das leckere Stepho - Essen. Danach bespricht Stephan mit Ben, Ephantes und ein paar anderen die To Do – Liste für das Festival. Die Jugendlichen vom Hope – Theatre spielen Musik, tanzen, unterhalten sich – haben Spaß. Amanda und ich schauen zuerst zu, dann werden wir aufgefordert, mitzutanzen. Amanda macht gleich mit und stellt sich gar nicht so doof an, es sieht wirklich gut aus und Maggie und Terry nehmen sie gleich unter ihre Fittiche. Ich tanze zwar auch gern und ich mache zuerst mit, aber dann setzte ich mich hin und schaue lieber zu. Ich unterhalte mich lange mit Ben, dann mit Duncan. Beide sind wirklich nett und man kann sich super mit ihnen unterhalten. Später sind dann doch auch die Schauspieler müde und die Tanzgemeinschaft löst sich auf. Amanda, Kennedy und ich setzen uns zusammen und albern herum. Kennedy schenkt mir sein Tuch, das er immer zum Tanzen verwendet, es ist ein traditionelles Tuch der Massai. Ich versuche ihn zu erklären, dass ich das nicht annehmen kann, denn ich bin der Meinung, dass das viel zu kostbar ist. Er antwortet mir, dass ihn gerade sehr verletzt habe. Das hatte ich natürlich nicht vor. Ich rede und rede und denke mir, wie blöd das ist, dass er kein Deutsch versteht, denn auf Deutsch kann ich viel besser erklären und diskutieren. Am Ende nehme ich es dankend an und hoffe, dass er nicht mehr beleidigt ist. Ich glaube, dass es hier sehr wichtig ist, beim Tanzen mitzumachen, Geschenke anzunehmen und in der Diskussionsrunde auch etwas zu sagen. Denn wenn man das nicht macht, dann sehen sie das als Beleidigung.

Der Tag war wirklich lustig, es hat wirklich Spaß gemacht viel Zeit mit den Jugendlichen zu verbringen.

Donnerstag, 12. August 2010

Der Wecker klingelt – 6.00 Uhr. Oh Gott, so früh aufstehen erinnert mich voll an Schule – bäh … Wir frühstücken kurz und machen uns schnell fertig, dann springen wir die Treppen hinunter. Draußen vor der Tür warten schon Heike, Marion und Claudia (Claudia ist im Auftrag der Charitas da). Wir gehen zur Matatuhaltestelle und fahren in die Stadt, wo uns schon der Fahrer mit dem Jeep erwartet, mit dem wir auf Safari fahren.
Ich bin aufgeregt und freue mich riesig! Wir fahren durch eine sehr schöne Landschaft, afrikanische Steppe mit diesen typischen flachen Bäumen, die man aus dem Kino kennt. Ich atme tief ein, die Luft hier ist wirklich herrlich. Es riecht nach Wiese, Bäumen, wilden Tieren und nach Safarileben. Auf einmal schreit Stephan: „Schaut mal!“ Alle schauen in die Richtung, in die er zeigt. Wir sehen eine Herde von Hard Beasts, das ist die größte Antilopenart und wir entdecken auch ein paar Zebras. Alle sind begeistert. Das Auto bleibt stehen, damit wir Fotos machen können. Als wir alle ungefähr 100 Bilder gemacht haben, geht’s weiter. Wir sehen immer wieder ein paar von diesen Antilopen. Beim nächsten Stehenbleiben sehen wir drei Affen auf einem Baum. Dass der Fahrer immer genau richtig stehen bleibt, haben wir Claudia zu verdanken, denn sie brüllt immer gleich „Stopp! Stopp! Stopp!“, sobald irgendein Tier entdeckt wird. Als nächsten sehen wir wirklich echte Giraffen, gleich zwei, in wenigen Metern Entfernung! Unglaublich – ganz ruhig überquert das männliche Tier direkt vor unserem Auto die Straße. Diese Tiere sind wirklich wunderschön und wirken stolz und edel.
Auf unserer weiteren Fahrt sehen wir immer wieder Antilopen und Zebras, Strauße, eine Herde Büffel und viele wunderschöne Vögel. Die meiste Zeit stehen wir alle, denn bei dem Auto kann man das Dach anheben, damit man besser raus sieht. Später sehen wir noch einmal Giraffen, noch näher als beim ersten Mal. Sogar der Fahrer ist überrascht über diese Nähe. Zuerst schaut sie uns an, isst ein paar Blätter, dann geht sie knapp an unserem Auto vorbei. Wir fotografieren wie die Wilden. Später sehen wir sogar ein Nilpferd, auch sehr nahe an unserem Auto. Es sieht uns lange an, dann dreht es sich um, streckt uns seinen Hintern entgegen und verteilt seine Kacke mit seinem Schwanz, der zu einem Propeller umfunktioniert wird, als Warnung für den Feind, also für uns. Der Fahrer hat bei diesem Tier, obwohl wir stehen, den Motor angelassen und nach der Warnung fahren wir auch gleich weiter. Das Nilpferd ist ein gefährliches Tier. Nach dem Moskito (Malaria) das Tier mit den meisten tödlichen Angriffen auf den Menschen.

Danach beenden wir die Safari und fahren zum Karen Blixen Coffe Shop, um in einem paradiesischen Garten zu Mittag zu essen. Es ist herrlich ruhig und wunderschön. Ich kann es mir nicht verkneifen eine Pizza Margherita zu bestellen. Als Nachspeise bestellen wir für uns alle einen Teller mit allen Dessertarten, von jedem gibt es ein kleines Stück. Das Essen hier ist echt lecker.

Danach fahren wir noch ins Karen Blixen Museum. Das befindet sich in dem Haus, in dem sie wirklich gelebt hat. Im Museum sind Möbel und Sachen ausgestellt, die teilweise aus dem Film stammen zum Großteil aber Originale  aus der Zeit ihres Lebens dort sind. Das Haus und die Parkanlage sehen aus wie im Kino und zum ersten Mal erlebe ich, dass etwas so Schönes aus dem Kino aussehen kann wie die Wirklichkeit. Ich könne mir gut vorstellen hier für eine Zeit zu leben, aber natürlich nicht allein, sonder mit Dennys Finch Hatton.

Bach einem wirklich bezaubernden Tag fahren wir glücklich und müde wieder nach Hause. Ich gehe duschen und Haare waschen. Gerade als ich zum Shampoo greifen will spüre ich, dass Wasserdruck und Temperatur nachlassen bis – kein Wasser mehr. Na toll! Ich steige also in ein Handtuch gewickelt aus der Dusche. Da man nicht sagen kann, wann genau das Wasser wieder kommt, mir nur eine Möglichkeit: Ich wasche meine Haare über dem Waschbecken in der Küche, mit einem Krug Wasser. Amanda erklärt sich netterweise bereit, mir zu helfen. Sie mischt kaltes Wasser mit heißem aus dem Wasserkocher und schüttet es mir über den Kopf. Dann shampooniere ich die Haare ein und sie hilft mir beim auswaschen. Stephan macht Fotos vom Shampootoasti. Na das kann ja was werden …!

Freitag, 13. August 2010

Der Wecker klingelt: 5.20 Uhr (also ist Freitag, der 13. doch ein Unglückstag). Ich bleibe noch kurz liegen, um ein bisschen munter zu werden. Dann hüpfe ich aus dem Bett. Alle schlurfen wie Tote durch das Zimmer (wahrscheinlich sind wir das auch wirklich – Zombies). Punkt 6.00 Uhr treffen wir vor dem Haus Heike und Pastor Idaki. Gemeinsam spazieren wir zur Bushaltestelle und fahren in die City. Das heftige Schaukeln beim Fahren ist wie eine Wiege, nur brutaler, wir haben mal wieder einen Rennfahrer erwischt … In der Stadt angekommen gehen wir ein kurzes Stück durch eine unangenehme Straße mit seltsamen Lokalen und Buden zum Busbahnhof von Easy Coach. Dort trinken wir einen Kaffee, essen ein Mandazi und stehen uns die Füße in den Bauch. Als unser Bus endlich kommt, bin ich richtig kribbelig vor lauter Aufregung – jetzt sehen wir das „richtige“ Afrika! Vor dem Einsteigen werden wir von einer Security Frau kontrolliert, dann beziehen wir unsere Plätze. Da ich die Strecke raus aus der Stadt schon kenne und echt müde bin, schlafe ich gleich mal eine Runde.
Als ich aufwache schaue ich aus dem Fenster und sehe nur grün, dazwischen rotbraune Flecken. Die afrikanische Erde, Bäume, Büsche, Felder, dazwischen Lehmhütten, Blechhütten, Steinhäuser, Geschäfte, Menschen, Schafe, Kühe, Esel, Kinder … Und die Farben von allem – einfach unglaublich! Ich schalte meinen MP3-Player ein und genieße die Aussicht mit Phil Collins, Alanis Morisette und The Cranberries. So habe ich mir Afrika vorgestellt. Bei der ersten Pause gibt es Obstsalat für die Großen und Eis für Amanda und mich. Die Luft ist heiß, wir sind nicht mehr so hoch oben wie in Nairobi und die äquatorsonne sticht ganz schön, obwohl Winter ist … Bei der nächsten Pause lernt Amanda einen Mann kennen, der perfekt Deutsch kann, weil er sieben Jahre in Frankfurt gearbeitet hat. Der hätte uns am liebsten gar nicht mehr gehen lassen. Irgendwann während der Fahrt höre ich, wie Heike zu Pastor Idaki „Kakerlake“ sagt. Ich drehe mich zu ihr um und frage sie, worüber sie spricht. Sie erklärt ganz ruhig: „Na, zwei sind gerade zu dir vorgekrabbelt!“ Zuerst denke ich, dass sie einen Spaß macht, doch dann sehe ich die beiden Tierchen neben mir im Fensterspalt. Ich setze mich mit einem Schrei auf Amandas Schoß. Stephan versucht mich zu beruhigen, dass die Tiere nicht auf mich klettern werden, weil es ja hell ist. Ich glaube zwar nicht, dass er recht hat, setze mich aber dann doch wieder auf meinen Platz.

Als wir nach sieben Stunden Busfahrt ankommen, checken wir gleich ins Hotel ein (Amanda und ich schlafen zusammen). Die Zimmer sind nicht umwerfend schön, aber in Ordnung. Vor dem einstöckigen Haus befindet sich eine Terrasse wie in den Westernfilmen, dort verabreden wir uns.

Wir werden vom Bischof abgeholt und fahren zum Haus von Pastor Idakis Familie. Und ich stelle fest, dass es das Afrika aus dem Bilderbuch auch gibt. Unter mehreren Palmen stehen drei Lehmhäuser, davor eine Kuh, zwei Ziegen, ein paar Hühner und zwanzig Kinder. Sechs Kinder sind von Pastor und seiner Frau, die anderen von seinen Geschwistern, die in den anderen Häusern und in der Nähe wohnen. Ich bin richtig gerührt, wie nett wir begrüßt und empfangen werden, in dieser wahnsinnig friedlichen Gegend. Später erfahren wir, dass wir die ersten Weißen sind die zu ihnen kommen – das ist wirklich eine Ehre, finde ich. Nachdem wir alle begrüßt haben, gehen wir ins Haus und trinken Kaffee (oder Kakao), so verlangt es die Tradition der Maragoli (eine „Untergruppe“ der Luos). Auch seine Eltern und zwei seiner Brüder mit ihren Frauen sitzen beim Kaffee und wir unterhalten uns. Ich übernehme das jüngste Kind von Pastor und seiner Frau, das gleich bei mir einschläft. (Emanuel, zehn Monate alt und einfach nur zum Fressen). Ich erfahre, dass alle Kinder dem Opa gehören. In der Früh, wenn sie aufstehen, gehen sie als Erstes zu ihm und bekommen Frühstück. Ich finde diese Tradition wirklich schön und muss dabei sehr an meinen Opa denken. Ich vermisse ihn. Ich traue mich den ganzen Abend nicht mehr den Opa von hier anzuschauen, weil ich spüre, wie mir dann die Tränen in die Augen schießen.
Wir bekommen auch noch Essen (Reis, Kartoffel, Bananenmus und Fleisch mit Soße). Ich unterhalte mich mit Pastors Frau, sie ist sooo lieb und sagt mir ungefähr fünf Mal, wie sehr sie sich freut, dass wir hier sind. Alle sind so nett und so gastfreundlich – echt unglaublich.
Nach dem Essen müssen wir gehen (bzw fahren), denn jetzt ist es schon stockdunkel. Der Pastor, der Bischof, Silvia (die Tochter vom Pastor) und ein paar Andere begleiten uns, dann sagen wir „usiku mwema“ (gute Nacht).

Der Sternenhimmel hier ist wirklich unglaublich intensiv. Die Sterne leuchten hier heller und es kommt mir auch so vor, als ob sie näher wären. Amanda sieht während dem Nachhausefahren sogar zwei Sternschnuppen.

übrigens ein Preisvergleich:
Die Hin- und Retourfahrt von Nairobi nach Mbale (Fahrtzeit cirka sieben, acht Stunden), kostet gleich viel, wie zwei bunte Tücher aus dem Shop im Karen Blixen Museum. Irre, oder?!

Mir gefällt es hier im „richtigen“ Afrika wirklich gut, obwohl ich noch nicht viel gesehen habe. Die Landschaft ist so schön und die Menschen sind alle extrem gastfreundlich und liebevoll. Zu uns, aber auch untereinander. Eine große herzliche Familie. Ich verstehe, warum Stephan auch sein weniges privates Geld für die Menschen hier verschenkt, es gibt Wichtigeres als neue Schuhe.

Samstag, 14. August 2010

Aufstehen: 6.30 Uhr. (Englisches) Frühstück ist in Ordnung. Dann geht’s auch schon gleich los. Der Bischof holt uns ab uns setzt uns ins Matatu. Im Center treffen wir den Pastor und drei seiner Kinder, die auch mitfahren. Wir fahren nach Kisumu – zum Viktoria See. Das letzte Stück zum See gehen wir zu Fuß. Der See hat zwar keine schöne Farbe, aber ich bin trotzdem voll fasziniert. Es ist einfach unglaublich. Ich fühle mich wie am Meer. Ein Mann macht mit uns eine kleine Führung und so können wir uns die größte Fähre Kenias am Viktoria See, die gerade vor Anker liegt, ganz genau anschauen und auf die Kommandobrücke gehen.
Dann gehen wir in die Stadt zurück, auf dem Weg sehen wir zwei Affen – voll süß! Mittlerweile ist es richtig heißt geworden und wir sind alle durstig. Wir trinken und essen eine Kleinigkeit, mitten am „Matatubahnhof“ von Kisumu, dem Endbahnhof der Eisenbahn. Danach wollen wir zu einem Markt, wo man Geschenke kaufen kann. Pastor fragt uns, ob es in Ordnung ist, wenn wir mit dem Fahrrad fahren. Ich verstehe zuerst nicht, was er genau damit meint, aber dann kapiere ich: vor uns stehen Männer mit Fahrrädern, die Kissen auf den gepäckträgern montiert haben, das billigste Taxi. Ich habe zuerst etwas Angst, aber dann steige ich, so wie die anderen, doch auf. Für meine Füße gibt es zwei Fußstützen. Zuerst bin ich noch ein bisschen verkrampft, aber dann genieße ich die Fahrt. Es macht echt Spaß. Leider ist es viel zu schnell vorbei. Aber der Markt ist auch wunderschön. überall sind Stände, alles voll mit diversen Souvenirs aus der Region, die hier natürlich viel weniger kosten als in Nairobi. Entscheidungen zu treffen fällt hier richtig schwer, weil alles sehr schön ist, doch am Ende haben wir alle gefunden, was wir haben wollten.
Dann geht’s mit dem Rad wieder zurück und von dort aus mit dem Matatu zurück und zur Kirche, wo wir von der Kirchengemeinde vom Bischof und Pastor Idaki erwartet werden. Allerdings gibt es gar keine richtige Kirche. Sondern einen sehr langen Prozessionszug. Die Leute tragen alle einen weißen Umhang mit rosa / hellblauem Rand und Kappen, sie singen, tanzen und trommeln, während sie die Straße entlang gehen. Wir gehen ca. eine Stunde durch die Hitze der afrikanischen Sonne die Straße entlang, bis wir ein einen Waldweg einbiegen. Bald klettert der ganze Zug einen Hang hinauf und wir erreichen eine Lichtung auf dem Hügel, die von großen runden Steinen und Felsen eingefasst ist. Als alle angekommen sind, etwa zweihundert Personen und zahlreiche Kinder, setzen wir uns alle auf Felsen oder ins Gras, die Fahnen werden in die Erde gesteckt.
Dann beginnt die Messe. In der Mitte der Lichtung stehen die Pastoren, die vorbeten. Aber so richtig in unserem Sinne beten sie glaube ich gar nicht, sie erzählen einfach. Dann werden uns die Pastoren der Regionen vorgestellt, Frauen und Männer, auch „Mama Kenia,“ so wird die älteste Frau des Ordens genannt. Auch Stephan hält eine Begrüßungsrede.
Nach der Messe werden wir von Motorradtaxis zum Haus von Pastors Familie gebracht. Dort gibt’s wieder leckeres Essen. Amanda und ich müssen irgendwann aufs Klo, das befindet sich mitten im Maisfeld und besteht aus einer kleinen Lehmhütte und natürlich ist es ein Plumpsklo mit ungefähr einer Million Fliegen, aber eigentlich ist es erträglich.

Beim Zurückfahren zum Hotel singen wir die ganze Zeit. Lieder aus österreich und Popsongs. Das macht richtig Spaß. Ich singe auch „Gabriella’s Song“. Die Fahrt war echt schön und unsere afrikanischen Freunde hören uns begeistert zu.

Jetzt sitzen wir vor dem Hotel, trinken Tee und schauen in den Nachthimmel. Wie die Menschen in den Filmen …

Western Province ist echt unglaublich!

Sonntag, 15. August 2010

Heute ist unser letzter Tag in der schönen afrikanischen Landschaft. Wir frühstücken auf der Terrasse. Wir genießen das gemütliche Abhängen und die Ruhe. Um halb zwölf Uhr kommt der Pastor mit Brian, seinem Sohn. Wir trinken noch einen Kaffee, dann steigen wir in ein Matatu und fahren ein kurzes Stück bis zu einem Saal, dem Zentrum der Kirchengemeinde. Diese Lehmhütte ist ungefähr zehn Meter lang und acht Meter breit und noch nicht fertig. Amanda und ich warten vor der Kirche, die anderen warten drinnen, wir erfahren, dass wir Gastgeschenke bekommen sollen. Hier dauert alles ein wenig länger, denn niemand hat Eile. Plötzlich kommt die liebe „Mama Kenya“ bei der Hand und zieht uns mit sich. Wir haben keine Ahnung, wohin sie gehen will und was sie uns auf Kiwahili erzählt, aber ich lache mit ihr und freue mich, dass sie so glücklich ist. Plötzlich biegt sie nach links ab, in einen Garten – das ist ihr Haus. Sie lebt hier mit ihren Enkelkindern, denn die Eltern der Kinder, also ihre Kinder, sind tot. Sie zeigt uns auch die Grabsteine von ihrem Mann, ihrem Sohn und ihrer Tochter. Anscheinend ist es hier so üblich, dass die Angehörigen mitten im Garten begraben werden. Dann zeigt sie uns noch ihre kleine Teeplantage und steckt Amanda und mir Teezweige in die Haare. Danach spazieren wir wieder zurück in die Kirche. Dort erhalten wir unsere kleinen Geschenke (klein – die Untertreibung des Jahres). Stephan ist der Erste. Er bekommt eine traditionelle Pfanne und einen Karton, mit etwas zu essen drin. Petra bekommt einen Korb (den trägt man auf dem Kopf und das darf sie gleich mal vorführen – wie am Laufsteg). Heike bekommt dasselbe. Amanda und ich bekommen einen Lehmkrug für Wasser und auch einen Korb. Ach ja, Heike und Petra bekommen auch noch einen Lehmtopf (für Gemüse). Es ist wirklich eine wunderschöne Atmosphäre in der Kirche. Alle sind so glücklich und freuen sich und lachen – einfach unbeschreiblich. Danach verabschieden wir uns und beginnen unsere Wanderung durch die großartige Landschaft. Es ist eine Hügellandschaft, von weiter weg hat man immer das Gefühl, dass der nächste Hügel ohne Häuser und nur bewaldet ist, aber wenn man ihn dann erreicht hat, sind es doch wieder lauter kleine Grundstücke mit ein paar Häusern, Palmen und Büschen, kleine Teeplantagen, Kuhweiden und zahlreichen Kindern. Der nächste Stopp ist das Haus vom Bischof. Er hat ein ziemlich großes und schönes Haus. Die Wände innen sind vollkommen ausgekleidet mit Fotos und Zeitungsartikel. Man vergisst, dass hinter diesen bunten Wänden alles aus Lehm ist, mit Kuhdung vermischt. Dann geht’s weiter. Es ist wie im Paradies. Wir fühlen uns alle sauwohl.
Nachdem wir die Highschool besucht haben, in der auch der Pastor zur Schule gegangen ist – eine große, teilweise mit Ziegel gemauerte Halle – werden wir wieder mit Motorrädern zum Pastor gefahren. Ich finde das echt lustig, dass Fahrräder und so kleine Motorräder hier richtige Verkehrsmittel sind. Beim Pastor gibt es wieder die übliche herzliche Begrüßungszeremonie, dann plaudern und spielen mit den Kindern. Ich such mir ein neues Baby, weil Heike mir den kleinen Emanuel weggeschnappt hat.
Dann beginnt das besondere Ereignis: wir feiern Pastors 40sten Geburtstag. Mit Gesang und gutem Essen. Stephan hat in einem Gespräch mit ihm erfahren, dass er vierzig wird und uns zuliebe gibt es nun Party, denn der Pastor hat noch nie Geburtstage gefeiert. Nach dem Essen macht Heike draußen Familienfotos. Alle Familien wollen in unterschiedlichen Besetzungen fotografiert werden, ich schaue zu, es ist echt lustig. Dann trinken wir noch gemeinsam Tee (in meinem Fall Kakao) und brechen auf.

Die Kinder vom Pastor sind alle voll traurig, einige weinen sogar. Sie tun mir richtig leid, denn sie wissen nicht, wann genau sie ihren Papa wieder sehen werden. Schlimmsten Falls erst wieder im Dezember und das ist wirklich richtig lang. Die Fahrt ist für den Pastor sehr teuer, diesmal hat Stephan alles für ihn  bezahlt, aber das geht natürlich nicht jeden Monat.

Jetzt sitzen wir vor unserem Hotel und warten auf den Bus. Morgen erleben wir sicher alle einen kleinen Kulturschock, denn dann sind wir wieder in Nairobi, in der Stadt, im Slum, mit tausenden von Menschen. Und alles ist so hektisch.
Und dann werden wir noch einmal einen Kulturschock erleben, wenn wir wieder in Europa sind. Trotzdem freue ich mich jetzt auch schon auf daheim.

Ich finde es hier wirklich schön und habe mich super eingelebt, aber das Leben hier ist für mich so, als ob man im Meer nur mit einer Taucherbrille schnorchelt. Irgendwann geht einem einfach die Luft aus und man muss auftauchen und nach Luft schnappen.

Montag, 16., Dienstag, 17. (und ein bisschen Sonntag, 15. August) 2010

Kurz nach 21.00 Uhr ist es dann so weit. Abfahrt. Der Buschauffeur fährt wie ein Irrer, versucht, wie ein Ralleyfahrer den vielen Schlaglöchern auszuweichen, ich bin noch nie in einem Bus gesessen, der mit quietschenden Reifen durch die Kurven gedonnert ist. Zuerst bin ich sprachlos, dann verärgert, dann schlafe ich ein. Wir kommen über eine Stunde früher an, als im Plan steht, mir tut alles weh und wir müssen auf dem abgeschlossenen Busterminal in Nairobi warten, da 4:30 keine Zeit ist, auf die Straße zu gehen. Das haben wir nun von der Raserei. Also warten wir hier im Finsteren, in der Kälte und versuchen mit dummen Sprüchen und Lachattacken (keiner weiß aber warum er lacht) die Zeit totzuschlagen. Als wir es endlich geschafft haben führt uns der Pastor zur Matatuhaltestelle und wir fahren nach Hause. Er begleitet uns sogar noch zu unserem Haus, dann geht auch er in seine Wohnung. Natürlich gehen wir alle gleich ins Bett, denn auch wenn wir im Bus geschlafen haben, haben wir wahnsinnige Sehnsucht nach einer Matratze. Wir schlafen bis halb elf, Stephan ist als Erster munter und fängt schon mal zu packen an und geht dann ins Youth Center, dort ist heute die Abschiedsbesprechung von ihm und den Jugendlichen.
Wir drei Mädels frühstücken erstmal in Ruhe, dann beginnen Petra und Amanda, ihre Sachen zusammenzuklauben. Ich setzte mich vor den Computer, schreibe E-Mails nach Kärnten und tippe mein handgeschriebenes Tagebuch vom Wochenende ab. Dann packe auch ich meine Sachen, doch als ich meinen Koffer aus Heikes Wohnung holen will, geht die Türe nicht auf. Zuerst denke ich, die Türe klemmt, dann probieren  wir zu dritt, aber keine Chance. Es ist wohl so, dass uns Stephan eingesperrt hat. Irgendwie echt lustig. Drei weiße Frauen aus Europa, ganz allein, eingesperrt in einer Wohnung, die nur aus einem Zimmer besteht, mitten im Slum von Nairobi. Nach dem ersten Schock beschließen wir, erstmal weiter zu packen und aufzuräumen aber irgendwann wird die Situation echt blöd, weil wir ja auch ins Youth Center kommen sollten. Und Stephan hat sicher wie immer sein Handy auf lautlos. Mandi schlägt vor, jemanden, der draußen vorbeigeht durch das Fenster der Türe zu bitten, dass er aufmachen soll.

Zur Erklärung: die afrikanischen Wohnungen haben Eisentüren, die mit einem  dicken Eisenstab verriegelt werden. Von außen klappt man den Riegel dann noch über eine Metallschlaufe, und fixiert daran das Vorhängeschloss. Drinnen schiebt man einfach den Riegel vor. Wenn man den Riegel außen über diese Schlaufe gibt, dann kann man von innen nicht mehr aufmachen. Auch wenn man das Vorhängeschloss in der Wohnung gelassen hat.

Als eine Frau vorbei kommt klopfen wir an die Tür und schreien und zeigen, dass sie aufmachen soll. Sie kapiert und rettet uns. Wahrscheinlich passiert das den Einheimischen auch hin und wieder. Denn es gibt nichts Schlimmeres, als die Wohnungstür aufzulassen, also verschließt man ganz automatisch die Wohnung von außen, wenn niemand drinnen ist. Und wenn die anderen, also in dem Fall wir, schlafen, dann bleibt die Wohnungstür offen, und wenn man, also in dem Fall Stephan, nach rasender Nachtfahrt und kurzem Tagschlaf und Verabschiedungsrede im Kopf die Wohnung verlässt … Ja, überlegen wir, so muss es gewesen sein. Nach unserer Befreiungsaktion beschließen wir, gleich iuns Youth Center zu gehen, damit wir nicht zu spät zum Verabschieden kommen.
Wir essen zusammen noch ein letztes Mal Tchai & Mandazi. Dann macht Heike noch Gruppenfotos und dann verabschieden wir uns. Ich werde die Truppe wirklich vermissen, denn sie sind wirklich nette Menschen, mit denen man Spaß haben kann und die echt was drauf haben (tanzen, singen, schauspielern – das muss man ihnen mal nachmachen). Ein bisschen traurig gehen wir nachhause, später kommen Ben und Philip zum Tschüss sagen, dann packen wir fertig und gehen ins Kloster, dort sind wir alle zum Abendessen eingeladen. Claudia und Marion sind auch da und Schwester Rivana und Schwester Lydia. Weil das ja heute ein besonderes Essen ist, hat Schwester Lydia extra beim Italiener Lasagne bestellt (kann sie Gedanken lesen, oder woher weiß sie, dass ich süchtig danach bin?!). Nach dem köstlichen Essen verabschieden wir uns auch hier – irgendwie kommt mir das Wort Abschied heute zu oft vor!

Zuhause kommt noch Maryanne vorbei, um sich zu verabschieden (schon wieder Abschied) und begleitet uns noch vor die Haustüre. Unser Taxifahrer hat verpennt, aber wir kommen pünktlich am Flughafen an. Auch, weil Stephan das Taxi so rechtzeitig bestellt hatte, dass die Verspätung nichts ausmacht. Wir hatten ja ursprünglich gemosert, dass wir so früh losfahren müssen, aber jetzt sind wir doch froh. Nachdem sich ein kleines Problem wegen Heikes, Amandas und Petras Buchung geklärt hat können wir einchecken und nach dem üblichen Flughafen – Wartekaffee steigen wir ein und fliegen los. Nach kurzer Zwischenlandung in Uganda, wo ein paar Menschen aussteigen und andere wie bei der Eisenbahn einsteigen, fliegen wir weiter. In Addis Abeba warten wir auf den Anschlussmaschine und dann geht’s nach Frankfurt. Ich lese und schlafe abwechselnd. topfit und gelaunt. Von da geht es dann richtig heim – nach Frankfurt. Die letzte Stunde zieht sich dann wieder, wie immer.

Lustig ist, dass in unserem Flugzeug einige weiße Paare mit schwarzen Babys sind, wohl adoptierte Kinder. So viele Adoptiveltern auf einem Haufen habe ich noch nie gesehen. Vielleicht waren die Babys im Angebot, Amanda und ich hätten auch gern eines gehabt, die sind nämlich echt süß.

Dann kommen wir endlich in Frankfurt an, fahren von dort noch ein Stück mit dem Zug und sind dann in Stuttgart – zu Hause (also so ein leichtes Gefühl habe ich wirklich, als ich durch die Türe gehe, vielleicht, weil ich jetzt mit den anderen zusammengelebt habe und dass wie daheim war). Stephans Sohn Jonathan ist auch da und isst mit uns zu Abend. Wir erzählen ihm, was wir erlebt haben und zeigen ihm ein paar Fotos.

Zwei Sachen habe ich vergessen:

  1. Als wir am zweiten Morgen auf der Hotelterrasse unseres Hotels in der Western Province bei unserem gemütlichen Frühstück saßen sprach uns plötzlich ein mann mit zwei kleinen Kindern im Schlepptau an, erzählte uns, wie er heißt und von wo er ist und dass er uns nicht stören will, aber seine Tochter wollte uns so gerne von der Nähe sehen, denn sie hat noch nie Weiße gesehen. Ich finde das irgendwie unglaublich und auch voll lieb, dass er einfach herkommt, um seinen Kindern weiße Menschen zu zeigen. Echt lustig!
  2. Als wir mit Pastor Idaki und seinen Kindern mit dem Matatu-Bus von unserem Hotel zum Victoriasee gefahren sind (also mit einem öffentliches Verkehrsmittel, in dem auch andere Menschen drin sitzen, nicht nur wir) hält der Fahrer plötzlich auf offener Strecke an. Ein Sohn vom Pastor steigt aus und pinkelt an den Straßenrand. Ich finde das so lieb und lustig, dass deswegen ein öffentliches Verkehrsmittel stehen bleibt. Einfach unvorstellbar in Europa

Jetzt sind wir wieder da. Morgen fahre ich mit dem Zug nach Villach – freu mich jetzt echt schon wahnsinnig auf daheim! Was mir auffällt, ist, dass es hier viel weniger hektisch ist, obwohl Stuttgart eigentlich schon eine große Stadt ist und dass die Leute irgendwie alle viel unfreundlicher und grantiger wirken. Das geht mir jetzt schon ab – die Lebensfreude der Afrikaner.

Außerdem ist es echt komisch, die Leute hier sehen alle so blass aus.
Richtig unheimlich!