Das Tagebuch zu meinem ersten Nairobiaufenthalt

April, Mai 2009
Stephan Bruckmeier

31. März

Einchecken und Aufenthalt am Airport München wie vor jedem anderen Flug, Wien, Paris, New York, die Menschen benehmen sich wie immer, alles hat eine leicht übertriebene freundliche Geschäftigkeit, der Kaffee schmeckt, ich führe die letzten Telefonate, verschicke die letzten sms, „melde mich wieder aus Kenia, Busserl, s“

Das Essen bei Egypt Air schmeckt wie bei jeder anderen Fluggesellschaft teigig, künstlich und wird trotzdem zelebriert. So vergeht die Zeit und der Flug hat etwas Erdverbundenes. Neben mir sitzt ein älteres Ehepaar aus dem ehemaligen deutschen Osten und kann kein Englisch. Ich übersetzte die Fragen und Bitten des Flugpersonals, dann schlafe ich eine halbe Stunde.

Auf dem Flughafen in Kairo herrscht ein anderer Ton als in München. Die Menschen lächeln freundlich, sind aber zackig in ihren Anweisungen und kennen keinen Widerspruch. „Transit, links warten.“ Eine jüngere Dame fragt ungläubig, „in diesem Loch?“ – „Transit links warten,“ wiederholt der Mann mit demselben Tonfall, noch etwas freundlicher vielleicht und bestimmter. Wir schweigen und warten. Nicht, dass wir Angst haben, natürlich nicht, aber man bekommt sofort eine Vorstellung davon, was es hier heißt, auf der falschen Seite zu sein. Nach wenigen Minuten werden wir zum Bus geführt der uns in die Abflughalle bringt. Ein sehr freundlicher Herr, der dritte sehr freundliche Herr seit wir das Flugzeug verlassen haben, weist uns bestimmten Schreibtischen zu und da fällt auf, was so anders ist als in München. Wir dürfen nicht mehr selber wählen.

In der Abflughalle mischen sich große Gruppen weiß umhüllter Araberinnen, nicht ohne Gesichtstuch und weiß umhüllter Araber, nicht ohne rotweiß kariertes Kopftuch mit dunkelhäutigen Anzugmenschen. Viele haben einen Laptop, die einen zum Spielen, die anderen zum Geschäfte machen, die Frauen bearbeiten Gameboys, die Kinder stopfen Schokolade in sich hinein, als Hintergrund für dieses Stillleben dienen Starbucks, McDonalds, Pizzahut und Parfümläden, wie überall auf der ganzen Welt. Ich trinke einen Capuccino „Made in Vienna“ und werde müde.

Kurz nachdem wir mit einem kleineren und älteren Flugzeug von Kairo abgehoben haben ist der Tag zu Ende.

1. April

Egypt Air bietet auf allen Strecken dasselbe Essen und denselben Film, das ist hiermit bewiesen. Neben mir sitzt eine deutsche Touristin, die noch während des Steilfluges, das Buch in der Hand, eingeschlafen ist, vor mir eine ägyptische Fußballmannschaft, alle in roten Trainingsanzügen von Puma, sie werden persönlich begrüßt und bekommen extra Wasser. Ich fühle mich plötzlich sicher und geborgen. Mit einem Philosophen zu fliegen oder mit einem Kämpfer für Menschenrechte wäre nicht hilfreich, denke ich, mit Sportlern aber schon, sie sind die Götzen der neuen Welt, werden gefeiert, verehrt und erhöhen die Sicherheit. Wieder esse ich alles auf und schlafe eine halbe Stunde.

Die Ankunft auf dem Flughafen in Nairobi verläuft ohne Probleme, ich bin rasch durch den Zoll und werde von einem rundlichen Mann mit handgeschriebenem Schild „Stephfan Brookmaiar“ in Empfang genommen. Wir gehen zum Kleinbus, der Mann spricht hervorragend Englisch, ich will auf der falschen Seite einsteigen: Linksverkehr.

Die Fahrt zum Kloster um halb fünf Uhr morgens eröffnet einen ersten Vorgeschmack auf das Leben hier. Die Hauptstraße ist nach westlichem Vorstellungen eigentlich überhaupt nicht zu befahren, Schlaglöcher, Gräben, Sandhügel, dazu ein anarchischer Gegenverkehr, jeder überholt dann, wenn er schneller ist, nicht wenn frei ist, viele alte Lastkraftwagen, Fahrräder ohne Licht, Menschengruppen, mein Chauffeur versucht, schnell zu sein, was manchmal gelingt, ich sehe die Unfälle, ich höre sie, ich bremse verzweifelt, während ich locker und freundlich die Konversation weiterzuführen, „in einer Stunde ist da der Bär los,“ sagt er, „really!“  antworte ich, wir kommen pünktlich und heil vor einer grünen Blechtüre zum Halt. Der Fahrer hupt mehrmals,  jetzt sind in der dunklen Straße hier alle wach, denke ich. Schwester Lydia öffnet beglückt, zwei Hunde begrüßen mich freundlich, wir fahren in einen kleinen Innenhof, hier ist Afrika, wie es sein könnte, hübsch und friedlich. Kleine Steinwege führen zu verschiedenen Gebäuden mit grünen Dächern und hellblauen Fensterrahmen, Blumenbeete erfreuen das Auge, ein paar dunkle Gestalten huschen herum, der Tag hat schon begonnen, die kurze Dämmerung setzt ein, eine weitere Schwester begrüßt mich herzlich, „sie leitete die Leprastation“ erklärt Schwester Lydia, ich bekomme ein gemütliches Zimmer mit Dusche und werde zum Frühstück erwartet. „Leider liegt dieses kleine Kloster in einem der schlimmsten Viertel der Stadt, wir hören oft Schüsse und weinende Frauen, aber wir können nichts tun, es ist zu viel.“

Nach vier Stunden Tiefschlaf sitzen wir beim Mittagstisch, Schwester Lydia, sie leitet die Slumarbeit, Schwester Helena, Schwester Rivana, sie leitet das Hospiz und ich, Gemüse, Schnitzel, Obst - danach fahre ich mit der Sozialarbeiterin Jane zu den vier Schulen in die Slums. Teilweise müssen wir zu Fuß gehen, auf diesen Straßen kann man nicht mehr fahren, nicht einmal in Afrika. Es sind zerfurchte Gräben, eingefasst von kleinen, dunklen Blechhütten, überfüllt mit Menschen, die etwas verkaufen wollen, aber keine Käufer finden, Holzkohle, Fischköpfe, Gemüse, Obst, Fahrradschläuche, Zigaretten, Reis, Möbel, Kartoffeln, CDs und Videos, alles Raubkopien versteht sich, aber wer hat dazu ein Abspielgerät? Über eine Million Menschen leben hier, ohne Arbeit, ohne Zukunft, ohne Geld. Über diesem stinkenden, lärmenden Treiben liegt die bleierne Hitze. Wer lässt Menschen so leben? denke ich. Dann haben wir die erste Schule erreicht. Mitten im Slum, mitten in der Ohnmacht, mitten im Lebensdreck öffnen wir eine schiefe Blechtüre und stehen vor einer grünen Tafel im Klassenzimmer. Kleine Kinder sitzen an braunen, alten Schulbänken und lernen lesen und schreiben. Es gibt insgesamt fünf Schulstufen, die Anfänger, die noch gar nichts können und vier Klassenzüge. Ich werde mit einem Lied begrüßt, sage meinen Namen und woher ich komme, „my name is Stephan, I life far away in the north, in Austria, big mountains, snow, cold“ ich komme mir etwas unwirklich vor, versuche einen Witz zu machen, die Kinder lachen, es funktioniert also.

Nach der vierten Schule dreht sich mein Kopf, ich habe zu viele Gedanken, ich kann sie nicht mehr ordnen und bündeln, in mir mischen sich Angst, Wut, Sinnlosigkeit und Lust. Welches Gefühl wird überwiegen? Um 18 Uhr essen wir wieder zusammen, dann gehe ich in meine Klause, lege mich ins Bett und starre an die Decke. Habari Iaku habe ich gelernt und Habari Seniu. Wie geht es Dir, wie geht es Euch? Musuri Sana. Danke, gut.

2. April

Ich erwache, es ist stockdunkel, ich schalte mein Handy an, es ist ein Uhr Nachts. Eben hatte ich noch davon geträumt, durch ein sonnen durchflutetes Villenviertel zu schlendern, wo ich ein Theaterstück inszenieren soll, jetzt schleppe ich meinen schlaftrunkenen Körper durch den kleinen Innenhof zur Toilette. „Wo bin ich hier, was suche ich, was will ich?“ So lautete ein Satz, den ich vor wenigen Tagen als Hermann in dem zeitgenössischen Musiktheater „HesseIndia“ gesprochen hatte. Jetzt stehe ich mitten in der Nacht unter dem afrikanischen Himmel und frage mich wirklich und ohne Textvorlage dasselbe. Es ist nicht meine erste Afrika – Erfahrung, aber ich spüre, dass mich diese Reise an eine Grenze führen wird, an eine Grenze des Verstehbaren.

Ich liege wieder im Bett, an meinem Moskitonetz winseln die hungrigen Mücken, sie würden mich auffressen, sie kennen keine Gnade, sie haben Hunger. Wie die Millionen Menschen in den Slums. Was hält sie davon ab, alles kurz und klein zu schlagen, das moderne Zentrum zu stürmen, sich zu solidarisieren gegen ihr Schicksal, gegen ihr Leben, gegen ihr langsames Dahinsterben. Wieso schlagen sie sich nicht alle gegenseitig und gleichzeitig die Schädel ein? Wer hier lebt, lebt gefährlich, das spüre ich nach dem ersten Tag, wer keine Chance hat, der hat auch wenig Verständnis. In diesem Land, in dem der Präsident das höchste Politikersalär der Welt einsackt, sollten Slums eigentlich nicht möglich sein. Oder gerade da. Korruption ist das Wort, dass alles umschreibt, wer die Chance hat etwas zu bekommen, der nimmt. Wer arm war, vergisst seine Leidensgenossen schnell, hierarchische Systeme sind darauf aufgebaut, dass nicht alle gleich sind, wer hinauf kann, der bleibt nicht unten.
Was kann ich dagegen tun? Schwester Lydia hat knapp 40 Menschen angestellt, damit sie Kindern, die keine Eltern mehr haben, oder nur mehr die aidskranke Mutter, die Grundlagen des Lesens und des Schreibens beibringen, damit sie vielleicht eine kleine Chance haben, aus diesem Elend herauszukommen, damit sie vielleicht eine weitere Schulbildung oder eine Lehre antreten können. Das ist eine Großtat. Aber müsste es diese Slums überhaupt geben? In einem reichen Land? Wer unterstützt diese Armut?

„Vergiss Afrika“ hat mir einmal ein österreichischer Wirtschaftsfachmann gesagt. Ehlich und allen Ernstes. Er meine das nicht abwertend, sondern als nachvollziehbare Realität. Wer die offizielle Zufahrtsstraße zum Flughafen in Nairobi, wohlgemerkt dem zentralen Flughafen von Ostafrika, sieht, der versteht, was der Mann gemeint hat. Da ist zuviel kaputt. Das ist nicht mehr in den Griff zu bekommen, jedenfalls nicht mit unseren europäischen Maßstäben. Da müssen andere Fragen gestellt werden. Aber welche?

Unter dem verzweifelten Chor der Moskitos muss ich wohl wieder eingeschlafen sein, denn mein nächster Gedanke, ob ich das Theaterstück nicht „Vergiss Afrika“ nennen sollte, wird von anderen Gesängen begleitet, es sind Vögel, es müssen große Vögel sein, Möwen? Ich  öffne die Augen, es ist Taghell, ich schaue auf die Uhr meines Handys, es ist 9 Uhr morgens, alles in allem habe ich also zwölf Stunden geschlafen. Ich bleibe liegen, spüre die Hitze, versuche nachzudenken. Gehe meine Notizen durch. Was erwartet man von mir, was erwarte ich von mir, was muss als erstes getan werden, überlege ich. Es müsste gelingen, zwei Bühnenstücke zu erarbeiten, eines für Afrika, eines für Europa. In Afrika sollte gezeigt werden, dass Bildung, dass Schule, dass Hoffnung eine Chance ist. Dass die ärmsten Kinder vollwertige Teile unserer Gesellschaft sind, der Gesellschaft der Welt, dass Hoffnung Kraft gibt, auch wenn neben einem alles zusammenbricht. Dass diese Kinder nicht nur Lesen und Schreiben, sondern Wissen und Denken lernen, Vorwissen mit Nachdenken kombinieren und reflektieren lernen, die Möglichkeit erhalten, sich zu entscheiden und vielleicht sogar eine Chance bekommen können, diese erlernten Fähigkeiten anzuwenden. Die Chance ist vielleicht nicht groß. Viele Kinder werden es wahrscheinlich nicht schaffen, im Treppenhaus des Lebens über den ersten Stock hinauszukommen, manche werden vielleicht wieder ganz hinunterpurzeln. Aber ohne diese Schulen, ohne diese kleinen engen Räume, in denen sich die Kinder zusammenpressen müssen, weil es so viele sind, ohne diese engagierten Lehrer, ohne Schwester Lydia, die es schafft, den Kindern kostenlos tägliches Essen, tägliche Bildung, tägliche Würde zu bieten, würde kein einziges dieser armen kleinen Geschöpfe jemals auch nur die geringste Chance haben. Das muss gezeigt werden, auf der Bühne des neu gebauten Theaters.

Und für Europa? Was kann in dieser zynischen Kulturgesellschaft noch gezeigt werden, dass nicht Gähnen hervorruft? Welche Geschichte müsste wie erzählt werden, damit sie überhaupt nach Europa kommen kann und dort auf Interesse stößt und etwas bewegt? „Schillers Räuber“ – meine Arbeit aus Mosambik – wurde in Europa gezeigt, in Berlin, Leverkusen, Mannheim, Stuttgart, Wien und Zürich. Die Menschen waren begeistert, der mosambiksche Autor Mia Couto und die Schauspieler sind wieder nachhause geflogen und das war das Ende der gemeinsamen Erfahrung. Mosambik gehört einem berühmten Schweden, der viele Bücher über die Seele Afrikas schreibt, mit diesen Büchern, die auch ich gelesen habe, sehr viel Geld verdient und keinen mosambikschen Autor auf den deutschen Buchmarkt lässt. Auf diese Weise ist er berühmt geworden. Jetzt könnte er den Mosambikanern helfen. Aber er verkehrt bereits in den verkehrten Kreisen. Man vergisst schnell. Vielleicht ist das Problem Afrikas so am Besten darzustellen: diejenigen, welche helfen könnten, weil sie die Bekanntheit, das Geld, die Position oder alles zusammen haben, können sich an die wirklichen Probleme dieses großen, verzweifelten Kontinents nicht mehr erinnern, diejenigen, welche den Menschen hier wirklich helfen wollen, haben das falsche Auftreten und die fehlenden Kontakte und die meisten halten es ohnehin nicht aus, sind zu naiv, zu sehr mit sich beschäftigt oder nur auf der kulturpolitischen Durchreise. Natürlich gibt es Ausnahmen. Karl-Heinz Böhm zum Beispiel, gemeinsam mit seiner äthiopischen Frau, die nun seine Arbeit fortsetzt.

„Äthiopien,“ sagt Schwester Lydia beim Mittagessen, „hat nicht nur das Gesicht des von Fliegen überzogenen verhungernden Kindes, aber wer nie dort gewesen ist, weiß das nicht. Karl-Heinz Böhm hat mit seiner Organisation hervorragende Arbeit geleistet, sein professionelles Fundraising – Konzept hat aus diesem Land ein Produkt gemacht, das in Europa bekannt ist und an dem sich keiner vorbeizuschauen traut. Äthiopien wird nicht mehr verhungern. Kenia schon eher. Kenia gilt als ein reiches Land mit Wirtschaft und satten Einnahmen aus dem Tourismus. Wer sich nicht wirklich mit den Ländern auseinandersetzt, glaubt, was vermittelt wird. Afrika ist der Billigsupermarkt der Emotionen geworden, denke ich. Wer will, zahlt ein bisschen was und kommt mit einem großartigen Produkt nach Europa, das er dann gewinnbringend verkaufen kann.

Die europäische Sicht auf Afrika wird erwartet. An der Wahrheit ist in unserer westlichen Welt kaum jemand interessiert. Wir haben unsere eigenen Probleme. Was heißt das aber für mich und meine Arbeit hier? Soll ich gleich wieder aufgeben? Sind die Mechanismen nicht die Katastrophe in sich? Kann ich mich gegen ein Prinzip wehren und es gleichzeitig bedienen? Und vor allem, wenn ja, wer hilft mir dabei? „Vergiss Afrika“ – ein Musical aus den Slums, mit Texten „only from the people here.“ Das könnte eine gute Idee sein. Aber ob sie funktioniert?

Der Fußweg zwischen dem kleinen Kloster und dem Hochhaus, in dem meine Wohnung liegt, dauert etwa 10 Minuten. Heute bin ich ihn das erste Mal gegangen, nicht ohne Begleitung, versteht sich. Es ist eine Wanderung durch die unterste Liga menschlicher Lebensweise. Ich erinnere mich eines Hollywood Films, in dem Jesus ins Tal der Kranken und Aussätzigen geht. So sieht diese Straße aus. Es wird noch ein paar Tage dauern, bis ich diese Strecke allein bewältigen werde. An einer Ecke arbeitet ein Schlosser. Er stellt Rahmen für Hocker her. Er macht hervorragende Arbeit. Ich werde ihn ansprechen für das Bühnenbild, sobald ich hier Fuß gefasst habe. Es ist nicht mein erster Afrikaaufenthalt und auch nicht meine erste Begegnung mit Armut. Aber ich habe noch nie mitten in den Slums gelebt.

Um 17 Uhr werde ich Pastor Idaki vorgestellt, ein junger, sehr engagierter Mann, der seit zwanzig Jahren in den Slums, vor allem in Korogocho, Missions- und Bildungsarbeit leistet und Schwester Lydia in ihrer Arbeit von Anfang an sehr unterstützt hat. Wir unterhalten uns über meine Pläne und Visionen und ich erlebe mich sehr engagiert und zuversichtlich. Auch wenn ich immer wieder betone, dass es sich um Ideen und Wünsche handelt und ich mich erstmal auf nichts festlegen möchte spüre ich, dass ich schon einen Schritt zu weit gegangen bin, um noch umkehren zu können. Menschen wie Pastor Idaki machen Mut, mit ihnen wird es schon irgendwie klappen. Wir verabreden, uns bald wieder zu treffen und über die konkrete Zukunft meines Projekts nachzudenken. Was ich brauche wird er zu organisieren versuchen. „Ich kenne diesen Slum seit zwanzig Jahren, er ist mein Zuhause, ich bin über jeden froh, der hier hilft.“ Und ich bin über Pastor Idaki froh.

Nach dem Abendessen mit frischen Trauben und Mangos sitze ich wieder in meiner Klause, die Türe ist offen, das Fliegengitter schützt vor den Insekten die noch nicht drinnen sind, ich schreibe auf, was ich fürs erste brauche:
Ein Wörterbuch Englisch – Swahili und einen Stadtplan von Nairobi
Ein Meeting mit den Lehrerinnen und Lehrern
Einen einheimischen Assistenten, den ich selber bezahle
Ein Casting für DarstellerInnen zwischen 16 und 25

Ab Montag werde ich in meiner Wohnung wohnen, durch die Strassen gehen, mit der Arbeit beginnen. Ich weiß noch nicht genau, wo und wie ich anfange, aber ich habe ein paar Ansatzpunkte. Ein entsetzlicher Schrei weckt mich aus meinen Gedanken. Ein Frauenschrei. Markerschütternd. Ich habe Herzklopfen. Was war das? Eine Geburt? Ein Mord?

3. April

Um 5 Uhr morgens weckt mich ein Muezzin aus einem unruhigen Schlaf. Diese Nacht ist besonders heiß und der Schrei hat mich lange nicht einschlafen lassen. In Mitteleuropa ist alles schön verpackt, das Essen, die Familie, das Leben. Wir haben Frischhaltefolie, Dosen, Tiefkühltransporter, Häuser, Autos, Klamotten und Moral. Hier in den Slums findet alles auf offener Straße statt. Selbst wenn ein Teil des Lebens hinter dünnen Blechwänden passiert, nehmen wir alle an allem Teil. Das ist erstmal ungewohnt und anstrengend. Einen Muezzin hatte ich das letzte Mal im rumänischen Constanza gehört, 1992.

Nach dem Frühstück fahre ich mit Schwester Theresa, Noel und Peter in die City, um einen Computer reparieren zu lassen. Man stelle sich vor, in Paris wird die Losung ausgegeben, wer am schnellsten durch die Stadt kommt, hat eine Million Euro gewonnen, und man weiß, wie in Nairobi gefahren wird. Nicht, dass es immer besonders schnell geht, die Straßen mit ihren Schlaglöchern und Gräben sind hoffnungslos überlastet und es ist Freitagnachmittag, aber jeder fährt drauflos, in die Kreuzung, in den Kreisverkehr hinein, so wie man es aus Paris kennt, nur eben noch viel draufgängerischer, gegen die Fahrtrichtung, hupend, schnell sich zwischen zwei Wartende hineindrängend, den staubigen Straßenrand als Überholdspur verwendend, ein Höllenritt, ich bremse wieder mehrmals vergeblich aus der hinteren Reihe, Schwester Theresa betet Rosenkranz, sie ist es gewohnt, kann sich aber trotzdem nicht daran gewöhnen. Noel ist entspannt, Peter ein hervorragender Autofahrer mit Nerven aus Stahl.

Im Westen, also auf der anderen Seite der Stadt, wohnen die besseren Menschen, die Reichen, die Botschafter, die Politiker, die Firmenbosse, die letzten Weißen, zwischen den Bungalows sitzen moderne Firmen in ihren neu gebauten Häuschen. Unsere Computerfirma ist so eine neue Firma. Wir lassen das Gerät für eine Stunde da und fahren in ein Einkaufszentrum mit bewachtem Parkplatz. „Dort gibt es alles,“ sagt Schwester Theresa, „und das Auto bleibt ganz.“ Wir geben die Post auf, trinken einen köstlichen Kaffee und ich kaufe einen Stadtplan. Jetzt kann ich endlich sehen, wo ich wohne.

Im Osten der Stadt, am Ende von Mathare Valley und Mathare North Estate liegen die Slums Korogocho, Kariobangi, Huruma, Madoya und Dandora. In Kariobangi North Estate lebe ich. Diese Gebiete siedeln rund um die große und einzige Mülldeponie Nairobis, soviel habe ich inzwischen kapiert. Sehr viel weiter bin ich aber noch nicht gekommen. Es ist alles so wahnsinnig offensichtlich hier, dass man gar nichts mehr versteht. Es sind andere Regeln und irgendwie doch nicht. Während wir auf den Computer warten, denke ich im beschaulichen Westen unter einem blühenden Baum sitzend, dass eine Bücherei eine gute Idee sein könnte. Sehr vieles hat sich in Europa erst dadurch verändert, als die Menschen lesen und schreiben lernten. Auch hier, bei den Ärmsten der Armen geht es vor allem darum. Das Beherrschen der Schrift ist die Basis der Freiheit, denke ich. Was nützt einem aber das Erlernen, wenn man das Erlernte nicht anwenden kann?

Auf der Rückfahrt begegnen uns wieder Lastkraftwagen, Ziegenherden, schwitzende Männer, die voll beladene Karren ziehen, Mercedes mit getönten Scheiben, neue Volkswagen, zerbeulte Mitsubishi, die vielen bunten Kleinbusse die wie Linienbusse funktionieren, Gruppen schlaksiger arbeitsloser Jugendlicher, Frauen mit Körben auf dem Kopf, hungrige Hunde, alles verstopft die Strassen zu einem langsam dahinwabernden kreischenden hupenden schwitzenden Fluss, der vor sich die Zukunft sucht. Zuhause angekommen bin ich erstmal erschöpft und esse frische Mangos. Dann werde ich ins Büro eingewiesen.

4. April
Jambo

Ich sitze bei Tee und Kerzenlicht in meiner Klause, die Billiglesebrille auf der Nase, das Moskitonetz neu gespannt, heute war Samstag, Tag der Ruhe, Tag des Computers. Ich habe ein paar Menschen geschrieben, denen ich schon lange schreiben wollte, die letzten 200 Mails bearbeitet, auch ein paar Mails für die Projekte in Kenia verschickt, ein normaler Büroalltag. Und das in Nairobi. Ich habe ein paar Antworten auf mein erstes Tagebuch bekommen, die ich sehr interessant fand.

Bis Du richtig in Afrika? Ist das Dein Kontinent?
Ich dachte, in Nairobi gibt es keine Malaria? - Das waren Deine Worte!
Has your Camel arrived already?

Ich weiß nicht, ob Afrika mein Kontinent ist und ob ich da hingehöre. Aber ich frage mich auch, ob Europa mein Kontinent ist, von daher ist es einen weiteren Versuch wert.

Dass deutsche Tropenärzte behaupten, in Nairobi gäbe es keine Malaria zeigt, dass man hier gewesen sein muss um zu begreifen, was hier passiert. Das ist, denke ich, so ganz nebenbei auch das Motto und der Ansatz meines Projekts, soweit ich das bis jetzt schon benennen kann.

Ich fühle, dass meine Seele heute zu mir gestoßen ist. Ich bin etwas ruhiger geworden, nicht mehr so zerrissen zwischen dort und hier, beschäftige mich mit dem, was zu tun ist, habe zum Mittagessen von der Köchin des Hospiz Palatschinken bekommen und beginne, mich auf die Arbeit hier zu freuen.

Ich habe ein wenig recherchiert, wo ich hier im Moment überhaupt bin:
Kariobangi Cheshire Home
für alle, die es interessiert, kann man das googeln.
Kurz gesagt ist es eine aus England stammende, auf einer Stiftung und auf Spenden basierende Station für alte, mittellose Behinderte.
Schwester Lydia, die Leiterin von Hands of Care and Hope lebt hier und hat ein paar Räume für ihre Mission angemietet. Auf diese Weise unterstützt sie das Hospiz und hat einen Ort für ihr Büro und ein paar Mitarbeiter. „Wir geben so wenig Geld wie möglich für Infrastruktur aus, damit das Geld  den Kindern zugute kommt.“

Dieser Ort hier wirkt sehr mediterran, eine liebevolle Mischung aus Meditationszentrum auf Mallorca und italienischem Weinlokal, mit kleinem Park in der Mitte und vielen lustigen Vögeln, die im Mittelmeerraum in Käfigen zum Singen gezwungen werden, weil ihnen sonst nichts übrig bleibt. Hier singen sie auch, freiwillig, aber nicht so viel. Es ist etwas Seltsames mit der Freiheit.

Ich arbeite nach drei Prinzipien, hat Schwester Lydia mir erklärt:
Responsibility
Authority
Transparency
Man muss den Menschen die Möglichkeit geben, Verantwortung zu übernehmen. Das ist nicht immer leicht, aber der einzige sinnvolle Weg. Wer immer nur ein und dasselbe Stuhlbein baut wird nie einen ganzen Stuhl herstellen können.
Es ist mühsamer, dauert länger, hat höhere Fehlerquoten, aber das Ergebnis ist sinnvoller und dauerhafter. So einfach ist das alles. Binsenweisheiten, allein die Umsetzung sollte ebenso selbstverständlich und normal sein. Aber Profit und Gewinn sind nicht ein und dasselbe, denke ich. Und mir fällt, wie durch ein wunder, das Projekt Stuttgart 21 ein. In Köln stürzen bereits die Häuser ein, weil die Stadt diese permanenten Untertunnelungen und Erdverschiebungen nicht mehr verkraftet, in Amsterdam wird der Kostenvoranschlag für die U-Bahn jeden Monat nach oben hin korrigiert, aber in Stuttgart wird das Großprojekt mit eiserner Hand weitergeführt, ein Bahnhof, der nach seiner Untertunnelung deutlich weniger Bahnsteige und Gleise hat, also reduzierter ist als vorher und eingezwängt und für alle Zeiten ummantelt von Betonröhren, ein Großprojekt also, das den Bahnhof kleiner und für die Zukunft unflexibler macht. Dieser Witz verschlingt Milliarden einer Stadt, die zu den reichsten in Deutschland gehört, wo wir Eltern in den Schulen Putzdienst übernehmen und Fundraising Kampagnen durchführen, damit es nicht reinregnet in die Klassenzimmer.

In Kenia müsste niemand hungern, sagte Schwester Lydia, „that country has everything“, Land, Natur, Viehzucht, Industrie und Handel. Es ist eine Demokratie geworden und könnte sich selbst ernähren - wenn man es wollte.

In der Saturday Nation ist ein Interview mit Kofi Annan. Ich werde darüber berichten. Auch darüber, warum der Mond hier so ungeheuer positiv ist.

Morgen ist Palmsonntag. Bis dahin: kwa heri

5. April
Habari?

Die Messe in Nairobi ist in gewissem Sinne so, wie man sie kennt. Fürbitten, Lesungen, Sonntagspredigt, das Vater unser, Wandlung, heilige Kommunion, und doch ist sie anders.
Das beginnt schon mit dem Einzugsgesang. Einfach aufnehmen, auf CD brennen, verkaufen. Der kleine Kirchenchor singt vor, die zum Bersten gefüllt Kirche antwortet sechsstimmig. Ich sitze knapp hinter der Mitte und mir geht es sofort gut. Der Gesang von etwa 1500 Menschen bringt auch meinen Körper zum Vibrieren. Es ist ein leichtes, wohliges Zittern, das den Körper erfüllt. Im Werbe TV werden manchmal Massagegürtel angepriesen, die durch leichtes Vibrieren den Körper durch und durch massieren. Ein afrikanischer Kirchenchor schafft das besser.

In der Apsis sitzen mehrere Menschen, Frauen und Männer, ein Weißer, die Lesungen werden von Frauen durchgeführt, im Kirchenschiff Kinder, junge Männer und Frauen, Ältere, ein buntes Gemisch, drei Messen werden am Sonntag hintereinander gehalten, jedes Mal ist die Kirche voll. Ich sitze zwischen einem älteren freundlichen Herrn und Barbara, einer jungen Entwicklungshelferin aus Salzburg, die schon seit einem Jahr da ist und bis Februar bleiben wird. Sie kann sich gar nicht mehr vorstellen, von hier wegzugehen. Nun, so weit bin ich noch nicht, aber ich spüre, dass ich langsam ankomme, loslasse, hier bin.

Unsere Reisemöglichkeiten sind trügerisch, denn sie lassen uns glauben, dass wir überall gleich zuhause sind, nur weil wir schnell dort sein können und schon vieles gesehen haben vorher im Fernsehen oder aus Katalogen, Büchern. Kein Problem, mal schnell in Paris einen Kaffee zu trinken oder in New York einen Einkauf zu tätigen, auch ein kleiner Kamelritt in Marokko geht sich aus und ein Sonnenbad im Winter. Aber wir nehmen doch nur unser Zuhause mit und sind überall, was wir immer sind. Wir sehen die neue Umgebung, in der wir kurz herumstapfen wie hinter Glas, wie im Zoo. Überhaupt sind wir gewohnt, alles hinter Glas zu haben, unsere Gesprächspartner in Ämtern oder auf der Bank, die Lebensmittel im Supermarkt, das Weltgeschehen hinter der Mattscheibe, die wilden Tiere im Zoo, das Wetter vor unseren Bürofenstern und die Urlaubswelt im all inclusive Hotel. 

Als wir die Kirche, die sehr hübsch ist mit ihren Fresken an den Wänden über den großen geöffneten Fenstern verlassen, schiebt sich eine Ziegenherde durch die Menschenmenge. Ein Tier hüpft über die anderen, es will das Erste sein in der Gruppe, aber da haben ein paar andere etwas dagegen. Wie bei uns Menschen. Wieder schieben sich 1500 Gläubige in das Gebäude, das mit seinen rostroten Stahlträgern aussieht wie eine Markthalle, im besten Sinne. Die Atmosphäre ist luftig und leichtfüßig, Holz und sommerliche Farben, Palmwedel, der weiche Sandboden, die Ziegenherde, die bunten Menschen, die vielen Kinder mit ihren kunstvoll ornamentierten Haaren, die Gesänge und Diskussionen, ich verstehe die Sprache nicht und habe keine Ahnung, ob sich die Gruppe vor mir über das Mittagessen unterhält, über die Messe oder den Autofahrer nebenan, oder dass sie sich einen Kühlschrank kaufen konnten, endlich. Es ist egal, sie sind angeregt und lachen und reden meistens alle gleichzeitig. Gut, dass ich da bin, denke ich das erste Mal und trabe den Ziegen hinterher, dem Mittagessen entgegen.

Nach einem ausgezeichneten Mittagessen wühle ich mich wieder durch die Tageszeitung, mit Dictionary und ohne eigentliches Basiswissen. Es gibt ein Theaterfestival, das ich perfekt verpasst habe, Studentenrevolten und viele verschiedene Artikel und Meinungen. Irgendetwas ist schief gegangen, überlege ich. Der Buddhismus, das Christentum, die französische Revolution, die Demokratie, der Sozialismus, wir haben viel gelernt und hätten ausreichend Möglichkeiten, friedlich miteinander zu leben. Warum tun wir es nicht? Ich möge mich bitte zurückhalten in meinen Emails, warnt Schwester Lydia, in Kenia wird abgehört und überwacht, vor allem die Missionen, Kirchen und Klinken, Ausländer die helfen sind nicht sehr beliebt bei der Regierung, denn sie vermitteln, dass dieses Land Hilfe braucht und das soll verschwiegen werden. Die Slums existieren einfach nicht im Bewusstsein der herrschenden Schicht.

Worüber man nicht reden kann soll man schweigen hat der Philosoph Wittgenstein in seinem „Tractatus Philosophicus Überlebiensis“ formuliert und daran halten sich die Slumbewohner. Jeder hier könnte der Mörder der Nachbarin sein, jeder ein Spitzel, jeder ein Mitglied irgendeines Schlägertrupps.

Nach der Lektüre von etwa 200 Kinderzeichnungen habe ich alles verstanden. Immer mehr empfinde ich eine innere Unruhe bei jenen, die wissen, wie es geht. Wer wissen will ist auf dem besseren Weg als wer zu wissen glaubt. Und wer sich sicher ist kann schnell bedrohlich werden. So ähnlich formuliert das Walter Sittler in seinem Text „Essen mit Freunden.“ Auch wir sind gewohnt uns an unserem Nachbarn zu orientieren. Das fängt schon beim Theater an. Kaum hat jemand ein besseres Engagement, schon pocht der Neid an die Türe. Wir lesen Theater heute und ärgern uns. Warum man dieses oder jenes Stück inszeniert oder diese oder jene Rolle spielt ist nebensächlich. Hauptsache auffallen und weiterkommen. Ich könnte in Nairobi ein Stück schreiben und inszenieren über die inneren Zustände, ein paar nackte Frauen, Schimpfreden auf den Präsidenten, irgendwas anzünden. Damit käme ich sofort in die Zeitung. Ob ich danach wieder einreisen dürfte ist fraglich und wer etwas davon hätte höchst ungewiss. Solange die deutsche Bundesliga aus mehreren Vereinen und entsprechend vielen Fußballplätzen und Spielen besteht ist die Welt halbwegs in Ordnung. Wären aber plötzlich alle gezwungen, gleichzeitig auf einem einzigen Platz zu spielen und würden alle gemeinsam den Schiedsrichter gegen sich haben, dann wäre das Spiel höchst explosiv. In Kenia liegt der Ball auf dem Elfmeterpunkt. Und alle sind bereits losgestürmt.

Nach einer Kaffeejause mit einem Benediktinerpater aus dem Ruhrpott, der seit zwanzig Jahren in Afrika lebt und Torten mitgebracht hat die leckerer kaum sein können, sitze ich wieder im Büro. Die Krähen sammeln sich lauthals für den Gute Nacht Gruß, ich bin da, habe vieles über Kenia erfahren in den ersten fünf Tagen, es ist ein wunderbares Land, das es sich selbst nicht leicht macht, manches werde ich wahrscheinlich erst nach meiner Reise wirklich verstehen und formulieren können, manches liegt auf der Hand, morgen ist Montag, eine neue Woche beginnt, eine neue Etappe meiner Reise durch das Labyrinth der Menschlichkeit. Um 8:30 werde ich meinen zukünftigen Assistenten treffen und um 15:30 alle Lehrerinnen und Lehrer für ein erstes konzeptionelles Gespräch. Es geht also los, ich empfinde dieselbe angespannte Ruhe wie das ganze Land. Ich habe fünf Wochen Zeit für ein erstes Slumtheater. Wird diese Zeit reichen?

Was ich heute schon sagen kann: Schwester Lydia ist ein Geschenk des Himmels - und nicht nur für mich!

Jambo sana!!!

6. April
Jambo!

Jambo heisst hallo und habari how are you. Habari jaku heisst wie geht es Dir und habari senju wie geht es Euch. Kwa heri heisst Auf wiedersehen und Asante sana Thank you. Ein Eröffnungsdialog funktioniert also oft so:
Jambo.
Jambo.
Habari?
Jambo sana.
Karibu.
Asante sana.

Karibu heisst welcome. – Also:

Karibu!

Es ist halb Acht Uhr Abends. Vor einer halben Stunde habe ich plötzlich innegehalten, irgendetwas war anders als sonst, irgendetwas war als error in meiner Psyche. Ich stand da, wartete und versuchte dahinterzukommen, warum ich plötzlich so aus meinen Gedanken gerissen bin und mich nicht auskenne. Bis ich plötzlich erkannte: ich höre ein Huhn gackern. Nun, das ist erstmal nichts Außergewöhnliches, eigentlich. Allerdings im dritten Stockwerk eines Wohnblocks mitten in einer 3 – Millionen Stadt dann doch. Vor der Türe meiner kleinen süßen Wohnung mit Blick über die Dächer und Autowerkstatt unter dem Fenster läuft also ein Huhn herum und gackert.

Für mich ist diese Wohnung mit ihren 15 Quadratmetern fast ein wenig gross, für eine Familie mit mehreren Kindern eher nicht. Darum sind die Kinder auch meistens im Treppenhaus. Ich lebe also mit Hühnern und etwa 50 lärmenden Kindern zusammen, die Autowerkstätte testet seit ich da bin den Motor eines Misubishi-LKW, Ruhe findet man hier nicht, dafür aber das volle Leben. Bald wird der Mond durchs Fenster scheinen, ich freu mich drauf, ich mag die Wohnung, jetzt schon.

Heute um halb neun hatte ich ein Treffen mit vier jungen Männern, zwei sind Lehrer in den Schulen von Hands of Care and Hope, zwei sind arbeitslose Sozialarbeiter. Nicht, dass man keine Sozialarbeiter brauchen könnte, alleine, es fehlt das Geld. Und schon wieder muss ich an Deutschland denken. Übrigens werden in Nairobi Firmen angeworben, die Bepflanzung kleiner Grünflächen in der Innenstadt zu bezahlen, weil auch dafür dem Staat das Geld fehlt. Da heisst dann ein verstaubtes Blumenbeet in einem Kreisverkehr „sponsored by Holliday Inn“.

Diese vier Männer werden mir abwechselnd assistieren, mich durch die heissen Strassen der Stadt führen, mir übersetzen und nach meiner Abreise die Vorstellungen betreuen. Also vorausgesetzt, wir kommen so weit. Nach dem meeting sind wir in die City gefahren, an brennenden Autoreifen vorbei, an Kreisverkehrgrünflächen „sponsored by...“ an Obstständen und Kitschverkäufern ebenso wie an Ziegen, Gänsen und telefonierenden Indern. Dort habe ich einen Safaricom Mobile Connect für den Laptop bekommen (made in China!) und eine simcard für mein Handy. Ich bin also jetzt ein vollwertigs Mitglied der Society, connected and reachable. Mit all diesen Geräten sitze ich jetzt in meiner kleinen Wohnung, trinke Nescafe, höre ein Huhn gackern und schreibe am Tagebuch.

Das Lehrertreffen war außergewöhnlich. Ich wurde von einem meiner Assistenten abgeholt und wir gingen etwa 15 Minuten Zufuß zum Theater. Einen Weg, den ich keinem Afrikatouristen als Einstieg empfehlen würde. Im Theaterneubau, den Peter Quendler ermöglicht hatte, saß ich dann mit Jane,  Sozialarbeiterin und Assistentin von Sr. Lydia und 19 Lehrerinnen und Lehrern im Kreis und sprach über meine Ideen und Visionen. Um es kurz zu machen: wir werden vor meiner Abreise eine Aufführung auf die Bühne bringen, das ist besiegelt. Zum Ende meiner kurzen Einführung erklärte ich, dass ich gerne auch ein paar von ihnen mit auf der Bühne hätte. Es gäbe dann Children, Juth and Adults. Ich fragte vorsichtig, ob jemand schon ganz sicher und definitiv wüsste, dass er nicht auf die Bühne wollte – regungsloses Schweigen. Dann fragte ich noch vorsichtiger, ob jemand schon wüsste, dass er unbedingt auf die Bühne wollte – regungsloses Schweigen. Kurz hatte ich die Befürchtung, dass mich überhaupt niemand verstanden hatte, also weder die Frage noch alles vorher noch überhaupt, als eine Hand vorsichtig nach oben ging, dann eine Zweite, eine Dritte und so weiter. Bis auf vier, die es sich noch überlegen wollen, möchten also alle mit mir für eine Theaterproduktion arbeiten. Wow! Zuletzt fragte ich, if someone would like to play a mainrole, if someone wants to become a star? Eine Hand ging nach oben und zeigte auf die Nachbarin der Handbesitzerin, somit war auch das geklärt.

Ich denke sehr darüber nach, Shakespears „Romeo und Julia“ als Basis für das Theaterprojekt zu nehmen. Vielleicht nicht übertrieben originell, aber es hätte einige Vorteile. Ich bin Gast in einem sehr gefährlichen Land. Mit einem so bekannten, weltweit gespielten und verfilmten Klassiker kann mir niemand vorwerfen, dass ich mich in die inneren Zusammenhänge des Landes einmische, weder die Mitarbeiter, die aus den beiden Lagern kommen noch das Publikum, noch die netten weissen Mäuse, die möglicherweise meine E-mails lesen und kann trotzdem politisch Stellung beziehen. Eine Mitarbeiterin hat mir in diesem Zusammenhang erzählt, dass sich ihr Cousin aufgehängt hatte, da es immer noch das angenehmere Sterben sei als von der kenianischen Mafia hingerichtet zu werden. Angeblich, weil er mit seinem Obstverkauf bessere Erfolge hatte, als sein Nachbar. Angeblich! Wer den Menschen in den Slums hilft würde überdies so tun, heißt es in gut informierten Kreisen, als gäbe es hier in Kenia schlimme Zustände. Das will niemand hören. Ich bin Gast in diesem schönen friedlichen Land und möchte weder jemandem unrecht tun noch die Arbeit der Missionen gefährden, also habe ich mich entschlossen, einen Klassiker zu spielen, um den Menschen Freude zu machen und um dem Ausland, aus dem ich ja schliesslich komme, erzählen zu können, dass hier, in Nairobi, alles gut läuft und man ohneweiteres ein schönes bekanntes klassisches Theaterstück aufführen kann. So gut ist hier alles!

Die Kinder in den Schulen von Hands of Care and Hope tragen keine Uniformen. Das würde zuviel Geld kosten, damit wären wieder genau die ausgeschlossen, um die es eigentlich geht. Der Sozialstaat ist hier noch nicht erfunden worden, also muss man sich sozial verhalten. Natürlich könnte man auch die Ansicht vertreten, das Ausland muss sich nicht einmischen in die Angelegenheiten eines souveränen afrikanischen Staates. Aber dann dürfte es natürlich auch keine Waffen verkaufen und billigen Zucker und Raubbau betreiben. Dann müsste es sich eben wirklich raushalten und ganz normalen Handel treiben, so wie zum Beispiel Deutschland mit Frankreich. Die Franzosen kaufen deutsche Autos und die Deutschen französische Lebensmittel. Aber nicht Waffen mit Land vertauschen und sich dann raushalten. Oder mit EU-Geldern den Dumpingverkauf von Getreide oder Zucker fördern, sodass die Bauern in den afrikanischen Ländern auf ihren Waren sitzen bleiben und auch keine Chance mehr haben. Die westliche Welt soll sich also nicht so aufspielen.

Dass wir in Korogocho Schutzgeld zahlen finde ich ganz normal. Diese Prinzipien gibt es auf der ganzen Welt. Ich frage mich manchmal, wieso sich alle eigentlich immer so gegen die Mafia wehren? Die hält wenigstens, was sie verspricht. Im Gegensatz zur Politik. Und sie hat es auch nicht gemütlich, die Mafia, die muss sich ja auch dauernd organisieren, wird verfolgt, muss die Hierarchie einhalten und wehe, es geht was schief, dann kommt der Boss und der Oberboss und dann der Boss vom Oberboss und wer wirklich der wirkliche wahre Boss ist das weiss auch bei der Mafia keiner weil sich alles so wahnsinnig schnell ändern kann, bei der Mafia und bei der Nichtmafia und bei allen und überhaupt. Der Boss der Schutzgeldmafia aus Korrogocho ist jedenfalls gestern auf offener Strasse hingerichtet worden. Vom Boss einer anderen Bande. Höchstpersönlich. Wahrscheinlich ist das Leben einfach ein Stress. Immer und für jeden. Peter Stein hat, als er noch Direktor der Salzburger Festspiele war einem Hospitanten, der Probleme mit seiner Miete hatte erklärt: „Ich habe weltweit neun Häuser zu verwalten, das ist auch kein Honigschlecken.“ Es hat also jeder Stress. Der Unterschied ist vielleicht nur, ob man diesen Stress in einer kleinen Blechbaracke hat und gerade am Verhungern ist oder in einer Zwölfzimmersuite bei Kaviar und Champagner. Und so bin ich, der durchaus durchschnittlich bescheiden und ebenso durchschnittlich größenwahnsinnig ist, doch ein wenig stolz, dass ich einen kleinen Teil meiner nicht sonderlich hohen Gagen dafür verwende, hier mit Kindern, die ohne die Arbeit von Sr. Lydia und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schlichtweg keine Existenz hätten und mit Lehrern, die 3Euro50 am Tag verdienen, zu arbeiten und Theater zu machen. Auch wenn mich die vielen dunklen Menschen auf der Strasse auf den 500 Metern die zwischen meiner Wohnung und dem Hospiz liegen anschauen wie einen Feind, einen Ausbeuter und Ausnützer, aber da muss ich durch. By the way, ein Cappuccino in der City kostet genausoviel wie bei uns in Stuttgart.

Barbara hat heute Besuch aus Europa bekommen. Ich war im Büro und hörte vertraute Klänge. Ich bin dann raus und sagte „Grüss Gottle!“ Man glaubt es nicht, aber in diesem riesigen Deutschland mit seinen vielen Großstädten ziehe ich ausgerechnet nach Stuttgart und dann treffe ich in Nairobi ein paar Europäer und wo kommen die her? Na klar, aus Stuttgart! Übrigens lebt ein direkter Verwandter von Obama im gleichen Viertel hier in Nairobi wie ich. Wenn das kein Zufall ist...!

Heute Abend geht meine erste Reisewoche zuende. Morgen beginnt Woche zwei. Ich halte fest:
Ich bin gut in Nairobi angekommen.
Schwester Lydia ist ein Partner wie man ihn sich nur wünschen kann.
Obama wird für Gott gehalten, der allen Kenianern Reichtum bringt.
Ich habe mehrere hundert Kinder gesehen, die Lesen und Schreiben lernen.
Ohne die Hilfe von aussen wären viele bereits tot.
Ich glaube, bei allem Sarkasmus, dass eine wesentliche Vorbildfunktion von Europa darin besteht, dass es sich langsam fortbewegt. Die Großtöner mit ihren Sprüchen und Sprüngen rutschen doch meist den Hang rückwärts wieder hinunter und reißen wie Lawinen vieles mit sich.
In vier Wochen habe ich Endproben.
Das Klima hier ist angenehm, die Moskitos sind zum Kotzen.
Insgesamt ist Vorsicht geboten.
Armut ist wirklich richtig scheisse und ein unnötiges und veränderbares Problem.
Zum afrikanischen Opernprojekt von Schlingensief fällt mir wirklich so richtig gar nichts mehr ein.
Wenn in Nairobi ein Mercedes im Stau steht wird er von einer Herde Ziegen überholt. Das fehlt in Stuttgart.
Alleine für die frischen Mangos lohnt sich die weite Reise.
Ich habe eine Wohnung in Nairobi mit Blick in den afrikanischen Himmel.
Es ist 21:30. Die Hühner schlafen.
Die Kinder noch nicht.

Kwa heri, Euer Stephan

7. April

Der Vollständigkeit halber möchte ich bestätigen, dass wo Hühner sind meist auch ein Hahn ist. Und ein solcher kräht. Und zwar sobald es hell ist. Dazu muss man wissen, dass ein Treppenhaus, insbesondere eines 6-stöckigen Hauses, ein hervorragender Hallraum ist. Ich werde also ab heute von einem Hahn geweckt. Mit Hallverstärkung.

Jambo!
In den internationalen Nachrichten wird man heute erfahren haben, dass die beliebte und engagierte Justizministerin in Kenia zurückgetreten ist. Ihre Arbeit ist sinnlos, sagt sie, wenn ihre Entscheidungen immer wieder rückgängig gemacht werden, wenn die korrupten Politiker, die sie ihrer Ämter enthebt, vom Präsidenten mit Gehaltserhöhung wieder eingesetzt werden. Dieser Rücktritt ist eine moralische und politische Hedentat, sie setzt damit ein Zeichen gegen die Korruption dieser Regierung. Ob sich damit die Lage verbessern oder ich früher zurückfliegen muss weil der Bürgerkrieg, der hinter jeder Blechwand auf Abruf wartet, wieder ausbricht, bleibt abzuwarten. Das mehrfache Scheitern von Utopien hat offensichtlich zu einer Zukunftsignoranz und Egokonzeption geführt, die alles um sich herum unter Weichzeichner setzen. „Homing“ ist das neue Schlagwort. Darunter versteht aber eben jeder etwas anderes. Wenn ein junges Liebespaar zuallererst an sich denkt hat das eine andere Wirkung als bei einem Bankmanager oder Regierungspräsidenten. Auch hat „Homing“ einen anderen Geschmack je nachdem ich mich zuhause aufhalte weil mir die Kraft fehlt, vor die Türe zu gehen, weil ich zum Beispiel nichts mehr zum Fressen habe, oder ob ich mich zuhause aufhalte weil ich so fett und mächtig bin, dass ich mir alles bringen lassen kann, was ich will. Und geistiges „Homing“ - der gemütliche Rückzug in die eigene Gedankenwelt kann faszinierend sein aber auch unappetitlich. Unsere seelische Verrohung ist das Ergebnis von Handlungen, die uns allen, egal in welchem Kontinent wir leben und mit welchem Monatseinkommen, das Vertrauen genommen haben. Hartz steht in Deutschland nicht nur für eine neue Arbeitslosenpolitik sondern auch für den Mann, der nicht nur dieses Sparprogramm für eine Gesellschaft entwickelt hat, die sich gegen die wirtschaftliche Veränderung in Deutschland gar nicht wehren kann, sondern der selbst in größtem Überfluss gelebt und auch sonst ein unappetitlicher und skrupellos ausbeutender Mensch ist. Was muss ich da noch über Kenia schreiben. Wenn es keine Anhaltspunkte mehr gibt, dann hat man nur mehr die Wahl zwischen Macht erreichen oder ihrer Willkür ausgesetzt sein. Der Unterschied ist, dass man in Deutschland morgen möglicherweise arbeitslos ist, während man in Kenia morgen möglicherweise tot ist. Es ist drastischer, sonst nichts. Dass immer die anderen schuld sind ist in beiden Ländern gleich.

Die Frage, die ich mir stelle ist, ob es überhaupt noch irgendeinen Gradmesser gibt, eine Grundlinie, von der man nach oben oder nach unten die Abstände zeigen kann, so etwas wie eine Grundmoral. Oder ob unsere Mediengesellschaft, unsere Bilder – Wirklichkeit alles möglich macht. The winner is...! Wer das beste Foto schießt hat gewonnen. Was ich auf meinen Afrikareisen erlebe ist extremer, nicht anders. Das Gesicht Afrikas ist dem europäischen ähnlicher als man vermuten würde, aber es ist nicht geschminkt. Es ist extremer, offener, offensichtlicher, archaischer, altmodischer und moderner, grober, unverschnörkelter, aber es ist nur ein anderer Blick. In Afrika werden andere Objektive vors Auge geschnallt, aber es ist nichts grundsätzlich anderes zu beobachten oder festzustellen, die Absurdität des Ganzen wird nur deutlicher.

Hier, heißt es, machen die Menschen für Geld alles. Fertig gedacht heißt das, ich kann mit meinem Bargeld, das ich in der Hosentasche habe, einen Mord bezahlen. Weil hier vieles im Verhältnis billig ist. Ich zahle, der andere führt aus. In Europa ist es oft umgekehrt. Man führt aus und der andere bezahlt nicht. Die Arbeit hat keinen Wert mehr. Der Manager treibt den Gewinn einer Firma in die Höhe indem er auf Arbeiter verzichtet. Das hieße in Afrika, ich bezahle jemanden dafür, dass er sich ermorden lässt. Der Mörder bekommt nichts. Und der Ermordete hat nichts davon. Nur ich habe mein Ziel erreicht. Um denselben Preis aber mit anderen Vorgängen. Ich frage mich also, ob die Entwicklung, sich immer mehr nur noch um sich selbst zu kümmern nicht zynisch ist, so wie ich das mit meiner altmodischen Betrachtung benenne, sondern die logische Konsequenz einer auf nichts beruhenden internationalen Verkommerzialisierung der Freiheit. Es geht mir um die prinzipielle Frage, ob ich eigentlich ein Idiot bin, weil ich hier in Nairobi unter schwierigsten Bedingungen mit Kindern und Jugendlichen der absolut untersten Unterschicht arbeite anstatt in Mombasa am Strand zu liegen.

Als Schwester Lydia nach Kenia kam, es war nach über vierzig Jahren Afrika ihr fünftes Land, hatte sie keine Basis von der sie ausgehen konnte sondern nur eine Idee, eine Vision: Bildung in die Slums bringen. Die erste Schule, die sie hier gegründet hatte, habe ich gesehen: eine Blockhütte auf Stelzen, mitten in den Müllhalden, für fünf Klassen. Mittlerweile gibt es vier Schulen mit insgesamt 16 Klassen und über 700 Schülerinnen und Schülern und seit einem halben Jahr ein Jugendzentrum, das ich also in einem Monat eröffnen und irgendwie vielleicht ein bisschen in die Zukunft lenken kann, bis es von selbst fährt. To steer, not to leed. Und ich stelle fest, dass mich das freut, dass ich hier, in diesem verzweifelt armen Land ein Theater eröffnen und Menschen damit von der täglichen Langeweile befreien kann, weil sie plötzlich etwas zu tun haben. „Seit wir hier unsere Schulen haben gibt es in diesen Slums keine bettelnden Kinder mehr,“ sagt Sr. Lydia. Und das ist eine Tatsache.

Jane hatte mir heute Morgen erzählt, dass sie mit vierzehn ihre ersten Schuhe bekommen hat, ein Geschenk ihres Vaters zum Abschluss der Unterstufe. Sie war sehr stolz auf ihre Schuhe und hat sie nur am Sonntag angezogen, nachdem sie ihre Füße lange geschrubbt hatte und wenn sie ausging. Damit sie diese Kostbarkeit aber auch lange behalten kann hat sie die Schuhe mit ins Bett genommen. Bis zu ihrem ersten Kind. Heute hat sie mehrere Kinder und mehrere Paar Schuhe. Und das ist auch in Ordnung, meint sie. Man kann sich ja auch mit mehreren Paar Schuhen anständig benehmen.

John, einer meiner Mitarbeiter, saß heute mit zwei unterschiedlichen Schuhen bei der Besprechung: ein Neoprenstiefel und ein Stöckelschuh. Ich geben zu, ich tat so, als hätte ich es nicht bemerkt und schaute doch immer wieder aus dem Augenwinkel hin. Was ist denn das für einer, dachte ich. Später kam ein Arbeiter aus dem Krankenhaus und brachte den reparierten zweiten Neoprenstiefel und nahm den Stöckelschuh wieder mit. Der junge Mann wollte einfach nicht, dass sein Socken auf dem Boden schmutzig oder kaputt wird, denn er hat wohl nur dieses eine Paar. Ein Paar Sandalen, ein Paar Neoprenstiefel, ein Paar Socken. Ihn hat Sr. Lydia eingesetzt, obwohl sie eigentlich keinen Job mehr hatte. „Ich konnte einfach nicht anders,“ erklärte sie mir, „ich konnte ihn nicht wegschicken. Aber sonst bin ich nicht so. Wer helfen will darf sich nicht überfordern. Sich nicht und das Unternehmen auch nicht.“

Schwester Lydia wird sicher keine Orden bekommen und in Kommissionen, Jurys und  Talkshows sitzen, sie wird nie als Afrikaexpertin angefragt oder bei Premieren oder Events herumgereicht werden. Auf ihr Konto gehen keine großartigen Reden und Sprüche, keine Bücher und keine Hochglanzexpertisen. Dafür aber das physische und psychische Überleben tausender Menschen. Das ist irgendwie der Unterschied. Das ist irgendwie mein Thema. Was das jetzt konkret für mich und meine afrikanische Zukunft bedeutet weiß ich noch nicht. Aber es ist ja noch Zeit. Step bei Step ist das Motto unseres Theaterprojekts.

Ich habe heute damit begonnen, Shakespears „Romeo und Julia“ für das Slumtheater zu bearbeiten. Eröffnet wird die Aufführung mit einem Prolog, den ich für die Kinder geschrieben habe. In English! Es ist mein erster Text in englischer Sprache. Morgen werde ich von meinen Assistenten durch die Slums geführt. Ich werde darüber berichten.

8. April

Korogocho ist auf dem Stadtplan eine graugrüne Fläche an deren einem Ende eine Straße plötzlich aufhört und an deren anderem der Stadtplan. Seit heute weiss ich, warum. Wir waren zu fünft von 9h bis 13h, also vier Stunden unterwegs, unser Guide führte uns kreuz und quer durch das Viertel, ich habe so etwas noch nie gesehen und auch nicht erwartet. Keine Ahnung, wie ich darüber schreiben soll, weil man das eigentlich nicht beschreiben kann.

Von der Mission aus geht man eine geschäftige Straße mit Läden vor den meist fünfstöckigen Häusern bis zu dem Punkt, an dem auf dem Plan die Strasse aufhört. Sie geht zwar weiter, ist aber plötzlich nicht mehr löchrig asphaltiert, sondern aus gestampfter Erde. Sonst hat sich noch nicht viel geändert, aber dann verzweigt sich diese Strasse, nach einem grossen Feld für Sport, zu mehreren breiteren Wegen, auf denen Rollkarren, Fahrräder und Pkws noch fahren können, LKWs nicht mehr. Die Häuser sind mittlerweile meist nur noch einstöckig, aber noch gemauert. Dann haben wir die Schule „New Life“ erreicht, den Treffpunkt für unsere Wanderung. Von da an geht es ganz schnell. Aus den Häusern sind Baracken geworden aus Lehm oder Blech, die Wege sind Rinnsale, in denen sich alles sammelt, was seit Jahren niemand weggeräumt hat, Kot, Hühnerknochen, gestockte Seife und Spülmittel, Plastik, Abfall, Kompost, etc. Alles gestampft und vom Regen immer wieder aufgeweicht, die Wände sind zum Teil aus Blechstücken gefertigt, die sich aufgebogen haben, man kommt nur gebückt weiter, steigt immer wieder über im stinkenden Rinnsal spielende Kinder, die kleinen Fensterchen sind auch Öffnungen von Läden, jeder versucht irgendetwas zu verkaufen, Bananen, Schrauben, Glasflaschen, Schnaps, Zigaretten, tote und lebendige Hühner, sich. Der Gestank ist schwer zu ertragen, zu mittag, wenn die Sonne auf die Stadt brennt, kaum noch.

Diese Menschen, sagt Philip, versuchen jeden Tag, etwas zu verkaufen. Wenn es ihnen nicht gelingt haben sie nichts zum Essen. Manchmal warten sie Tage, ohne Essen, ohne Möglichkeit, sie sitzen und warten und wissen doch, dass die meisten hier ebenso arm sind wie sie. Und wer fremd ist, jemand mit Geld kommt nicht in dieses Viertel. Weniger als diese Menschen kann man nicht haben, sagt Sr. Lydia. Als wir um eine Ecke biegen sehen wir zwei sehr hagere Männer um die sich eine Traube von Fliegen scharen, wie eine kleine Windhose sieht das aus. Sie sammeln den Kot der Menschen hier in dieser Tonne, denn es gibt natürlich keine Toiletten in diesen Baracken, die Menschen kacken auf die Erde und bringen das dann eingewickelt in ein Stück Papier oder Plastik zu diesen Männern. Wenn die Tonne voll ist wird sie von den beiden zum Fluss geschleppt. Sie erhalten ein bisschen Geld für die Fäkalien, davon leben sie.

Nach einer Stunde kreuz und quer durch das absolute endgültige Elend werden die Gassen wieder etwas breiter und öffnen sich zu einer großen Ebene, die den Hang hinaufführt, eine gigantische große Müllhalde. Das ist die zentrale Mülldeponie der Metropole, erklärt Philip. Der Europäer, also ich, denkt natürlich sofort, warum wird diese Deponie nicht verlegt, warum müssen die Menschen zu ihrem Leid, zu ihrer bodenlosen Armut auch noch den Müll und den Überfluss und die Gifte der reichen Westside abbekommen. Der Afrikaner, also Philip erklärt, dass das Government die Deponie verlegen wollte, aber das gab einen Aufstand. Nämlich, viele Menschen hier leben von der Deponie. Sie sortieren den Müll nach wieder verwertbaren Rohstoffen und die Deponie bietet Nahrung für die Schweine und die Ziegen. Und tatsächlich, als wir dem dampfenden Hügel näher kommen sehen wir das Leben auf der Deponie. Die Menschen durchstöbern und sortieren nach Glas, das sie je nach Farbe auf verschiedene Hügel aufschichten, jeder etwa so groß wie ein Kleinbus, durchsichtigem und buntem Plastik, Plastikflaschen, Papier, Bleche und Eisen. Diese Haufen werden am Rand der Deponie zu einem großen Berg aufgeschichtet und wenn ein Berg die Größe erreicht hat die ein LKW aufladen kann werden die Menschen, die ihn errichtet haben, dafür bezahlt. Ohne diese Mülldeponie gäbe es hier noch mehr Armut, sagt Philip. Unnötig zu erwähnen, dass in diesem Gestank Kinder spielen, von Ausschlägen übersäht, von außen und innen vergiftet. Der Mann, der unter einem kleinen Bäumchen mit Plastik zugedeckt liegt ist nicht tot, aber ohne das Plastik würden die Geier über ihn herfallen. Die Geier, die zu hunderten über der Stadt kreisen. Der Mann, der neben der Strasse liegt und nicht mit Plastik zugedeckt ist, ist allerdings schon tot. Der ist so staubig, der liegt da wohl schon den ganzen Tag, aber hier ist zuviel Betrieb, da kommen die Geier nicht. Den werden Tiere holen in der Nacht, oder er wird irgendwann weggebracht. „Einmal habe ich hier in den Müllhalden ein Baby gefunden,“ erzählt Philip, „es hat was gewimmert neben dem Weg, ich bin hin, da war ein Baby eingewickelt in Papier. Viele legen ihre Babys weg. Es hat keinen Sinn mehr. Ich habe die Polizei gerufen, weil ich nicht wusste, was ich tun soll. Die haben es dann irgendwo hingebracht.“

In diesem ganzen Mist, an den man sich mit der Zeit gewöhnt, findet ein ganz normales Alltagsleben statt. Die Schweine finden genug zum Fressen, Menschen haben ihre Arbeit, es führen ein paar stark frequentierte Wege durch die Müllberge, das ganze Gelände wirkt wie ein synthetisches Hochplateau mit Ackerbau und Viehzucht. Manchmal muss man durch schwarze Rauchsäulen stapfen, da hat sich dann irgendeine Chemikalie entzündet, oder Gummi. Das viele Glas, das überall herumliegt, verursacht oft Brände, die Menschen versuchen dann, mit dem anderen Müll, den sie drauf werfen, zu löschen. Die Feuerwehr kann da nicht hinfahren, durch das Gelände kommen keine Autos. 

Über die Müllhalden kommen wir wieder in das Baracken-Viertel zurück, in dem alle in Bewegung sind, langsam und unnötig, aber wer innehält gibt auf und verendet, sagt unser Guide. Don’t stay, move! Wer einmal darüber nachgedacht hat, wie sinnlos hier alles ist, der greift zum Alkohol. Dieser Billigschnaps zerstört in weniger als zwei Jahren das Gehirn. Wir steigen gebückt eine schmale, von dem klebrigen Dreck gefährlich rutschige Treppe hinunter zu einem kleinen Platz, der Gestank ist bestialisch, irgendwo her kenne ich diesen Geruch, denke ich. „Hier wird das illegale Zeug verkauft.“ Das hätte er gar nicht mehr sagen müssen, die Menschen, die hier im Dreck sitzen, an die Wände des kleinen Platzes gelehnt sind freundlich, zugedröhnt und starren uns an. Und da fällt mir ein, wonach es hier so streng riecht, nach ausgekotztem Schnaps. Der Mann hinter dem kleinen Fenster fragt uns, was wir wollen. Unser Guide redet kurz mit ihm. Da kommt der Mann raus, begrüßt mich freundlich und erklärt, „it’s better for the people, they die more quickly and have more fun in the process.“ Auf dem Rückweg zur Schule sehen wir hinter einer Baracke einen Holzkäfig, darin ruht eine dicke Sau. Sie kann hier keinen Schritt machen, kommt nie raus und ernährt sich von einer blaugrünen schimmelnden Kloake. Der Holzkäfig ist nur unwesentlich kleiner als die Lehmhöhle des Besitzers. Nur sterben ist schöner, denke ich.

In der Schule treffe ich Pastor Idaki. Er arbeitete früher hier am Rande des Viertels als Angestellter in einer Firm. Vor zehn Jahren hat die Firma geschlossen und er ist Pastor geworden. „Seit zehn Jahren predige ich hier in Korogocho. Ich leben von Spenden. Ich arbeite hier für die ärmsten der Armen. Frauen, die krank sind, alleine mit ihren Kindern, Jugendliche die keine Chance haben, Kinder.“ Er ist eine Autorität hier in Korogocho, jeder kennt ihn. „Ohne ihn hätte ich das nicht erreicht, was wir heute hier haben,“ hatte mir Schwester Lydia an jenem Donnerstag erzählt, bevor ich ihn kennen gelernt hatte. Pastor Idaki ist etwa vierzig Jahre alt, ein gut aussehender Mann mit einer ruhigen freundlichen Selbstverständlichkeit. Sein Hemd ist immer tadellos weiß, der graue Flanellanzug gepflegt. Nur an seinen Schuhen sieht man, dass er durch den Sumpf watet, durch den Sumpf von Korogocho. Ich könne mich immer an ihn wenden wenn ich etwas brauche, wiederholt er, er wird die Schlussszene spielen, denke ich.

Wir betreten die Schule St. John Bosco, die kleinste der drei Schulen in Korogocho. Wir werden zum Mittagessen erwartet. Die Kinder freuen sich, dass ich wieder da bin, es gibt Bohnen mit Reis, die Kinder tollen herum, sie haben schon gegessen. Jedes der über 700  Kinder in den vier Schulen bekommt von der Mission Frühstück und Mittagessen, „jedes Tagesessen kostet täglich 25 Cent, mit einem Euro kann ich also täglich vier Kinder satt machen,“ hatte mir Sr. Lydia vorgerechnet. Die Maissuppe in der Früh kostet 10 Cent, das Mittagessen 15 Cent. Ich esse also für 15 Cent zu Mittag. Danach wird Trinkwasser verteilt. Eine der Lehrerinnen fragt mich, was ich denke, wie man Korogocho retten kann. Trade und Education, antworte ich sofort, ich bin selber überrascht, dass ich so schnell eine Antwort weiß, aber nach dem heutigen Wandertag ist mir die Situation sehr klar geworden. Solange die Menschen keine Käufer haben für ihr Produkte werden sie kein Einkommen haben und selbst nichts kaufen können und so weiter. Auf dem Nachhauseweg gehen wir durch den großen Markt, der zentrale Markt des gesammten östlichen Slums, also Karindundu, Korogocho, Dandora, Kariobangi, Huruma und Mathare.

Die Menschen kaufen hier in diesem zentralen Markt ein, hier ist alles billiger als anderswo. Manchmal gehen sie dann Stunden zu ihrem Verkaufsplatz, mit Bananenkisten auf dem Kopf, oder Holzkohle auf Handkarren oder Klamotten, manche gehen auch den ganzen Tag herum und versuchen so ihr Glück, sie können einfach nicht mehr sitzen und warten, dass etwas passiert, sie haben keine Geduld mehr, oder einfach nur Hunger. Sie gehen kilometerweit um zwei Bananen zu verkaufen. Wenn sie Glück haben, können sie am nächsten Tag drei besorgen mit dem Gewinn. Wenn sie Pech haben, dann müssen sie entscheiden ob sie die zwei Bananen essen oder lieber hungern um es am nächsten Tag nochmals zu versuchen. Um vier Uhr erreichen wir meine Wohnung, ich bin vollkommen entkräftet, bewegt, erschöpft, angeregt und verständnislos, mit einem großen Helferwillen im Körper und einem ordentlichen Sonnenbrand im Gesicht. Morgen werde ich mir eine Kappe kaufen, beschließe ich und gieße Kaffee ein.

9. April

Heute sind die Viertel Huruma und Mathare Valley dran. Huruma ist ein vergleichsweise lebensfroher und wohlhabender Slum, also so einer, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt. Europakompatibel. Es ist nicht so dreckig, die Blechhütten wechseln sich recht natürlich mit Wohnblocks ab, es ist Verkehr, die Menschen sind busy, die Armut hat ein erträgliches Mass. Nach ein paar hundert Meter Einkaufsstraße, wo mein Käppi besorgt wird, stapfen wir durch das Blut des Schlachtbezirks. One slaughterhouse after the other. Die Straßen sind voll von Männern mit blutigen weißen Schürzen, Käufern und Ziegen, die auf ihr Ende warten, ob sie wollen oder nicht. Die Stimmung ist bestens, hier ist man gut gelaunt, dieses zentrale Schlachtviertel für Ziegen und Schafe beliefert die ganze Stadt, wir plaudern kurz mit einem Ladenbesitzer, wenn wir ein Fest machen, sollen wir ihn anrufen, die erste Ziege gibts billiger für einen Gast wie mich. Ob das nun stimmt oder nicht, hier sieht Nairobi aus wie es in allen Slums dieser Großstadt aussehen könnte. Und müsste. Denn nicht der Dreck ist das Schlimme, die Armut. Dass der Müll mitten in einem Millionenwohnviertel liegt mag für uns ungewohnt sein und es riecht auch nicht gut und der Gestank ist giftig, zugegeben. Aber es ist eine Grundlage für Menschen die keine andere Wahl haben. Und das Recycle – Verhalten der Slumbewohner ist sicher besser als das von uns Europäern. Dass der Dreck einfach auf die Straßen geworfen wird gibt wiederum den Menschen Arbeit die sich um seine Beseitigung kümmern. Schlimm wird es, wenn keine Perspektive mehr da ist. Da bleibt dann auch der Müll liegen. Zwischen Korogocho und Huruma ist also ein gewaltiger Unterschied, auch wenn es ähnlich riecht. Nairobi ist mit seinen vier Flüssen eine Stadt mit vielen schmalen aber üppigen Grünflächen, es gibt eine florierende Viehzucht mitten in der Stadt, ich habe Kuhherden durch Huruma stapfen sehen und massenhaft Ziegen und Hühner. Die Katastrophe ist also nicht notwendig, sie ist hausgemacht.

Ich bitte um Verzeihung, wenn ich noch einmal – und ein letztes Mal – den Stuttgarter Bahnhofsstreit verwende. Die jetzige Bahnhofsanlage hat 16 Gleise, die Schnellbahn ausgenommen, die hat ihre seperate Anlage unter dem Bahnhof. Stuttgart ist ein Bahnhofsknotenpunkt aus fünf Richtungen: Zürich, Paris, Heidelberg, Nürnberg, München. Mit diesen 16 Gleisen könnte man viel Innovatives anstellen, zum Beispiel eine Autoverladestelle, die sich wohl bald grosser Beliebtheit erfreuen würde, um von Stuttgart nach Villach oder Bozen zu fahren und damit auf seiner Italienreise diese entsetzlichen Autostaus zu umgehen, schlafend im Nachtzug. Auch ein Einkaufszentrum könnte man über den Bahnknoten bauen und einiges mehr. Durch die Untertunnelung und Reduzierung der Gleise und Bahnsteige entwertet man den Kopfbahnhof zur Haltestelle und nimmt ihm für alle Zukunft alle Erweiterungsmöglichkeiten, die vielleicht – immerhin haben wir eine Autokrise – bald notwendig werden würden. Warum also wird dieses Wahnsinnsprojekt trotzdem gebaut? Alte Verbindlichkeiten? Prestige? Bestechung? Größenwahn? Abhängigkeiten? – Wahrscheinlich alles zusammen. Und das ist in Nairobi nicht anders. Nur deutlicher zu sehen. Die einflussreichen Parteien, Stadt und Land, internationale Hilfsorganisationen, sie alle behindern sich gegenseitig, weil es nicht um die Menschen der Stadt, sondern um die eigenen Positionen geht. In Stuttgart werden uns politischer Größenwahn und Machtmissbrauch als Innovation in die Zukunft verkauft, in Nairobi sehen wir das tatsächliche Ergebnis. Die unüberwindliche Kluft zwischen Menschen und Machthabern.

Nach dem Schlachtbezirk stehen wir gänzlich unvorbereitet und als hätten wir den Übergang verpasst, in einer vollkommen anderen Welt. Das letzte Schlachthaus des Viertels grenzt direkt an die Anlage der Mutter Theresia Mission. Ein grosser, sehr einladender Park mit freundlichen Bäumen und verspielten Vögeln. Wir werden von einer Schwester durch das Areal und die großen Räume geführt. Es ist sozusagen das Auffanglager für alle Behinderten aus den Slums. Ich brauche eine Stunde, um alle Kinder und Frauen zu begrüßen, ich sollte niemanden auslassen, bittet mich die Schwester, denn wenn manche auch vollkommen stoisch sind oder ihren Wasserkopf kaum aufrecht halten können, sie bekommen doch vieles mit.

Es sind Kinder mit Geburtsfehlern, Drogenkinder, Unheilbare und Traumatisierte die hier gepflegt und versorgt werden. Manche Begegnungen sind lustig, manche tragisch, manche an der Grenze des Fassbaren. Ein Junge, der nicht sprechen kann nimmt mich an der Hand begleitet mich. Viele Kinder hier wurden ausgesetzt, weggelegt, weggeworfen, erklärt die Schwester. Viele waren ursprünglich vollkommen gesunde Babys, aber nach ein bis zwei Tagen in Papier eingepackt im Müll haben sie einen Schaden, der oft nicht mehr zu heilen ist. Jetzt wissen wir auch, was mit dem Baby passiert ist, das Philip einst gefunden hatte. Ein kleines Mädchen, das sich nicht bewegen kann, starrt mich an. Es fällt mir nicht leicht, zugegeben, aber ich gehe hin, hebe es aus dem Gitterbett und umarme es. Lange. Manche Kinder freuen sich so, dass wir da sind, dass sie ihren Teller mit dem Essen durch die Luft fetzen. Die Schwestern lachen. Und wischen schnell auf. Der Boden muss immer sauber sein, da viele Kinder nur auf dem Bauch robben können oder sich durch Drehen fortbewegen. „Seltsam,“ sagt Philip, „ich lebe seit meiner Geburt in Nairobi und war noch nie in dieser Mission.“ Nach Korogocho und den Schlachthallen habe ich also jetzt auch über hundert Schwer- und Schwerstbehinderte gesehen und gestreichelt. Da kann mir Mathare Valley auch nichts mehr anhaben, denke ich.

Mathare Valley, der Star unter den Slums, ist vor allem deswegen berühmt, weil es der älteste Slum der Stadt ist und weil er sich so malerisch an den Ufern des Flusses niedergelassen hat. Dadurch gibt es schöne Fotomotive und einige Traditionen. So zum Beispiel das illegale Schnapsbrennen, das sich vollkommen unversteckt am Flussufer ausgebreitet hat. Vier große Brennereianlagen, jede bestehend aus einer großen stehenden Öltonne, einer kleineren schräg darauf liegenden, ein paar Schläuchen, die zum Fluss und wieder zurückführen und einem Holzkohlenfeuer. Wir stehen oben am Hang und sehen den Männern bei der Arbeit zu, nicht lange, das haben sie nicht so gerne, aber lange genug um festzustellen, dass nicht nur das Kühlwasser aus dem Fluss kommt. Ich darf kurz wiederholen. Ziegen- und Rinderherden waten durch den Fluss, die menschlichen Fäkalien werden darin entsorgt, die Müllhalden reichen bis ins Wasser, alles was die kurzen heftigen Regengüsse mit sich reißen landet ebenso in den vier Flüssen wie Tierkadaver und wahrscheinlich auch menschliche Leichen. Ich werde diesen Schnaps nicht trinken, versprochen.

Mann muss sie das Valley so vorstellen: eingesäumt von zwei Hauptverkehrsstraßen liegen beiderseits vom Fluss Häuser und Hütten talabwärts, die Wege sind zum Teil befestigt, zum Teil gestampfter Lehm. Die Uferbreite zwischen  Fluss und Hauptstraße beträgt etwa fünfzig Meter. Die Bevölkerungsdichte beträgt knapp 300.000 Einwohnern pro km² (zum Vergleich, Berlin hat eine Bevölkerungsdichte von knapp 4.000). Rund die Hälfte der Einwohner ist jünger als 20 Jahre. Die häufigsten Todesursachen sind Mord und AIDS. Mathare Valley beherbergt mehrere rivalisierende Banden, die sich von Zeit zu Zeit blutige Straßenschlachten liefern. Einer der Plätze am Fluss heißt Kosovo. Es gibt eine Polizeistation, deren Beamten dafür bezahlt werden, die Schnapsbrennereien nicht auszuheben und den Slum nicht zu betreten. Von oben betrachtet und mit ein paar aufregenden Geschichten kombiniert, hat das Valley Ähnlichkeiten zum Wilden Westen. Der Slum wird Kino. Korogocho sieht man erst, wenn man drinnen ist. Und wer ist das schon. Nach vier Stunden Fußmarsch erreichen wir die Schule in Madoya, ein auf Stelzen direkt am Fluss gebautes Blockhaus. Dort erhalten wir wieder ein Mittagessen um 15 Cent. Bohnen mit Mais.

Auf dem Rückweg kaufe ich „Local Vegetables“ – Grünzeug, das optisch eine Mischung aus Spinat und Basilikum ist. Da ich weiß und reich bin wird der Haufen immer größer, den ich verkochen soll. „Stop please,“ sage ich, „I am not a cow!“ Die Frau muss lachen, das ist noch einmal gut gegangen. „If it tastes well I’ll come back next week.” “Yes please, come,” antwortet sie. “Bald gibt es Kaffee,“ denke ich erschöpft und verschwitzt und verdreckt. Ich habe sehr viel Leid gesehen in diesen zwei Tagen. Ich weiß nicht, ob ich es aushielte, in den Slums für längere Zeit zu leben. Es ist sehr anstrengend, abends nicht aus dem Haus zu können, als Weißer immer mit Argwohn betrachtet zu werden, nie ruhig wo sitzen zu können außer in klimatisierten Projekten in Uptown, wo es mich aber nicht hinzieht, immer dem Überlebensstress aller ausgesetzt zu sein, aber ich glaube, dass ich einen Teil meines Lebens dafür verwenden möchte, weiter in Nairobi zu arbeiten.

Das Niederösterreichische Donaufestival, das ich selbst einmal zu leiten die Ehre hatte, plant, wie ich in den Medien gelesen habe, einen kleinen Ausschnitt Mathare Valley Slum nachzubauen. Wird es da dann auch so stinken, denke ich, werden sie ein paar kleine Negerkinder einfliegen, damit sie authentisch im Dreck spielen, werden Geier im Himmel kreisen und Ziegen zwischen den Zuschauern geschlachtet und wird der menschliche Kot des Publikums gesammelt werden und neben der Slumperformance in den Stadtpark gekippt, damit die Menge an Fliegen identisch ist, wer stellt sein Baby zur Verfügung, damit es ausgesetzt vor sich hinwimmern kann, wer spendet die verseuchte Luft, wer vergiftet das Wasser? Wird hier Armut zum Eventspaß missbraucht um die Kassen klingeln zu lassen? Oder sind solche Veranstaltungen die einzige Möglichkeit, die trägen Europäer noch zu erregen? Bringt ein Film wie „Slumdog Millionär“ nur dem Produzenten Geld, oder kann er das Bild verändern, das wir von der Welt haben? Indianerfilme wurden nicht gedreht, um den Indianern zu helfen, sondern um Geld zu verdienen. Ein Festival benötigt Geld um zu überleben. Der Slum benötigt Geld um sich zu verändern. Der entscheidende Unterschied liegt allerdings darin, dass ein Festival entscheiden kann, einen Slum zu verwenden, um Geld zu verdienen, während der Slum nicht entscheiden kann, ein Festival zu verwenden, um Geld zu verdienen. Die Verantwortung liegt also bei denen, die Entscheidungsfreiheit haben.

Ku-onana, Euer
Stephan

10. April

Heute ist Karfreitag, ein Tag ohne Probe, ein ruhiger Tag, Aufstehen ohne Wecker, Tee kochen und ab in die Dusche. Nairobi wird durch eine große Wasserleitung mit frischem Trinkwasser aus dem Gebiet des Mount Kenia versorgt und hat kaum Wasserprobleme. Allerdings fehlt in den Wasserleitungen, wenn in einem Hochhaus wie dem meinen zu viele Menschen den Hahn gleichzeitig aufdrehen, der Druck und das Wasser versiegt plötzlich. Eine solche Trockenperiode kann Sekunden, Minuten, oder Stunden dauern, der Slumprofi hat für solche Fälle mit Wasser gefüllte Plastikeimer bereitstehen. Ich war also gerade vollständig eingeseift unter der zart sprühenden Dusche, die sich mit der Klomuschel eine kleine gemauerte Nische in meiner Wohnzelle teilt, als das Wasser plötzlich an Druck verlor und zu rinnen aufhörte. Zuerst wartete ich, leicht fröstelnd, ob die Ebbe möglicherweise nur von kurzer Dauer sei, doch als sich die Lage nach ein paar Minuten nicht verändert hatte, nahm ich einen der Wassereimer und lehrte ihn mir, wie ich das aus Westernfilmen kenne, über den Kopf. Danach war ich wach, und bereit für mein Feiertagsfrühstück mit Tee, Bananen und der Tageszeitung. Der Titel der heutigen Daily Nation lautete: „Don’t lead us back to war!“ Hier ein paar Auszüge:

The people of Kenya are watching with mounting apprehension as their political leaders threaten to once again send Kenya down the path of death and destruction.
Those entrusted with the responsibility of creating a new democratic, peaceful and stable Kenya are forgetting their primary mandate by veering off into reckless quarrels, some of it driven by shortsighted competition for power. The rifts being witnessed in the Grand Coalition government cannot be taken lightly.
Left unchecked, they will plunge Kenya into the chaos and anarchy that this coalition was specifically established to cure.
President Mwai Kibaki and Prime Minister Raila Odinga came together under the power-sharing agreement because that was the only way to pull Kenya back from the brink as violence spiralled out of control in the wake of a disputed election.
We shall not go that way again. It should be crystal clear that if ethnic fighting recurs in Kenya, all the Kofi Annans in the whole wide world might not be enough to put it back together again.
The friction in the grand coalition might seem the usual political squabbling, but it masks mortal danger. It could tear this country apart if our leaders refuse to see sense and solve their differences by talking to each other and respecting their promises.
The ordinary person is shocked and angry that a coalition that seemed to be working reasonably well has, without warning, erupted into insults and threats.
Wenn eine große Zeitung wie diese die Gefahr so deutlich formuliert, dann ist die Situation wahrscheinlich noch schlimmer als beschrieben. Die Menschen hier in den Slums können lesen. Und sie haben Angst.
 

Das gesamte Tagebuch als pdf herunterladen (556 kb)
Links: Berichte, Reportagen aus einer Welt: one-world.at oder one-world.net (englisch)