Das Tagebuch zu meinem Nairobiaufenthalt

April, Mai 2009
Stephan Bruckmeier

11. April
Karibu sana!

Heute ist Ostersamstag. Oder Karsamstag. Wie man es haben will. Für die einen ist es ein wichtiger Feiertag, für andere ein normaler Arbeitstag. Manchen ist es verboten, an Gott zu glauben, manche glauben an einen anderen Gott und wieder andere denken darüber nicht nach. Zur Einstimmung drei Geschichten, die mir heute begegnet sind.

1) Von 1987 – 92 hatte Sr. Lydia in Äthiopien gearbeitet, in durch den Bürgerkrieg zerstörten Dörfern der Hochebenen. Sie leitete ein Frauenhaus mit unterschiedlichen Schul- und Ausbildungseinrichtungen. Aber das Gebäude war zu klein für all die vielen Aufgaben und die Frauen, die oft weite und gefährliche Wege zurücklegten um hier eine Chance zu bekommen. Sr. Lydia begab sich also auf die Suche nach einem freien Objekt und wurde bald fündig, ein verlassenes Schulgebäude mit mehreren Klassenräumen, vom Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen aber mit stabilem Dach und einem brauchbaren Grundstück rundherum. Selbstverständlich war es für Schwestern verboten, mit den Behörden zu sprechen, denn die waren Kommunisten. Und selbstverständlich war es den Behörden verboten mit den Schwestern zu sprechen, denn die waren Christen. Schwester Lydia ging zum Kommandanten des Bezirks und erklärte ihm: „Ich arbeite hier für Eure Landsleute, ich brauche dieses Gebäude.“ Der Mann wusste, dass er nicht ja sagen konnte, denn das durfte er nicht und er wusste dass er nicht nein sagen konnte, denn das wollte er nicht. Und die Schwester wusste, dass sie keine Hilfe zu erwarten hätte, von beiden Seiten nicht. „Come again tomorrow,“ sagte der Mann nach einer Weile des Schweigens. Am nächsten Tag stand ein großer Land Rover neben der Bezirkszentrale mit ein paar Männern davor. „Come!“ deutete der Anführer, ein großer schwerer Mann mit Maschinengewehr und sie stiegen in den Wagen. Sie fuhren zum Schulgebäude, gingen mit ihr durch die Räume, stellten fest, was zu tun sei, schrieben alles genau auf und unterzeichneten dann einen Vertrag. Sr. Lydia hatte für die Renovierung zu sorgen, dafür gehörten ihr Gebäude und Grundstück. Das ganze passierte ohne Worte, denn man durfte ja nicht miteinander sprechen.

2) A seven-year-old girl yesterday died in Wajir District after complications related to fe-circumcision. Abdia Muhumed Hillow bled to death at the district hospital. She had collapsed after bleeding profusely before being rushed to hospital.
Senior nurse Ardo Mohamed told the Saturday Nation that the traditional Somali cut the girl underwent is called infibulation.
“This is the worst form of female circumcision and 99 percent of Somali girls go through it,” she said. “The girl bled for more than 10 hours,” Mrs. Mohamed added.
The girl was with five others who are said to have survived the cut.
Police in Wajir are looking for the (female) circumciser.
The girl’s mother is in police custody.

3) Die Osterfeuer in der Nacht von Ostersamstag auf Ostersonntag wurden bereits in heidnischer Zeit praktiziert. Man glaubte, dass der Schein des Feuers eine reinigende Wirkung hätte und die keimende Saat vor bösen Geistern schütze und so galten sie auch als Kult zur Sicherung der Fruchtbarkeit, des Wachstums, der Ernte... Diesen Brauch haben die Christen dann übernommen; bei ihnen wurde der Samstag zum Karsamstag. Sie zünden in der Osternacht einen Holzstoss an, singen Lieder, tanzen um das Feuer, und die ganz Mutigen springen durch die Flammen. In Norddeutschland, besonders an der Elbe, heißen die Feuer "Ostermond". Die Kinder gehen von Haus zu Haus und sammeln Brennholz ein, vor allem die alten Weihnachtsbäume, welche die Leute extra bis zum "Ostermond" aufbewahren. Im Harz heißen die Feuer "Ostermeiler", sie sind aus Reisig und Fichtengrün aufgeschichtet, obenauf steht eine große Fichte senkrecht. Am Osterfeuer wird die Osterkerze (Symbol für das Licht) entzündet, die dann in feierlicher Prozession mit dreimaligem Singen des "Lumen Christi" (Licht Christi) in das noch dunkle Gotteshaus getragen wird.

Die erste Geschichte hat mir Sr. Lydia erzählt, als wir im Innenhof der Mission saßen, im Schatten eines Avocadobaums. Die zweite Geschichte stand in der heutigen Zeitung und die dritte habe ich aus dem Internet zum heutigen Tag.

Ich bin weit davon entfernt zu wissen, welches Glaubensbekenntnis nun für unsere Welt das richtige sei. Und ich glaube, dass es eine der wesentlichen Errungenschaften des aufgeklärten, modernen Menschen ist, anderes Gedankengut zu akzeptieren und neben dem eigenen existieren zu lassen. In diesem Zusammenhang ist es passend zu notieren, dass ich mit dem Kommunisten Otto Taussig und dem Christen Peter Quendler sehr ähnliche Gespräche über aktive Nächstenliebe und Entwicklungshilfe geführt habe. Ich glaube aber auch, dass Ideen und Konzepte, die sich mit Waffengewalt durchsetzen, die Freiheit und den menschlichen Körper real und metaphorisch beschneiden, die Zwang ausüben anstatt zuzulassen und mit militärischer oder politischer Gewalt organisiert werden, in unserer heutigen Welt nichts mehr verloren haben. Man kann sich, wie ich finde, nicht gleichzeitig auf Tradition berufen und die Errungenschaften der Neuzeit ungehemmt benützen. Eine Welt, in der Frauen und Mädchen verstümmelt werden, ist nicht zu hinterfragen, sondern vollkommen abzulehnen und mit Mitteln der Aufklärung zu bekämpfen. Diesem Treiben nicht Einhalt gebieten wollen hat nichts mit Respekt vor der anderen Kultur sondern mit Feigheit und Missachtung dessen zu tun, was sich unsere Vorfahren und nicht zuletzt unser Jahrhundert in einer Reihe von Versuchen, Irrtümern und Katastrophen mühsam erarbeitet haben.

In der Nacht von gestern auf heute ist in unmittelbarer Nähe meines Hauses ein Schuss gefallen. Wenn diese Armut, diese riskante unsortierte angespannte Ruhe ausgenützt wird, wenn Machttaktik den beiden Regierungschefs wichtiger ist als ihre politischen Aufgaben, dann fallen hier bald viele Schüsse. „The duty of Kenyans should be to monitor who is better in serving the reforms and working for a Kenya in which historic reforms will yield a better future that connects people.” So heißt es in einem Interview mit Kofi Annan. Diesen Satz sollte man auch in Europa verbreiten.

An so einem ruhigen und besinnlichen Osterwochenende gehen einem unterschiedliche Themen und Gedanken durch den Kopf. Wenn ich die Wohnung verlasse bin ich Objekt, das jeder betrachten und kommentieren darf. Als Weißer fällt man hier einfach auf und wenn man täglich mehrmals denselben Weg geht, dann wissen die Menschen bald besser, wer man ist und was man hier tut, als man selbst. Ich war wenig draußen auf der Straße, denn ich hatte am Libretto zu arbeiten. Manchmal sind meine Rückenschmerzen so stark, dass ich liegend per Hand vorschreiben muss. Um ein Uhr gehe ich ins Bett. Die laute Reggaemusik aus der Wohnung über mir passt zu meiner Stimmung: ich habe einen Großteil des Stücks konzipiert und einige Szenen geschrieben. Auf Englisch!

12. April

Um Zwei Uhr nachts weckt mich die Reggaemusik das erste Mal. Um Vier Uhr nachts das zweite Mal. Ich habe entsetzlich schlecht geträumt und bin gerädert und wütend über diesen unfassbaren Lärm. Die Musik ist mittlerweile so laut, dass die Fensterscheiben des ganzen Hauses mit dem dumpf scheppernden Bass mitdröhnen, die Party ist in vollem Gang und das ganze Haus scheint mitzufeiern, die Spitzenakustik des Treppenhauses unterstützt das Dolby Surround System des kleinen alten CD-Players. Mein erster Impuls: aufstehen und hochgehen, mein zweiter: liegen bleiben und ertragen. Denn erstens würden meine Bitten und Beschwerden ungehört und sinnlos im Dampf der Feierlaune ersticken und zweitens hätte dann jeder gewusst, dass der komische Weiße da nicht lustig ist und den Einheimischen was befehlen will. Also habe ich mich gefügt.

Um Sechs Uhr beginnt das ohrenbetäubende Hämmern von Metall auf Metall. Die Spengler und Automechaniker unter meinem Fenster beginnen mit der Arbeit. Sieben Tage in der Woche arbeiten sie, die angeblich so „faulen“ Afrikaner. Ich bleibe im Bett, lese, schreibe, versuche, mich zu sortieren, döse, träume. Gegen Zehn stehe ich auf, tippe zwei Szenen in den Computer und stapfe dann zum Ostersonntagsessen.
Sr. Lydia hatte großartig aufgekocht: Lamm, Huhn, Gemüse, afrikanische Beilagen, Melone, Apfelkuchen, Eiscreme, starker Kaffee. Ein köstliches Ostermahl für eine internationale Runde. Es plauderten, diskutierten, lachten und schlemmten die Schwestern Lydia und Rivana (Südtirol), die Schwestern Rosemary und Lucy (Kenia), Schwester Theresa (Irland), zwei junge Studentinnen die zu den Franziskanerinnen gehen wollen (Kenia), eine sehr patente Sozialarbeiterin aus Boston, die eine Berufsschule für mittellose Frauen ohne ausreichende Schulbildung leitet und Barbara, die Salzburgerin die in der Mission wohnt und ein paar Tage meine Nachbarin war und ich.

Als ich nach langer köstlicher Mahlzeit zuhause angekommen war, fühlte ich mich plötzlich sehr elend, fröstelte und bekam einen heftigen Schweißausbruch. Sofort dachte ich: jetzt hast du Malaria. Ich hatte zwar erst zwei Stiche bekommen, einen gleich in der allerersten Nacht und einen gestern und ein Stich pro Woche ist ein bemerkenswerter Schnitt, aber was weiß man denn, ob nicht der eine Stich der entscheidende war. Das Fiebermessen beruhigte mich und ich legte mich schlafen. Es waren wohl die Hitze, die Anstrengungen der letzten Tage, die nervliche Belastung, der starke Kaffee und die unruhige Nacht, die mich kurz aushebelten. Nach einem Powernapping probierte ich eher aus Routine den Wasserhahn und siehe da – er sprudelte. Ich forderte das Schicksal heraus indem ich nicht sofort unter die Dusche stieg, sondern zuerst meinen Körper mit Dehnungsübungen und Gymnastik in Form brachte. Erst dann stellte ich mich unter die Dusche. Bis auf eine kurze Wasserpause funktionierte das Sonntagsvergnügen und ich konnte sogar die Haare waschen. So gereinigt kochte ich Tee und setzte mich zum Schreibtisch.

Wenn nichts Außergewöhnliches mehr passiert, werde ich jetzt eine Scheibe Toast essen, die Grabszene aus Romeo und Julia bearbeiten, die deutsche Bundesliga überprüfen und mich dann zu Bett legen. Mit oder ohne Reggae, mal schaun.

Friedliche Ostergrüße aus Kariobangi, Euer
Stephan

13. April

My Kenyan mobile-phone ringing wakes me up. It’s 5 past seven in the morning. I don’t pick up. The screenplay shows, it was Naomi. She is supposed to play Juliet. A person who wanted to play a main roll and tries to call me at 7 on Easter-Monday has a problem. I’m not ready for any problems. I try to sleep again but of course it’s not possible anymore. I get up and call her back at 8. “Jambo, Stephen is speaking.” “Habari Stephan?” “Musuri sana. You wanted to reach me?” “Yes. Rehearsal at Tuesday is nice, welcome, how do you like Kenya?” “I like Kenya, thank you, so, what’s the problem?” “No problem, welcome to Madoya tomorrow.” “Thank you very much. Have a nice Day.”
No questions anymore, she is Juliet for sure!

Ich bereite Tee. Versende ein paar sms, setze mich an den Computer. Heute muss das Stück fertig werden, morgen ist erste Probe. Ich bin, wie immer, etwas aufgeregt. Ich habe an die einhundert Inszenierungen absolviert, aber ich bin noch immer leicht erregt, bevor es richtig losgeht. Ich überarbeite die Dialogszene zwischen Julia und ihrer Mutter, und schreibe zwei Szenen für den Kinderchor. Um Zwei Uhr bin ich mit Maryanne verabredet, der Sekretärin der Organisation, wir wollen zusammen in die City fahren. Wir nehmen, wie sich das für Afrikaner gehört, ein Matato, also einen Kleinbus für etwa 40 Personen, bunt bemalt und mit lauter Musik. Diese Matatos haben Nummern, fahren bestimmte Strecken, halten an ihren fixen Stationen aber auch dazwischen, sind das Fortbewegungsmittel Nr. 2 nach den eigenen Füßen und haben Fahrer, die jedes europäische Ralleycross gewinnen würden. Hier kommt mir die indische Ruhe zugute, die ich für HesseIndia geprobt habe. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, dass ich nicht in einem Verkehrsbus sitze, der sowohl seinen Gegenverkehr, als auch die vielen Fußgänger ignoriert, dass keine Hühner im Korb vor mir hysterisch herumgackern, dass wir uns nicht inmitten des Hauptstadtverkehrs befinden, sondern in einer abgesicherten Hochschaubahn in einem Vergnügungspark. Nach wenigen Minuten ist mir schlecht. Es hilft nichts, ich muss die Augen öffnen und mich der Realität stellen. Busfahren ist irgendwie Party, also los!

Wir kommen, wie die meisten dieser Matatos, sicher im Zentrum an. Selbiges besteht aus zwei Teilen, das sollte man vorher gesagt bekommen. Uptown und Downtown. Beide Teile bilden die so genannte City, aber es besteht ein kolossaler Unterschied, vor allem für jemanden mit Geld und vor allem für einen Weißen. In Uptown kann man in aller Ruhe spazieren gehen, begegnet mehr Polizisten als Passanten, in Downtown brummt der Bär und man wird ausgeraubt, wenn man kein großes Glück hat. Downtown ist turbulent, hipp, voller Bars, Straßenverkäufer und Verbrecher, Uptown ist bürgerlich, beschaulich und ungefährlich. Es gibt eine Strasse, die trennt die beiden Hälften der vergleichsweise kleinen City, Moi Avenue. Wir steigen an der Endhaltestelle aus, die liegt in Downtown, gehen rasch durch die dichte Menschenmenge und über diese geheime Linie, die zwei Welten voneinander trennt. Insgesamt ist die City ein architektonisches Gemisch aus dem ehemaligem Ostberlin, südeuropäischer Nachkriegsstädteerweiterung und älterer amerikanischer Kleinstadt. Also Berlin Friedrichsstrasse anno 1980, Venezia-Maestre und Pittsburgh City. Aus der englischen Kolonialzeit stehen armselig noch ein paar wenige Häuser zwischen der internationalen Hochhauseinheitsarchitektur, unter anderem der Bahnhof, der sieht tatsächlich aus wie im Film aus einer anderen Zeit. Der Universitätscampus könnte überall auf der Welt liegen, ebenso das Regierungsviertel. Es gibt auch einige bemerkenswerte architektonische Kunstwerke im durchschnittlichen Hochhaussalat. Es ist wie in den internationalen Designerlokalen, alles schmeckt irgendwie auf der ganzen Welt gleich, aber ein paar Gerichte sind trotzdem richtig gut. Das Goetheinstitut und das Institut Francais liegen direkt nebeneinander und haben auf dem Gehsteig ein Schild mit den beiden Landkarten, dargestellt als Gesichter, die sich gegenseitig anhimmeln. Ob das die beiden Länder in Europa auch wissen, frage ich mich und nehme mir vor, das Schild zu fotografieren. Auf dem Gelände der ehemaligen Amerikanischen Botschaft, die durch ein Attentat in die Luft geflogen ist, sind eine Gedenkstätte und ein Museum eingerichtet, das berührt mehr als der Neubau des World-Trade-Centers. Auf den Straßen des Regierungsviertels darf man nicht stehen bleiben. Wie sollen diese Menschen eine Ahnung davon bekommen, für wen sie Politik machen, wenn sie so von der Wirklichkeit abgeschirmt werden, dass es für sie eigentlich gar keine Wirklichkeit mehr gibt?

Wir gehen in ein Kaffee mit dem fragwürdigen unterkühlten Charme eines Restaurants am ungarischen Plattensee in den 70er-Jahren und snacken. Es tut auch mal gut, nicht angestarrt, nicht angebettelt und nicht verfolgt zu werden. Die Menschen hier haben Geld, nicht übertrieben viel, aber sie können sich das Leben hier leisten und sie sind es gewohnt, Weiße, Inder und Asiaten zu sehen. In den Slums verhält sich das anders. Da falle ich auf wie eine Verkehrsampel mit falschen Farben bei Nacht. Trotzdem sind mir die Slums lieber, sie haben eine Identität, manchmal eine durchaus grausame und kaum erträgliche, aber eine menschliche. In den vielen Cities dieser Welt ist alles irgendwie Mittelklassedurchschnitt. Langweilig und ohne Aussage. Wie die Mittelklasseautos, die auf der ganzen Welt gleich ausschauen. Man weiß ja nicht einmal mehr, ob jetzt Daimler einen Mazda nachbaut oder Mazda einen Daimler. Alles muss so sein, dass sich die Mittelklasse wieder erkennt und das Produkt deshalb kauft. Und so sieht es dann eben auch aus, das betuchte Afrika.

Und doch ist es mir natürlich bewusst, dass ich mit gezinkten Karten spiele. Ich kann in den Slums leben wenn ich will, ich kann in die langweilige City fahren und einen, übrigens köstlichen Kaffee trinken, ich kann jederzeit nachhause fliegen, ich kann diese langweilige Mittelklasse vermeiden und kritisieren, weil ich sie haben und in ihr leben kann wenn ich will. Ein armer schwarzer junger Mensch aus Korogocho kann sich das Leben nicht aussuchen. Er muss sich darum kümmern, den Tag hinzubekommen, etwas zum Essen zu kriegen, zu überleben. Er hätte wahrscheinlich gerne ein Auto, auch wenn es durchschnittlich ist und er wäre auch mit einem Steak zufrieden das eher nur so tut als wäre es ein richtiges Steak und das in einem Lokal serviert wird mit der Aufschrift, Freundlichkeit verboten. Ich bin also ein Mittelklasse-Flüchtling und ich kann mir, nicht immer aber doch aussuchen, in welche Richtung ich die Mittelklasse verlassen möchte. Manchmal zu einer Inszenierung an ein großes Theater, manchmal zu einem Gastspiel an eine Botschaft und in eine Universität, manchmal in ein Luxusrestaurant, manchmal mit angesehenen Künstlern zu tollen Projekten oder mit hochinteressanten Menschen zu speziellen Anlässen und manchmal als engagierter Mitmensch in die finanzielle Unterschicht. Dorthin wo das Leben ganz anders verläuft, nämlich ohne den Luxus der freien Entscheidung. Ein Großteil der Bevölkerung kann sich gar nicht überlegen, wie er sich entscheiden wollte, denn es gibt für ihn nichts zu entscheiden. Wer wochenlang sein Gemüse nicht verkauft, wird irgendwann jemandem eine über den Schädel ziehen, nicht, weil er ein schlechter Mensch ist sondern weil er Hunger hat.

Für die Rückfahrt nehmen wir ein Matato aus der hinteren Startposition, das hat den Vorteil, dass es noch leer ist und wir vorne im Führerhaus Platz nehmen können. Da ist die Musik nicht so laut und der Blick noch spannender als aus dem Seitenfenster, denn man sieht, was jetzt eigentlich nach menschlichem Ermessen über den Haufen gefahren oder gleich in uns hineinbrausen müsste. Wieder kommen wir gesund und wohlbehalten an. Ich danke für den angenehmen Nachmittag und setze mich an den Computer. Kurz vor Mitternacht ist das Stück fertig und ich maile es zum Drucken in das Office. Heute ist meine zweite Woche zu Ende gegangen, morgen beginnen die Proben. Ich weiß nicht was ich hier genau suche, aber ich habe schon einiges gefunden.

Kwa heri, Euer Stephan

14. April

Um 7:45 klingelt mein Wecker. Aufstehen, Teekochen, Zähneputzen, Toastbestreichen, Frühstücken, Anziehen, los gehts.

Im Office ist Dorcas schon dabei mein Stück auszudrucken. 33 pages. Ich bin ein wenig stolz. Um kurz vor neun gehe ich mit Jane ins Youth Centre, dort warten acht ehemalige Schüler mit wenig bis keiner Arbeit, sechs Jungs, zwei Mädchen, alle zwischen 17 und 19. Gute Energie, sehr spannende Gesichter, wir sitzen im Kreis, ich erkläre kurz, worum es geht, was wir hier vorhaben, dass wir jetzt zwei Tage gemeinsam arbeiten werden und bitte alle, sich erst nach diesen zwei Tagen zu entscheiden, ob sie weiter dabei bleiben wollen. Wer dann ja sagt muss allerdings wissen, dass er das ganze Projekt grauenvoll im Stich lässt, wenn er später doch aussteigt. Das verstehen alle.

Ich beginne mit der Du-Übung, einer Vorarbeit zu Kampfszenen. Alle stehen wahllos im Raum herum, entspannt, verschlafen, lässig, wie jeder drauf ist, einer beginnt. Er zeigt plötzlich mit ausgestrecktem Arm und scharfer Deutlichkeit auf einen Mitspieler und sagt wie als Angriff „Du!“ Darauf geht der Angegriffene in die Angriffsposition und zeigt auf einen anderen Mitspieler und so weiter, der jeweils abgespielte Kollege geht wieder in die Ruheposition. Es klappt hervorragend. Wir verändern die Übung leicht, der Angreifer sagt ein Hauptwort, zum Beispiel Baum, oder See oder Tisch oder Huhn und der Angegriffene muss es darstellen, schnell und kurz und so deutlich wie möglich und dann weiter in der Gruppe, auch das klappt wunderbar und macht allen Spaß.

Manchmal mache ich mit, manchmal schaue ich zu. Ich muss an Pasolini denken, wenn ich diese jungen Leute so sehe in ihren lässigen abgetragenen Klamotten und ihrem starken Willen der so wenig Chance bekommt. Wann habe ich Orgie inszeniert? 1991. Wir wechseln das Programm. Soloimprovisation. Einer geht auf die Bühne und stellt sich kurz vor, Name, Hobby, Alter, Sport, etc. Dann wird an diesem kleinen Monolog gearbeitet, die Kollegen rufen rauf, „louder“ und ich gehe in eine kleine improvisierte Dialogsituation mit dem jeweiligen Solisten, wir provozieren uns gegenseitig, manche spielen mit großer Intensität, andere sind etwas zurückhaltend, alle haben richtig Spaß, sich auszuprobieren. Ich lege schon ein paar von den Jungs gedanklich fest für ihre Rollen. Dann lasse ich sie Vortanzen, jeweils einer aus der Gruppe ist der Vortänzer und die anderen machen nach. Zwei Jungs und ein Mädel sind richtig gut, ein Körpergefühl haben sie alle, aber im Vergleich sind nicht alle gleich umsetzungsfähig. Es ist ein Unterschied, ob sie ihre bekannten Tänze und Bewegungen zeigen oder fremde Choreographien. Insgesamt sind sie alle keine Schauspieler, aber sehr begabt. Nach zweieinhalb Sunden ist die Probe zu Ende, ich hoffe sehr, dass keiner abspringt!

Ich treffe einen Profi – Schauspieler, den Maryanne vorbeigeschickt hatte, er wird mir zwei Musiker suchen, einen Percussionisten und einen Gitarristen. Nach dem Gespräch gehe ich mit Patrick durch Huruma in die Schule von Madoya, dort sind wir um 13h mit den Lehrern verabredet. Auch in den Slums hier gibt es gepflegte und ungepflegte Viertel. Die Gegend um die Schule, die wir nach gut einer Viertelstunde erreichen, ist keine von den gepflegten. Wir gehen zu dicht an einem vorbei, der gerade die Scheiße abgeholt hat aus einer Baracke und sie mit heftiger Bewegung in die mobile Tonne kippt, wir bekommen ein paar Spritzer ab, ich muss nicht erklären wie wir stinken. In der Schule bitten wir um Seife und waschen uns erstmal an der Spüle. Wir sind zu früh dran und die Kinder sitzen noch emsig in ihren Klassenzimmern, das hätte ein Hallo gegeben wenn sie uns so gesehen beziehungsweise gerochen hätten. Mich hat es nur an den Haaren erwischt, das lässt sich leicht wegwaschen, Patrick entdeckt auch an der Hose ein paar Spritzer, das hinterlässt Flecken. Während wir auf die Unterrichtspause warten, kommen die beiden Männer mit ihrem Karren und dem Fass und kippen den ganzen stinkenden Ernährungsrest in den Fluss, exakt neben der Schule, denn da ist der Entladeplatz für dieses Viertel, der Gestank zieht durch die offenen Fenster auf der einen Seite in das Blockhaus hinein und auf der gegenüber liegenden Seite wieder hinaus. Dazu passend folgende Geschichte:

Es gibt in den Slums öffentliche Toilettenanlagen, wo die Bewohner hingehen oder auch die Männer mit ihren Fässern die Sache erledigen könnten. Allerdings kostet das etwas. Man kann sich vorstellen, dass in einer Gegend, wo ein nicht unerheblicher Teil der Menschen nicht jeden Tag etwas zum Essen hat kein Geld ausgeben wird fürs Kacke. Sicherlich wäre es einzurichten, dass die Abortmänner den Schlüssel bekommen für diese Häuschen und den Befehl, ihre Fässer nicht mehr in den Fluss sondern in diese städtischen Gruben zu entleeren. Das würde für die Regierung wenig ändern, denn Geld bekommt sie jetzt auch keines aus diesem Projekt, aber für die Gesundheit aller Lebewesen im Flussverlauf wäre es ein riesiger Gewinn. Allerdings müsste man da erstens nachdenken und zweitens wissen worüber man redet und drittens wirklich etwas verbessern wollen. Aber die für Wasser und Kanalisation zuständigen Beamten haben sichtlich keine Ahnung von den Slums, keine Ahnung von ihrem Geschäft und kein Bedürfnis, mit ihrem Job etwas Sinnvolles zu bewerkstelligen. Das ähnelt originellerweise der deutschen Schulreform. Auch da sitzen Beamten und Ministerialräte, die irgendwann vielleicht einmal für den Straßenbau oder die Landwirtschaft zuständig waren und durch Dienstjahre in die freigewordenen Lücken nachbesetzt wurden zusammen und beschließen Dinge von denen sie keine Ahnung haben und womit sie sich nicht beschäftigen und die ihnen eigentlich egal sind. Die Schüler, Lehrer, Eltern sind die Leidtragenden, aber die Politiker sind zufrieden, denn es passiert etwas für den Wahlkampf. Die Politiker kennen natürlich den Zusammenhang zwischen Umweltverseuchung und Krankheiten. Aber es ist ihnen egal und sie kümmern sich um anderes. Wenn im Norden des Landes die Cholera ausgebrochen ist und sich rapide ausbreitet ist es natürlich dringend notwendig, ein Gesetz gegen Lärm zu beschließen, wonach keine akustische Quelle weiter als 30 Meter reichen darf. Das klingt nicht schlimm, aber man kann es gerne ausprobieren. Wenn ich laut spreche bin ich schon drüber. Also: die Menschen haben nichts zum Fressen, die Flüsse werden verseucht, die Arbeitslosigkeit erdrückt das ganze Land und die Radios müssen abgedreht werden. Spitzeneinfall!

Nach einem ausgiebigen Besprechungsmittagessen mit Bohnen und Mais in der Schule von Madoya werde ich von einer jungen Lehrerin zu einem Copyshop im Markt von Kariobangi geführt. Zehn Kopien des Stücks dauern und so gehen wir durch den Markt. Sechs Längs- und acht Querreihen von asphaltierten schmalen Gassen zwischen kleinen Hütten, aus denen Stoffe und Kleider verkaufen werden, alle Kostüme, Röcke, Hosen und Anzüge handgenäht von Damen und Herren vor Ort. Es rattern die Nähmaschinen, es dampfen die Dampfbügeleisen, es schneidern die Schnittzeichner. Ich fühle mich wie im Maschinenraum eines großen Schiffs und bekomme eine Vorstellung davon, wie es zugegangen sein muss im Europa der 30er-Jahre, als zum Beispiel mein Vater geboren wurde. Was er mir von seiner Kindheit in München erzählt ist heutzutage nicht mehr nachvollziehbar, aber hier, in den besseren Plätzen der Slums bekommt man eine Ahnung davon, von welchem Standard Europa ausgegangen ist und wohin es sich entwickeln konnte, weil man ihm die Chance dazu gegeben hat. Das Kopieren von insgesamt 350 Seiten stellt sich an dem kleinen Gerät als aufwendiger dar und wir beschließen, das ganze Paket morgen abzuholen. Ich bezahle, erhalte eine Rechnung und erkläre der netten jungen Verkäuferin, dass ich mit meinem ganzen Ensemble komme wenn ich morgen für mein Geld keine Ware bekomme - und das sind 700 Kinder! Sie lacht. Wir verabschieden uns mit Handschlag.

Auf dem Rückweg werden wir von einer älteren Frau angesprochen, die uns von ihren malerischen Fähigkeiten berichtet. Es ist schnell klar, dass sie einen Job möchte. Wir verweisen sie höflich an Jane, die sicher nicht sehr froh sein wird, wenn die Dame morgen vor ihr stehen wird, aber anders hätten wir nicht reagieren können. Ich möchte nicht, dass sich herumspricht, dass ich, die Ampel mit den falschen Farben, unbeliebt werde in meinem Viertel. Ich bin froh, dass ich in Begleitung war, alleine wäre ich überfordert gewesen, sprachlich und aufgrund meiner Herkunft. Alleine hätte ich sicher schon einiges erlebt, weswegen ich nicht hergekommen bin. Ich verstehe die Menschen natürlich, dass sie jede Chance, zu überleben, wahrnehmen und ich bin eine Chance, ganz offensichtlich. Aber ich kann nicht allen helfen und ich will das auch gar nicht. Ich bin froh, wenn ich meine Theaterproduktion hier in den Slums zufriedenstellend zustande bringe. Nach dem heutigen Tag sieht es ganz gut aus. In diesem Sinne,

kwa heri und asante sana, Euer Stephan

15. April

Ich sitze in meiner Wohnung und führe ein Kräftemessen mit einer Horde kleiner Kinder durch, die mit betörender Hartnäckigkeit an die Glasscheiben klopfen, die meine sogenannten vier Wände vom großen Flur, also dem öffentlichen Leben, trennen. Am Anfang habe ich noch lustige Faxen gemacht, den schützenden Vorhang beiseite geschoben und die Zunge gezeigt, aber ich kann nicht täglich stundenlang mit den Kindern spielen und jetzt testen wir aus, wer stärker ist. Also sitze ich am Tisch und lasse die Kleinen klopfen und hämmern und rufen, irgendwann wird es ihnen langweilig werden, hoffe ich. Natürlich werde ich gewinnen, aber um welchen Preis?

Heute war mein zweiter Probentag und ich war zu Beginn enttäuscht, denn es kamen nur zwei Jugendliche. Um halb Zehn aber waren wir vollzählig und die beiden Pünktlichen sagten, this african guys! Wir haben uns für die Zukunft auf einen Beginn mit Gleitzeit geeinigt, also ich komme erst um viertel nach Neun und um halb Zehn sind alle da. Die Proben waren großartig. Auch jene, die gestern noch etwas schüchtern und unbeholfen waren, zeigten heute ihre Begabungen. Wir begannen mit Atemübungen, dann folgten ein paar Artikulationsübungen, beides aus dem Gesangsbereich, dann die immer wieder beliebte Spiegelübung und dann arbeiteten wir mit einem englischen Satz, wir zerlegten ihn rhythmisch, sprachen ihn als Kanon, als Kampfansage, als Liebeserklärung, zwei Spieler gegeneinander, zwei Gruppen gegeneinander, einer gegen die anderen und so weiter, dann als gemeinsamen Chor, sehr leise, dann anschwellend, dann mit Schritten und Körperakzenten, zuletzt entwickelten wir kleine Szenen immer mit demselben Satz: „Yesterday I went alone away from home to see the magic tree.“ Kein besonders intelligenter Satz, aber er ist im Zweier- oder Vierertakt zu sprechen und er hat einige unangenehme Konsonantenverbindungen. Nach einer Pause mit Tee und afrikanischem Krapfen – Chai na Andazi – entwickelte ich die Szene zwischen Mercutio und Tybalt.

Nach der beglückenden Vormittagsprobe ging ich zum Kopierladen um die Stückkopien zu holen und anschließend ins Büro. Dort saßen zehn Lehrer und banden Schulbücher für 886 Schulkinder ein, auch das muss gemacht werden. Ich schrieb ein Projekt-Ansuchen für Schwester Lydia und ging nach einem gemeinsamen Kaffee nachhause und da bin ich jetzt also. Erschöpft und zufrieden. Seit das Stück geschrieben und die Besetzung geklärt ist, hat mein afrikanisches Leben etwas Routine und Ruhe bekommen. Ich gehe zur Probe, arbeite wie in Europa, gehe danach ins Büro, bespreche den nächsten Tag, kehre nachhause, bearbeite meine Mails, bereite die Probe vor und schreibe mein Tagebucht. Manchmal koche ich, manchmal esse ich kalt. Es ist ein angenehmes Gefühl, im Slum zuhause zu sein. Die Nervosität ist einer produktiven Normalität gewichen.

Übrigens: die Strecke von Nairobi nach Mombasa, der zweitgrößten Stadt Kenias, ist gute 300 Kilometer lang. Die Bahn braucht dafür etwa 12 Stunden...

Schönen Abend, Stephan

16., 17., 18., 19. April

Am Donnerstag ging ich um 22 Uhr ins Bett und schlief bis 8 Uhr morgens durch. Ich war wohl müde gewesen. Daher schrieb ich am Donnerstag kein Tagebuch. Am Freitag hat mein Internet aufgehört zu existieren, aus mir unbekannten Gründen erhalte ich keinen Kontakt zur Außenwelt. Heute ist Samstag, ich hatte einen ausführlichen Computertag eingelegt und viele lange Mails vorgeschrieben, um sie alle zu versenden, sobald das Internet wieder funktioniert. Nun aber alles der Reihe nach:

Donnerstag

9:15 Uhr Probenbeginn. Alle da, wir beginnen wieder mit einem ausführlichen Warmup, dann werden die Texte verteilt. Alle Schauspieler erhalten ihre Szenen, ich beschreibe meine Ideen und Vorstellungen der Szenen, Dialoge und Figuren, dann lesen wir die Texte, besprechen die Sätze, kürzen noch da und dort, klären schwierige Vokabel, ändern ein paar Shakespeare´sche Wendungen und dann ist das Stück zum Lernen freigegeben. Ich zeige und erkläre, wie man am sinnvollsten Texte auswendig lernt. Im Anschluss an die Probe  begleitet mich meine wunderbare Gang zu einem Metzger, denn heute Abend habe ich Gäste. Ich kaufe ein Kilo Rindfleisch. Der Weg zum und vom Metzger ist ein großer Spaß, die Menschen, die uns entgegen kommen oder vor ihren Hütten sitzen betrachten diese seltsame Truppe mit Freude und Skepsis, die jungen Akteure springen um mich herum, wedeln mit ihren Textseiten während sie einzelne Zeilen lautstark repetieren oder singen. Werbung werden wir in diesem Viertel für die Premiere nicht mehr machen müssen. Ein junger Mann spricht mich an, fragt mich, wer ich sei und erklärt mir, dass er gleich um die Ecke Fußball spiele. Wenn ich vorbei kommen will solle ich nach Toni fragen.

Um 14h erste Probe mit Romeo und Julia. Wir sitzen im Theaterraum, es ist eigentlich wie immer und bei jeder Probe mit Hauptdarstellern, man liest, redet, denkt, beginnt zu entwerfen, zu fabulieren, ich erzähle Geschichten über das Stück, über die politische Dimension, die Konstruktion, dass Romeo, der nichts böses will und Julia, die voller Moral ist, am Ende Täter seien, Opfer ihrer Unerbittlichkeit, dass es wohl immer ein paar Opfer brauche, bevor die Umgebung zur Besinnung käme und wie aktuell dieses Stück hier in Kenia sei. Philip und Naomi sind aus den beiden rivalisierenden Volksgruppen, das war nicht ganz zufällig so gewählt von mir, das ist ein Risiko, man erkennt aus den Nachnamen wer zu welchem Volk gehört. Die beiden verstehen sich gut und wir tauchen langsam und ohne Probleme in den Kosmos des Stückes ein. Nach der Probe eile ich nachhause und koche. Rindsragout mit gelbem Curry, rotem Chili und frischen Früchten. Dazu Reis. Um 18:30h  kommen Maryanne und Dorcas, ich erzähle vom Theater, das Essen schmeckt, um 20h ist der Abend beendet. Nach 20h versucht man, die Strasse verlassen zu haben. Zuhause sein oder Taxi fahren. In der Dunkelheit sind die Slums einfach zu gefährlich, auch für Einheimische.

Das gehört zu den Dingen, die mich hier manchmal wahnsinnig machen. An vieles habe ich mich schon gewöhnt, an den Dreck, den Gestank, die vielen Blicke, es ist, als wäre ich eine nackte Frau, so werde ich angestarrt, aber das kann ich ertragen, ich grüße die Kinder freundlich, die mich von weitem erkennen und mit einem laut kreischenden „how are you“ empfangen, ich bin ein Star, ob ich will oder nicht, einfach weil ich der einzige Weiße bin, der in diesen Slums ganz normal zu Fuß geht, nicht alleine, aber überall und überall hin und immer wieder. Und wie andere Stars lieben mich die einen und hassen mich die anderen. So ist das eben. Ich bin ein armer mittelloser Star in den Ost-Slums von Nairobi. Wenig von dem, was diese vielen Menschen hier über mich denken, stimmt, aber ich verstehe ihre Blicke, ihre Gedanken, ihre Gefühle und ertrage sie. Aber woran ich mich nur schwer gewöhnen kann ist die Bedrohung, die immer neben Dir herläuft. Vor 2 Tagen wurden Priester in ihrer Wohnung überfallen, brutal zusammengeschlagen und ausgeraubt, einheimische Priester, aber auch die fallen auf und man vermutet Geld bei ihnen, Computer, Wertgegenstände. Auch ein Leopard ist in der Stadt, es hat ihn noch keiner gesehen, aber man hat ihn an den gerissenen Tieren identifizieren können. Ganz sicher ist man sich nicht, ob es einer ist oder zwei, drei. In der Nacht unterwegs zu sein ist leichtfertig und lebensgefährlich. Man geht vor 20h nachhause. Das ist sicher, aber schwer auszuhalten, auf Dauer. Ich könnte mit dem Taxi in die City fahren, dort ein Bier trinken und wieder mit dem Taxi nachhause fahren. Aber was bringt das? So sitze ich jeden Abend ab 20h alleine in meiner kleinen Wohnung und arbeite, denke, schreibe. Das ist großartig, aber manchmal eben sehne ich mich danach, hinauszugehen, über die Straße, ein bisschen spazieren zu gehen in der kühlen Abendluft, ein Stehbier zu nehmen, ein paar Takte zu plaudern und wieder heimzugehen.

Freitag

Ich habe Rückenschmerzen. Zehn Stunden Schlaf sind für die Nerven gut und die Seele und die Kraft, aber nicht für den Rücken. Nach kurzem Frühstück wandern meiner Assistent Patrick und ich nach Korogocho um Pastor Idaki zu treffen. Ich will ihm das Stück geben, er soll Bruder Lorenz spielen. Pastor Idaki ist wirklich ein origineller, imposanter und sehr engagierter Mensch, wir haben viel Spaß zusammen, aber nicht lange, um 11h ist Probe im Jugendzentrum. Wieder ein Zwanzigminutenmarsch durch Massen von Müll, Menschen und Autoabgasen, über uns die brennende Sonne, April ist Regenzeit, bis jetzt hat es genau eine Stunde geregnet, das sei zuwenig, klagen die Menschen.

Ich habe mir für die heutige Probe vorgenommen, mit ein paar wenigen Sätzen aus den Dialogen zu beginnen, sie in verschiedenen Varianten sprechen zu lassen und die Situationen der einzelnen Szenen zu analysieren. Aber wie überrascht bin ich als ich feststelle, dass die Jugendlichen ihren Text bereits annähernd fehlerlos können. Ich bin begeistert. „Are you crazy?!“ rutscht es mir heraus. Wir haben eine großartige Stimmung, Da wir heute später begonnen haben und länger proben werden gibt es Mittagessen für alle. Maiskuchen mit grünem Gemüse und Rindfleisch. Wir essen mit der Hand. Der Maiskuchen wird geknetet, dann gerollt und zu einer kleinen Schale geformt, Gemüse hinein, fertig. Wir essen nur mit der Rechten, wie sich das gehört. Die Atmosphäre im Speisesaal des Jugendzentrums ist aufgekratzt und geschwätzig wie in jeder europäischen Theaterkantine. Durch die geöffneten Fenster kühlt leichter Wind die drückende Hitze, es riecht nach Beton und Holz, die nackten Füße ruhen aus auf dem sandigen Linoleum, von draußen hört man Kinder, Vogelgezwitscher und Verkäufer, auf den Tischen liegen Seiten mit Text, es wird diskutiert, gelacht, man isst zusammen, eine Gemeinschaft entsteht, eine Szene, ein Stück. „Wir proben unter Bäumen und wissen selbst nicht, wohin,“ hatte ich vor knapp zwanzig Jahren mal einem Journalisten gesagt, „Zerbinetta“ hieß das Stück, das ich damals inszeniert hatte, seither ist vieles passiert, manches hat sich nicht geändert, Gott sei Dank.

Nach der Probe gehe ich mit Patrick in die Schule von Madoya. Huruma, der Bezirk in dem das Jugendzentrum steht ist, wenn man das so sagen kann, der bürgerlichste Slum im ganzen Osten. Hier haben mehr Menschen einen Job, hier befinden sich mehr asphaltierte Strassen, fahren Busse, stehen mehr Häuserblocks wie man sie aus Südeuropa kennt, Betonwürfel mit oder ohne Balkon, etwa fünf Stockwerke, Vorderseite gestrichen, meist ocker, Seitenwände oft im Rohputz. Nach Madoya geht es in jeder Hinsicht bergab. Dort gab es vor vier Jahren gar nichts. Dort, hat die Sozialarbeiterin Jane vor vier Jahren herausgefunden, gibt es keine Schule für die Kinder, dort ist das Zentrum der Räuber. Hands of Care and Hope hat neben den Fluss Bäume zwei Meter tief in den schlammigen Boden gerammt und darauf die erste Schule gebaut. In Madoya hat alles begonnen. Auf dem Rückweg werde ich von einem stark schwankenden Betrunkenen angepöbelt. „Bald fällt er um,“ sagt Patrick. Der selbst gebrannte Schnaps ist unberechenbar, irgendwann sackt der Kreislauf weg, man fällt um und schläft seinen Rausch aus. Wenn das in der prallen Sonne passiert kann es sein, dass man nie mehr aufsteht.

Wir gehen noch ins Office, dort sitzen noch immer die Lehrer und binden Schulbücher ein. Mein zukünftiger Benvolio ist dabei, die Amme, Mrs. Capulet und Julia. Eine lustige Truppe. Ich bin mit Sr. Lydia verabredet, gemeinsam studieren wir die Einreichungsformulare für das Kinderbildungsprojekt, füllen sie aus, mein Brief und das Konzept müssen noch angepasst werden, dann stecken wir die vielen wichtigen Blätter in ein großes Kuvert. Ich bleibe zum Abendessen, es wird spät, ich werde nachhause begleitet. Der kräftige Portier nimmt einen Stock mit und einen weiteren Angestellten der Mission. Alleine will er nicht zurückgehen, sagt er. Das Leben in Afrika ist hart, auch wenn es wunderschön ist. Das Internet ist nach wie vor überlastet, aber dafür ist nach zwei Tagen das Wasser wieder da. Ich dusche ausgiebig und gehe früh schlafen. Ich habe die Bühnensituation entworfen, die Besetzung abgeschlossen und die Balkonszene gelöst. Das ist noch nicht viel, aber mehr als vor vier Tagen.

Samstag

Wie schon erwähnt hatte ich den ganzen Tag gemütlich am Computer verbracht, ein paar ausführliche Mails geschrieben, die ich alle nicht abschicken kann, einen kurzen Besuch in der Mission abgestattet, mit ein paar Lehrerinnen und Lehrern geplaudert, mit den Schwestern über Hilfsmodelle diskutiert, was macht Sinn, was nicht, dann wieder nach Hause gegangen, weitere Emails geschrieben und irgendwann festgestellt, dass ich jetzt gerne auf ein Bier gehen würde, was aber, wie schon beschrieben, nicht empfehlenswert ist. Kein Ausgang, kein Wasser, kein Internet, manchmal kann einem die Decke ganz schön auf den Kopf fallen. Nach zwei Langschläfernächten bin ich auch nicht mehr so früh müde, es bleibt mir also gar nichts anderes über, als zu schreiben, nachzudenken, zu lesen, dann einen letzten Tee zu trinken, ein Joghurt zu essen, den Computer zuzuklappen und schlafen zu gehen. Immerhin ist es jetzt kurz nach Zwölf. Gute Nacht also und bis bald,
Stephan

Sonntag

Habe heute geträumt, dass ich auf einer Autofahrt mit meinem Sohn plötzlich an einer Grenzstation in die DDR abgebogen bin. Wir hatten dort Bekannte, woher und wie die aussahen wusste ich allerdings nicht mehr, die wollte ich besuchen. Zwischen zwei Schlagbäumen mussten wir aussteigen und wurden in einen fensterlosen Raum geführt, wo uns ein freundlicher Zöllner befragte: „ Was ist das Gegenteil von einem Kaiser?“ „Keine Ahnung“ gab ich etwas unsicher zurück. „Das Volk“ sagt der kräftige Mann etwas entnervt und stellte uns die Pässe aus. „Stimmt“ sagte ich und fand mich wirklich sehr dumm. Um die Situation zu retten erklärte ich noch: „Ich hab es vergessen, denn wir haben ja bei uns keine Kaiser mehr.“ Das machte natürlich noch blöder. Kurz nach diesem verunglückten Dialog standen wir jedenfalls vor dem Haus unserer Bekannten. Sie wohnten im x-ten Stockwerk eines dieser typischen Plattenbauten, hatten aber einen kleinen Alpengarten vor dem ebenso kleinen Balkon. Wir wurden freundlich empfangen und setzten uns zu einem gemütlichen aber sparsamen Abendessen. Erst nachts im Bett wurde mir klar, dass wir hier nie wieder rauskommen würden, hier aus der DDR, dass wir jetzt Gefangene waren und nie mehr nach Hause könnten. Als ich mitten in der Nacht aufwachte wusste ich erst gar nicht, wo ich war. Der Blick aus meinem Fenster bei Dunkelheit und die Geräusche erinnern an eine große Fabrikanlage bei Nacht, eine Stahlfabrikanlage. Dumpfes Dröhnen, spärliche gelbe Beleuchtung, Stimmen, spitze scharfe Klänge von aneinander geschlagenem Metall, ich hätte durchaus in der DDR sein können. Ich ging auf die Toilette und wieder zurück ins Bett. Als ich das nächste Mal aufwachte war es hell, vor dem Fenster lag Afrika, trotzdem ließ mich dieses Bild, in einem Land zu sein aus dem man nicht mehr rauskommt, lange nicht los.

Erst als ich mit Maryanne und ihrer kleinen Tochter Angela im Matatu saß und durch die afrikanische Metropole brauste vergaß ich den Traum und war wieder in dieser seltsam anderen Welt von Nairobi angekommen, in der ich mich langsam ein bisschen zu Hause fühle. Wir fuhren 18 Kilometer quer durch die Stadt, von Nordosten wo wir wohnen nach Südwesten zum Nationalpark, mit einmal Umsteigen im Zentrum. Ich kann es nicht oft genug betonen, so etwas wie ein Matatu wäre in Deutschland schlichtweg unmöglich, ein Kleinbus, der mit geöffneter Schiebetüre, dem aus der Türe hängenden und brüllenden  „Matatu - Schaffner“, einer kleinen Lichtorgel und ohrenbetäubender Musik wie bei einer Rallye als öffentlicher Linienbus durch die Stadt rast kann sich Deutschland nicht vorstellen. Und so ist der Unterschied sehr klar umrissen. In Deutschland freut man sich, dass alle Taxis die gleiche Farbe haben – beige. In Nairobi ist es selbstverständlich, dass jeder Bus anders aussieht. Je individueller und extremer desto besser, eine Mischung aus fahrender Disco, buntem Kellerpartyraum, Kunstobjekt, Vergnügungsparkvehikel und Hippiebus. Hier in Nairobi ist alles schon irgendwie sortiert, aber wilder, aufgeregter, bunter, individueller, gefährlicher, kämpferischer, lockerer.

Bereits wenige Minuten, nachdem wir den abgesicherten Teil des Nationalparks betreten haben, breitet sich eine tiefe und gut riechende Ruhe aus. Dieser Teil des Steppenwaldes unterscheidet sich vom übrigen Teil des Parks dadurch, dass zwischen den Besuchern und den wilden Tieren Zäune gespannt sind. Die Gehege sind sehr groß und gehen in die Landschaft über. Der Spaziergänger geht durch den Wald, an Zebras vorbei und Büffeln, an Elefanten und Flusspferden, dann über breite Hängebrücken von wo er in die Katzengehege schauen kann, die Löwen dösen, die Leoparden fressen, die Geparden warten ab. An und ab kommt einem ein Affe entgegen und klaut. Ein kleines Kind weint, denn sein Eis wird von einem Äffchen verzehrt, die Vögel singen mir unbekannte Lieder, die Bäume breiten ihre Äste aus wie Gefieder. Wir setzen uns auf eine Bank und ruhen uns ein wenig aus, drei Meter neben einem Nashorn.

Vor drei Wochen hatte ich in Stuttgart gepackt, war sehr aufgeregt, wusste, dass ich nach Nairobi fliegen würde um dort in den Slums zu arbeiten, sonst nichts. In drei Wochen werde ich Nairobi wieder verlassen. Ich werde gerne zurückfliegen, das weiß ich jetzt schon, ich freue mich auf die europäische Ausgeglichenheit, auf die Projekte die vor mir liegen, auf Menschen, die mir wichtig sind, auf die Möglichkeit, um 22 Uhr auf ein Glas Wein hinaus auf die Strasse zu gehen, auf den sozialen Luxus, der mich in Städten wie Stuttgart, Klagenfurt oder Wien erwartet und auf meinen Urlaub in Paris. Mein erster Urlaub nach drei Jahren Dauerarbeit. Paris ist vielleicht die komprimierte Mischung aus der Ruhe des europäischen Bürgertums, dem Glamour des internationalen Reichtums und der Power der afrikanischen Wildnis. Ich werde von Nairobi weggehen, durchatmen, dass ich es geschafft habe, wie viel auch immer gelungen sein wird, ich werde nach Europa zurückkehren, ja, aber ich werde wiederkommen. Ich werde nach Afrika zurückkehren, da gibt es gar keine Diskussionen mehr, weder in mir noch mit mir. Dieser Kontinent braucht Partner, ich habe die Kraft dazu, und die Lust. Nairobi hat mich in seinen Bann gezogen mit all seiner Unterschiedlichkeit. Eine Weltstadt wie sie bizarrer nicht sein kann, mit ihrem Tempo, ihrem Gestank, ihrer Armut, ihrer Architektur, ihrer Natur, ihrer Lässigkeit, ihrer Unberechenbarkeit, ihrem Kämpfertum, ihrer Zielstrebigkeit und ihrer Nachlässigkeit. Ich werde in diesen sechs Wochen nur einen Überblick bekommen haben von Nairobi, einen Blick, der vertieft werden will. In dieser Stadt ist das Leben noch ungeschminkt wirklich in all seiner Unerklärbarkeit, Unterschiedlichkeit, Poesie und Tragik, das kann einen nur vollkommen abstoßen oder anziehen.

Ich bin 1962 geboren, ich habe New York in den Sechzigern logischerweise nicht kennen lernen können. Aber ein bisschen etwas von der Power, der Kraft durch die gigantischen Gegensätze und die vielen Möglichkeiten des damaligen New York ähnelt vielleicht dem heutigen Nairobi. Diese afrikanische Metropole ist natürlich nicht so berühmt wie New York, aber es hat teilweise ähnliche Qualitäten und es gibt ein riesengroßes Potential an Menschen die wollen, können und Energie haben. Nairobi ist wahnsinnig anstrengend, aber ebenso inspirierend.

Und während ich das tippe, bricht draußen ein Regenschauer aus dem Himmel. Wie angenehm!

Herzliche Sonntagsgrüße aus dieser faszinierenden Stadt, Stephan

20. April

Montagnachmittag, ich bin wieder im Netz!

Um es kurz zu machen: man kann in den kleinen Butcheries in den Slums köstliches Rindfleisch kaufen, frisch und von einem Geschmack, den man in Europa fast schon vergessen hat. Aber man braucht das nötige Kleingeld. Ein Kilo Rindfleisch kostet 250 Kenyan Schilling, also 2Euro50. Ein durchschnittlicher Tagesgehalt der Menschen hier bewegt sich zwischen 0 und 3 Euro. Man kann hier auch einen Laptop kaufen und in den entlegendsten Vierteln zwischen den kleinsten Lehmhütten ins Netz gehen. Aber auch das muss man sich leisten können. Internet ist nicht billig und weil das so ist war mein Account deutlich früher als erwartet leer und das war der banale Grund, warum meine Emailtätigkeit am Samstag jäh beendet wurde.

Der heutige Tag war wieder einmal überraschend und das aus mehreren Gründen: erstens habe ich heute das erste Mal mit afrikanischen Handwerkern geredet und ihnen meine Pläne gezeigt für das Balkongeländer, wir haben diskutiert, verfeinert und verhandelt, sie werden es bauen bis zum Wochenende und das zu einem fairen Preis. Ich denke, ich bezahle mehr als ein Einheimischer aber nicht so viel, dass es unangenehm wäre. Die kleine Tischlerei, eine Holzhütte mit den drei Gitterbetten davor, die in der letzten Woche gezimmert wurden, liegt auf meinem täglichen Weg zur Arbeit, man kennt sich jetzt also ein bisschen. Zweitens hat ein Jugendlicher, der eigentlich eine Einzelprobe gehabt hätte, verschlafen und zwar so gründlich, dass er gar nicht auftauchte. So warteten Patrik und ich eine halbe Stunde sinnlos in der Halle und ich spürte, wie ich etwas grantig wurde. Ich hätte andere Szenen proben können, so viel Zeit haben wir nicht. Um zehn kamen die ersten verschlafenen Gestalten langsam zur Türe hereingeschlichen, „die Afrikaner mögen den Montag nicht“ wurde ich aufgeklärt. Ich begann dann etwas widerwillig mit den beiden Mädchen zu arbeiten, eigentlich war das gar nicht vorgesehen, aber es war die einzig sinnvolle Konstellation. Die beiden waren so gut vorbereitet, dass mir der Mund offen blieb. Der eine kommt nicht und die, welche gar keine Probe hatten, spielten eine fertige Szene. „What were you doing during the weekend? Have you looked TV or an American movie?” – “Yes” strahlten die beiden. Der Vormittag war gerettet, eine tolle, witzige Szene werden wir auf alle Fälle im Programm haben.

Zu Mittag eilten Patrick und ich zur Schule New Life, sie liegt in Korrogocho, etwa eine halbe Stunde Fußweg entfernt vom Youth-Centre. Wir sind pünktlich, ich werde dem neuen Englischlehrer und Koordinator vorgestellt, er war in London gewesen für ein Jahr während seines Studiums und in Rom, wir sprachen ein wenig über Europa und dann über sein Heimatdorf, wo er auch mit Jugendlichen arbeitet, das nächste Mal solle ich ihn dort besuchen, „klar,“ antworte ich ganz selbstverständlich. Eine Lehrerin wird für die Rolle der „Old Woman“ engagiert, eine weitere möchte auch noch eine Solorolle, ich werde noch eine Szene schreiben. Auf dem Heimweg kam die dritte Überraschung, wir wurden von einem Regenguss überschüttet der so plötzlich und heftig war,  dass wir schon völlig durchnässt waren bevor wir überhaupt merkten, dass es zu regnen begonnen hatte. Wir wateten durch den Schlamm der Strassen, die plötzlich wie Waldboden aussahen, mit Rinnsalen, dampfender schwarzer Erde und großen breiten Lacken. Und wie alles in Nairobi hat auch der Regen zwei Seiten: zum einen kühlt er die Luft, wäscht den Staub weg, reinigt die Strassen und erfrischt, zum anderen werden aus den Gräben neben den Lehmwegen und Strassen dampfende chemische Verbindungen, wie man sie nur aus Science Fiction – Filmen kennt. Diese giftigen, öligen und von klebriger Haut überzogenen Pfützen gären und brodeln vor sich hin dass es eine Freude ist, allerdings eine ziemlich unangenehme. Denn die undefinierbaren Chemiekloaken machen vor allem eines deutlich, dass wir in Europa vergessen haben, was wir eigentlich alles für Dreck produzieren. Bei uns ist alles sauber und in Betonröhren verschlossen und so sehen wir nicht mehr, wie das aussieht, was von uns täglich übrig bleibt. Hier, in der Armut, wo keine Zeit da ist und kein Geld, die unangenehmen Seiten des Lebens zu verstecken, schwimmt eben alles an der Oberfläche an einem vorbei und um einen herum und macht uns deutlich, was die Welt im innersten zusammenhält: Profitgier, Skrupellosigkeit und eine Ignoranz, die uns alle die Gesundheit kosten wird. Denn die Welt, das haben wir in der Schule gelernt, ist eine Kugel. Da gibt es kein Entrinnen. Es sind zum Beispiel keine dummen afrikanischen Autohersteller, die diese stinkenden, filter- und katalysatorfreien Brummer herstellen, sondern es sind europäische Firmen, die alles nach Afrika liefern, was in Europa verboten ist. Und hier vergiftet es die Erde und die Luft und das Wasser und wenn der ganze Dreck irgendwann über die Luft oder das Wasser oder den Handel und Tourismus zu uns zurückschwappen wird, dann werden natürlich die Afrikaner schuld sein. Upcountry ist die Cholera ausgebrochen. Wenn ich durch diese Regenstrassen gehe ist mir klar, warum.

Aber, weil in Nairobi eben alles zwei Seiten hat, freuen wir uns über den Regen, kaufen geschälte Ananasspalten und frische Mangos und gehen in meine Wohnung, um über sehr beeindruckende Gedichte zu sprechen, die Patrick geschrieben und mir zu lesen gegeben hat. Draußen prasselt der Regen auf das Dach meiner DDR - Fabrikanlage, wir trockenen uns ab, trinken Kaffee und reden über Poesie. Auf dem Flur lärmen die Kinder, manche von ihnen haben Aids, manche werden unter die Räder kommen und manche in ein paar Jahren in der Schule sitzen und vielleicht studieren und irgendwas besser machen.

Beste Montagsgrüße aus dem dampfenden afrikanischen Großstadtdschungel mit seinen vielen Überraschungen, Stephan

21. April
Jambo!

Gut, dass nicht jeder Tag so verlaufen ist, wie der heutige! Ich wäre sonst möglicherweise versucht, mein Rückflugticket zu versteigern und doch da bleiben.

Es hat schon damit begonnen, dass ich nach acht Stunden Schlaf hervorragend ausgeruht drei Minuten vor dem Weckerklingeln aufgewacht bin, meinen Tee wegen eines Stromausfalls wie beim Camping auf dem Gaskocher zubereitet habe, auf dem Weg zur Probe von meinen Tischlern in die kleine Hütte gebeten wurde, da sie mir den ersten Teil des Balkons zeigen wollten und um halb zehn alle pünktlich zur Probe da waren. Und sich meine Actors um die fehlende Person gekümmert haben, ein junger Mann, der sehr gut dazu passt. Es war die erste Probe mit den Jugendlichen und einem der Lehrer, eine reine Männerszene, die erste Kampfszene im Stück, die ich leicht gekürzt vom Original übernommen habe. Zuerst haben wir den Text gemeinsam gelesen, dann die Szene organisiert und die Schlacht entwickelt. Eine Choreographie, in der die tänzerische Bewegung selbst den Rhythmus festlegt und durch Klatschen und Stampfen zur eigenen musikalischen Begleitung wird.

Das faszinierende an dieser Probe war, dass wir unsere beiden unterschiedlichen Kulturen gewinnbringend verbinden konnten. Die rhythmischen Fähigkeiten der jungen Afrikaner und das strukturelle Verständnis des klassisch ausgebildeten Europäers. So haben wir Fünfer-Rhythmen verwendet und Brakes, Momente der Stille, des abwartenden Dehnens und das kombiniert mit Schrittfolgen, die von den Jungs in Improvisationen entstanden sind. Es ist ein stimmiges und treibendes Ganzes geworden.

Dann habe ich Carter getroffen, den Schauspieler aus der Gegend, den mir Maryanne vor ein paar Tagen vorgestellt hatte und mit ihm über eine Zusammenarbeit gesprochen. Er ist sehr daran interessiert, nach meiner Abreise das Training weiterzuführen und im Frühling – also September bis November – eine neue Produktion mit dem Ensemble des Hope Theatres zu entwickeln, bevor ich dann im Januar wieder selber herkomme. Dafür muss ich also nach meiner Rückkehr Geld aufstellen. Ich habe mir überschlagesweise durchgerechnet, dass ich mit etwa 12.000 Euro pro Jahr – also 1000 Euro pro Monat –
zwanzig Jugendlichen mit 50 €uro pro Monat eine kleine, aber durchgehende finanzielle Sicherheit und eine spannende Tätigkeit bieten könnte. Das sind keine astronomischen Summen, finde ich. Wenn ich zum Beispiel hundert Menschen finde, die bereit sind, eine Hope Theatre – Patenschaft zu übernehmen und 5 Euro im Monat spenden (in Worten: fünf!), dann wäre die halbe Summe für ein Jahr bereits herinnen. Ich kann mir nicht vorstellen, das nicht zu schaffen. Dann kämen natürlich noch Reisekosten und die Gagen für die Mitarbeiter aus Kenia dazu, trotzdem finde ich die Summe nicht erschreckend. Ich habe mich dann mit Carter für nächste Woche zum Abendessen verabredet um das Projekt weiter zu besprechen. Auf alle Fälle ist gesichert, dass dieses Theaterprojekt von Anfang an auch von Theatermachern aus dem eigenen Land mitentwickelt und mitgestaltet und nicht das Privateigentum eines Europäers wird.

Nach kurzer Kaffeepause ging es dann weiter mit den Proben: Romeo and Juliet – the famous balcony scene! Ich muss nicht extra erwähnen, dass die beiden den Text konnten – mittlerweile versteht sich das von selbst. Wir begannen mit ein paar Übungen zum Text: gegenüber sitzen, Augen schließen und mit der Hand den eigenen Text dirigieren; nie schneller reden, als die Hand führen kann. Das war erstmal gar nicht so einfach für die beiden. Sie sind Lehrer, können ein gutes Englisch und sind gewohnt, laut und mit Präsenz zu sprechen, sie waren eine sehr gute Wahl. Aber sie sind nicht gewohnt, sich zuzuhören, dem Text zu folgen, den ähnlichen Klang von Romeo und Rose (das klappt in Englisch und in Deutsch, aber in Englisch klingt es noch schöner) auszukosten, oder das Wort sweet auch sweet zu sprechen und so weiter. Dann haben wir an den zentralen Sätzen gearbeitet, Bilder gefunden, Gesten, Körperlichkeit, die Stimmungswechsel in den Abschnitten. Durch die Struktur, die wir dem Text geben, verliert er die Länge und die Betrachtung des Ganzen. Er wird, wie in einem normalen Dialog, Stück für Stück entwickelt, jeder Teil zum Ergebnis des Vorangegangenen. Dann arbeiten wir am Klang. Wenn Afrikaner Englisch reden klingt das erstmal immer ein bisschen wie Rap. Das ist für die Kampfszenen prächtig, für Liebesszenen weniger. Also haben wir das Sprechen mit großen Armbewegungen verbunden, um statt Worte Sätze zu sprechen, sie an weiche, spannungsvolle Melodiebögen zu binden, die Texte zu bildlichen und Satzenergien verstehbar zu machen. Nach drei Stunden Probe waren wir klatschnass und fix und fertig, aber die Szene hat einen großen Entwicklungssprung gemacht und ich kann sagen, dass wir sicher nicht alles perfekt hinbekommen werden, aber ein paar Szenen werden eine Wucht, unter anderem die Balkonszene.

Die Bühnensituation habe ich folgendermaßen definiert: Wir spielen auf der Bühne und vor der Bühne. Der Bühnenboden liegt einen Meter über dem Raumniveau und ist links und rechts über drei gemauerte Tritte zu erreichen. Vor der Bühne legen wir eine Arena an, das Publikum wird zu beiden Seiten und in der hinteren Raumhälfte sitzen. Die Vorhangschiene der Bühne ist in der Mitte etwa zwei Meter vom Spitzdach entfernt, an den Seiten nur vierzig Zentimeter. Julia wird auf einer Leiter hinter dem Vorhang stehen sodass die Vorhangschiene wie ein Balkon wirkt, das Geländer, das gerade von den Schreinern gebaut wird, hängen wir vor diese Schiene, ein dunkelblauer, schmaler Seidenvorhang zwischen rotem Samt und hellem Holzgeländer und die Nacht ist erzählt. Romeo wird sich in der Arenabühne bewegen und die vier Meter hoch zu seiner Julia hinaufwollen. Und dazu wird der Text perlen wie eine Klaviersonate von Schubert.

Auf dem Heimweg haben wir den Tischlern die junge Frau vorgestellt, für die sie das Balkongeländer bauen. Sie waren sehr begeistert von der schönen Frau. Morgen werde ich ein altes Fahrrad kaufen für die Szene zwischen Mercution und Benvolio. Unser Theaterprojekt wird immer mehr zum Gesprächsstoff im Viertel. Ich bin nicht mehr der anonyme Weiße, sondern einer, der immer noch da ist und Arbeit bringt. Früher, hatte mir Pastor Idaki erzählt, wären Menschengruppen verschiedener internationaler Hilfsorganisationen durch die Slums gefahren, hätten Fotos gemacht, betroffen gekuckt und Hilfe versprochen. Man hatte sie nie mehr wieder gesehen. Erst Schwester Lydia ist immer wieder gekommen und hat in kürzester Zeit vier Schulen aufgebaut. Und Peter Quendler, ohne dessen unermüdliche Unterstützung die meisten Objekte hier nicht stehen würden. Und Klaus, Mathematiker und Theologe, der die Bauaufsicht über hatte und auf dessen Computer ich jetzt schreibe. Und jetzt ich, der täglich hier herumspaziert, Sachen kauft, kleine Aufträge verteilt, mit arbeitslosen Jugendlichen arbeitet und hier lebt. Hier, nicht in der City.

Natürlich braucht man für solche Projekte taktisches Verständnis, Fingerspitzengefühl, Erfahrung, Glück und Zufall. Die Idee mit den Jugendlichen aus dem Viertel kam mir sehr früh, ich hatte gespürt, dass ich einen Theaterabend nur mit den Schulkindern nicht hinbekomme. Und dass ich auch persönliche Unterstützung benötige für meinen Alltag und die künstlerischen Prozesse. Aber nach der taktischen Überlegung kam das Glück, gerade diese Mädels und Jungs bekommen zu haben. Das hätte auch anders ausgehen können. Jane hatte das richtige Gespür gehabt dafür, was ich brauchen könnte. Mit den Jugendlichen konnte ich die Möglichkeiten ausloten, ausprobieren, entwickeln und ein Gefühl bekommen für das Leben hier und die Gedankenwelt der Menschen in den Slums. Die Lehrer, die mittlerweile alle mitmachen, werden der Aufführung durch ihr Alter und ihre sprachliche Reife das Niveau geben, das wir anstreben und die Jungendlichen wieder mitziehen. So ergänzen sich die beiden Gruppen wunderbar. Und in das fertige Gerüst werden dann die Kinder eingepasst, die keine Geschichte alleine tragen können aber dem ganzen Abend eine besondere Note geben, eine lokale Authentizität und die ein Erlebnis haben, das ihnen Freude machen wird und zeigt, in was sie hineinwachsen können. Mit einer längeren Probenzeit wird auch ein Projekt nur mit den 10 – 14-jährigen möglich werden, manche sind auffällig begabt. Natürlich war auch der Auftrag an die Tischlerei, das Balkongeländer zu bauen ein Ergebnis taktischer Überlegungen. Ich hätte das genau so gut aus Karton schneiden können. Aber für zwanzig Euro habe ich ein sehr schönes Objekt bekommen und Menschen, die mich grüssen, wenn ich vorbei gehe und die meine Arbeit hier weitererzählen und die morgen mit Julia photographiert werden für die Homepage des Hope Theatre, die bald eingereichtet werden muss.

Philip, der den Romeo spielt und in meiner ersten Nairobiwoche mein Fremdenführer war hatte mir damals erzählt, dass viele Menschen hier in diesen Slums am Abend hungrig ins Bett gehen, weil sie nichts verkauft haben und keine Arbeit haben und weite Wege zurücklegen mit ihren Waren und oft nach langer Arbeit heimkommen in ihre kleinen stinkenden Hütten mit dem Gefühl, dass dieser Tag mal wieder vollkommen umsonst war. Ich kann nicht bei jedem kaufen und für jeden sorgen, aber mit jedem Euro, den ich hier ausgebe, in den kleinen Läden, bei den kleinen Handwerkern, an den mobilen Ständen unterstütze ich die Menschen hier in den Slums, deren nackte Existenz. Heute hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass es richtig ist und sinnvoll, was ich hier mache. Und dass ich mich sehr wohl fühle in meinem Viertel und in diesem wunderbaren Juthcentre, in dem gerade das Hope Theatre am entstehen ist.

Tropische Abendgrüße aus Kariobangi, S ;-)
 

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