Das Tagebuch zu meinem Nairobiaufenthalt

April, Mai 2009
Stephan Bruckmeier

22. April

Habe heute meine Musiker kennen gelernt und einen alten Mann in seiner Wohnung besucht.

Für die Szene zwischen Mercutio und Benvolio hatte ich mir, dem Leben auf den Straßen hier entsprechend, ein altes Fahrrad ausgedacht, mit dem die beiden unterwegs waren als Benvolio seinen Freund aufmerksam machte, dass sie schon gefährlich nahe an der Villa der Capulets seien und besser umkehren sollten. Dass es dazu nicht mehr kommen würde, sondern stattdessen bald zwei Leichen auf dem Boden liegen würden und Romeo aus seinem plötzlichen und unerwarteten Glück ebenso plötzlich und unerwartet Zentrum einer tödlichen Katastrophe sein würde, ist allgemein bekannt. Aber zuerst beginnt alles ganz harmlos, auf einem klapprigen Fahrrad, für das sich die Jungs umgehört hatten. Wir gingen zu einem alten Mann, der in der Nähe wohnt und sich gut auskennt im Viertel. Er bat uns in seine Wohnung. Das muss man sich so vorstellen: Wir gehen durch eine kleine Öffnung einer niederen Betonmauer und stehen in einem Innenhof von der Größe zwei mal drei Meter. Von diesem Innenhof gehen vier Blechtüren ab, auf beiden Seiten zwei. Die dem Eingangsloch gegenüber liegende Mauer ist bereits die Rückwand des nächsten Gebäudes. Die erste Türe links ist der Eingang zur Wohnung des Herrn, den wir suchen. Die Wohnung ist ein einziger Raum, ohne Fenster, gleich hinter der Türe ist ein kleiner, niedriger Tisch, rechts davon eine Couch, gegenüber der Türe ein Lehnstuhl auf dem der Mann sitzt und Karton schneidet, hinter ihm ist noch Platz für einen kleinen Schrank, auf dem liegen allerhand Habseligkeiten wie Bücher, Geschirr, Karton. Links neben dem Tischchen ist das Hochbett, darunter eine weitere Kommode und eine Stange für die paar Klamotten. Links von dem Hochbett, also auch links neben der Tür ist ein Waschbecken. Alles in allem misst die Wohnung vielleicht 9 m². Ebenerdig, aus Beton, wir würden Zelle dazu sagen. Oder Garage. Die Wohnung ist klamm und riecht nach Waschkeller. Der ältere Mann hustet leicht, wie viele Menschen hier. Tagsüber ist man meistens draußen, da macht es nichts, dass man in einem Loch wohnt, aber am Abend, wenn man unschuldig in seiner Zelle hockt und die Feuchtigkeit an einem hochklettert, dann ist es ungesund und einsam und man fragt sich vielleicht, warum die einen mit klimatisierten Autos durch die Gegend rollen und die anderen in einem feuchten Loch sitzen müssen. Dabei ist dieses Loch immerhin ein Betonwürfel mit Betonboden und festem Dach, keine Hütte aus Wellblech mit Erdboden, hier rinnt der Regen nicht durch die Ritzen und in tiefen Rinnen aus dem Haus wieder hinaus. Wir sitzen da und unterhalten uns, der ältere Herr war früher bei Unilever angestellt, jetzt ist er arbeitslos und muss betteln. Er ist dann mit einem der Schauspieler losgegangen und hat an dem Fahrrad, das wir jetzt haben, sicher 500 KS verdient, also fünf Euro. Ich gönne sie ihm herzlich.

Um 14h kamen die beiden Musiker. Der Gitarrist ist leicht zu erkennen, denn er hat eine Gitarre und spielt immer leise vor sich hin. Das Instrument ist alt, scheppert ein wenig, aber der junge großgewachsene Mann kann was. Renaissance, Jazz, Traditionals, alles kein Problem. Der Percussionist ist klein und so dünn, dass man Angst bekommt. Wie soll der Trommeln? Ich erzähle von dem Projekt und von meiner Arbeit und meinen Vorstellungen und erkläre ihnen, was alles auf sie zukommen würde, dabei muss ich immer wieder auf die Beine des kleinen Musikers schauen. Die ohnedies schon dünnen Hosenbeine schlottern um die Stäbchen, die in viel zu großen schwarzen Schuhen stecken. Ein Kastanienmännchen, denke ich. Die beiden sind sehr still, nachdenklich, in sich und die Musik versunkene Zauberwesen aus einer anderen Zeit. Sie werden ab jetzt immer zwischen halb zehn und eins auf der Probe sein. Wieder ein Schritt weiter, Step by Step.

Auch das Balkongeländer ist schön geworden, ab morgen früh gehört es zum Inventar des Theaters. „Wir werden einen Kostüm- und Requisitenfundus anlegen müssen“ fällt mir ein, denn nächste Woche gehen wir einkaufen. Die großen Objekte sind geklärt: eine Bank, ein Fahrrad, ein Hocker, ein Balkongeländer. Aber die vielen Kleinrequisiten, ein Kaffeebecher, eine Obstschüssel, ein Kohlensack, ein Küchengeschirr, Gläser, Bestecke, Teller, Tabletts, Giftfläschchen, Schwerter, alles muss gelagert werden. Täglich kommt was Neues dazu. Unsere Homepageadresse habe ich sicherheitshalber bereits reservieren lassen. Morgen habe ich die erste Probe mit Pastor Idaki und am Nachmittag mit den Kindern. Sehr aufregend. Und drum gehe ich jetzt schlafen. Gute Nacht nach Europa, Stephan

23. April

“Living with the loss of 22 relatives – Members of an outlawed criminal gang killed at least 27 people in an overnight attack on a central Kenyan village which planned to expel its members from their midst, police said on Tuesday. In the cold light of the mountain morning, the village was a scene from hell: there were bodies strewn all over, with cuts in every part, some with throats slit. And the soil was spotted with blood.“

Jambo!

Dieser Aufmacher der Daily Nation war erstmal Gesprächsthema zwischen Pastor Idaki und mir, bevor wir eine sehr erfrischende Probe begannen. Es gibt mittlerweile etwa 1,5 Millionen Mitglieder bei den Mungikis, einer Organisation, die sehr ähnlich der Mafia agiert, Schutzgeld verlangt, landesweit operiert und jeden Mord oder Verhaftung eines ihrer Mitglieder dreifach vergilt. Auch wir und die Schulen stehen natürlich dank von Pastor Idaki unter dem Schutz der Mongiki, anders würden diese Schulen längst nicht mehr existieren, und einige Lehrer auch nicht. Die Mungikis gehören zum Volk der Kukuios und waren entscheidend an den blutigen Kämpfen im Winter 07 / 08 beteiligt. Man kann sie per sms buchen. Im großen Machtkampf zwischen Kukuios und Luos hat diese skrupellose Untergrundorganisation ein drastisches Wörtchen mitzureden und der Präsident weiß, dass er sich auf sie verlassen kann, so lange sich die Mongikis auf ihn verlassen können!

Pastor Idaki ist auch auf der Bühne eine starke Persönlichkeit. Wir besprechen die Szene, er wird die beiden Toten behandelt, wie man das hier in Afrika üblicherweise macht, wie er das hier in Nairobi tatsächlich macht. Obwohl es nur zwei Stühle waren, die er auf der Probe „beerdigte“ war es schon sehr berührend. Dann sprachen wir über die politische Kraft dieses Stückes, genau hier, genau jetzt. Pastor Idaki, die große integrative Kraft in dieser Region, wird den Theaterabend beschließen. Das ist nicht nur ein Schachzug, das hat eine politische Dimension. Nach der Probe trinken wir noch eine Tasse Chai und ich versichere ihm, Geld für das 10-Jahres-Jubiläeum seiner Kirche in Korogocho zu sammeln.

Dann war Mercutio an der Reihe, auf seinem Fahrrad. Dieser Junge ist ein wirkliches Talent, hat eine starke Stimme, eine große Präsenz und einen leichten Wahnsinn, der immer neben ihm herläuft. Er hat tatsächlich was von Mercutio und wird hoffentlich in Zukunft im Team bleiben, er sollte unbedingt gefördert werden. Obwohl er privat sehr nett ist wie alle Jugendlichen des Teams hat er was von einer Wildkatze, man weiß nie ganz genau, woran man ist, was er denkt, wo er im nächsten Augenblick stecken könnte, ob er kommt, wann er kommt. Auch wenn er gar nichts macht, nur sitzt, wartet, bleibt seine Ausstrahlung: eine große Unberechenbarkeit, das ständige Suchen nach etwas, von dem er selbst nicht genau weiß, das ruhelose Blitzen seiner Augen, ein Charakter zwischen schläfriger Selbstaufgabe und erregender Kampfbereitschaft. Er hat die Gefährlichkeit eines guten Rappers ebenso wie die natürliche Verlorenheit, auf die Mädchen so gerne hereinfallen, ein afrikanischer Lilliom.

Nach der Mittagspause geht es in die Schule von Madoya, also den Hang hinunter und durch den Sondermüll zur ersten Textprobe mit den Kindern. Die sind wirklich rührend aber in ihrem Sozialverhalten stark gezeichnet. In der Arbeit merkt man erst, wo sie herkommen, aus welchen Verhältnissen und in welchen sie leben. Für diese Kinder ist das Engagement dieser hoch engagierten Lehrerinnen und Lehrer die Familie, nicht vorzustellen, was sie ohne diese Schule machen würden. Während der Probe, die ich in einer neben der Schule befindlichen Blechbaracke abhalte, kommt ein sehr kleiner Bub hereingekrabbelt und stört. Ich nehme ihn in den Arm und dirigiere mit seiner kleinen rechten Hand. Er ist glücklich und die Kinder, vierzig Jungs und Mädels zwischen 9 und 14, haben ihren Spaß. Um sechzehn Uhr bin ich mit meinen Kräften am Ende und die Kinder können den Eröffnungschor. Ich schlendere nachhause, kaufe Bananen und Mangos, freue mich auf den Nachmittagskaffee. Das war mal wieder ein aufregender und vielversprechender Tag gewesen heute, der 23. April, der Todestag von William Shakespeare. Im Jahre 1616 hatte der große Dichter aufgehört zu sein. Seine Werke gelten noch immer, Liebe, Macht und Korruption gehören eben dazu zum Menschen genauso wie Idealismus und Nächstenliebe.

In diesem Sinne eine Gute Nacht, Euer
Stephan

24. April

Ich weiß nicht ob es dekadent ist was ich denke oder dumm oder richtig, auf alle Fälle hatte ich heute, als ich mit Patrick und Pastor Idaki durch Korogocho wanderte um auf dem großen Markt 5 Kilo Zwiebel und Gewürze zu kaufen fürs Gulasch morgen darüber nachgedacht, dass mit asphaltierten Straßen und neu gebauten, ordentlichen Häusern der Charme und die Poesie des Viertels ebenso verloren wäre wie der Dreck, das Gift und die entsetzliche Armut. Wieso ist es so schwer, einen Mittelweg zu finden? Weil es keinen Supervisor gibt und weil es natürlich auch keinen geben soll, der diktatorisch festlegt, was wann wie richtig ist. Niemand kann tatsächlich von sich behaupten, dass er wüsste, wie die Welt optimal funktionieren muss. Ich würde Korogocho vollkommen anders gestalten als andere, manche Bewohner wären mit meinen Vorstellungen einverstanden, andere nicht. Wahrscheinlich ist es dem Menschen einfach nicht gegeben, im richtigen Moment aufzuhören, zumal ja gar niemand sagen kann, wann der richtige Moment ist. Dennoch behaupt ich, dass es wichtiger und sinnvoller wäre, den Menschen hier in den Slums konkrete medizinische Versorgung, Bildung, fairen Handel und ein Bewusstsein für ihre Umwelt zu geben und sie sich selbst entwickeln lassen, als das Viertel nach unseren europäischen Konzepten umzubauen, damit es so aussieht wie alles andere auch auf dieser Welt, unpersönlich. Hier ist, man verzeihe mir diese Aussage, Afrika noch Afrika. Die Mischung aus Stadt- und Landleben in Verbindung mit einer angenehmen Lässigkeit und gleichzeitiger Zielstrebigkeit, schlafende Hunde, klappernde Fahrräder, Holzkocher die auf der Strasse stehen, meckernde Ziegen, mobile Läden, Ananas essende Verkäuferinnen, Autoreifen, Kinder in Schuluniformen, ein betrunkener Arbeiter und dazwischen oder als Verbindung der Einzelteile viele in verschiedenen Tempi gehende Menschen, das alles funktionier und passt zusammen und gehört in eine Strasse, die nicht asphaltiert ist sondern aus Erde, mit Pfützen und Aschehaufen und Bananenschalen, die von den vorbeiwandernden Ziegen dankbar verputzt werden. In gewisser Weise ist Korrogocho ein großer, von über dreihundert Menschen bewohnter Bauernhof, der, wenn ein paar soziale Einrichtungen existieren und sinnvoll eingesetzt werden würden, nicht nur gemütlich, sondern auch menschlich und ungiftig und entwicklungsfähig wäre als dörfliche Kommune in einer Großstadt. Aber es scheint, dass ein gewisser seriöser Wohlstand immer damit einhergeht, dass die Gemütlichkeit, die Individualität, die Poesie und die Kommunikation verloren gehen lässt. Teilweise leben die Menschen hier wie ausrangierte Sklaven, die nichts haben und täglich auf ein bisschen Almosen hoffen. Auf ihren kleinen, klapprigen Ständen liegen drei Bananen, ein paar Tomaten und zwei Paar Sandalen, alles gestohlen natürlich. Sie haben Hunger, aber sie haben Kontakt und eine Ansprache immerhin. Sie plaudern mit den Nachbarn, denen es auch nicht besser geht. Wenn man das ganze erbärmliche Leben hinter ordentliche Betonwände verpackt geht es den Menschen deswegen nicht besser, es sieht nur keiner mehr. Würden aber mehr Menschen, so wie ich, durch diese Strassen gehen und den Klein- und Kleinsthändlern was abkaufen, würde sich die Lage langsam verbessern und die Leute könnten ihre Stände vergrößern oder mehr drauflegen und langsam einen Gewinn machen und was mit nach Hause nehmen und die Lehmhütten abdichten und Wellblech aufs Dach nageln und sich´s verbessern ohne dass sie ihren vom Landleben geprägten Stil ändern müssten. Es wäre möglich, die Erdwege sauber zu halten von Chemie und Gift, es würde weiterhin die Musik aus den Hütten scheppern, die Menschen würden vor ihren Häusern kochen und plaudern und sitzen und Tomaten verkaufen und Schuhe und die Kinder würden spielen können ohne dass sie Ausschläge bekommen und die Hühner könnten weiterhin einfach herumlaufen und sich aus dem Haus ein paar Körner holen. Die Leichtigkeit des Lebens dürfte bestehen bleiben und die katastrophale Schwere wäre vorbei. Oder, um es einfach zu sagen, die Situation könnte so sein, wie es sich die Menschen erhofft hatten als sie um die Freiheit ihres Landes, ihres Lebens gekämpft hatten, so wie vor dem Beginn der stetig anwachsenden nationalen und internationalen Korruption, die das Land, wenn es so weitergeht, in die unrettbare Katastrophe stürzen wird.

Der Universitätscampus und der Zoo haben ein großes Schild am Haupttor stehen: Corruptionfree Zone!
Es sind bis dato die einzigen beiden Regionen, die ich als solche kennengelernt habe.

Vor dem Marktbummel durch Korogocho hatten wir sehr erfolgreich an der großen Kampfszene, an deren Ende Romeo fliehen muss, gearbeitet. Alle haben mittlerweile die richtige Energie, Kraft und Einstellung. Die Stimme sitzt gut, die Sätze haben Kontur und werden gedacht, das Englisch ist deutlich und pronunziert. Es ist eine große Freude zu sehen, dass alles, was wir bis jetzt besprochen und geübt hatten, wächst und gedeiht. Die Szene ist schwierig, sie kombiniert körperliche Aktionen, tänzerische Bewegungen, schnelles Sprechen und zielstrebige Textanschlüsse, solche Szenen müssen oft wiederholt und bis zur schlafwandlerischen Perfektion geübt werden. Die Entscheidung, neue Szenen zu erarbeiten oder die fertig organisierten zu wiederholen, stellt mich momentan täglich vor ein Problem. Von den großen Szenen fehlt nur noch der Eröffnungsdialog zwischen Romeo und Benvolio, dann haben wir die sieben Hauptszenen: Balkonszene, die beiden Kampfszenen, besagte große Dialogszene, die beiden neu geschriebenen Dialogszenen zwischen Hermia und Helena und zwischen der Amme und The Old Women und die Szene in der Gruft on Stage. Das ist ein großer Schritt nach vorne, trotzdem fehlen noch einige kleinere und kleine Szenen und die Choreographien mit den Kindern. Aber das Problem kennt jeder, der mit Theater zu tun hat: man lebt immer in dem Gefühl, nicht fertig werden zu können.

Nach der gelungenen Probe werden Patrick und ich von Pastor Idaki abgeholt. Dieser Markt, erklärt er, ist fest im Besitz der Kukuyus, während des Bürgerkriegs durfte dort kein Luo einkaufen, er musste versuchen, einen befreundeten Kukuyu zu schicken oder er musste weit weg in einen andern Bezirk gehen. Ohne historischen Überblick ist der Bürgerkrieg zwischen den Kukuyus und den Luos nicht objektiv zu verstehen. Die Kukuyus haben die meisten der wichtigen Ämter inne und sind die vorherrschende Bevölkerung in Kenia. Vor der Wahl hatten beide Präsidentschaftskandidaten erklärt, dass sie nur durch einen Wahlbetrug verlieren könnten und nach der Wahl kam es durch Ketten – sms zum bekannten gegenseitigen Gemetzel. Allerdings muss man sehen, dass die Kukuyus die erste Bevölkerungsgruppe war, die sich gegen die Kolonialmacht der Briten wehrte und hauptverantwortlich war für die Befreiung des Landes. Dadurch fühlen sie sich natürlich nicht ganz zu Unrecht als die rechtmäßigen Verwalter Kenias. Bereits 1918 hatten Kukuyu aus der Region um Nairobi und aus dem fruchtbaren Hochland Parteien gegründet, die 1919 Harry Thuku, der erste politische Held des modernen Kenia, zur East Africa Assotiation zusammenschloss. Auch im Mau-Mau – Aufstand Anfang der 50er Jahre spielten die Kukuyu die wichtigste Rolle. Dass der amtierende Präsident das Land in die Armut treibt, den Konflikt schürt und ausnützt, um von seinen Schwächen, seiner politischen Unfähigkeit und seinem kontinuierlichen Amtsmissbrauch abzulenken, anstatt die sozialen Unterschiede der Völker Kenias aufzuheben und das Völkergemisch zu stabilisieren erinnert an das postkommunistische Yugoslawien und macht Kenia zu einer tickenden Zeitbombe. Je länger dieses einstmals fruchtbare Land in Korruption und Armut versinkt, je länger in weiten Teilen des Landes Ackerbau und Viehzucht zerstört und der Boden ausgelaugt und verwüstet wird, je länger die Regierung über ihre eigene Zukunft anstatt über die Zukunft ihrer Bevölkerung nachdenkt, umso größer wird die Verzweiflung der Menschen, die Lethargie und der Hass. Und dieser fördert den Zulauf zu radikalen Gruppierungen als einzige Möglichkeit, aus dem ewig nach unten ziehenden Kreislauf aus Landfluch, Verarmung, Übervölkerung der Slumgebiete, Prostitution, Gewalt, Aids, Alkohol und billige tödliche Drogen. Eine neue Statistik besagt, dass die Attraktionen für den Tourismus, von dem Kenia zu einem nicht unwesentlichen Teil lebt, in einigen Jahren ausgerottet und zerstört sein wird, wenn nichts unternommen wird. Die politische Lethargie, der parlamentarische Realitätsverlust, das internationale Desinteresse sind die Hauptursachen der afrikanischen Selbstvernichtung. Allerdings fragt man sich, wie ein Europa, das jede politische Werteskala verloren hat, Vorbild oder gar Hilfesteller sein kann, wer überhaupt noch in der Lage ist, das internationale politische Versagen zu verhindern. Alleine der politische Weg des ehemaligen deutschen Außenministers Fischer demonstriert klar und für jeden nachvollziehbar, wie vollkommen unproblematisch jeglicher Haltungsverlust in der heutigen Zeit sein kann. Wer, außer man selbst, sollte da aktiv werden könne, auf wen mag man sich unter solchen Umständen noch verlassen?

Nach der Wanderung durch Korrogocho, die sich mir anders eingeprägt hat als vor zwei Wochen, trinke ich mit Patrick noch unsere traditionellen Nachmittagskaffees. „Diese  Theaterarbeit ist schon deswegen so wichtig“ sagte er, „weil sie viele Jugendliche von der Straße wegholt, ihnen eine Aufgabe gibt, an der sie wachsen können und ihnen eine erweiterte Weltsicht bietet, die sie offener und aktiver machen kann.“ Wie wahr! Joshua Sobol hatte mit einem Palästinenser gemeinsam ein Israelisch - Palästinensisches Theater geleitet. Mit großem Erfolg. Dem Theater wurden die Subventionen gestrichen, da die Israelische Regierung nicht wollte, dass in der Öffentlichkeit deutlich wird, dass die beiden Völker eigentlich auch zusammen leben könnten. – Wir leben in einer seltsamen Welt!

Zum Abschluss des heutigen Tages ein sehr berührendes Poem von Patrick, meinem wunderbaren Assistenten:

THE WOOD CARVER

The cows moo in their byre
To be milked as the sun slowly
Goes to sleep
The birds flock my wheat farm
With nobody to chase them away
The calves jump up and down enjoying
The cold of the dusk

The sound of my adze and the twittering
Crickets join in my song
As I carve my late wife
I remember the long distances I went
Looking for a precious hardwood
When I look at the grave tears flow
Down my cheeks
What do the ancestors owe me?
I did not take her to the medicine man
Mutumia wa Ngondu

I heard of the original sin
We both soared tears for one another
To shed when one of us died
But who was the first?
I shed the tears I spared for her

Now she is dead.
Not a single cry of a toddler can be heard
From my hut
I will carve her figure
Her lips were as red as the honey
Harvester’s splint
Her chest resembled the Mbooni Hills
Where our ancestors appeared from
Her teeth were as white as the milk
That my grandfather spit on my chest
To bless my work of wood carving

By Patrick Mulwa, 2006

In meiner Wohnung riecht es wie in einem Wiener Wirtshaus. Ich koche Gulasch für 30 Personen...

25. + 26. April
Jambo!

Es ist Sonntagabend, ich sitze in meinem Lehnstuhl, den Laptop auf den Knien und habe gute Laune.

Gestern waren wir um Zehn Uhr morgens im Theater verabredet, ich kam pünktlich mit Patrik, dem Gaskocher und der Zwiebelpampe, die anderen mit sechs Kilo Rindfleisch und fünf Kilo Kartoffel waren schon da! Während wir die Kartoffel schälten und das köstliche Fleisch in Würfel schnitten hatte ich plötzlich eine Vision: man könnte in den großen Nebenräumen des Theaters ein Restaurant aufmachen, die Kids der Theatertruppe kochen mit verschiedenen Profis im Turnus und haben nach drei Jahren eine Ausbildung, einige Stücke gespielt und mit ihrer Arbeit Geld verdient. Ich bin nicht ganz sicher was ich von der Idee halten soll aber ich habe sie noch nicht gleich wieder verworfen. Das Radio schepperte und plärrte verzweifelt, es hätte so gerne Musik gespielt, aber die Antenne war nicht mit dem Gerät verbunden, etwas war abgeschmort, ich habe keine Ahnung von Radios, wundere mich aber, dass dieses kleine Gerät, das aussieht wie eine alte Werkzeugkiste die unter den Zug gekommen ist, überhaupt Geräusche von sich gibt. Durch das Fenster taumelte die verschlafen fröhliche Mikrofonstimme eines Moderators, der Menschen unterhalten sollte damit sie beim nächsten Mal zur Wahl gehen, ein paar Fliegen wunderten sich über den neuen Duft von rotem Paprika und meine Süßen saßen im Kreis, hatten Spaß und schnatterten beim Kochen wie eine Schar Gänse. Es war berührend zu sehen, wie fröhlich diese jungen Menschen sein können, wie gerne sie bereit sind, ihr Schicksal anzunehmen und an eine Zukunft zu glauben, die in diesen Gebieten selten vorbeikommt. Um kurz nach zwei waren die Lehrer da, sie hatten bis 14h unterrichtet und waren dann hurtig zum Gulasch geeilt, die Theaterhalle war von meinen Theater spielenden Gastronomen wunderschön gedeckt worden, Plastiktische mit je vier Stühlen darum herum waren im Kreis eingerichtet und vermittelten das Bild einer italienischen Vorstadt - Trattoria, der Duft von indischen Räucherstäbchen mischten sich mit dem des ungarischen Gulaschs und des afrikanischen Maiskuchens, ein internationales Friedensmahl. Wir setzten uns zu Tisch und verspeisten in knapp einer halben Stunde fünfzehn Kilo Essen - Fleisch, Kartoffel, Zwiebel, Maiskuchen und Fladenbrot. Laut Teller waren wir 29 Personen gewesen, das sind dann also etwas mehr als ein halbes Kilo pro Person. Erwähnen muss ich noch, dass ein Essen ohne Maiskuchen oder Fladenbrot für den Afrikaner keines ist. Und das sind nicht meine Worte, sondern das ist O-Ton Shado, alias Tybalt. Und drum hat er auch das Maismehl mitgebracht und gerührt, denn sonst gibt es kein Besteck und es schmeckt nicht afrikanisch und überhaupt. Die Polenta ist, wie schon erwähnt, das Esswerkzeug und die Basis jeden kenianischen Essens, egal ob es Kartoffel, Nudeln, oder Reis dazugibt. So ähnlich verhält es sich bei den Bayern mit dem Knödel. Er hat auch nichts dagegen, wenn es was Außergewöhnliches zum Essen gibt, solange der Schweinsbraten mit dem Knödel dabei ist. Das andere kann man dann ja immer noch stehen lassen zur Not. Bei uns wurde gar nichts stehen gelassen und es hat allen geschmeckt.

Nach dem ausführliche Abwaschen bin ich nachhause gegangen und habe mich ins Bett gelegt. Das Gulasch hat mich an zuhause erinnert und ich spürte, dass ich mich auf Europa freue, auf ein Bier am Balkon und einen Spaziergang bei Nacht und auf die Produktion Maximilian die in zwei Wochen losgeht und die von zwei Südafrikanern geschrieben wurde und auf die lieben Menschen die mit mir dieses Werk in Kärnten auf die Bühne wuchten werden und auf die Produktion Shilla in seiner Geburtsstadt Marbach und auf Paris und überhaupt auf alles was grad kommt und dass ich gleichermaßen auch sehr traurig sein werde wenn ich hier aufbreche in zwei Wochen und dass ich wiederkommen muss weil es gar nicht anders geht, weil schon so viel passiert ist und die Menschen hier damit rechnen dass ich weitermache und das hat mich alles so gefreut und verwirrt und aufgewühlt, dass ich einen Text über die Liebe für das Musical geschrieben und einen Zitronengrastee getrunken und die Augen geschlossen habe und wahrscheinlich schon eingeschlafen war, als ich noch über mein Tagebuch nachdachte, so müde war ich gewesen, gestern, nach dem ersten Gulasch im Hope Theatre in Nairobi.

Und heute bin ich zu meinen lieben Schwestern zum Lunch gegangen und habe mich anschließend noch mit Schwester Lydia über Fördermodelle und sinnvolle Hilfe in Slums unterhalten und festgestellt, dass wir beide derselben Meinung sind, dass es nämlich besser sei, weniger Menschen eine gute und sichere Zukunft zu ermöglichen, als vielen ein bisschen was anzubieten wodurch eigentlich gar nichts wirklich verändert werden kann. Es gibt viel zu viele Menschen für viel zu wenige Arbeitsplätze, eine Chance hat also nur, wer eine solide Ausbildung vorweisen kann. Natürlich ist es ein Zufall, dass ich jetzt hier in diesem Slumgebiet tätig bin und diese Jugendlichen fördere und für die Schulen von Hands of Care and Hope arbeite. Ich könnte genau so gut in Mathare Valley Schulen bauen, oder in Uganda Aidskranken helfen, oder den Kriegswaisen im Kongo und so weiter, aber diese Gedanken führen nirgends hin. Meine Hoffnung ist, dass sich solche Initiativen rumsprechen und dadurch auch andere Menschen darüber nachdenken, ob sie nicht in der Lage wären, kleine, gezielte Hilfsprojekte zu unterstützen oder aufzubauen. Die konzentrierte Arbeit in überschaubarem Rahmen ist die, welche am meisten Ergebnisse bringt. Es ist sinnvoller, den Berg zu besteigen den man vor der Nase hat als darüber nachzudenken, wie man einen anderen erklimmen würde, käme man erstmal dorthin.

Den Nachmittag verbrachte ich im Nationalmuseum und habe die Wiege der Menschheit betrachtet. Es war faszinierend zu sehen, was die Geschichte, was die Entwicklung alles unternommen hat, damit wir überleben und unsere Lebenssituation verbessern können. Was ist mit dem Menschen passiert, dass er plötzlich damit begonnen hat, sein Umfeld, seine Grundlage, sich selbst in Grund und Boden zu stampfen und zu vernichten? Das Museum ist ein schöner ruhiger ausgeglichener Bau, eine Mischung aus afrikanischer Zeltbauweise und klassizistischem Palais, mit vielen tollen Exponaten und Objekten. Draußen spielte eine Trommelcombo für die Besucher und Touristen, hauptsächlich Araberfamilien. Ich saß in dem poetisch angelegten, friedlichen Garten, lauschten der Musik und den Vögeln, sah in die Weite des afrikanischen Waldes, der an das Areal grenzt und wurde, wie jeden Sonntag, sehr ruhig und entspannt und eins mit der Natur. Um halb sieben ging ich dann zurück zur Busstation und ich wollte noch in die City um Tee und ein paar Kleinigkeiten zu besorgen, als uns Menschen mit Tüchern vorm Gesicht entgegen eilten. Die Sonntagsmenschen, die mit mir den gleichen Weg hatten drehten sofort um und eilten zurück, und dann spürten wir es auch, das Tränengas, das aus der Innenstadt durch die Strassen zu uns herunter drang. Ich drehte um und lief zum Bus und hinein und nichts wie weg! Der Bus war sehr überfüllt, da ich nicht der einzige war der so dachte: was immer auch da gerade passiert, es scheint wohl besser nicht dabei zu sein. Und so bleibt mein Leben hier wie jeden Tag bis zum Schluss aufregend. Eben noch die Stille des Museums genossen, und darüber nachgedacht was man tun müsste, damit die Menschen etwas mehr Liebe zu sich und ihrer Geschichte entwickeln könnten und schon läuft man vom Tränengas davon.

Zuhause habe ich erst einmal ausführlich geduscht und mich dann zum Tagebuch gesetzt. Und hier wäre es! Wieder ein Tag, an dem ich weiter auf dem Floß der vielen Fragen durch die Flüsse des Lebens schippere, teils langsam treibend, teils heftig beschleunigt, aber immer voran und den Strom entlang.

Zufriedene müde Wochenendgrüße, Euer Stephan

27. April

Montag. Montagsprobe. Ich erwache um halb acht, eine viertel Stunde vor dem Wecker. In koche Tee, schalte den Laptop an, putze die Zähne, der Himmel ist grau, an den Fenstern erkenne ich, dass es in der Nacht wieder geregnet hatte, ich schalte das Licht an was ich sonst am Morgen lasse, diese Energiesparlampen erzeugen ein entsetzliches Licht, in Europa werden sie Pflicht. Was deren Lobby für diese Birnen wohl hat bezahlen müssen? Die Politiker haben sich sicherlich tausende Glühbirnen gebunkert, bevor sie den Vertrag unterzeichnet haben. Ich tippe die Bühnenverträge für die beiden Musiker und maile sie ins Büro, esse ein Stück Toast und trinke meinen Kenia – Schwarztee. Kenia ist eines der drei größten Exportländer für Schwarztee der Welt. Um 8 Uhr 15 verlasse ich die Wohnung. Vor der Haustüre weht die feuchte Luft wie ein graues Seidentuch, das aus der Waschmaschine zum Trocknen aufgehängt wurde. Ich stapfe durch den Gatsch zum Office. Dort ist eine Stimmung wie in einem Wiener Cafehaus Ende Oktober. Frierend lehnt man an der farblosen Unbarmherzigkeit des Tages. Ich kopiere die Seiten, die mir Dorcas freundlicherweise schon ausgedruckt hatte und verteile sie unter den Lehrern, die Probenplan und neue Szenen in den Schulen verteilen werden.

In Gummistiefel und mit Regenjacke eile ich ins Theater. Pünktlich um Zehn beginnt es wieder heftig zu regnen, und ich erhalte ein sms von Naomi, meiner Julia und Lehrerin in Madoya, „dass sie mit den Kindern unterwegs sei, sich aber gerade hätte unterstellen müssen.“ Der Regen prasselt auf das Blechdach und man versteht kein Wort. „Die Menschen sind froh über den Regen,“ erklärt Jane nachdem der Regen wieder etwas nachgelassen hat, „ sie haben jetzt zum dritten Mal die Saat ausgebracht, zweimal ist die Ernte schon vertrocknet, ein drittes Mal hätte zur Katastrophe geführt. Früher gab es in Kenia drei längere Regenperioden: eine im April, eine im August und eine im Dezember. Jetzt regnet es oft nur mehr einmal im Jahr, in manchen Gebieten hat es seit zwei Jahren keinen Tropfen Wasser gegeben. Die Flüsse trocknen aus, die Bäume sterben ab, das Land versteppt. Die Bauern können ihre Felder nicht mehr bestellen, da es kein Wasser mehr gibt und ziehen in die Städte, vor allem nach Nairobi. Hier gibt es wenigstens noch billige Märkte mit Produktion aus den Regionen, die funktionieren. Aber dann merken die Menschen, dass sie kein Geld verdienen können, hier in der Stadt, da schon alle Plätze mehrfach belegt sind, dann beginnt der Kreislauf des Elends. Man hat zu viele Wälder gerodet. In ganz Ostafrika bleibt der Regen aus. Unser Kenia geht kaputt.“ Dazu habe ich einen Bericht in der Zeitung gelesen,  wonach die verzweifelten Menschen, da sie am Verhungern sind, die Nationalparks plündern, teilweise für organisiert operierende Banden. Hier ein Ausschnitt:

“The Maasai Mara, one of the world’s most visited wildlife sanctuaries, has lost almost all its giraffes, warthogs, impala and hartebeest in the last 15 years. Researchers at the International Livestock Research Institute say in a new study that the phenomenon could herald disaster for the local tourism industry.
Published in the British Journal of Zoology, the study says losses were as high as 95 per cent for giraffes, 80 per cent for warthogs, 76 per cent for hartebeest and 67 per cent for impala. “The situation we documented paints a bleak picture and requires urgent and decisive action if we want to save this treasure,” said Joseph Ogutu, the lead author of the study and a statistical ecologist at ILRI.”  

Gegen elf und nach einem weiteren heftigen Regenschauer kamen etwa 60 durchnässte und staunende Kinder im Theater an. Die Kinder hatte ich schon in kleineren Gruppen vorbereitet, aber jetzt waren sie das erste Mal alle beisammen und sehr aufgeregt, denn es begann ihre erste Theaterprobe. Ich bemühte mich, ihnen jegliche Angst zu nehmen, trug sie herum, stellte sie auf die Bühne, spielte mit ihnen, äffte sie nach, unterhielt sie mit ein paar kurzen Clownsnummern. Bald waren wir alle in sehr ausgelassener Stimmung, alles dampfte, ich war nach wenigen Minuten von oben bis unten nass und dreckig und roch wie ein Schaf, das seit Wochen im Regen gestanden hatte. Wie nebenbei positionierte ich die Kinder für den Eröffnungstext, entwickelte ein Guten -Morgen-Lied und probten die ersten beiden Szenen: diese sechzig jungen Schüler werden unseren Theaterabend eröffnen.

Nach dem Mittagessen kamen Romeo und Julia zur Probe. Ich hatte mir für die Ballszene bei den Capulets eine Choreographie für die beiden ausgedacht, die ich ihnen vorstellen und mit ihnen erarbeiten wollte, einen etwas anzüglichen Rennaissance – Schreittanz. Die Choreographie erwies sich schwieriger, als ich gedacht hatte, denn die beiden hatten große Schwierigkeiten, sich anzugreifen. Die Schamgrenze ist bei Afrikanern viel schneller erreicht als bei Europäern, auch wenn die Pornoindustrie uns das Gegenteil einreden möchte. Die Gesellschaft ist anders strukturiert und das Private ausschließlich privat. Und Berührung, Liebe und Sexualität sind strikt Privatsache. Die Armut treibt viele in die Prostitution, aber die Freizügigkeit wie wir sie gewohnt sind ist in Afrika undenkbar. Die Scham ist sehr hoch, das ist auch mit ein Grund für die rasche Ausbreitung von Aids, die Menschen wollen nicht zugeben, dass sie sich verkaufen, oder dass sie bei einer Nutte waren, man versucht, bei aller Armut und Verzweiflung, ein moralisches, den gesellschaftlichen Normen entsprechendes Leben zu führen und wenn es nicht gelingt, dann soll es zumindest niemand wissen. Die Frage, ob Kondom oder nicht, ist also ohnehin die falsche Frage. Die Prostitution würde in dem Ausmaß gar nicht existieren, wenn die Frauen andere Einnahmequellen hätten. Aber so lange große Hotels und Hotelketten junge Mädchen um einen Minimallohn anstellen mit der Auflage, sich an Touristen zu verkaufen und solange diese Mädchen keine andere Wahl haben, als diese Stellen anzunehmen und solange die Europäer skrupellos nach Afrika fliegen um Sex mit jungen Schwarzen zu haben und solange alle hier in unserem moralischen Europa so tun, als würden sie nicht wissen was in Afrika eigentlich los ist, solange wird sich nichts ändern und die Krankheit wird sich immer weiter ausbreiten und man wird die Menschen zugrunde gehen lassen, weil es eben Neger sind.

Um 19 Uhr kommt Carter zum Abendessen. Er sollte, wenn ich Geld aufstelle, die von mir begonnen Theaterarbeit bis zu meiner Wiederkehr im Januar weiterführen. Wir essen Rindfleisch in Senfhonigsoße und entwickeln verschiedene Modelle. Er lebt nur zehn Minuten von meiner Wohnung entfernt, ist ganz passabel im Geschäft und will den Jugendlichen etwas zurückgeben. „Die meisten meiner Freunde aus der Schulzeit sind tot, erschossen, erschlagen oder verhungert. Ich gehöre zu denen die Glück hatten. Ich möchte anderen etwas von meinem Glück weitergeben.“ Vor einem Jahr haben sich hier die Menschen gegenseitig abgeschlachtet und viele sind nicht mehr normal seither. Sie töten für ein paar Tausender, ihnen ist alles egal. Sie mussten vielleicht mit anhören, wie eine Blechwand entfernt eine Familie ausgerottet wurde., oder sie kamen nach Hause und die Eltern lagen in ihrem Blut. Innerhalb von Tagen war das Leben nichts mehr wert, das verändert die Psyche. „Wir müssen die Jugendlichen von der Straße kriegen, sonst laufen sie zu den Radikalen, oder sie trinken sich tot oder sie warten, bis sie sterben, einfach so,“ sagt Carter während wir essen. Genau dasselbe hatten Pastor Idaki gesagt, mein Assistent Patrick, Schwester Lydia, die Studie, die sie in Auftrag gegeben hatte. Wenn es denn aber so einfach ist, warum laufen die vielen wichtigen ausgebildeten Anzugmenschen großer internationaler Hilfsorganisation durch die reiche City und halten Konferenzen ab und diskutieren und verfassen Statistiken und trinken Champagner an den Hoteltheken und überprüfen, was getan werden könnte, anstatt Schulen zu bauen, in denen die ärmsten Kinder kostenlos lernen können? Es gäbe genug ausgebildete Sozialarbeiter und Lehrer, die bekämen dann einen guten und wichtigen und zielführenden Job. Und könnten dann mit dem Geld, das sie verdienen, andere Menschen in den Slums unterstützen, ganz selbstverständlich wäre das, wenn man die Infrastruktur fördern würde, die Bildung, das Berufsleben. Wenn die jungen Menschen nichts zu tun bekommen, dann werden sie zur Gefahr, das haben wir ja schon im neuen Deutschland erfahren, wie schnell das geht, wenn man Jugendlichen ihre Würde und ihre Zukunft nimmt. Europa wird, wenn das so weitergeht an seiner eigenen Verbeamtung zugrunde gehen. Aber warum muss diese Verfettung auch nach Afrika geliefert werden? Als hätten die nicht schon genug Probleme! Die deutsche Geschichte ist, wie der Name schon sagt, Geschichte, da kann man klug daherreden wie man alles besser gemacht hätte und aus ihr lernen, wenn man will. Die deutsche Gegenwart aber ist nicht Geschichte, jedenfalls noch nicht. Und die Gegenwart Kenias ist auch nicht Geschichte. Man muss etwas tun, und man kann was tun. Ein neues Gemetzel kann verhindert werden. Aber sicher ist das nicht. Die Menschen in Kenia brauchen sinnvolle Hilfe und kein Geschwätz. Solange wir mehr haben als andere sollten wir ein klein wenig davon abgeben. Denn die Erde ist rund.

In diesem Sinne, kuonane kecho, Stephan

28. April

Heute am Nachmittag habe ich einen echten authentischen Straßenräuber kennengelernt. Er hatte mich letzte Woche angesprochen und gefragt, was das für ein Theater sei, für das ich arbeite. Wir haben dann auf der Strasse ein wenig geplaudert und uns für heute nach der Probe in der Mission verabredet, denn da arbeitet er jetzt. Er brachte mir ein Video mit von der Produktion mit, in der er gespielt hatte, The Black Pinoccio, ich hatte von dem Projekt gehört. Er war ein echter Straßenräuber gewesen, mit Drogenhandel, Messer und Gefängnis. Schwester Lucy, die mit seiner Mutter bekannt ist, hatte sich seiner nach dem zweiten Gefängnisaufenthalt angenommen und jetzt arbeitet er in der Mission, absolviert zudem eine Tischlerlehre und einen Kurs für Drogenprävention. Er will anderen helfen, sagt er. Die Straßenräuber sind organisiert wie eine Großfamilie früher auf dem Land: es gibt den Boss, meistens der Älteste oder der Erfolgreichste, und seine Stellvertreter. Diese kommen dann zum Zug, wenn der Boss eingesperrt oder erschossen wurde. Die Bande versucht, Kinder für das Bandenleben zu begeistern und auszubilden. Kindern geht es sehr gut in den Räuberfamilien, denn sie sind wichtig und sollen dabei bleiben. Kinder, die abhauen, sind gefährlich, denn sie plaudern aus. Permanent kontrollieren kann man sie nicht, also muss man ihnen ein gutes Leben schaffen, dann gehen sie nicht mehr weg. Drogen sind wichtig für die gute Laune und ausreichend zu essen. Er ist nicht mehr bei der Bande, aber seine beiden Brüder schon. Sie wissen, dass es sie jeden Tag treffen kann, jeder weiß das. Als er schon halb draußen war aus dem Geschäft, wurde er für die Produktion The Black Pinoccio gecastet und war mit der Show auf Tournee, er kam bis Südafrika und Italien und hatte großen Spaß dabei. Auf meine Frage, warum er dann wieder aufgehört habe antwortete er, dass er so wenig Geld verdient hätte, dass er nicht mehr mitmachen wollte. Denn obwohl die Produktion so erfolgreich gewesen wäre, hätte die Schauspieler und die Techniker sehr wenig verdient. „Nur die Manager haben vom gewinn profitiert, wir mussten ständig dankbar sein, dass man uns aus dem Dreck geholt hat und dass wir was zum Essen und eine Ausbildung bekommen haben. Aber es war ja keine richtige Ausbildung, wir haben ja kein Zeugnis bekommen für unsere Theaterarbeit. In Wirklichkeit wurden wir ausgenützt, denn die Produktion lebte gut davon, dass wir Verbrecher aus den Slums waren, das konnte man gut verkaufen.“ Danach sei er wieder zu den Räubern zurück bis er zum zweiten Mal verhaftet wurde. Da kam Schwester Lucy und hat ihm wahrscheinlich das Leben gerettet. Vom Heroin ist er weg. Vom Klebstoff Schnüffeln auch.

So ähnlich hatte das gestern Carter auch berichtet, die Produzenten verdienen hier sehr viel Geld, die Schauspieler können kaum davon leben. Darum machen immer weniger Theater und schauen, dass sie zum Fernsehen kommen oder sie hören überhaupt auf mit dem Beruf, weil es ohnehin keinen Sinn hat. Ich spüre, wie ich wieder einen Hass bekomme auf diese Kulturkolonialisten, die einfach alles verwenden für ihren ganz persönlichen Erfolg und Reichtum und die sich gegenseitig die Jobs zuschanzen und sich benehmen wie die Bankmanager und dabei so tun, als ginge es ihnen um die Kunst und um die Menschen. Die Künstler von „Afrika, Afrika“ waren mutig genug und haben endlich einmal geklagt, weil sie so schlecht bezahlt wurden, und damit das Thema öffentlich gemacht, aber die Manager verdienen gut und bereiten schon wieder die nächste Sensation vor. Brecht, dessen Oberlehrer – Stücke ich eigentlich gar nicht mag, hat gesagt, dass die Bankdirektoren die wirklichen Kriminellen wären. Da hat er nicht unrecht: wer sich an anderen bereichert, ist ein Dieb. Das gilt auch bei kultureller und sozialer Ausbeutung von Können, Erfahrung, Leid und Geschichte.

Mein Leben hier ist eine psychische Berg-und-Tal – Fahrt, manchmal sitze ich da, in meiner kleinen afrikanischen Wohnung und weiß nicht, wie ich das alles hinkriegen soll, verliere den Mut und jegliche Hoffnung. Ich kenne die richtigen Menschen nicht, die mir weiterhelfen können, ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Erfolg nicht gleich Gewinn ist, ich bin ein Einzelkämpfer in einem globalen Spiel, in dem es um Marktwerte geht. Jeder verkauft seine Konzepte mit perfekten Slogans, ich stelle zu viele Fragen, denke zu komplex für das Business und meine Ideen sind nicht dazu gemacht, gewinnbringend vermarktet werden zu können. Ich will armen Kindern helfen, und zwar derart, dass sie aufhören, arme Kinder zu sein. Wenn ich diese riesigen Jeeps durch die Hoppelstrassen fahren sehe, auf der Kofferraumtüre steht groß irgendein humaner Spruch, dann bin ich froh, nicht dazuzugehören, sondern zu Fuß durch die Slums zu gehen und nach Fäulnis zu stinken, das Leben mitzukriegen und die Menschen und zu beginnen, sie zu verstehen. Denn ich bin unter ihnen, lebe mit ihnen, ich bin einer von ihnen, spreche mit ihnen und lerne sie kennen. Ich würde mich schämen, mit so einem weißen Jeep durch die Slums zu fahren und durch die getönte Fensterscheibe arme Menschen anzuschauen, mir dabei toll vorzukommen, weil ich was Menschliches tue, was, das weiß ich nicht so genau. Aber weil ich nicht zu den Menschen hinter den getönten Scheiben gehöre, sondern zu jenen vor den getönten Scheiben, habe ich natürlich auch keinen Zutritt bei den maßgeblichen Stellen, denn die merken das sofort, die riechen das, auf welcher Seite man sich befindet und so werde ich nicht genug Geld aufstellen für die Arbeit hier. Scheiße. Ich muss was ändern, ich muss mich ändern, aber was und wie?

Die Proben waren toll heute, überhaupt war der Tag wunderbar und jetzt sitze ich hier und habe schlechte Laune und ärgere mich über meine schlechte Laune, aber mir fällt nichts ein, was meine Laune verbessern könnte, bis mir plötzlich einfällt, dass ich mein Tagebuch vorlesen könnte, also Auszüge davon, dass ich Lesereisen unternehmen könnte, um Geld zu sammeln und da geht es mir plötzlich wieder viel besser und ich stelle mir vor, wie ich die Intendanten anschreibe und ihnen vorschlage – nicht bevor ich sie beruhigt habe, dass ich nicht um einen Job bitte sondern im Gegenteil, ihnen etwas anbieten möchte – und ihnen also vorschlage, dass ich bei ihnen aus meinem Tagebuch vorlesen könnte, denn Afrika sei ein spannendes Thema und man wäre mit dieser Veranstaltung, die nichts koste, bei jenen, die etwas für Slumkinder täten, und das will ja doch eigentlich jeder, irgendwie, oder?
Bis morgen, s

29. April

Die Arbeit mit den Kindern läuft beglückend, für beide Seiten. Sie sind, wie man so sagt, Verstoßene, ohne Familie, ohne Zuhause, sie werden beschimpft und verjagt, sie sind alle irgendwie gestört, aber rührend, und haben eine große Freude, wenn man sich mit ihnen beschäftigt, wenn man sie lobt, weil sie etwas richtig machen, wenn man sie ernst nimmt wie ganz normale Menschen. Manche begrüßen mich bereits mit Handschlag, andere zucken noch immer zusammen, wenn ich mich schnell umdrehe oder eine heftige Szene vorspiele. Ich bemühe mich um intensiven Körperkontakt, denn die meisten kennen Berührung nur vom Geschlagenwerden. Ich nehme sie in den Arm, hebe sie auf die Bühne, mache den Papi und die Mutti und eröffne eine andere Welt für sie. Ich habe größten Respekt vor allen ihren Lehrern, denn sie haben einen schweren Job. Diese Kinder leben in den Müllhalden, auf den Straßen, sie werden auch von den Kindern beschimpft, von den Kindern mit Schuluniform, von denen, die ein Elternhaus haben. Auch in den Slums gibt es Unterschiede. Es gibt die, die für nichts gut sind, so werden sie von den anderen genannt, die Diebe, Mörder, Taugenichts, jene also die stinken und keine Wohnung haben und kein Einkommen. Meine Kinder sind die allerunterste soziale Schicht, also die unter jeder sozialen Schicht, sie sind intelligent, weil sie überleben müssen, aber sie kennen das Leben nur von der Seite des Kampfes. Es ist ein Wunder für diese Kinder, dass ein großer weißer Mann kommt und sie in den Arm nimmt. Auch wenn ich nach jeder Probe rieche wie ein ungereinigter Ziegenstall, ich bin froh und habe die tägliche Bestätigung, wie gut und richtig es ist, mit diesen Kindern zu arbeiten. Man sagt, dass Kinderaugen nicht lügen können. Wenn das stimmt, dann haben sich die Gedanken, dann hat sich das Weltbild dieser Kinder in den letzten Tage sehr positiv verändert. Durch mich, den Fremden aus Übersee, erfahren sie, dass es Sinn macht, in die Schule zu gehen, lesen und schreiben zu lernen, den Lehrern zu vertrauen und die Schule dem Bandenleben vorzuziehen. In solchen Glücksmomenten bekomme ich manchmal zuhause, wenn ich alleine in meiner Wohnung sitze und über meine Erlebnisse hier nachdenke oder berichte, einen Hass auf Leute, die diese Armut, das Leid und das Schicksal solcher Menschen für ihre Karriere und ihren Profit verwenden. Aber kaum gehe ich durch die Straßen, stürze ich mich ins Leben, in die Arbeit, ist mir die globale Ungerechtigkeit schnell wieder egal und ich kümmere mich um meine Arbeit.

Es ist psychisch sehr belastend, täglich Armut zu sehen, täglich damit rechnen zu müssen hinter einer Ecke eine über den Schädel zu bekommen, auf den Proben die ganze Kraft einzusetzen, um diesen Menschen den Glauben an sich zurückzugeben und dann alleine zuhause zu sitzen mit brennenden Augen, weil im Treppenhaus gerade wieder üppig mit feuchter Holzkohle gekocht wird und immer öfter zu husten, weil die giftigen Dämpfe der Schwelbrände auf den Müllhalden auch vor europäischen Bronchien nicht halt machen. Das zehrt an den Nerven, das kostet Kraft, da helfen positive Nachrichten, da erschöpfen einen die negativen. Gestern hatte ich mit dem engagierten Kulturmanager von Bayer telefoniert, um den Termin für meine Aufführung des Monologes „Fritz Lang – Die Entscheidung“ nach einem Roman von Agnés Michaux zu fixieren und ein sehr freundliches Mail vom Goetheinstitut in Nairobi bekommen, und war glücklich und zuversichtlich, heute habe ich von den Musikern erfahren, dass sie nächste Woche gar nicht proben können und jetzt sitze ich in meiner Klause und bin mir nicht ganz sicher, ob die spinnen oder ich. Sie sind die einzigen zwei Mitwirkenden, die Geld bekommen und dann sagen sie mir heute plötzlich, dass sie nächste Woche in die Schule müssen und ich glaubte erst, das sei ein Witz, war es aber nicht. Ich habe also Carter angerufen und ihm gesagt, dass die beiden, obwohl wir gemeinsam, also mit Carter und Patrick und den beiden Musikern, alles sehr exakt besprochen und festgelegt hatten, nicht mehr proben könnten, aber gerne das Geld für die erste Probenwoche erhalten würden. Abgesehen davon, dass ich sauer bin und verstanden habe, dass mich die beiden ausgenützt haben und ihnen mein Engagement vollkommen egal ist und ich sie eigentlich gar nicht mehr sehen möchte, abgesehen von meinen europäischen Emotionen würde ein Ausstieg der beiden bedeuten, dass die ganze letzte Probenwoche mehr oder weniger umsonst gewesen war und ich überdies neue Musiker suchen müsste.

Ich frage mich, worüber ich eigentlich so wütend bin? Darüber, dass Menschen jede Chance wahrnehmen müssen, Geld zu verdienen und die beiden genau wussten, dass sie den Job nicht bekommen hätten, wenn sie die Wahrheit gesagt hätten, darüber also, dass ich kurz vergessen habe, dass ich in der freien Wildbahn der Slums arbeite? Oder darüber, dass die beiden nicht gemerkt haben, dass ich ein ganz besonders lieber Weißer bin, zu dem man ganz besonders lieb sein muss? Und ich muss zugeben, dass ich mich eigentlich über mich selber ärgern müsste, denn ich habe mich wie in Europa benommen, nicht wie in Afrika. Schwester Lydia bezahlt die Lehrer nach Arbeitstagen am Ende des Monats, das wusste ich, wollte es besser machen, habe den Musikern vorgeschlagen, sie nach Wochen zu bezahlen, und wurde betrogen. Selber schuld! Die hier Lebenden sehen, dass sie zum Abschaum gehören, zum Müll, weil man zu ihnen nicht aussteigt, ihnen nicht die Hand gibt, sie nicht kennenlernen will. Warum sollten sie sich plötzlich anders benehmen? Es ist meine freie Entscheidung gewesen, hierher zu kommen und mich auf dieses Leben hier einzulassen, ich darf mich nicht wundern, dass die Leute hier so sind wie sie sind. Ich erinnere mich an die Fernsehaufnahmen aus den Waisenkinderheimen in Rumänien kurz nach der Revolution gegen Ceauşescu. Da waren alle sehr betroffen und böse auf den schrecklichen Diktator und bald darauf war das Thema abgehakt und schon war man dagegen, dass Rumänien zur EU kommt, weil dann die bösen stinkenden armen Menschen zu uns in das reiche und geputzte Westeuropa kommen würden. Armut macht roh, davor fürchtet sich unsere Wohlstandsgesellschaft und mit dieser Angst kann man Wahlen gewinnen.

Hands of Care and Hope hat vier Mitarbeiter im Verwaltungsbereich, Schwester Lydia, die Sozialarbeiterin Jane, die Sekretärin Maryanne und die Organisationshilfe Dorcas. Diese vier Personen verwalten vier Schulen und ein Jugendzentrum mit insgesamt etwa 30 Lehrerinnen und Lehrern, acht Köchinnen und knapp 900 Kindern. Die Kinder werden von den Straßen aufgelesen und erhalten eine den staatlichen Richtlinien entsprechende Schulbildung mit Abschluss, täglich zwei warme Mahlzeiten und Ferienbetreuung. Der Zustand der Familien oder Aufsichtsverwandten wird ständig von Jane und Dorcas kontrolliert, die Kinder sind also rundum versorgt. Nächstes Schuljahr wird es die erste Klasse sieben geben und übernächstes Jahr die erste achte Klasse und das Jahr darauf den ersten Schulabschluss der Slumschulen von Schwester Lydia. mit An diesem Tag, wenn die ersten Müllkinder ein Abschlusszeugnis der Primary School in Händen halten, möchte ich unbedingt in Korogocho sein. Ab Januar 2010, also mit Beginn des nächsten Schuljahres werden es tausend Kinder sein, die in die sieben Klassen der Schulen von Hands of Care and Hope gehen, verwaltet von vier Frauen. Das ist eine andere Verhältniszahl, als in den Limousinenbetrieben, deren Helfer in teuren Hotels wohnen und in feinen Konferenzräumen tagen und, wo auf viele Mitarbeiter keine einzige Schule kommt.

Kann sein, dass meine leicht fiebrige Stimmung damit zu tun hat, dass mich die Arbeit mit den Kindern in ein neues Lebensgefühl manövriert hat und dass meine Erlebnisse im Verhältnis zum dem Afrikakitsch, dieser Betroffenheitspampe, die uns in Europa so gerne vorgelogen wird, besonders böse macht. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich nicht fassen kann, dass die Missionen in den Slums den Vorwurf bekommen, diese Kinder aufzupeppen, weil ohnehin nicht genug für alle da sei und dass die offizielle Seite, deren Konten in der Schweiz überquillen, schon deswegen gegen diese Missionen ist weil sie etwas bestätigen, was man so gerne nicht sehen will, dass hier Menschen auf einem Niveau leben, das in unserer westlichen Welt nicht einmal für Tiere zugelassen ist. Und dass dieses Elend, das es also offiziell nicht geben soll, erst wirklich plastisch wird, wenn man es in Händen hält, in Form von kleinen, hilflosen Kindern, die Augen und Ohren und Nasen haben wie unsere Kinder auch und kleine süße Hände, mit denen sie bitten und schlagen, je nachdem.

Was mich immer wieder so nachdenklich macht ist der Umstand, dass sich in den letzten 4.000 Jahren sehr viel Technisches verändert hat, die gesellschaftliche Struktur aber nicht. Es gibt nach wie vor die Sonnenkönige, die Mittelschicht, die sich in zwei Klassen teilt und den Abschaum – Sklaverei, Prostitution, chancenlose Armut. Wir wissen so viel über die Welt und hätten theoretisch genug von allen Grundlagen und trotzdem funktioniert ein respektvolles Zusammenleben einfach nicht. Im Österreichischen Wochenmagazin der Falter stand mal ein Bericht über Kinderpornographie in der Wiener Oberschicht. Erreichen konnte dieser Artikel gar nichts, weil bei den Kindesmisshandlungspartys ein paar Richter dabei waren und ein paar Anwälte. Die jungen Mädchen waren aus dem europäischen Osten. Man muss also gar nicht nach Afrika. Aber ich bin jetzt nunmal da, und ich gebe diesen Mädchen und Jungs, die erschrecken, wenn ich zu stürmisch bin, die Hand und streichle ihnen die fetten Haare aus dem Gesicht und umarme sie in ihren verdreckten Klamotten und spüre ihr Herz und ihren Atem. Und dass sie froh sind, ein Zuhause zu haben: ihre Schule, ihre Lehrerinnen und Lehrer, ihre Klassengemeinschaft. Man muss kein Held sein, um dieser Welt, ihren Bewohnern Respekt entgegenzubringen, es reicht, wenn man sich ein wenig bemüht, kein skrupelloses Arschloch zu sein.

In diesem Sinne, einen sehr herzlichen Gruß aus dem Kontinent der vielen Gefühle, Euer Stephan

30. April

Einen schönen guten Abend aus meiner Wohnung mitten in Kariobangi mitten in den Slums von Nairobi. Es ist 22 Uhr Lokalzeit, also 21 Uhr in Mitteleuropa. Ich sitze an meinem Ess / Arbeitstisch, den Computer auf dem Schoß, Kamillentee in der Tasse und Brille auf der Nase. Hinter den Brillen kämpfen die Augen damit, offen zu bleiben. Ich werde nur ein kurzes Eintragerl machen und mich dann zur Ruhe begeben. Morgen steht die große Szene zwischen Romeo und Benvolio auf dem Probenplan und dann sind wir durchs Stück durch und ich erlebe mein letztes Wochenende hier in meiner afrikanischen Wahlheimat. Vor einem Monat habe ich Deutschland verlassen und in zwei Wochen werde ich Kenia schon wieder verlassen haben und in Österreich mitten in den Proben für das historische Rockmusical Maximilianstecken, so rast die Zeit dahin und ich bin schon ein wenig gespannt, wie es mir dabei gehen wird, wenn ich im sauberen und sicheren Mitteleuropa mein Tagebuch lesen und von meinen Afrikaerlebnissen erzählen werde. Es war eine intensive Zeit gewesen bis jetzt,  und wenn nichts Dramatisches passiert, werden wir das Abenteuer mit einer Aufführung unserer Slum – Version von Romeo und Juliet abschließen. Wer hätte das gedacht!

Heute war die letzte Schule dran, die Kinder aus St. John Bosco, der kleinsten der vier Schulen. Es war eine sehr lustige Stimmung, die Kinder mögen mich mittlerweile alle sehr und die Lehrer auch. Wir wollten die Ballszene bei den Capulets erarbeiten, eine Szene mit traditionellen Tänzen und Gesängen, aus denen sich dann der Renaissance – Tanz entwickeln sollte, aber ich musste feststellen, dass meine Jugendlichen vor und nach der Probe immer viel intensiver waren, als auf der Szene. Das ist normal, dass die Bühne erstmal zum Angstfaktor wird, deswegen proben und arbeiten wir, aber dass afrikanische Jugendliche ernsthafte Schwierigkeiten damit haben, eines ihrer eigenen Lieder zu singen hat mich verwundert. Ich musste ihnen erst in einigen Beispielen beweisen, dass es nichts gibt, was lächerlicher auf der Bühne anzusehen sei als ich. Sie durften mich auslachen, ich demonstrierte ihnen, wie falsch man singen, wie schlecht man tanzen kann, sie hatten ihren Spaß und ließen sich langsam aus der Reserve locken. Nach acht Stunden Tanz und Gesang und Training bei tropischen Luft- und Temperaturverhältnissen war ich erschöpft wie nach einer Marathonsauna. Seit die Kinder dabei sind ist auf den Proben ein neuer Elan entstanden, eine neue Stimmung. Ich stelle fest, dass ich sehr schnell Kontakt zu Kindern aufbauen kann und nach kurzer Zeit ein großes Vertrauen und eine Zuneigung da ist, die mir sozusagen die instinktive Erlaubnis bietet, etwas zu verlangen. Nächste Woche werden wir die Szenen zusammenhängen, ich bin gespannt, wie das klappen wird. Meine beiden Hauptdarsteller sind wirklich sehr talentiert. Jetzt ist alles eine Frage der Nerven und des Glücks. Routine hat hier keiner, es wird also sehr davon abhängen, ob die Folge der Szenen so abgestimmt ist, dass der Rhythmus stimmt und der Vorstellung die Dynamik gibt, in der alle zwangsläufig richtig agieren müssen. Das werde ich erst kurz vor knapp überprüfen können, aber was auch immer dabei herauskommen mag, wir proben erst knapp drei Wochen und haben ein Stück auf der Bühne mit Kampfszenen, Kindertänzen, Komik, Dialogszenen, Liedern und schweren Shakespearetexten, die Arbeit hat sich jetzt schon gelohnt, die Samen sind gesät, die Basis geschaffen. Carter wird die nächsten vier Wochen weiterarbeiten und im Juni, wenn Peter Quendler kommt, wird sich das ganze Stück weiterentwickelt haben.

Ich habe heute nach der Probe mit dem sehr nett klingenden Herrn vom Goetheinstitut einen Termin für nächste Woche vereinbart, die Kostüm- und Requisitenliste getippt, Spaghetti mit Tomatensoße gegessen, geduscht und ein bisschen im Internet gesurft. Ein bisschen ist es hier mittlerweile wie überall, man macht seine Arbeit, man trifft Leute, die einem weiterhelfen, lernt Kollegen kennen, beschnüffelt und erobert langsam sein Terrain, entdeckt freundliche, freundschaftliche, unnötige, spannende, beeindruckende und berührende Zeitgenossen, verbringt seine Tage mit großem Fleiß und ist abwechselnd verzweifelt, glücklich, zuversichtlich, erschöpft, euphorisch, kreativ, überrascht, wütend, resigniert, diszipliniert und vor allem hartnäckig. Das Leben hier beginnt spannend zu werden, ein bisschen von der Stadt rund um mich kann ich in der letzten Woche noch mitnehmen, vieles wird in meiner Abwesenheit weiter wachsen oder zugrunde gehen und wenn ich zurückkomme, wird vieles nicht mehr so neu, einiges vorbereitet und manches erst durch den zweiten Blick sichtbar sein. Ich habe hier noch vieles vor, das spüre ich deutlich, mal schauen, was davon gelingt.

Eine gute Nacht und tuonane, ein schlafender s ;-)
 

Das Tagebuch als pdf herunterladen (556 kb)