Das Tagebuch zu meinem Nairobiaufenthalt

April, Mai 2009
Stephan Bruckmeier

1. Mai
Labor Day

Ein Tag der Emotionen.

Wir hatten eine sehr ruhige und intensive Probe, einer dieser angenehmen Probentage, bei dem man die Details ausarbeitet, für die sonst keine Zeit bleibt, weil man an zu viele Dinge gleichzeitig denken muss. Weil die Probe heute für alle Beteiligten über Mittag ging, gab es Lunch, local vegetables and maiscake für Philipp (Romeo), Konstant (Benvolio), Shado (Tybalt), Douglas (Balthasar), Dennis (Sampson), Eugen (Gregory) und Pastor Idaki (Friar Laurenco). Während der Mahlzeit diskutieren wir über den Sexstreik der Frauen in Kenia, sie verweigern sich eine Woche, um die Regierung dazu zu bringen, die Reformen durchzuführen, die im Koalitionsvertrag stehen. Es gibt eine griechische Tragödie darüber, Titel entfallen, wo genau das erzählt wird, und jetzt findet das also tatsächlich statt! Meine Schauspieler haben sehr unterschiedliche Meinungen und es wird heftig debattiert. „Mit dieser Aktion wird das Sexualleben zum öffentlichen Markt,“ „der Afrikaner fühlt sich brüskiert,“ „Sexualität ist Privatsache,“ „wir ziehen uns ja auch nicht öffentlich aus,“ sagen die einen, „wenn es zuhause nicht klappt, dann gehen sie ins Buff,“ sagen die anderen, „Kinder reden plötzlich mehr über Sex,“ „manche Mädchen sagen, sie brauchen auch einen Freund, damit sie sich verweigern können,“ „eine Woche bringt gar nichts,“ und so weiter, sagen die dritten. Ich schalte mich in das Gespräch mit ein: „ Ich finde, dass jeder Versuch, die Lage zu verändern, legitim und dringend notwendig sei. Dieses Land müsste nicht arm sein, die Menschen hier müssten nicht verhungern, die Katastrophe Kenias ist hausgemacht. Und wenn die Politiker nicht bald ihren Job erfüllen und die Reformen umsetzen dann wird es hier einen neuen und langen und verheerenden Bürgerkrieg geben. Solange hier jede Partei nur für ihren Stamm zuständig sein will und nicht für das Land, solange ist Kenia ein Pulverfass. Besser eine Woche kein Sex als hunderttausende Tote.“ Ich weiß nicht, was jetzt passieren wird, denn es sind Kukuyus und Luos am Tisch. Pastor Idaki ist der erste der antwortet. „Ja,“ sagt er, „stimmt. Unsere Politiker richten das Land zugrunde. Die Frage ist aber, ob wir deswegen Liebe und Sexualität als Waffe einsetzen sollten oder ob wir uns damit nicht auf dasselbe Niveau begeben wie unsere Politiker. Es klingt im ersten Moment toll, dass Frauenorganisationen Geld bereitstellen, um die Prostituierten zu bezahlen, damit sie nicht anschaffen gehen. Aber in einer Woche werden sie doppelten Gewinn einfahren und das ganze war eine Augenauswischerei. Ehen werden kaputt gehen und vor allem, die Politiker werden sich nicht ändern und die Frauen haben verloren und sind das Gespött. Wenn man gegen die Prostitution kämpft ist das eine Sache, wenn man sie für eine Woche aussetzt eine andere. Wir werden das Thema weiter verfolgen, beschließen wir und wenden uns der Szene zwischen Romeo und Benvolio zu. Um 16 Uhr ist ein sehr besonderer Probentag beendet.

Ich besuche Schwester Lydia zum Kaffeetrinken und erzähle ihr von der hitzige Debatte während des Mittagessens. Sie sieht die ganze Sache sehr pragmatisch: solange die Banken von den Millionengeldern der korrupten Politiker profitieren, solange in den reichen Ländern, in den sogenannten Demokratien, diese Unverschämtheiten gestützt und mitfinanziert werden, solange mit den korrupten Politikern verhandelt wird, solange kann die Bevölkerung tun was sie will. Die Schweiz versucht per Klage durchzusetzen, dass sie die Konten der Präsidentenfamilie aus dem Kongo nicht offen legen muss. Die Politiker aus Kenia lachen doch nur über Kofi Annan. Sie zerstören die Ernte oder das Ackerland, lassen sich Millionen an Hilfsgeldern zahlen und überweisen die Hilfsgelder auf europäische Konten. Jeder weiß es, aber keiner tut wirklich was dagegen. Und dann sagen die Kukuyus, die Luos sind schuld und umgekehrt. Das Volk glaubt es, bringt sich gegenseitig um und die Politiker und obersten Richter verdienen weiter ihre Millionen.

Und schon sind wir wieder bei dem Punkt, den ich ganz am Beginn meines Tagebuchs gemeint habe. Wir haben zu viel gesehen und zu viel erlebt und zu viel angerichtet, als dass wir so tun könnten, als müssten wir nichts wissen, nichts begreifen und keine Stellung beziehen. Irgendwo muss es doch eine Schwelle geben, die zu unterschreiten man selbst nicht mehr verkraftet. Man kann eine Haltung haben oder nicht. Aber davon zu profitieren, so zu tun als hätte man eine wirft mit der Zeit alles über den Haufen. Natürlich können die Politiker so tun, als wäre es ihnen nicht möglich, einzugreifen, denn es sind ja die Konzernbosse, die für die ganze Misere verantwortlich sind. Und doch sind es die Politiker, welche die Wege ebnen, in den Aufsichtsräten sitzen, mit den Bossen essen gehen und mit den Lobbys Geschäfte machen. „Deutschland gehört zu den führenden Ländern in der Waffenindustrie,“ habe ich bei GMX gelesen, und macht einen auf Weltfrieden. Europa tut zu sehr und zu oft als ob. Und in der Kunst geht mir dieser Betrug besonders auf den Geist. Wenn sich Künstler mit Politikern einlassen um Karriere zu machen, den Revolutionär vorgeben und dann Champagner trinken mit denen, die sie in ihrer Arbeit kritisieren, dann finde ich das schlichtweg unappetitlich. Die skrupellose Zerstörung und Ausbeutung Afrikas wird uns alle teuer zu stehen kommen. Wenn dieser große Kontinent ruiniert ist, dann wird Europa feststellen, wie nahe es ihm steht.

Zuhause habe ich meinen neuen Untermieter kennen gelernt: einen Gecko, der sich noch nicht mit mir unterhält, sich aber insgesamt recht wohl zu fühlen scheint. Ich habe eine Mango verspeist, den Computer angeschaltet und das Theaterstück „Shilla“ gelesen, das Martina Döcker geschrieben hat und das ich im Juli in Marbach inszenieren darf. Es ist ein großartiges Stück geworden, mit wunderbaren lustigen Dialogen, frechen Liedern und keiner Angst vor einer klaren Aussage. „Warst nicht du das, der den Bau einer wahren politischen Freiheit als das vollkommenste aller Kunstwerke bezeichnet hat?“ ist ein Satz aus dem Stück, auf das ich mich sehr freue. „Ist es nicht seltsam,“ sage ich zu meinem freundlichen Untermieter, der neben meiner Kappe an der Wand sitzt, „ich inszeniere hintereinander drei Stücke, die sich mit demselben Thema beschäftigen, mit der Zerstörung: Romeo und Julia, Maximilian und Shilla, und ich habe das Gefühl, es macht Sinn.“

 

Ich bin jetzt genau einen Monat da und habe folgendes festgestellt:
Solange sich die Europäer benehmen, als würde ihnen die Welt gehören, gibt es für die Afrikaner wenig Grund, zu vertrauen.
Das Leben in den Slums kann gemütlich sein und es riecht wie in meiner Kindheit: nach Diesel und Kohle.
Die Armut ist teilweise nicht zu ertragen, der Reichtum auch nicht.
Wenn ich, der Weiße, mit einem großen Gaskocher auf der Schulter durch die Straßen gehe und mein schwarzer Assistent mit einem Buch neben mir herläuft, dann verstehen die Menschen hier die Welt nicht mehr.
Wenn Kollegen zu spät zur Probe erscheinen, sagen die Afrikaner über die Afrikaner: diese Afrikaner.
Jederzeit frische Ananas, Bananen und Mangos vom Stand am Straßenrand essen zu können ist ein paradiesisches Vergnügen.
Kinder lieben mich.
Man kann manchmal eine unkontrollierbare Wut bekommen über die Unverschämtheit der Oberschicht, in allen Berufsklassen.
Das Leben ist grausam, das ist mir hier so deutlich geworden wie noch nie vorher.
Ich möchte keinen Tag, den ich hier verbracht habe, missen. Jeder Cent, den ich für diese Arbeit investiert habe, hat sich gelohnt.
Ich werde wiederkommen und weiter lernen.
Ich wünsche mir, dass die Menschen ihren Job ernst nehmen. Das heißt, ich erwarte von einem Politiker, einem Künstler, einem Manager dasselbe Engagement wie von einem Arzt, der mich behandelt, einem Kapitän, der mich fliegt oder einem Metzger, der mich bedient.
Im Nationalmuseum von Kenia sieht man Funde und Zeittafeln über die Ursprünge der Menschheit in Afrika. Bald könnte dieser Kontinent auch der Ursprung des Endes der Menschheit sein.
Wenn der Weiße den Afrikaner nicht für einen Neger hielte, also für ein zweitklassiges Wesen, warum ist er dann so ignorant?
Mir fallen neben Mehdorn und Ackermann natürlich noch einige andere ein, die ich gerne zu Fuß von Korogocho in die City schicken würde. Wenn sie danach noch immer so weitermachen wie bisher habe ich wahrscheinlich irgendetwas nicht verstanden.
Dass ich abends nicht auf die Strasse gehen kann geht mir auf die Nerven.
Ich habe am Ersten Mai meine erste politische Diskussion in Kenia geführt. Die Leute sind hilflos, wütend und befürchten das Schlimmste, aber sie können nicht immer daran denken.
Dass Pastor Idaki den Schlussmonolog spricht, gibt dem Theaterabend eine persönliche politische Dimension. Ich danke ihm sehr dafür.
Ich freue mich sehr auf die Premiere und bin schon gespannt, wie das Projekt weitergeht. Am 13. Juni ist die nächste Vorstellung. Peter Quendler wird sie besuchen.
Beim Gulaschessen vorige Woche hat mir Pastor Idaki gesagt, wie erstaunlich das ist, dass ich in so kurzer Zeit so viele Menschen kennen gelernt habe und ob ich wüsste, dass sie alle hoffen, dass ich nicht aufgeben, sondern wiederkommen werde. Das war für mich das großartigste und berührendste Kompliment seit langem.
Ich bin froh, dass ein Gecko bei mir eingezogen ist und kein Krokodil.
Keine Ahnung warum genau, aber mir geht es gerade sehr gut und ich würde am liebsten vor Glück in die Luft springen. Ich glaube, ich mach es einfach.

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende, Euer Stephan

2. Mai

Heute in einer Woche öffnet das Hope Theatre Nairobi seine Pforten mit der Premiere von „Romeo and Juliet“ und danach ist das Abenteuer Kenia vorbei. Ich erwache gut ausgeruht und bleibe noch etwas liegen. Lausche den verschiedenen Klängen des Samstagmorgens. Draußen wird gearbeitet wie immer, meine Wohnung liegt im hinteren Treppenhaus, das Fenster geht also nicht zur großen Straße, an die ich trete, wenn ich das Haus verlasse, sondern rückseitig zu einer kleinen dörflichen Straßenstruktur, wo rechts mehrere kleine Schlossereien nebeneinander liegen. Die Arbeit findet hauptsächlich vor den Häusern statt, links befindet sich eine große Mülldeponie für Blechwaren, dahinter die kleine Anlage der Mission und noch weiter links davon die große katholische Kirche. Etwas weiter weg, also auf der anderen Seite der schmalen Straße, die parallel zur Hauptstrasse liegt, gibt es eine kleinere Kirche mit einem Pfarrer, der ein Mikrophon benutzt. Seine Predigten mischen sich mit dem Gehämmere der Spengler und Schlosser und dem Hundebellen der Strassenköter, die meistens friedlich schlafen, wenn ich diesen Weg zur Mission nehme. Da verlasse ich das Haus, gehe etwa fünfzig Meter links an der großen Straße entlang, biege dann wieder links ab und verlasse den Asphalt. Die Gasse, die sehr tiefe Furchen aufweist und sehr wenig befahren wird, führt etwa hundert Meter an ein- bis zweistöckigen Häusern, deren Parterre die Schlossereien beinhalten, vorbei zu der Straße, die ich von meinem Fenster aus sehe. Da biege ich wieder links ab und erreiche nach wieder etwa hundert Metern die Mission. Im Treppenhaus hallen wie immer Kindergeschrei und klappernde Töpfe, durchs Fenster der Kanon dörflicher Industrie. Ich bleibe liegen und lausche noch etwas, heute ist mein letzter ruhiger Vormittag, an dem ich noch etwas liegen bleiben kann. Morgen muss ich früh raus, denn ich werde für die Schwestern ein Abschiedessen kochen. Wie das klingt, Abschied. Paprikahuhn und indisches Curry. Aber noch liege ich im Bett unter meinem rosaroten Moskitonetz und lausche. Ziegen blöken, sie werden jeden Tag durch die Straße geführt, manchmal begegne ich ihnen, wenn ich zur Mission gehe, diese Straße ist, obwohl sie eher wirkt wie eine Baustellenzufahrt, stark befahren, oft drängen riesiger LKWs durch die Herde, die Tiere weichen aus, unwillig, dazwischen presst sich noch schnell ein Radfahrer seine Bahn. Der Morgen klingt friedlich wie eine Utopie. Ich koche Tee und bereite mir ein Müsli mit frischen Weintrauben. Dann verlasse ich die Wohnung und bin wie jeden Morgen erstmal geschockt. Ich schlüpfe durch die niedrige Haustüre in eine gleißend helle Betriebsamkeit und erst da merke ich wie jeden Tag, dass ich nicht in meiner Kindheit und nicht in einer ostdeutschen Kleinstadt bin, sondern in Afrika. Auf dem Parkplatz vor meinem Haus sitzen viele schwarze Menschen, warten, dösen, hoffen, hinter dem Platz flimmert die Hauptstraße, auf der sich rund um die Uhr ein Lindwurm aus Bussen, LKWs und Autos langsam in beide Richtungen weiter schiebt. Es könnte sein, denke ich, dass alle diese Autos einfach im Kreis fahren, in die eine Richtung, dann nach einem Kilometer wenden und wieder zurück und so weiter. Bunte Matatus, riesige dreckige gelbe LKWs, große Transporter mit gigantischen Bergen von Kisten, Säcken und Paketen auf den mit Holz eingefassten Ladeflächen, immer sitzen auch Menschen auf diesen fahrenden Türmen. Dazwischen PKWs, meistens verrostet, meistens weiß oder grau, meistens überfüllt. Auf dieser Straße ist es vorbei mit dörflicher Atmosphäre, auf dieser Straße herrscht die Betriebsamkeit Afrikas, wie man sie von Postkarten oder Filmen kennt. Dicht, gleißend, grenzenlos, mit für unsere Augen ungewöhnlichen und unerlaubten Transportfahrzeugen. Ich bin mit Maryanne und ihrer Tochter verabredet, wir wollen in die Stadt, bummeln, Tretboot fahren, Carter treffen. Auf dem Weg zur Busstation sehe ich plötzlich ein rostiges Etwas: Da, wo seit Wochen ein großer völlig verrosteter LKW stand, bemerke ich durch sein Fehlen, dass da kein ausrangierter Lastwagen am Straßenrand abgestellt war, sondern dass es sich hier um eine kleine Autowerkstätte handelt. Zwei alte, verbeulte und verbogene Eisenrinnen sind da nebeneinander aufgestellt und mit Planken verbunden. Das waren wohl früher mal die Schienen von Autotransportern, jetzt dienen sie als Hebebühne für die Straßenrand- Werkstatt. Der LKW war fertig und jetzt wartet man auf den nächsten Kunden. Ein paar junge Mechaniker hängen herum, ein paar mannshohe Druckluftflaschen stehen da, eine große Blechkiste mit Werkzeug. Das ist die Werkstatt.

Der Park in der City hinter dem Regierungsgebäude ist ein klassischer Familienpark: Tretbootteich in der Mitte, Wiesenanlagen zum Liegen und Picknicken, Blumenbeete, Palmen, Getränkepavillon, Spazierwege, Pferdereiten, Kinderprogramm. Angela wird bemalt, bekommt einen Luftballon und darf reiten. Um weiteren aufdringlichen Anbietern zu entkommen mieten wir ein Tretboot. Wir lassen uns mit dem Boot treiben, ich mache ein paar Fotos, die Skyline der Innenstadt ist hier besonders schön, ein paar Fotos von Angela und Maryanne, auch dieser Ausflug ist ein Abschied. Um 14 Uhr treffen wir Carter zum Lunch, dann fahren wir zurück und ich hole aus der Mission das Fleisch ab. Dass ich koche, haben die Schwestern gerade noch zugelassen, aber dass ich einkaufe, nicht. Zuhause schneide ich Zwiebel (mal wieder) und schreibe ein Mail an Dr. Schlee, den Intendanten des Carinthischen Sommers. Ohne meine Arbeit bei diesem Festival, bei dem ich unter anderem Peter Quendler kennengelernt habe, wäre ich jetzt kaum in Kenia. Einen kurzen Ausschnitt aus diesem Brief möchte ich zitieren, weil er in die Gedankenwelt passt, die für mich hier in den Slums eine neue Dimension dazu gewinnt: „Ich bin durch mein Elternhaus damit aufgewachsen, dass es zwar viele Wahrheiten aber nur eine Ehrlichkeit gibt. Es ist jedem selbst überlassen, ob er ehrlich sein will, oder nicht. Jeder kann ehrlich sein oder bluffen, so tun, als wäre er ehrlich, aber in ihm drinnen, da weiß er es. Und damit muss er fertig werden.“

Ich bin in diesem April 2009 durch viele Gedanken, Stimmungen und Verzweiflungen gegangen. Morgen früh, wenn ich das Haus verlasse durch die kleine dunkelgrüne blecherne Eingangstür und auf die flirrende Hauptstraße blicke, auf den Lindwurm aus Stahl, Lärm und Gestank, der sich wie immer von links nach rechts und wieder zurück schiebt, werde ich wieder einsteigen in die ratternde Maschinerie des dampfenden Lebenskampfes, den wir in Europa in Klarsichtfolie eingepackt aus dem Alltag verbannt und versteckt haben. Heute lasse ich den Kampf und alle weiteren Gedanken draußen, lehne am Fenster, betrachte den afrikanischen Nachhimmel und rieche das Mittagessen von morgen. Irgendetwas habe ich begriffen, ich kann es nur noch nicht formulieren. Und wie ich es mitnehme, weiß ich auch noch nicht. Aber ich bin ja noch eine Woche hier...
Für heute ein herzliches Gute Nacht, Stephan

3. Mai

Mein Abschiedsessen für die Schwestern war gelungen. Es gab Paprikahuhn, indisches Curry mit Beef, gedünstete Karotten mit Fenchelsamen, Kartoffelbrei mit Sahne und Ei, Süßkartoffel und Reis. Dazu sprachen wir wieder einmal über die schwierige und fast ausweglose politische Situation in Kenia:

Vor der Wahl hatte Raila Odinga, der Gegenkandidat zu Präsident Mwai Kibaki erklärt, dass sein Volk, die Luos, nach seinem Wahlsieg die Häuser und Felder der Kukuyus besetzen dürften, da sich die Kukuyus in langer Alleinherrschaft alles unter den Nagel gerissen hätten. Etwa die Hälfte der Bevölkerung in Kenia sind Kukuyus, die zweitgrößte Gruppe sind die Luos. Da viele der kleinen ethnischen Gruppen mit Kibaki unzufrieden waren, kann man davon ausgehen, dass die Wahl tatsächlich etwa 50 zu 50 ausgegangen ist. Kibaki hatte sich daraufhin innerhalb von 24 Stunden ohne Rede oder Öffentlichkeit zum Präsidenten vereidigen lassen und dann ging es Schlag auf Schlag. Raila sprach von Wahlfälschung und die Luos begannen, die Kukuyus aus ihren Häusern und von ihren Ländereien zu vertreiben, worauf die Kukuyus in wenigen Stunden ihre Schlägertrupps mobilisierten, die Mungikis. Und das Gemetzel begann. Das war vor knapp eineinhalb Jahren. Kofi Annan hatte daraufhin zwischen den beiden Parteichefs vermittelt und die große Koalition erreicht, die sich aber gegenseitig blockiert.
Große Landflächen Kenias sind nach wie vor von den Luos besetzt, die sie aber nicht bebauen, da die Kukuyus bei der Flucht alles zerstört hatten. Viele Kukuyus wiederum leben in Zeltlagern, die jetzt, in der Regenzeit, langsam davonschwimmen. Die Situation ist katastrophal. Die Luos rotten sich zusammen und verharren in Angst, da sie nicht wissen wie die Zukunft aussieht und die eineinhalb Millionen Mungikis, die auf Befehl losschlagen, fürchten. Und die Kukuyus warten, dass ihnen Präsident Kibaki ihren Besitz zurückgibt. Kibaki und Raila befinden sich also ein einer katastrophalen Zwickmühle: arbeiten sie zusammen, haben sie das Volk gegen sich, kämpfen sie gegeneinander gibt es ein Gemetzel und die ausländische Hilfe wird eingestellt, warten sie ab, verhungert das Volk. Das Land schlittert ungebremst in eine große Krise, die Wut auf die Regierung wird immer größer. Der Labor Day brachte das Fass zum Überlaufen, da Kibaki und Raila am Labor Day nicht vor ihr Volk getreten sind, sondern irgendeinen unwichtigen Minister gesandt haben. Der Minister musste seinen Vortrag abbrechen, da er mit Steinen und Flaschen beworfen wurde.

Originelles Detail am Rande: Man bekommt in Kenia keine Blumensamen im Geschäft, nur Blumen. Warum? Weil die Familie des Expräsidenten das Staatsmonopol auf Samen hat und daher nur in den „Familienbetrieben“ angebaut werden darf. Die Blumen werden dann ins ganze Land verkauft. Gegen Blumensteuer, versteht sich.

In diesem Sinne einen politikfreien Sonntagabend in Europa, Euer  Stephan

4. und 5. Mai

Heute ist Dienstag, ich sitze in meiner Wohnung und habe soeben die beiden Musiker aus der Produktion geschmissen. Ich bin sehr enttäuscht und auch etwas mitgenommen, denn wenn der Rausschmiss auch das Ergebnis einiger unschöner Vorfälle war, so ist es am Ende einer so intensiven und besonderen Produktion doch sehr traurig.

Ich glaube nicht, dass ich aus Nairobi als anderer Mensch zurueckkommen werde, aber ich werde der sein, der ich in meinen angenehmsten Momenten war und bin, wenn ich mich wirklich authentisch und wohl fühle. Ich bin sehr bei mir und das hat sicher mit den Menschen zu tun, denen ich hier begegne, und mit der Aufgabe, die es hier zu bewältigen gilt. Die Menschen in den Slums versuchen zu überleben, sie wollen reich und berühmt werden, sie betrügen Dich, wenn Du nicht aufpasst, sie sind begabt oder nicht, fleissig oder träge, je nachdem, aber sie denken über die Zukunft nach und über die nächsten Möglichkeiten, sie sind mit dem Leben beschäftigt, nicht so sehr mit sich selbst. Für
mich war Uraufführung des Monologs „Der Zuschließer“, den Ronald Pohl für mich geschrieben hatte, wie eine Brücke zu mir selbst. Ich bin nach längerer Krise durch diese Theaterarbeit wieder bei mir angekommen, denn der Monolog war das Schwierigste, Persönlichste und Radikalste, was ich je gemacht habe. Mit so einem komplizierten und komplexen Text mitten unter die Leute zu gehen, von Tisch zu Tisch, ohne Bühnenkante, ohne Distanz, mich mit nacktem Oberkörper und langer Unterhose in aller Erbärmlichkeit preiszugeben und über mich zu reden wie beim Psychiater und das alles noch dazu in Wien, in diesem Teufelskessel, wo meine berufliche Krise ihren Ausgangspunkt nahm, das hat mich stark und mir meine Stärke wieder bewusst gemacht. Mit dieser Kraft bin ich hierher nach Nairobi gekommen. Die Arbeit in Slums kann keine Krise bewältigen, aber sie schützt vor einer nächsten. Das, was mich in meinem Theaterleben unglücklich gemacht hat, ist hier, im Angesicht des Lebens, vollkommen unwichtig geworden. Es geht darum, das, was man tun will, wirklich zu tun, weil man es tun will. Ohne ängstliche Seitenblicke, ohne Abhängigkeiten von Feedback und betrügerischem Wohlwollen. Es geht dabei gar nicht um das permanente Optimum, das gibt es nicht und das geht auch nicht. Aber um den Versuch, es zu erreichen.

Heute nach der Probe war ich in der Kirchenzentrale, um das geistliche Oberhaupt von Kariobangi, Father Paulino, zu begrüßen. Ich hatte ihn während der Ostermessen als sehr engagierten und beeindruckenden Priester und Prediger erlebt, der mich, obwohl ich Swahili nicht verstehe, erreichen konnte. Die Audienz war nur kurz, da er zurzeit sehr viele Gesprächs- und Interviewtermine hat, um gegen die Morde an jungen Mädchen vorzugehen und die Gesellschaft aufzurütteln. Jede Woche wird mindestens ein Kind unter vierzehn Jahren als vermisst gemeldet, oft wird die verstümmelte Leiche wenige Tage später irgendwo im Müll oder an den üppig bewachsenen Flussufern gefunden. Am letzten Freitag wurde wieder ein Mädchentorso entdeckt. Father Paulino wiederholt immer wieder dasselbe: wenn ihr euren Bezirk untergehen lasst, werdet ihr mit ihm untergehen. Polizei kommt nicht in diese Viertel, die Menschen müssen anfangen, sich zu wehren und sich selbst um ihre eigene Sicherheit zu kümmern, sonst wird das Leben hier unerträglich. „Wir leben in einer vollkommenen Gesetzlosigkeit, der Staat hat die Slums von Nairobi aufgegeben, das dürfen wir nicht ungehindert zulassen.“

Vor ein paar Monaten wurde Pastor Idaki in seinem Kirchenbezirk ausgeraubt. Er war zu Fuß unterwegs gewesen um Sr. Lydia für den Schulbau Geld zu bringen. Er telefonierte gerade mit ihr, um zu sagen, dass er sich verspäte aber jetzt auf dem Weg sei, als er eine Pistole im Rücken spürte und, während er seine Hände langsam hoch hob, eine zweite auf seine Stirne gerichtet sah. Am helllichten Tag, auf dem Weg durch Korogocho, den auch ich nehme wenn ich zu den Schulen New Hope und St. John Bosco gehe. Die zwei Männer nahmen ihm seelenruhig Handy und Brieftasche ab und gingen weiter. Am letzten Sonntag, also vorgestern, hat der Boss dieser Bande, die in Karindundu zuhause ist, den Boss der Munkikis, die in Korogocho leben und diesen Bezirk gegen Schutzgeld ruhig und friedlich zu halten versprechen, auf offener Straße hingerichtet. Die Angst ist groß, dass daraus ein Bandenkrieg entstehen könnte, der alle Bemühungen um Korogocho mit einem Schlag zunichte machen würde.

Ich gehe nach Hause. Während meiner Proben vergesse ich oft vollkommen, wo ich hier eigentlich lebe. Heute bin ich das erste Mal alleine zum Jugendzentrum gegangen, ich kenne den Weg, ich kenne die Leute, die Kinder grüßen mich freundlich. Aber ich kann jederzeit aufgehalten, bestohlen oder niedergestochen werden. Nicht, dass ich Angst habe, aber die letzten Geschehnisse haben mir wieder vor Augen geführt, dass Nairobi nicht umsonst zu den gefährlichsten Städten der Welt zählt. Ich stelle mir europäische Priester vor und vergleiche sie mit Father Paulino oder Pastor Idaki. Hätte sie auch den Mut, ihr Leben aufs Spiel zu setzten für junge Mädchen oder Straßenkinder? Würden sie sich gegen die Offiziellen stellen, wenn es um Menschlichkeit und Gerechtigkeit geht? „Genau so wie die Verbrecherclans versuchen, neue Mitglieder zu bekommen, müssen auch wir versuchen, mehr Menschen vom Verbrechen fernzuhalten,“ hatte mir Jane heute Morgen gesagt. „Was ich dafür tun kann, will ich tun,“ habe ich geantwortet.

Gestern war ein Neffe von Obama auf der Probe, ein Mann um die 30, stockbesoffen und arbeitslos. Mich wunderts, dass das noch kein europäischer Kulturgeist mitbekommen hat, der Name Obama würde sich sicher gut machen auf einem Werbe – Zettel...

Zum Abschluss dieser Aufzeichnungen noch zwei Medienberichte:

1.) Zehn Frauengruppen wollen mit Beischlafentzug die Regierung unter Druck setzen.

Sogar Ida Odinga hat sich jetzt dem einwöchigen Sexstreik angeschlossen, der an diesem Dienstag in Kenia enden soll. Die Frau des Premierministers Odinga sagte dem britischen Sender BBC, auch sie verlange von ihrem Mann und dem Präsidenten Kibaki, dass sie aufhören sollten „darüber nachzudenken, wer der Chef von diesem oder jenem werden sollte“. Kibaki und Odinga bilden eine große Koalition, die nach allgemeiner Einschätzung bisher nichts Wesentliches geleistet hat. Sie war auf Vermittlung des früheren UN-Generalsekretärs Kofi Annan nach der gewalttätig verlaufenen Wahl Ende 2007 gebildet worden.

Vor einer Woche riefen zehn kenianische Frauengruppen einen einwöchigen Sexstreik aus. Sie erhofften sich, mehr Druck ausüben zu können auf die große Koalition, damit sie endlich die versprochenen Reformen auf den Weg bringen. Dabei geht es neben einer neuen Verfassung um die Neuberufung einer Wahlkommission und ein plausibles Wählerregister. Bei der Wahl 2007 standen hunderttausende Tote auf den Wahllisten. Wahlbetrug war so weit verbreitet gewesen, dass eine Kommission unter dem südafrikanischen Richter Christiaan Kriegler feststellte, es sei objektiv unmöglich, herauszufinden, wer die Wahl gewonnen habe.

Ob der Boykott massenhaft befolgt worden ist, lässt sich nicht feststellen. Doch die Frauengruppen haben vorsorglich Prostituierte dafür bezahlt, dass sie nicht arbeiten. Die überwiegend männlichen Kommentare in der kenianischen Presse waren so gehässig, dass zumindest nicht auszuschließen ist, dass viele dem Aufruf gefolgt sind – mit Ausnahme der muslimischen Frauen. Die muslimische Politikerin Amina Abdallah aus Mombasa hatte darauf hingewiesen, dass ein Sexboykott gegen die islamischen Gesetze verstoße und die Frauen zudem riskierten, „verflucht zu werden“. Ein Kommentator schrieb in der Tageszeitung „The Daily Nation“ erbost: „Die Aktivistinnen sollten mal besser in den Spiegel gucken und sich fragen, ob überhaupt jemand mit ihnen das Schlafzimmer teilen möchte.“ So unmittelbar erfolgreich wie die Frauen eines türkischen Dorfes, die 2008 mit einem Sexstreik den Bau einer Wasserleitung erzwingen wollten, können die Kenianerinnen angesichts ihres komplexen Anliegens aber kaum gewesen sein.“

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 05.05.2009)

2.) Luxusyacht verzockt!

„Bei einem Pokerspiel in Barcelona soll Abramowitsch eine Luxus-Yacht im Wert von 500.000 US-Dollar (umgerechnet 380.000 Euro) verzockt haben. Dies berichten mehrere Medien unter Berufung auf die russische Zeitung "Moskowski Komsomlets".

Eine solche Summe dürfte für einen Öl-Mogul keine große Sache sein, auch wenn Abramowitsch im Zuge der Finanzkrise schon einige Milliarden verloren hat: So soll sein Vermögen laut Medienberichten von 13 Milliarden Euro auf acht Milliarden geschrumpft sein.

Dass der Ölmagnat als Besitzer des Stahlkonzerns "Evraz" um seine finanzielle Existenz bangen muss, ist dennoch kaum zu befürchten. Und auch falls ihn die Spielleidenschaft wieder packen sollte, wäre er für eine erneute Niederlage gerüstet: Er besitzt unter anderem diverse millionenschwere Gemälde, einen Airbus und zwei U-Boote.“

Beste Grüße aus dem Irrsinn, Stephan

6. Mai

Heute war ein großartiger Tag!

Die Entscheidung, die beiden Musiker rauszuwerfen, war definitiv richtig. Die Stimmung auf der Probe war intensiv, locker und kreativ und wir haben den 2. Akt durchgearbeitet und dann durchlaufen lassen. Musiker waren gar nicht notwendig, ein paar neue Ideen und Situationen für die Kinder der Schule New Life waren das Ergebnis stressfreier und angenehmer Probenatmosphäre. Als die Kinder gegangen waren, gab es Lunch, danach haben wir alle Romeo und Julia – Szenen nochmals genau durchgearbeitet. Pastor Idaki ist in seinem Monolog sicher und souverän geworden und nach einem ohrenbetäubenden Regenguss haben wir die Probe gegen 18 Uhr beendet.

Ich bin danach noch mit Patrick und Philip (meinem Romeo) nach Hause gegangen zum Kaffeetrinken und Philip hat bestätigt, dass die beiden Musiker unwillig und schlecht waren und dass es für die Produktion besser gewesen sei, sie zu entlassen. Jane hat mir am Nachmittag einen Tänzer vorgestellt, der sehr viele Kontakte zu Musikern hat und er wird mir für morgen früh einen neuen Perkussionsspieler organisieren.

Morgen, Donnerstag, treffe ich Herrn Hossfeld, den Leiter des Goethe – Instituts, am Freitag ist Generalprobe, am Abend gehe ich im Institut Francaise in ein Konzert mit Carter Kawuti, meinem zukünftigen Bühnenpartner, am Samstag ist Premiere, Party und das wars dann. Am Sonntag sitze ich im ICE von München nach Stuttgart. Als ich mit fünf meiner Jungs vom Theater zur Wohnung gegangen bin, eine Wanderung, die ich gerne mal filmen möchte, hat ein vorbeigehender Jugendlicher im Fußballerdress gesagt, „ah, Ihr habt Euren eigenen Europäer dabei.“ Das Leben hier ist, ich kann es nicht oft genug betonen, einfach umwerfend. Gestern war die Straße noch der Ort einer Tötung, heute von Späßen und Shakespearecowboys. Es ist etwas Faszinierendes, dass die meisten Menschen hier, wenn es irgendwie möglich ist, ihre gute Laune behalten. Wenn ich da an die verkrampften griesgrämigen Deutschen denke, bekomme ich Angst vor der Heimreise. Wenn ich an ein kühles Bier in einem schattigen Gastgarten denke dann freue ich mich auf die Heimreise. Es ist, wie immer, alles eine Frage des Blicks.

Auf alle Fälle habe ich das Gefühl, dass alles richtig war, was hier passiert ist und dass der Probentag heute genau die Atmosphäre gebracht hat, die wir in drei Tagen erzählen wollen. Ich hoffe, dass mir in den letzten beiden Probentagen noch die letzten Szenen gelingen und dass wir die Geschichte so intensiv und eindrücklich erzählen können, dass nicht nur wir nach mehreren Probenwochen verstehen, was gemeint ist, sondern auch das Publikum.

Für heute grüße ich jedenfalls voller Zuversicht, Euer Halbafrikaner

7. Mai

Heute war also meine letzte Probe. Morgen ist Generalprobe, übermorgen Premiere, dann Abflug. Der neue Musiker kam auch nicht, ich finde mich mittlerweile damit ab, keinen Musiker zu haben. Das Leben hier ist hart, jeder schaut zuerst aufs Geld, hatte mir Patrick, der mich in der Früh gefragt hatte, ob ich ihm ein Haus kaufen würde, erklärt. Nett sein ist hier, in den Slums, nicht angesagt, das verstehe ich. Aber dass Leute auf einen Job verzichten, der ihnen Geld bringt, das verstehe ich nicht. Später kamen doch zwei Musiker, dem einen ist es zuwenig Geld, der andere will morgen kommen. Ich habe ihm gesagt: „Ich bin um neun auf der Probe. Wenn Du nicht da bist, dann ist die Sache erledigt.“ Ein wesentlicher Teil von Entwicklungsarbeit ist, dass die Menschen lernen, sich selber ernst zu nehmen. Das hatte Mia Couto in einem Symposium gesagt, er ist Biologe und Autor aus Mosambik, wir hatten zusammen Schillers Räuber erarbeitet. Ich mache für meine Truppe hier, was ich kann, aber ich mache keine Geschenke. Ich bin Partner, kein Weihnachtsmann.

Die Probe verlief sehr gut. Die Arbeit mit den Kindern bringt immer mehr Freude, meine Idee, ein Stück von und mit Slumkindern auf die Bühne zu bringen, wächst. Dieses Kinderprojekt wäre in dieser kurzen Zeit nicht möglich gewesen, erst jetzt beginne ich die Struktur zu verstehen und die Psyche der Kinder, aber das nächste Mal, mit genauer Vorbereitung könnte das klappen. Kein Kitsch von armen Kindern, sondern Geschichten in einer Bühnensprache, die den Zeichnungen entspricht, die ich zu Beginn gesehen hatte. Mit der Deutlichkeit von Kindern und ihren Chiffren.

Wir konnten den ganzen ersten Akt durchspielen, der Wechsel von geschriebenen Szenen und improvisierten Szenen, die Abfolge von Dialogszenen und Chören, die Idee der jeweiligen Szene, der Rhythmus der Szenenwechsel, alles klappte sehr gut. Ich bin über ein paar Lehrer sehr überrascht, sie haben sich toll entwickelt. Natürlich weiß ich nicht, wie die Aufführung am Samstag ankommen wird, ich kenne die Sehgewohnheiten hier nicht, das wird ein letztes aufregendes Erlebnis. Aber ich bin mit der Arbeit zufrieden, ob es künstlerisch besonders wertvoll ist, kann ich nicht sagen, dazu fehlt mir der Abstand, aber es kommt aus dieser Welt hier, es ist eine direkte Umsetzung der Welt wie ich sie hier täglich erlebt habe, die Erzählweise ist sehr pur, sehr sachlich, das gefällt mir. Die Kostüme sind auch wie hier von der Straße, besser gesagt, sie sind hier von der Straße. Ich habe lediglich eine Farbdramaturgie verwendet, Capulets blau, grau, grün, Montagues braun, rot, orange. Die Kinder bunt, so wie sie in die Schule gehen. Ich wollte das Leben einfangen vom Platz nebenan, keine Überfrachtung, keine Verfremdung, keine verlogene Afrikapoesie, sondern eine nüchterne und sachliche Erzählweise. Ein paar Kinder haben kleine Solorollen, die wirklich sehr berühren. Während der Generalprobe werde ich Fotos machen und von der Premiere ein Video. Wie sich das gehört.

Nach der Probe hatte ich meinen Termin im Goetheinstitut und habe ein anderes Nairobi kennengelernt. Gespräch und Atmosphäre war sehr inspirierend und engagiert, wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Eine Volontärin war auch dabei, sie ist für Theater zuständig und hat mir ein bisschen über das Metier hier erzählt. Es deckt sich mit den Berichten Carters, es ist konventionell und kommerziell, kaum sehenswert. Unterhaltung im unattraktiven Sinne.

Wir haben uns über meine Arbeit grundsätzlich und speziell in den Slums sowie über die Arbeit des Goetheinstituts hier in Nairobi ausgetauscht. Auch über das Slum – TV haben wir geredet, das vom Institut mitproduziert wird, eine kraftvolle, authentische und hier geborene Auseinandersetzung mit dem Slumleben. Für den Export wird es leider zunehmend verkitscht, darüber ist auch das Goetheinstitut nicht unbedingt glücklich, aber so ist der Markt. Afrika ist ein gefährlicher Kontinent, sagte ich, nicht nur was die Tiere und Verbrecher und Malarie betrifft, sondern auch die künstlerische Beschäftigung, man kann ganz schnell in die Kitschfalle tappen. Wir bemühen uns, sagte Johannes Hossfeld, genau dieses Klischee nicht zu bedienen, sondern die Künstler zu suchen, die etwas zu sagen haben, was persönlich und gehaltvoll ist. Die Poesie der Armut ist nicht das Thema. Auch da waren wir uns einig. Zum Schluss sind wir in den Veranstaltungsraum gegangen, ein ruhiger weißer Kunstraum, der jede künstlerische Lüge rücksichtslos aufdecken würde, die Installation umarmt den Besucher und hält ihn fest, sanft, aber mit Nachdruck, nichts Großes passiert da, aber was geschieht, ist präzise komponiert. Eine Galerie für Performance im guten Sinne. „Ich weiß nicht,“ sagte ich, „wie meine Arbeit hier weitergeht, aber wenn ich das Gefühl habe, dass ich tiefer in die künstlerische Auseinandersetzung einsteigen und ein Konzept entwickeln kann, das mehr Projekt als Streatworking ist, dann freue ich mich auf eine Zusammenarbeit.“ Mehr kann ich noch nicht sagen, ich will nicht in dieselbe Falle tappen die ich kritisiere. Wir sind uns jedenfalls sehr sympathisch und bleiben in Kontakt.

Auf dem Rückweg bin ich noch ein letztes Mal Matatu gefahren und als hätte das der Fahrer gewusst, wollte er mir alles zeigen, was man erlebt haben muss: Überholmanöver im Gegenverkehr, rasante Fahrt auf der ganz rechten Spur, also wie in Europa – ich erinnere: wir haben hier Linksverkehr, und Shortcuts durch Schlammwege mit seeartigen Lachen, hindurch durch Wege, die so schmal sind, dass man aus dem Busfenster die Würstel vom Grill holen könnte, und das alles mit der Hand auf der Hupe und zu hohem Tempo. Die Menschen springen für jeden daherbrausenden Bus auf die Seite, denn sie sind gewohnt, dass hier niemand bremst, sich niemand an Verkehrsregeln hält und jedes öffentliche Verkehrsmittel eigentlich gerade einen inszenierten Stunt für den nächsten James Bond Film durchführt, nur dass wieder einmal vergessen wurde, die Kameras aufzubauen. Irgendein Projekt mit den Matatus muss ich beim nächsten Mal unbedingt entwickeln.

Zuhause habe ich mir ein Stück Fleisch gebraten, die Nudeln von gestern dazu und die Flasche Rotwein geöffnet, die ich zur Begrüßung bekommen und bis heute nicht angerührt hatte. Es ist mein letzter ruhiger Abend in meiner Wohnung in Nairobi, morgen wird gepackt und übermorgen fliege ich zurück nach Deutschland. Diese Intensivreise wird sicher nachwirken und es werden einige Gedanken hochkommen, die ich noch gar nicht kenne. Auf alle Fälle hat mich mein Aufenthalt hier mächtig bewegt und ich weiß, dass ich hier noch viel sehen, erleben und verarbeiten werde. Nairobi ist ein bisschen wie der Wilde Westen von Sergio Leone und es passt, dass diese Stadt aus einem Camp während des Eisenbahnbaus zwischen Mombasa und dem Victoriasee entstanden ist.

Nach einem Glas Rotwein habe ich genug und sage kwa heri, Euer Stephan

8. Mai

Ich sitze in meiner Wohnung
Ham and Eggs
Rotwein
Vor dem Fenster arbeitet die DDR
Im Treppenhaus ist Ruhe
Zwei Moskitos sind tot das dritte lebt noch
Mein Gecko
Hat heute Morgen zwei Ameisen verspeist
Vollmond
Ich freue mich auf meine lieben Zuhausegebliebenen
Und kann es doch nicht fassen, morgen abzureisen.
Melde mich wieder aus der BRD.

Wir hatten heute eine typische Generalprobe, am Anfang klappte gar nichts, mit der Zeit wurde es besser, am Schluss war es ziemlich gut. Das Erfreuliche war, dass die Akteure selbst bemerkt hatten, dass der Abend durchhängt und dass sie die Geschichte aus eigener Kraft hochgezogen haben. Das ist ein großer Schritt nach vorne. Ich freu mich auf die Premiere morgen. Dieser Theaterabend ist nicht das Ziel, das ist klar, es ist die Mischung aus ein paar skizzenähnlichen Szenen und theaterpädagogischen Übungen, schließlich habe ich es hier mit vollkommenen Theaterlaien zu tun, mit Leuten, die englische Texte mit dem Wörterbuch übersetzen mussten, bevor sie ihre Sätze lernen konnten, aber ich bin stolz auf meine Bühnenleute, sie haben alle große Schritte gemacht. Jetzt kommt es darauf an, was ich in den nächsten Monaten in Europa erreiche und was während meiner Abwesenheit mit dem Projekt weiter passiert. Im Idealfall, den ich mir natürlich erhoffe, habe ich im Januar ein tolles Ensemble, um das zu erarbeiten, was ich mir ursprünglich vorgestellt hatte, eine Performance aus Video, Texten und Szenen.

Nach der Generalprobe schmausten wir erstmal einen ausgiebigen Lunch mit Ugali, Vegetables und Mandasi, danach habe ich noch ein paar Szenen geprobt und um 16 Uhr wurde ich von meinen lieben Schwestern zu Kuchen und Kaffee gebeten. Sie und ihre Mitarbeiterinnen haben alle nicht nur tolle Arbeit geleistet, sie haben mir eine kleine Seelenoase eingerichtet, ohne mich jemals zu binden oder zu organisieren. Für einen freigeistigen Eigenbrötler ist das ein Geschenk, das ich nicht genug würdigen kann. Originellerweise ist gerade die Kunstszene, in der man liberale Menschen erwarten würde, oft viel engstirniger als die strenge Form Lebensformen mit klaren Strukturen und Prinzipien. Meine lieben Schwestern jedenfalls sind unglaublich offen und interessiert. Ich hatte sehr viele anregende, interessierte und niveauvolle Gespräche mit Priestern, Straßenkindern, Lehrern, dem Leiter des Goetheinstituts, Ordensschwestern, Ärzten, Sozialarbeitern, ich hatte einen Toten gesehen, Kinder die sofort zusammenzucken weil sie die fremde Hand nur von Schlägen kennen, Klebstoffschnüffler, Erledigte, Getriebene, Engagierte, ich habe eine Stadt kennen gelernt, die alles fordert und ich habe geschrieben, geprobt und unterrichtet, ich habe mich nie am falschen Platz gefühlt, ich war nie unsicher, nie unter Druck. Das Theater, vor allem in Deutschland, hat etwas wahnsinnig Verzweifeltes, es will unglaublich modern sein und lebt doch in ständiger Angst, nicht dem Mainstream zu entsprechen. Hier, in den Slums von Nairobi, interessiert das keinen.

Nachdem ich mit Geschenken und berührenden Worten überhäuft wurde, sind Patrick, John, Maryanne und ich zum Konzert ins Institut Francaise gefahren. Ich durfte eine unglaublich schöne, stimmige, berührende Bühnenshow erleben, Carter war einer der drei Choristen, die Leadsängerin – eine Mischung aus Miriam Makeba, Ina Deter und Giana Nannini – eine Wucht, die Musiker hervorragend. Die Vorgruppen und die Soloeinlage einer exkenianischen Amerikanerin hatten noch gezeigt, wie schnell alles Ramsch sein kann, aber der eigentliche Abend war so feinfühlig, dass selbst der Vollmond länger geblieben war als gewöhnlich. Die Sängerin hatte während eines Liedes über ihre Kindheit ihre Mutter und ihre Oma auf die Bühne geholt, die Oma, eine traditionelle Medizinfrau, hat gesungen dass einem sofort die Tränen in die Augen schossen und als die alte Frau später noch mit den jungen Männern aus dem Publikum getanzt und ihre Enkelin auf der Bühne über den Text „meine Oma stiehlt mir mal wieder die Show“ improvisiert hat, war es um mich geschehen. In Nairobi, einer Viermillionenstadt mit dem gesellschaftlichen Gefälle von UNO – City und Verbrecherstadt wie aus dem Kino, Hauptstadt eines Landes, das sich mit Korruption, Überbevölkerung, Naturzerstörung und Islamisierung rasant selbst aushebelt, in einem kleinen Garten zwischen Müllhalden, Gesetzlosigkeit, Hochhäusern und Moskitos tanzt und singt eine alte Medizinfrau mit jungen Herrn im Anzug und es ist echt, ehrlich, wunderschön! Dass ich, der schon so viele unerträglichen Weltmusik-Konzerte gehört hat und Afrika für das liebt, was nicht exportiert wird, an meinem letzten Abend noch so ein schönes Konzert erleben darf ist wirklich ein großes Glück. Dass meine drei Begleiter um 22 Uhr sehr nervös wurden, wie wir jetzt nach Hause fahren würden, hat mich zwar wieder auf den Boden der Tatsachen geholt, aber ich fand die Fahrt mit einem Freund Carters um 1000 KS (das sind zehn Euro) sehr romantisch. Ich hatte zum zweiten Mal in diesen sechs Wochen mein Pfefferspray dabei und war trotzdem froh, dass keine Straßensperren aufgebaut waren, denn dann nützt einem das Spray auch nichts, im Gegenteil, die zweite Reihe der Gangster ist nur böse darüber, dass sich die erste Reihe am Boden windet. Aber es ist Wochenende, da ist um diese Zeit doch noch genügend los.

Ich bin also gut nach Hause gekommen und sitze, beglückt und abflugbereit in meiner Wohnung. Morgen ist meine Keniareise vorbei, aber keineswegs abgeschlossen.

Beste Grüße einstweilen, Stephan

10. April

Ich sitze am Flughafen von Nairobi, es ist 0.45 Uhr, 10. Mai, Muttertag. Mein Flieger geht um 4.30 Uhr. Der Fahrer, der mich hergefahren hatte, ist nach Mitternacht nicht mehr versichert, daher mussten wir bereits um 22 Uhr los. Das Viertel, in dem ich gewohnt hatte, befindet sich auf der Schwarzen Liste, zu gefährlich. Um kurz vor 23 Uhr wurde ich am Flughafen ausgeladen, im CafĂ© von Terminal 1 trinke ich einen Kaffee, dann schiebe ich mein Gepäck durch den Röntgenapparat von Terminal 2 und habe nichts mehr zu tun außer zu warten. Außer mir gibt es noch sechs weitere Leidensgenossen in der Halle, ein junges chinesisches Pärchen, ein älteres amerikanisches Paar und zwei Herren, beide dunkelhäutig, sonst haben sie keine Ähnlichkeit und nichts miteinander zu tun. Das Putzpersonal putzt, ich habe Erinnerungen an meine Beschäftigungszeit als Arbeiter in einer Farbenfabrik. Ich musste, um pünktlich im Betrieb zu sein, um 5 Uhr morgens aufstehen, die Arbeit war sehr anstrengend, die Dämpfe giftig. Wochenlang nahm ich alles nur sehr verschwommen wahr, meine Welt ein Film aus einem Fernseher irgendwo in den Bergen mit schlechtem Empfang: der Ton dumpf und weit weg, das Bild inhaltslos und unscharf, die Zeit verlangsamt und ohne Bedeutung. Zwar schiebt sich der Minutenzeiger brav Stück für Stück vorwärts, aber der Stundenzeiger springt nach jeder Runde wieder zum Anfang.
Das Flughafenpersonal in blauen Arbeitskitteln wischt die menschenleere Halle, eine Installation mit der Ästhetik von Vorräumen provinzieller Veranstaltungshallen: roter PVC-Boden, hellbraune Furnierhölzer, gelbe ungewaschene Decke, Aluminiumgeländer und kaputte Geräte. Bodenkehren in die eine Richtung, Fenster putzen in die andere, Holzverkleidung wischen in die eine, Maschine aus der Stummfilmzeit schieben in die andere. Wie auf ein geheimes Zeichen gehen regelmäßig eine oder mehrere Personen nach draußen, um vor der Türe eine Zigarette zu rauchen, der malerische Raucherplatz unter einer Palme ist nie leer, zu viele Menschen in blauen Overalls oder grauen Diensthemden sind hier beschäftigt, viele von ihnen rauchen. Der Platz unter der Palme wird von einer Straßenlaterne beleuchtet, mit den dunkelhäutigen verlangsamten Menschen ergibt das ein Bild, das Hopper zu malen vergessen hat.

Der Flughafen Nairobi erinnert an der Flughafen von Nizza, nur mit dem Unterschied, dass hier nicht Nizza ist. Das merkt man gleich, nachdem man die Schranke, die dem Flughafen Geld und dem Besucher Sicherheit bringt, durchfahren hat und Richtung Zentrum in die Hauptstraße einbiegt. Im Rückspiegel sieht man noch das leicht geschwungene einstöckige Gebäude, das sich scheu wie ein junges Mädchen um seine eigene architektonische Konzeption windet, ein mediterranes Gemisch aus futuristischer Sandsteinarchitektur und sachlicher Stahl – Glas – Ornamentik, von beidem jeweils nicht die glücklichsten Zutaten. Davor Palmen, Agaven, Fahnen, in gleißendem Gelb markierte Parkplätze und Zufahrtsstraßen. Noch könnte man in den Kreisverkehr einbiegen und sich zwischen Plage und Centre Ville entscheiden, aber Sekunden später befindet man sich mitten in der dampfenden Peripherie Nairobis. Keine Spur mehr von Nizza und seiner dekadenten Beschaulichkeit, hier ist jeder Straßenmeter Überlebenstraining und Kampf. Schlaglöcher, Gräben, rasende PKW, Polizeisperren mit Maschinengewehren, Menschengruppen, Betrunkene, Radfahrer, riesige LKW, alles und jeder will Erster sein, Regeln gibt es nicht, jeder stellt seine eigenen auf, verwirft sie, korrigiert sie, je nachdem, ein undurchschaubares Spiel, von allem zuviel. Die Zufahrtsstraße quillt über, rechts und links Blechhütten, Garagen, kleine Bars, einstöckige Tanzschuppen, alles gleichzeitig: Autobahn, Innenstadt, Kampfplatz, Flaniermeile, Nuttenstrich, Gangstertreff und Ecke für zufällige Begegnungen. Diese großen Straßen Nairobis sehen immer so aus als würde es regnen, diffuses, verschwommenes gelbes Licht. Es gibt keine klare Sicht, alles befindet sich in einer riesigen Staubwolke, die wie alles hier immer neu aufgemischt und in Bewegung gehalten wird. Dieses Bild einer expressionistischen, Gestank und Dampf speienden Straße, war mein erster Eindruck von Nairobi und auch mein letzter. Jetzt sitze ich im Flughafengebäude im Terminal 2, bin müde, leer, betrachte das Zeitlupenballett des Putztrupps und warte.

Die Premiere war ein großes Ereignis und ein toller Erfolg. Man wird es für einen blöden Witz halten, wenn ich berichte, dass Tybalt eine Stunde vor Vorstellungsbeginn verhaftet wurde, aber es ist die Wahrheit. Und wenn ihn nicht zufällig eine Lehrerin, die zu uns unterwegs war, gesehen hätte, wäre er für uns spurlos verschwunden und die Vorstellung im Eimer gewesen. So aber konnte er frei gekauft werden und kam buchstäblich in letzter Minute zur Vorstellung. Die Kinder, die Jugendlichen, die Lehrer, sie spielten alle um ihr Leben und das Publikum, vor allem Freunde, ein paar Schwestern und Bischof Paulino waren richtig betroffen und begeistert. Ich war so erschöpft, dass ich mich erstmal gar nicht freuen konnte, aufgrund unserer Musikerprobleme spielte ich die große Trommel, gab die Akzente und den Rhythmus, unser neuer Trommler war dadurch nicht so unter Druck und konnte Musik machen. Man kann sich als Weißer in Afrika ganz schön lächerlich machen mit einer Trommel, aber es klappte gut. Pastor Idaki, Schwester Theresa und Bischof Paulino hielten Dankesreden, die sehr nahe gingen, da sie alle das thematisierten, was ich vor sechs Wochen nicht zu hoffen gewagt hätte: dass diese Produktion ein Zeichen setze sowohl in seiner Tätigkeit, Kindern und Jugendlichen das Erlebnis Bühne zu ermöglichen, als auch in seiner Aussage, nämlich dass andere Rasse, andere Farbe, andere Idee nicht Anlass für kriegerische Auseinandersetzung sein. Friede für alle muss das Ziel sein, sagte Schwester Helena sehr deutlich und Bischof Paulino nahm sich überhaupt kein Blatt vor den Mund: hier in Kenia sind es nicht die Menschen, die den Krieg wollen, sondern die Politiker. Die Energie der Aufführung hatte sich aufs Publikum übertragen, in mir verstärkte sich das völlig selbstverständliche Gefühl, dass Theater bewegen kann, nämlich wenn es etwas zu bewegen gibt. Meine Entscheidung, die Theaterreise in Nairobi mit Romeo und Juliet zu beginnen, war die richtige gewesen. Was die Darstellerinnen und Darsteller geleistet hatten, war beeindruckend gewesen und ein deutliches Zeichen: wir wollen, wir können, wir wollen mehr.

Die Kinder strahlten und plauderten mit mir, ich hielt ihre Händchen, streichelte ihre Gesichter und es war vollkommen egal, dass ich kein Wort verstand. Wir hatten uns einfach sehr lieb. 300 Kinder, die in Löchern leben, keine Eltern haben, überall verjagt und nicht geliebt werden, sind durch die Schulen eine Gemeinschaft geworden mit dem Gefühl, etwas zu sein. Jetzt waren sie das erste Mal in ihrem Leben auf einer Bühne gestanden, hatten ihre Aufgabe perfekt gelöst und wurden gelobt, umarmt, bejubelt. Ich glaube, jeder von uns kennt das Gefühl, glücklich zu sein wenn etwas gelungen ist, wenn man erfolgreich war, beim Abi, oder auf der Bühne, im Job oder in der Beziehung, aber was es für 10-jährige, die noch nie in ihrem Leben etwas anderes waren als Abschaum, die in keine öffentliche Schule gehen können, weil sie von den Kindern weggebissen, weggetreten werden, die kein Elternhaus haben, die geschlagen und misshandelt wurden, was es für solche Kinder bedeutet, auf einer Bühne zu stehen, im Rampenlicht, mit ihren Lehrern auf der selben Ebene und für ihre Leistung gelobt und geherzt zu werden, das kann sich wahrscheinlich keiner so richtig vorstellen, ich jedenfalls nicht. Aber wie es aussieht, wenn solche Kinder glücklich sind, das habe ich gestern erlebt.

Als die Kinder dann gegangen waren, saßen wir, die Jugendlichen, die Lehrer, das Team beisammen und aßen Mandasi und tranken Soda, wie vorher die Kinder und hatten noch kurz Spaß, bevor sich die Erschöpfung und die Trauer über das Ende der gemeinsamen Arbeit wie eine graue Regenwolke über den Innenhof des Jugendzentrums legte. Um 18 Uhr waren die meisten nach intensiven Umarmungen gegangen und nur mehr die sechs Jugendlichen und Patrick und Philipp, mein großartiger Romeo, waren da. Sie saßen nebeneinander an der Bühnenkante und starrten vor sich hin, sie wussten, jetzt, da ich das Theater betreten hatte, um meine Bücher zu holen, würde ich mich verabschieden und gehen und wegfliegen und das war es dann gewesen. Ich verhielt mich sehr zuversichtlich und tröstend, sagte, es sei ja nur ein Abschied auf Zeit, umarmte sie alle sehr herzlich und innig und dachte noch gar nicht an Abschied. Auch bei den Schwestern, die sehr fröhlich waren ob des gelungenen Spektakels, sprach ich zwar vom Wegfliegen und von den nächsten Schritten während meiner Abwesenheit, aber es waren Worte, deren tiefere Bedeutung ich noch gar nicht verstanden hatte. Erst im Flugzeug von Kairo nach München, als im Fernsehen der Kinofilm Slumdog Millionär lief und ich die Kinder in den Slums sah, kamen mir die Tränen und mein Magen krampfte sich zusammen und ich begriff, dass ich nicht nächste Woche wieder in Kariobangi sein, oder mal schnell auf ein paar Tage vorbeikommen würde, sondern dass ich weg war, weit weg, zurück im satten, saftigen, ordentlichen Europa und dass der Abend zuvor das Ende einer Reise in eine andere Welt und zu mir zurück gewesen war, die jetzt, mit dem Landeanflug auf München vorbei war.

Das Flugzeug von Nairobi nach Kairo war sehr schwach belegt und ich hatte eine ganze Sitzreihe für mich alleine. Gleich nach dem Frühstück war ich eingeschlafen und erst vor dem Landeanflug auf Kairo wieder aufgewacht. Als wir über das graubraune Häusermeer der ägyptischen Hauptstadt flogen dachte ich, das menschliche Leben ist ein nicht nachvollziehbares und nicht überblickbares brodelndes Geschwür, das die Erde überzieht, eine Vereisung aus lauter kleinen, individuellen Kristallen bestehend, ein einziges, alles überwucherndes Gallert, ohne Rücksicht, ohne Plan, ohne Verständnis. Erst als ich im Coffeeshop „Made in Vienna“ auf dem Flughafen von Kairo meinen Cappuccino trank, waren aus der Gallertschicht wieder einzelne Menschen mit Gesichtern und Geschichten geworden, Menschen wie Du und ich, mit ihren Sehnsüchten, Ängsten und Hoffnungen.

Der Flughafen in München ist unverändert protzig, der ICE nach Stuttgart pünktlich, meine Erinnerung an Kenia liegt über der deutschen Landschaft. Würde man diesen großen Kontinent ernst nehmen und zum Wirtschaftspartner unter fairen Bedingungen aufbauen wollen, würde das auch in Europa sehr viele Arbeitsplätze sichern. Allerdings wäre dann die Möglichkeit der skrupellosen Ausbeutung eingeschränkt. Ich glaube, dass es vielen Menschen in unserem Kulturkreis immer noch sehr schwer fällt, Schwarze als gleichwertige Menschen, als seriöse, ernsthafte Partner zu akzeptieren, und dass immer wieder nach Argumenten gesucht wird, das Bild des faulen, ungebildeten, riechenden Halbwilden zu bestätigen. Der Stellenwert des „Negers“ in unserer Gesellschaft wird durch einen schwarzen amerikanischen Präsidenten genauso wenig Veränderung erfahren, wie der Stellenwert der Frau durch eine deutsche Kanzlerin. Das sind temporäre Einzelerscheinungen, die wieder vorbeigehen.

Wann Präsident Obama seinen ersten offiziellen Staatsbesuch in Kenia abhalten wird ist jedenfalls nicht bekannt.

PS:
-------- Original-Nachricht --------
Datum: Sat, 9 May 2009 18:25:30 +0300
Von: <stephanoyouthgroup@gmail.com>
An: stephan.bruckmeier@gmx.de
Betreff: thank for making us know that we have a future

Thank you for your great time with us, safe journey say hi to everyone in germany you are one of a kind and you made us realise that we have a fututre and we will not stop dreaming that we will make it, we will do you proud that is a promise, we would wish that you carry mandasi with you ann travel with matatu to germany we will remember you with those words Good bye and many thanks anyway
 

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