Auf der Flucht

Hunger

von Stephan Bruckmeier

Sehr geehrter Herr Innenminister,
während ich zu Ihnen spreche sitze ich in einer Flughafenhalle und warte auf meine Abschiebung.
Während Sie mir zuhören – wenn Sie mir zuhören – sitzen Sie in einer Flughafen-Lounge und warten auf Ihre Privatmaschine.

Meine Großeltern mütterlicherseits wurden in Theresienstadt ermordet, meine Mutter überlebte und wuchs unter falschem Namen im ehemaligen Jugoslawien auf. Ich bin in Belgrad zur Welt gekommen und im Bürgerkrieg mehrfach vergewaltigt worden. Aus dieser Zeit stammt mein Sohn.
Ich weiß nicht, welcher der Soldaten sein Vater ist, denn es waren zu viele, aber als ich erkannte, dass ich schwanger war wollte ich den Tragödien an meinem Leib nicht auch noch eine Abtreibung hinzufügen.
Ich habe mich als Arbeiterin in einer Kleiderfabrik durchgeschlagen und auf diese Weise mich und meinen Sohn am Leben erhalten. Mittlerweile hat er sein Studium abgeschlossen und verdient kein Geld, weil die Arbeitslosigkeit in unserem Land zu hoch ist.
Freunde haben mir gesagt, ich hätte früher abhauen sollen, jetzt sei es zu spät, weil in unserem Land kein Bürgerkrieg mehr herrscht, sondern nur Hunger. Und Hunger ist kein Fluchtgrund.
Die Kleiderfabrik hat ihren Betrieb beendet, Kleider kommen nicht mehr aus dem Balkan, sondern aus Bangladesch.
Bevor ich also das gelobte Deutschland wieder verlassen muss, um mit leeren Händen zu meinem Sohn zurückzukehren, möchte ich Ihnen eine Frage stellen:
Wissen Sie, was Hunger ist?
Ich kann es Ihnen erklären.

Beginnen Sie damit, eine Woche keine Nahrung aufzunehmen. Bei gleicher Arbeitsleistung.
Trinken Sie Wasser und betteln Sie um Zigaretten gegen den Hunger.
Nach einer Woche essen Sie Brot. Nicht zu viel, sonst krümmen Sie Sich vor Schmerzen.
Teilen Sie Sich das Brot ein.
Nach drei Tagen Brot essen Sie ein Stück harter Wurst, etwa drei Bissen. Mehr ist nicht da.
Dann essen Sie vier Tage nichts.
Am vierten Tag teilen Sie Sich eine Flasche Branntwein mit drei Kumpels.
Dann essen Sie zwei Tage nichts.
Wenn Ihnen nicht mehr allzu übel ist essen Sie eine halbe kalte Pizza.
Dazu gönnen Sie Sich – weil es bereits die dritte Woche ist, die Sie erreicht haben – eine halbe Flasche Bier. Den Magenschmerzen begegnen Sie mit mehreren Zigarettenresten, die Sie vom Boden aufklauben.
Dann essen Sie wieder drei Tage nichts.
Alles immer bei voller Arbeitsleistung.
Stellen Sie Sich vor, Sie gehen jeden Morgen zu Fuß vier Kilometer, um dann an vier von sieben Tagen keinen Tagesjob zu bekommen. Stellen Sie Sich vor, Sie gehen, nachdem Sie wieder einmal Stunden gewartet und gehofft hatten, ohne Geld und Essen nachhause zurück, in Ihre kleine Wohnung, die sie mit drei anderen Müttern und insgesamt acht Kindern teilen.
An manchen Tagen überlisten Sie die Polizei und stehlen Gemüse hinter dem Supermarkt. Daraus kochen Sie Suppe, für Sich und drei andere Mütter und insgesamt acht Kinder.
Wenn Sie den ersten Monat überlebt haben essen Sie regelmäßig drei Mahlzeiten pro Woche.
Ein halbes Jahr lang.
Nach vier Kilometer gehen wissen Sie nie, ob Sie einen Job für den Tag bekommen und wenn ja, dann welchen.
Ziegen festhalten in der Schlachthalle, Häuten, Bäume entrinden, Sand fahren für den Straßenbau, Steine brechen, Müll aufladen, Kartoffel ernten für eine deutsche Firma, Zement abladen.
Manchmal werden Sie mit einem großen LKW zu einer Blumenfarm gebracht. Im großen Zelt stehen die Rosenstöcke in vielen Reihen und blühen wie im Paradies. Für einen kurzen Moment sind Sie glücklich. Dann hängen Sie Sich die Sprühflasche auf den Rücken und gehen durch die Reihen. Sie sprühen Gift auf die Blüten, mit den Insekten sterben Ihre Träume. Nach zehn Stunden wanken Sie aus dem Zelt und übergeben Sich. Sie bekommen einen halben Liter Milch und zehn Riesen. Damit können Sie einkaufen: Bücher für Ihren Sohn, Schnaps, Suppenwürfel, Dosenfleisch, Mehl, Salz und neue Schuhe – gebraucht.
Als Sie noch in einer Kleiderfabrik arbeiten konnte hieß es, bald wird ganz Europa ein ganzes Europa sein.
Dann kam das Ende der Grenzen.
Danach das vereinigte Europa.
Und danach das Ende der Fabrik, die Sie ernährte.
Denn nicht alle Länder in Europa waren Teil von Europa.
Nach dem Krieg waren Sie bei denen, die im falschen Europa lebten.
Das ist das Schicksal.
Immer gibt es ein richtiges und ein falsches Land.
Immer gibt es ein Stück Welt auf der Welt wo es gut ist und ein Stück Welt auf der Welt wo es nicht gut ist.
Das gute Stück Welt heißt Demokratie.
Mit diesem guten Wort sind Sie auf der richtigen Seite.
Die Demokratie ist etwas Wunderbares und Sie sind berechtigterweise stolz auf Ihre Demokratie.
Aber können Sie Sich noch daran erinnern, wo und wie Ihre Demokratie entstanden ist?
Ihre Demokratie ist das Ergebnis einer Revolution des Hungers.
Die hungrigen Menschen in Paris konnten nicht mehr. Während sich ihre Herrscher Federn in den Rachen steckten wegen Überfressung hatten die Menschen außerhalb der Festung Hunger. Nichts sonst.
Als die Menschen die Bastille erstürmten hatten sie nicht Demokratie im Sinne sondern Essen.
Essen für jeden Tag.
Das war alles, woran die Menschen mit ihrem entsetzlichen Hunger dachten.
Keinen Hunger mehr haben.
Keine Magenkrämpfe mehr haben.
Keinen Husten mehr haben.
Keine Magensäure mehr kotzen.
Keine Kinder mehr begraben.
Keinen Dreck mehr fressen.
Keine reichen Adeligen mehr akzeptieren müssen mit ihren trüben Augen, die wie Quallen aus fett glänzenden Höhlen hingen und angewidert den Mob betrachteten. Weg mit Ihnen! – Das war das Ziel der hungrigen Menschen, die Ihre Demokratie verursacht haben auf die Sie jetzt so mächtig stolz sind.
Und vergessen Sie nicht, Sie haben erst ein Jahr hinter sich mit drei bis vier Mahlzeiten pro Woche, mit zwei bis drei Jobs pro Woche, mit einem hungrigen Kind an das Sie glauben. Dieses Kind, das auf der Straße aufgewachsen ist, hat folgendes gelernt:
hungern, kämpfen, hungern, kämpfen, niemanden zu bestehlen der weniger hat als man selbst.
Dieses Kind, das alles ausgehalten hat um endlich groß zu sein und seiner Mutter ein wenig das harte Leben erträglicher zu machen, hat trotz Hunger die Schule geschafft, die Universität geschafft und hat jetzt keinen Job.
Wie, glauben Sie, fühlt sich das an?
Eine alternde Mutter und ein unehelicher junger Mann mit einem Beruf aber keinem Job.
Kein Job. Kein Geld. Keine Hoffnung.
Wenn Menschen wie mein Sohn, der jetzt für Ihr besseres Verständnis Ihr Sohn ist, nachhause kommen und dabei zusehen müssen wie mal wieder nichts zum Fressen da ist, dann wollen die etwas ganz sicher nicht hören: kluge Sätze über Demokratie und die Moral der reichen Länder.
Hunger, sehr verehrter Herr Innenminister, ist kein Delikt, sondern ein unerträglicher, demütigender, schmerzhafter Zustand.
Hunger meint nicht, einmal ein Jahr nur drei bis vier Mahlzeiten pro Woche zu bekommen, Hunger meint, immer schon nicht essen können wenn man Hunger hat. Hunger heißt, Hunger nicht stillen können.
Können Sie Sich vorstellen, was der Hunger mit einem macht, wenn plötzlich einer vor Ihnen steht und Ihnen etwas verspricht? Können Sie Sich vorstellen, was geschieht, wenn einem ein Mensch regelmäßiges Essen verspricht?
Sie folgen ihm.

Manchmal hatte ich einen Job auf der Müllhalde.
Wir waren in eine Gruppe eingeteilt, die altes Brot sammelte. Das Brot war teilweise verpackt und teilweise lag es offen da. Woraus sich die Müllsuppe zusammensetzte, in der das Brot lag, war nicht zu sagen, das Brot aus den Hotels kam zusammen mit alten Flaschen, Speiseresten und Putzmitteln, das Brot aus den Krankenhäusern mit Binden, Spritzen und verschiedenen Flüssigkeiten. Wir sammelten alles Brot auf und legten es auf alte Kartonplatten zum trocknen.
In kleinen Geschäften kann man dieses Bruchbrot kaufen, für Knödel, Brotsuppe oder Brotauflauf.
Manche können sich nicht einmal dieses billige Bruchbrot von der Müllhalde leisten. Diese Menschen denken nicht an Demokratie.
Diese Menschen denken nicht an die Werte der reichen Welt.
Diese Menschen denken nicht an die Wahrheit hinter den hohen Mauern der Festung Europa.
Diese Menschen gehen eines schönen Tages einfach los.
Egal ob sie eine Waffe haben.
Egal ob sie eine Chance haben.
Egal ob se eine Zukunft haben.
Egal ob Sie aus Serbien kommen. Oder aus Syrien. Oder aus dem Sudan.
Diese Menschen hatten nie etwas gehabt.
Was, bitte, sollten Sie denn verlieren?

Sehr geehrter Herr Innenminister, bevor wir nun beide in unsere Flugzeuge steigen würde mich noch etwas interessieren: fragen Sie Sich manchmal, was das ist:
ein Mensch?

Ich will in meiner Heimat bleiben

1
Freunde kommt mal alle her
Wir wandern einfach aus
Wir reisen in ein schönes Land
Mit Wald und See, mit Berg und Strand
Hier ist doch nichts drum bitte sehr
Verschwinden wir und aus die Maus!

Woanders ist es klipp und klar
Viel besser als zuhaus
Drum wechseln wir den Kontinent
Den jeder aus der Zeitung kennt
Dort ist es gut, hier ist es schlecht
Und das ist wahr drum hab ich recht

Jetzt aber halt!
Jetzt aber Moment!
Jetzt aber mal langsam!

Gibt’s dort Palmen für mein Bett?
Sind die Nachbarn auch so nett
Wie hier? und Oma? Kommt die mit?
Ist unser Zebra wieder fit?
Was essen wir? Wer kocht den Reis
Und das Ugali? Und wer weiß
Was Kälte heißt? Und was heißt Schnee?
Und Auffanglager? Tut das weh?

Gibt es einen Fluss zum Baden?
Gibt es Karren zum Beladen?
Gibt es Märkte? Wer knöpft mir
Die Zöpfe ein? Und dürfen wir
Unser neues Haus bemalen
Können wir das Obst bezahlen?
Sind wir dort auch wirklich reich?
Ist woanders nicht nur gleich?

2
Aber was, kommt alle her
Wir wandern trotzdem aus
Wir reisen in ein schönes Land
Mit Wald und See, mit Berg und Strand
Hier ist doch nichts drum bitte sehr
Verschwinden wir und aus die Maus!

Woanders ist es klipp und klar
Viel besser als zuhaus
Drum wechseln wir den Kontinent
Den jeder aus der Zeitung kennt
Dort ist es gut, hier ist es schlecht
Und das ist wahr drum hab ich recht

Jetzt aber halt!
Jetzt aber Moment!
Jetzt aber mal langsam!

Ich will doch nur zur Schule gehen
Und weniger Soldaten sehn
Ich will, dass meine Eltern hier
Ihr Geld verdienen so wie ihr
Mit ihrer Arbeit ganz normal
Ihr habt die Chancen habt die Wahl
Wir haben keine, das ist echt
Nicht logisch und auch nicht gerecht

Wir hätten alle Fähigkeiten
Gebt uns doch die Möglichkeiten
Ohne Not will niemand hier
Sein Land verlassen, glaubt es mir
Ihr müsstet meine Heimat sehn
Dann könntet ihr mich gut verstehn
Die Not kann überall vertreiben
Ich will in meiner Heimat bleiben

3
Freunde, halt, wir bleiben hier
Wir wandern doch nicht aus
Wir kämpfen für ein faires Land
Mit Wald und See, mit Berg und Strand
Hier ist doch alles, bitte sehr
Drum bleiben wir und aus die Maus

Woanders ist es klipp und klar
Nicht besser als zuhaus
Uns fehlt nur eins und das ist schlecht
Das Recht auf unser Menschenrecht
Das gebt uns bitte, das muss sein
den Rest, den schaffen wir allein

Hope Theatre Nairobi & Refugee Hope Theatre:
politisches Theater aus Kenia, Eritrea und Deutschland

1816, dem Jahr ohne Sommer, erreichte die deutsche Auswanderung einen ersten Höhepunkt. In den darauffolgenden Jahren kann man stellenweise von wirtschaftsbedingten Massenauswanderungen sprechen, über 4,5 Millionen Menschen verließen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert den Süddeutschen Raum… Immer schon gab es Auswanderungen und Flucht, immer wieder haben sich Grenzen verändert, wurden Einwanderer oder Flüchtlinge zu Inländern. Auch der erste und zweite Weltkrieg nötigte viele Menschen zur Flucht. Auch zahlreiche Deutsche. Ohne internationale Hilfe wäre Deutschland nicht so schnell zum Wirtschaftswunder geworden. Das wissen wir, aber wir vergessen es gerne. „Auf der Flucht“ untersucht  die deutsche Flüchtlingsbeziehung von 1816 - 2016 mit Erinnerungen, Visionen und Querverweisen. Die Situationen werden verfremdet, gespiegelt oder in andere Regionen gepackt, um das Thema aus der aktuellen Tagespolitik herauszuheben und zu einem allgemeinen Problem der Not, der fehlenden internationalen Partnerschaften und des Vergessens zu machen.

Ein Großteil der nationalen und internationalen Konflikte und der Flüchtlingsbewegungen haben mit Armut und fehlenden (Über-)lebensvisionen zu tun. Die Ausbeutung der Menschen, Lebensräume und Ressourcen in vielen Teilen der Welt sind - ob wir das hören wollen oder nicht - eine der maßgeblichen Gründe für Radikalisierung, kriegerische Auseinandersetzungen und Fluchtbewegungen. „Auf der Flucht“ ist also nicht nur eine inhaltliche Reise, sondern vor allem auch ein Appell. Denn nur, wenn wir unsere Augen weiter öffnen und zur Kenntnis nehmen, dass außerhalb Deutschlands viele Menschen leben, die der unglückliche Zufall zu den Verlierern gemacht hat, wird die Welt nicht nur dann global betrachtet werden, wenn es um wirtschaftliche Vorteile geht, sondern auch dann, wenn es um menschliche Werte und Verantwortung geht.

Und wie in allen Projekten des Hope Theatre Nairobi werden Betroffene auf der Bühne stehen und das Publikum mit einbeziehen.

Es spielet das Ensemble aus Kenia und Eritrea
Künstlerische Gesamtleitung: Stephan Bruckmeier

Hope Theatre Nairobi

Das Hope Theatre Nairobi ist eine sozial-politische Theatergruppe aus Nairobi (Kenia), die 2009 vom deutsch-österreichischen Regisseur Stephan Bruckmeier mit jungen Erwachsenen aus den großen Armenvierteln der Metropole gegründet wurde. Seitdem trainiert das Ensemble eigenständig und kontinuierlich in Kariobangi, (einem der östlichen Slumbezirke in der Nähe der legendären Mülldeponie) und arbeitet immer wieder projektbezogen mit RegisseurInnen, SchauspielerInnen und StudentInnen aus Europa und Afrika. Seit 2012 reist das Ensemble jährlich nach Deutschland und präsentiert Stücke zum Thema Fairness im wirtschaftlichen und sozialen Kontext. Jedes Jahr wächst die Anfrage von Schulen, Theatern und anderen Veranstaltern, so dass die Tournee stetig vielseitiger und länger wird. Seit 2014 bietet das Hope Theatre seinerseits Workshops an und arbeitet in Waisenhäusern, Krankenhäusern und Schulen.

Gemeinsam mit Bootsflüchtlingen aus Eritrea ist in Stuttgart das Projekt „Refugee Hope Theatre“ entstanden. Erste Ergebnisse fließen in das neue Tourneeprojekt „Auf der Flucht“ mit ein, bei dem das Hope Theatre mit den Flüchtlingen gemeinsam unterwegs sein wird. Theater in all seinen Formen ist eine ideale Möglichkeit, mit Menschen aus verschiedenen Ländern, mit unterschiedlicher Lebenserfahrungen und jeglichen Alters in Dialog zu kommen und eine Atmosphäre des Vertrauens aufzubauen. In der Theaterarbeit wird sowohl das Gruppengefühl, als auch die eigene Persönlichkeit gestärkt. Die oft dramatischen Biographien fördern kaum Vertrauen in das Leben an sich und die eigene Zukunft. Bei den Mitgliedern des Hope Theatre Nairobi - die alle aus Slum-Gebieten der Millionenmetropole kommen - hat es 5 Jahre gedauert, bis sie an ihr Projekt und ihre Zukunft geglaubt haben. Durch die Aufführungen und das Feedback (vor allem auch in Europa) sind sie gewachsen, fühlen sich ernst genommen und haben Vertrauen in ihr Können und ihre Persönlichkeit (zurück) gewonnen.

Die gemeinsame Arbeit der KenianerInnen mit den Flüchtlingen aus einem anderen ostafrikanischen Land führt zu einem verbindenden, lehrreichen und politisch aufklärenden Dialog.

Link zu unseren Blogs:
Tagebuch zur Tournee 2015