F lying
Vita

Flying

Die Frau erwacht.
Das Zimmer ist still und dunkel.
Nur der helle Mond legt einen Streifen seines Lichts wie einen Seidenteppich durch das offene Fenster.
In diesem Licht steht ein Mann.
Die Frau erschreckt nicht. Sie betrachte ihn.
Der Mann wirkt freundlich.
Das Mondlicht zeichnet die Konturen des Mannes mit einem hellen feinen Streifen nach.
Mehr als die Form ist nicht zu sehen.
Er wirkt wie aus der Dunkelheit ausgeschnitten.
Er steht mit dem Gesicht zur Frau gewandt. Sein langer Mantel zittert leicht im Wind.
Er trägt keinen Hut und keine Mütze. Obwohl es doch Winter ist, denkt die Frau.
Er lächelt, als könnte er ihre Gedanken erraten.
Jedenfalls glaubt sie, dass er lächelt.
Er geht zwei Schritte auf sie zu.
Sie öffnet die Augen.
Es ist hell im Zimmer.
Da steht keiner.
Neben der Frau schläft Rudi, ihr Gatte.
An der Wand lehnt die dunkelbraune Standuhr und tickt müde und einsam vor sich hin.
Es ist halb fünf Uhr morgens.
Die Vögel singen.
Man hört das Meer. Eine Schiffssirene, Möwen.
Die Frau schließt die Augen.
Wieder ist es Nacht.
Der Mann steht im Mondlicht.
Er streckt die Hand zu ihr her.
Komm mit, sagt er.
Jedenfalls glaubt sie, dass er das sagt.
Er kommt noch einen Schritt näher.
Die blonde Frau fasst sich mit der linken Hand ans Herz. Es klopft stark.
Sie zieht ihren rechten Arm unter der Decke hervor und strecke ihre Hand dem Mann entgegen.
Hand zu Hand, denkt sie und öffnet die Augen.
Es ist hell im Zimmer.
Da steht keiner.
Sie schließt die Augen.
Ich komme, sagt sie dem Mann, der da im Mondlicht steht, die Hand nach ihr ausgestreckt, lächelnd. Ich komme.
Sie öffnet die Augen, steht auf, leise, vorsichtig, um Rudi nicht zu wecken.
Vom Flur aus sieht sie ins Kinderzimmer, das leise Atmen der Kleinen verbindet sich mit dem zarten Surren der Pumpe für das Aquarium zu einer kleinen Volksweise, die nach Flieder riecht.
Im Badezimmer putzt sie die Zähne, zieht ihr Nachthemd aus, betrachtet sich nackt im Spiegel.
Ich bin schön, denkt sie, ich werde weg gehen.
Sie schließe die Augen. Der Mann steht hinter ihr in der Dunkelheit.
Sein Atem streichelt über ihren Kopf.
Seine Hand legt sich auf ihre Schulter, das Seidenkleid knistert unter seinen Fingern, ihr Kopf neigt sich, seine Hand und ihre Wange berühren sich, die stille Dunkelheit hüllt das Paar in weiches Wollen.
Sie öffnet die Augen. Verlässt das Badezimmer. Geht zum Kleiderschrank.
Schafwollstrumpfhose. Die Norwegische Nacht ist kalt.
Darüber weiche Jeans. Weite Wege verlangen weite Hosen.
Über die Hose einen Rock in gelb, grün, ocker. Er unterstreicht die wiegenden Hüften.
Der weinrote BH hebt die schönen Brüste.
Eine dottergelbe Bluse. Der Sommer wird kommen.
Eine dunkelblaue Samtjacke. Der Mann entkleidet gerne.
Ein dicker Pelzmantel, den Kragen hochgestellt. Was hat diese Frau wohl vor?
Der Hut schützt auf dem Lande und kleidet in der Stadt.
Die junge blonde Frau lächelt sich zu und schüttelt den Kopf.
Was ich für komische Gedanken habe!
Ich verabschiede mich nicht.
Die Kinder schlafen.
Das Aquarium atmet.
Rudi schnauft.
Sie schließt die Augen. Komm, sagt der Mann.
Ich komme, sagt sie. Öffnet die Augen.
Das kalte Morgenlicht sitzt prall in der ganzen Wohnung. Kein Platz für Träumer.
Die Frau öffnet die Haustüre.
Schließt die Augen.
Betritt eine schwarze Nacht.


 





Auszüge aus Texten:


„Gulyás“ / „Trio“
Lieder und Texte


„Das kalte Gesicht“
Theatertext


„Die blaue Tundra“
Theaterstück


„Lilli“
Ein Blumenmusical


„Flying“
Lieder und Texte