Vita
Auszug

„Das kalte Gesicht“ Theatertext. Österreichischer Bühnenverlag/Kaiser & Co.

Ein Turmzimmer, ein Fenster, später Nachmittag. Links ein Bett, rechts ein Stuhl, ein Tisch. Die schöne Frau sitzt auf dem Tisch. Die schöne Frau ist nackt. Die schöne Frau umarmt ihr Kissen vor der Brust. Das Kleid liegt ausgebreitet auf dem Bett. Die schöne Frau hat lange Haare für den hellen Zopf. Die Zeit verbringt die schöne Frau. Sie redet:

Als ich meine Eltern verbrannt hatte, verbreitete ich mich über diverse Landschaften. Paul, mein dortiger Freund, hatte keinen Daumen an der linken Hand. Er wollte alles ganz genau wissen, aber ich hatte nichts zu erzählen. Nur über die Bilder sprachen wir. Ich male Gesichter. Ich male den Baum auf sein Blatt. Schlafe ich, tagsüber meistens, liegen die Haare zur Wand. Nachts ist der Ausblick ein Mensch, der mich ansieht. Dann stellt sich der Himmel vors Fenster und spielt mit dem Hund. Was auf den Tisch kommt, ist angebrochene Zeit.

Paul habe ich kennen gelernt, als es noch Wald gab. Er ist so dagelegen, leichtfüßig, querhaft, gelb. Ich, Kind das mir verboten war, saß auf dem feuchten Moos. Schön, hoffte ich, nackt in der leeren Badewanne zu liegen, kalt. Der Mann, der Paul heißen wird, schlief. Die kleinen Hände einer Frau, die nach nichts hieß und bloß ein Mädchen war, öffneten die rostigen Hose, verdrehten seine schrumplige Schnecke zu einem Keil und verharrten. Dann steckten sie mich auf. Zwei große Augen stiegen kurz heraus aus dem gelben Gesicht und große Hände griffen die zarte Haut. Rauch trat auf. Wie Lippenstiftausrutscher kauerte Leben im Rinnsal. Ich kämmte mir Honig ins Haar.

Ich warte. Einundzwanzig, zweiundzwanzig. Zähle. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Ich denke, so kann ich nicht immer dasitzen. Aufbrechen. Warten. Zwischen mir stehen das Bett, der Stuhl, der Tisch. Meine Hände, Inseln aus Stein. Die hatten aufgeräumt, wie schnelle Fänge buntes Kinderspielzeug rauben, bevor sie sich weiten. Die Augen, Löcher in der blauen Wand. Der Mund, die Nase, ocker, weiß und dünnes Grün. Flüchtig hin gestrichen sind die morschen Wangen und das nackte Kinn. Das Ohr gefräßig, kantig und in festem Violett. Die letzten Zähne, rot.

Als ich wieder zu Paul ging, war ich schon besser vorbereitet. Ich hatte eine blassrosa Plastiktüte mitgenommen und sie in meine getupfte Unterhose gesteckt. So waren meine kleinen Hände über jeden Verdacht erhaben, öffneten flugs die Häkchen auf dem leichten Kleid und streckten sich einem Mann entgegen, der schon wach lag, denn er hatte ja das Mädchen gierig erwartet.

Da war auch das Meer. Wie ein Gecko verspielte es sich in der Bucht. Eine Sonne ging ernst ihre Hügel entlang, greise Bäurin, und stocherte Ordnung mit ihrem Stock. Ich warte. Einunddreißig, zweiunddreißig, dreiunddreißig, zähle.

Die blassrosa Plastiktüte formte Tal für Tal für Hügel das Gesicht. Da erst, als es nicht mehr so gelb war, nannte ich es das Gesicht von Paul. Ich blieb noch lange auf seinem festen Keil sitzen und betrachtete verliebt seine Landschaft. Das Sterben ist als große Fläche vorzustellen, in der die Zeit stillsteht. Alles, was sich Paul so angestrengt und aufgehoben hatte aus seiner Vergangenheit, war zu fließender Gegend beruhigt. Natürlich ist mir das Manöver nur gelungen, weil ich dem Mann, als er stöhnend mit mir umging, eine schwere Flasche derart auf seinen Schädel trümmerte, dass der komplette Fleischbrocken niedersank. Daraufhin musste ich ihm nur noch meine Plastiktüte um den Kopf herumborgen und warten. Das mit der Flasche war mein Glück. Auch, dass ihr Besitzer stark betrunken war. Mit einem Glassplitter furchte ich drei Flüsse in seine Landschaft und lauschte. Als die ersten Vögel anschlugen, lief ich davon.

Dein Zimmer, wie mein Bett gerufen wurde, war aus lauter ordentlichen Farben in ein Wohnobjekt hineingestellt, in dem ich still war. Draußen war Gras, das oft geschnitten wurde und ein Teich. Dorthin verstieß mich einer, der mein Vater heißen musste, zum Schwimmen. Abends, in der heißen Jahreszeit, betrank man sich auf weißen Stühlen, bevor mich das Gequietsche meiner engen Mutter durch die Wand nicht schlafen ließ. Meine Eltern waren lustige Leute, wie sie sagten. Doch mit dem Wohnobjekt verbrannten auch mein Bett, also auch meine ersten Zeichnungen. Das hatte ich nicht bedacht.

Dort, wo das Meer war, gab es auch einen kleinen Jungen. Er trug ein weißes Hemd und folgte mir überall hin. Einmal, im Lift, wollte er mich küssen. Doch schickte ich ihn erst die Klippen hinauf. Es war Nacht. Nur dem Mond war seine Maske aufs Kinn gerutscht. Essbesteck klimperte hinunter zur Bucht, das verstörte Klavier wollte heim und zwei helle Gardinen vergnügten sich auf dem Balkon. Das verzauberte Ufer erzählte mit näselnder Stimme Geschichten. Der Fels ist ein fremder Planet. Wie ein Möwenschwarm reizte der Junge die rissigen Wände, kam höher und höher. Er winkte zu mir in den Sand. Dann nahm ihn die See wie ein offener Fisch.

Samstags tranken meine lustigen Eltern immer ganz besonders viel. So konnte ich, als sich das Gequietsche meiner engen Mutter durch die Wand beruhigt hatte, unbemerkt und ungehindert in den nahen Wald. Einen Mann, der dort lag und den ich Paul nannte, hatte ich mit einem starken Pfahl durch den Bauch fest im Erdreich verankert. Von Samstag zu Samstag vermehrte sich das kleine Leben auf der von mir eingerichteten Landschaft.


(aus „Das kalte Gesicht“)
 

Auszüge aus Texten:


„Gulyás“ / „Trio“
Lieder und Texte


„Das kalte Gesicht“
Theatertext



„Die blaue Tundra“
Theaterstück